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KURZER PROZESS

Eingestellt von ErhardSchümmelfeder am 25.04.2010   Aufrufe: 197   Kommentare: 1
Kategorie: Texte -> Briefe

Worte eines Kritikers


Schon jetzt steht das Urteil fest: Eine Erregung öffentlichen Ärgernisses sind die Bilder des pinselschwingenden Banausen, der sich Maler nennen darf, ohne von den Ordnungshütern in Ketten gelegt zu werden, wie es sich von Rechts wegen gehörte. Nicht geistarm (das wäre verzeihbar), sondern schier geistlos ist die Themenwahl, die Widerwillen und einen üblen Geschmack verursacht, ganz zu schweigen von dem Schwindelgefühl und dem dringlichen Bedürfnis, den Kopf zu reinigen von der Kleckserei, die einem entgegenschwappt, wenn man das Euvre auch nur flüchtig überfliegt. Dass es dennoch Rezensenten gibt, die IHN in einer schwachen Stunde gedankenlos zu den führenden Künstlern unserer Zeit rechen, löst Empörung aus. ER, dessen Namen auszusprechen ich mich weigere, sei ein Meister der Lichtbewegung - hört man zuweilen. Blanker Unsinn! Die Wahrheit ist ernüchternder: Mit viel Wohlwollen könnte man IHN den Karl Napf der Hobbymalerei nennen, obwohl dies bereits ein gewagter Vergleich ist. Unverzeihbar wäre es, ihn in einem Atemzug mit dem grandiosen Ferdinand Mainzelmann-Hofköter zu erwähnen. Als schlimmte Form von Blasphemie würde ich es indessen bezeichnen, ihn auch nur gedanklich in die Nähe des ewig unerreichbaren und göttlichen Balduin von Borstelkamp-Wittgenstein rücken zu wollen. So etwas geht einfach zu weit.
Werfen wir kopfschüttelnd einen Blick auf ein x-beliebiges Gemälde aus der Sammlung. Zum Beispiel dies... Was sehen wir zuerst? Zwei hilfsbedürftige Hände eines alten Mannes stehen im Mittelpunkt des Bildes. Es sind keine Hände, die kraftvoll zupacken können, eher schmalgliedrige Hände, die der Arbeit immer ausgewichen sind, Faulpelzhände, die ihrem Schicksal nicht entrinnen konnten, denn sie sind, wie man sieht, von Gicht befallen. Das geschieht ihnen ganz recht. In der trivialen Symbolik dieses Details erkennt man, auf welches lumpenpackproletarische Niveau sich unser Möchtegernmaler eingelassen hat. Gelegentliche Aufhellungen in der Gesamtpomposition sind nicht erkennbar. Alles, alles dümpelt in einem unerträglichen Zustand der Dämmerung dahin. Wäre es nur die harmlose Beschränktheit eines Dilettanten, der scheitert, so könnte man Trost spenden, doch hier geht es um weniger: Es geht um die vollständige künstlerische Inkompetenz. Das muss einfach mal gesagt werden. Die Bezeichnung Schwachsinn für derlei farbliche Ausdünstungen wäre noch eine Aufwertung. Himmelschreiend ist die dumpfe Unkenntnis bei der Wahl eines kulturwürdigen Themas. Man fragt sich: War der Mann sturzbesoffen, als er diesen Murks auf die Leinwand schmierte? -
Zurück zum Bild: Im Widerspruch zu den Gichtklauen steht das mit einem Kasselgestell bebrillte Gesicht des Mannes. Es ist das zufriedenes Gesicht eines offensichtlich spleenigen Eigenbrötlers, der nach seiner geistigen, moralischen, kulturellen, gesellschaftlichen und finanziellen Insolvenz nicht die Ärmel hochkrempelt, um sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen - nein, er genießt mit fröhlicher Sorglosigkeit den Tag auf der Matratze. Schauen wir genauer hin, erkennen wir: Mit Hinterlist heckt der greise Narr etwas aus. Zwischen den Zähnen hat er eine Schreibfeder eingeklemmt. In seiner linken Hand hält er einen Briefbogen, während Daumen und Zeigefinger der rechten Hand eine Laus zerdrücken und geldwitternd gegeneinander reiben, nachdem gerade der letzten Satz eines Antrages an das Sozialamt beendet wurde. In den vergnügten Augen des armen Schluckers ist zu lesen, dass der Antrag auf mehr Geld trefflich und raffiniert formuliert ist. Das mag auf manche Leute rührend wirken - ich aber, als steuerzahlender Mensch, nenne dieses Verhalten schmarotzerhaft. Jawohl, schmarotzerhaft. Es geht hier nicht um die malerische und zugleich weise Armut, die wir von Diogenes in seiner Tonne kennen - nein, es ist die selbstverschuldete Armseligkeit eines Taugenichts, der es versteht, sein Drückebergerdasein auf Kosten anständiger Bürger mit den Freuden der Selbstverwirklichung zu krönen. - Der Raum, in welchem der fragwürdige Sozialhilfeempfänger sich befindet, ist ein schäbiges Zimmer, durch dessen ungeputztes Fenster ein wenig Sonnenschein die Szene beleuchtet. Man denkt sogleich an knarrende Fußbodenbretter, Ritzen, durch die es zieht, Trippeln von Mäusen in dunklen Ecken, Spinnweben und Staub, feuchtkalte Nächte mit Keuchhusten und Geruch von Hustensaft aus der Hausapotheke. Das Inventar des Zimmers - ein erkalteter Ofen, eine Matratze, ein Stiefelknecht und ein aufgespannter Regenschirm, der gewiss nicht ohne Grund unter der trostlosen Zimmerdecke hängt -, soll dem Kunstfreund die romantische Vorstellung der Armut suggerieren, was aber keinesfalls gelingt. Man möchte sich beim Betrachten immerzu kratzen und denkt mit gesträubten Nackenhaaren: Das darf nicht wahr sein! Das darf nicht wahr sein! Nach Fassung ringend greift man sich an den Kopf bei diesem peinlichen künstlerischen Schiffbruch, diesem Supergau der Geschmacklosigkeit, die sich auch noch frech anmaßt, bei der Wahl des Titels die heilige Poesie vor den nichtswürdigen Karren zu spannen. Treffenderweise hätte der Urheber sein Schundwerk Der arme Prolet nennen sollen.
Positiv erwähnen könnte man das Format des Bildes: 37,5 x 44,6 Zentimeter: wenigstens hält sich das kulturelle Übel so in überschaubaren Grenzen. Auf dem Flohmarkt hätte diese Art von kreativer Kleinkunst vielleicht sogar Aussicht auf einen halbgebildeten Käufer. Das bescheidene Format rechtfertigt einen der Bedeutung des Pinselwerkes angemessenen Preis: 37 Euro. Keinen Cent mehr!

Aus dem Buch "Mitteilung an den Nachfolger", Erzählungen

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Kommentare

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1. Eingestellt von Sandstein am 06.05.2010

Köstlich! Ich mag Ihre Schreibweise, den subtilen Humor, der Seitenhieb auf die Gesellschaft der sich zurücklehnenden Schmarotzer und die kraft, die der Text ausstrahlt! Wundervoll!