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Das Labyrinth PDF

Arne Arotnow Autor: Arne Arotnow offline   Datum: 02.01.2012 21:41 Uhr
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Kategorie: Texte -> Romane

Als Karl-Heinz Niemand seine verklebten Augen öffnete und einen scheinbar wohlüberlegten Blick auf die über ihm in glatter Fläche ragende Decke warf, befand er sich, wie es gemeinhin für Menschen seines Schlages üblich war, in seiner Wohnung, die, abgesehen von diversen ihn hier und da umringenden Geräuschen, in normaler und friedlicher Stille vor sich hinexistierte, sodass er, der sich gerade sehr darum bemühte, eine Einstellung für diesen nun auch heute wieder neu anbrechenden Tag zu finden, am allerwenigsten nur auf den Gedanken gekommen wäre, dass genau der jetzige ein neuartig besonderer werden könne. Nur allzu gut wusste er um seine Pflichten, die Tag für Tag zu erfüllen ihm nicht immer leichtfiel; er glaubte aber, ja hoffte sogar, sich an alledem schon längst gewöhnt zu haben, jedoch nicht ohne in vergangenen Zeiten typischen und alles erfassen wollenden Fragen gegenübergetreten zu sein.
   Seine Pupillen drehten sich in den Augenhöhlen mit erhöhter Frequenz im Kreise herum; zunächst recht schnell, dann etwas gemächlicher, bis sie nach einiger Zeit zum Stillstand gerieten, da er fühlte, dass seine Augen nun die nötige Schärfe besaßen, um heil und ungeschoren auch diesen Tag überstehen zu können. Um den Erfolg dieser allmorgendlichen Kreisbewegungen zu überprüfen, fasste er sich mit der rechten Hand scharf kneifend an die eigene Nase zwischen die Augen, rieb noch einmal kräftig über die Lider und reinigte auch die durcheinandergeratenen Wimpern. Mit zur Seite gerolltem Kopf und nun klarem Blick ließ er zweifellos jedem nur erdenkbaren Wunsch, wie beispielsweise der Radiowecker neben ihm möge eine frühere Zeit noch anzeigen, freien Lauf, doch die klar und deutlich, aber unbarmherzig vor sich hinflimmernden Leuchtziffern enttäuschten ihn maßlos.
   Beflügelt durch in sein Zimmer flutendes Sonnenlicht, durch in seine Ohren dringendes Vogelgezwitscher und vor allem durch die gewöhnliche Angst, nichts Wesentliches versäumen zu dürfen, versuchte er, mit sämtlichen dafür notwendigen Bemühungen seinen Platz des Ruhens schleunigst zu verlassen, damit nicht etwa zu guter Letzt noch das ihn Vernichtende auf ihn einstürmen würde. Denn in vollem Bewusstsein seiner geistigen Kräfte wusste er genau, dass sich nichts Fürchterlicheres hätte ereignen können, als plötzlich splitterfasernackt ohne Hab und Gut dazustehen – zwar durchaus mit Ehre und Anstand, aber ohne irgendeine nennenswerte Zukunft, die er wie jedermann sichern und weitgehend planen zu müssen glaubte. Weil er sich dazugehörig fühlte, gab er sich den so entscheidenden Ruck, der ihn letztendlich aus seinem Bett, das von seinem Ruhen noch erheblich zerwühlt aussah, schnellstens hinauskatapultierte; allerdings nur mit halbem Herzen, da er sich jetzt nichts Schöneres hätte vorstellen können, als noch ein paar ruhige Stunden dort zu verweilen, am liebsten schlafend und Schönes träumend. Doch das Pflichtbewusstsein hatte gesiegt, wie dies an jedem werktäglichen Morgen der Fall war, damit er eines Tages im Rückblick auf alles bis zu diesem Zeitpunkt von ihm Geleistete sich dessen stolz rühmen können würde.
   Da die erbarmungslos ins Nichts hinwegfließende Zeit seinem morgendlichen Gemütszustand weiter mächtig zusetzte, ihm wie gewöhnlich den Takt des Lebens gesichtslos, unbarmherzig und autoritär aufzuzwingen pflegte, spürte er in seinem sich nun ziemlich behäbig und missmutig dahinbewegenden Körper einen völlig normalen Widerwillen, gegen das ihn Erzeugende zu rebellieren allerdings völlig sinnlos und gefährlich gewesen wäre.
   »Es hat ja doch keinen Sinn«, dachte er wie jeden Morgen, »gleich, in ein paar Minuten schon, sitze ich eh im Büro und erledige mein Tagespensum; sicherlich haben einige Leute schon dafür gesorgt, dass ich nicht zu kurz komme.«
   In der Tat – wahrscheinlich war man schon jetzt in vorbereitender und gewissenhafter Weise dabei, den von ihm benutzten Schreibtisch mit einer reichlichen Anzahl von Akten und dergleichen in einen zumindest von oben nicht mehr erkennbaren zu verwandeln. Äußerst dankbar würde er sein können, wenn bei seiner ersehnten Ankunft im Büro noch eine kleine Ecke frei sein und sich gar so viel Platz bieten würde, um dort eine Tasse Kaffee hinzustellen, ohne erst abräumen oder noch mehr stapeln zu müssen.
   »Vielleicht schaffe ich heute die Arbeit ohne Überstunden«, dachte er, als er dabei war, den elektronischen Wecker schon für den nächsten Morgen zu stellen, da er befürchtete, es am heutigen Abend wegen Müdigkeit und allgemeiner Verwirrung zu versäumen. Es wäre einer nicht wiedergutzumachenden Katastrophe gleichgekommen, womöglich verschlafen und deswegen das Büro zu spät betreten zu müssen. Deshalb pflegte er den Wecker regelmäßig und mit Finesse zu stellen, denn zusätzlich ließ er die Zeit noch einige Minuten dem Geschehen vorauseilen, um ständig das Gefühl zu haben, ohnehin schon zu spät dran zu sein. Diese Praxis war für ihn eine allzu bewährte, denn nicht ein einziges Mal hatte er sich einen solchen verhängnisvollen Fehltritt erlaubt. Nur fünf Minuten zu spät gekommen – schon würde ein anderer an seinem Arbeitsplatz sitzen und schadenfroh das ihm unterlaufene Missgeschick genießen.
   Der in diese Zeiten hineingeborene und daher machtlose Karl-Heinz ordnete ein wenig die in seinem Bett durcheinandergeratenen Decken, getrieben vom unablässigen und kaum hörbaren Brummen des gerade neu eingestellten Weckers auf dem Nachttischchen; anschließend ging er ins Bad, um sich ordentlich zu waschen, weil ein gepflegtes Äußeres nicht nur ihm selbst relativ wichtig erschien, sondern vor allem im Büro von ihm erwartet und als Selbstverständlichkeit angesehen wurde. Nichts hätte ihm ferner gelegen, als nur eine Sekunde an einem noch so unbedeutenden Ort einen schlechten Eindruck zu hinterlassen. Deshalb warf er einen obligatorischen Blick in den Spiegel und etwas erschrocken merkte er, dass das, was er dort sah, so schnell wie möglich eine Änderung erfahren musste. Sein verschlafenes, privates Gesicht durfte auf keinen Fall öffentlich zur Schau gestellt werden; fürs Büro wäre es in keiner Weise tragbar gewesen. Deshalb bemühte er sich nun eifrig darum, sein Äußeres relativ gesellschaftsfähig zu gestalten.
   Nach Beendigung dieser Angelegenheiten, die ihm in der Regel noch weitaus mehr Vergnügen bereitet hatten als das, was noch kommen würde, konnte er mit dem Resultat einigermaßen zufrieden sein. Er warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel und fragte sich, wen er da eigentlich betrachtete, der ihn da so seltsam mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.
   »Das soll ich sein?«, feixte er ein wenig mit sich selbst, wandte sich schon nach wenigen Sekunden von der glatten und teilweise beschlagenen Fläche ab, da die Zeit ihn unnachgiebig zur Schnelligkeit mahnte und er aufgrund des Dunstes ohnehin nur ein verschleiertes Abbild von sich erblicken konnte. So begab er sich mit hastigen Schritten in sein Schlafzimmer, in dem schon alles zur morgendlichen Einkleidung Benötigte bereitlag. Wie mechanisiert, wie von Zahnrädern angetrieben streifte er sich die eher unpraktische, fürs Büro typische Kleidung über. Nur wenige ihm wie eine nutzlose Ewigkeit vorkommende Sekunden der so knapp zur Verfügung stehenden Zeit benötigte er dafür; danach eilte er in die Küche, auf deren Tisch bereits fast alles zum morgendlichen Frühstück Erforderliche akkurat ausgebreitet vor ihm lag. Er brauchte nur noch einige essbare Dinge aus dem Kühlschrank und aus einigen Schränken zu holen und auf den Tisch zu stellen, was er in Windeseile zu tun verstand, wie auch das eigentliche Speisen, mit ständigem Blick nicht etwa aufs Essbare, sondern auf seine Armbanduhr, die er der guten Übersicht wegen neben den Teller platziert hatte. Nach der raschen Beendigung des Frühstücks legte er sich die Uhr sorgfältig ums Handgelenk, sehr darauf achtend, dass sie auch gut saß und der Verschluss sicher eingerastet war.
   Karl-Heinz Niemand würde gleich, wenn nichts Ernsthaftes dazwischenkommen sollte, seine Wohnung verlassen. Er würde zur Arbeit gehen, danach in sein Heim zurückkehren, um sich von ihr zu erholen oder das Leben in all seinen vielfältigen Formen anderweitig zu genießen. Jedenfalls glaubte er fest daran, etwas anderes wäre ihm beileibe nicht in den Sinn gekommen; und hätte ihm irgendjemand etwas anderes erzählt, so hätte er nichts davon für möglich gehalten. Er griff nun – die Zeit drängte ihn dazu – beinahe wild entschlossen nach seiner auf einem Schränkchen in der Diele abgelegten Arbeitstasche, wohl wissend, was sich darin befand, und schritt mit ihr zur Wohnungstür. Da diese etwas verzogen war, musste er sie von außen mit einer gewissen Kraftanstrengung zuziehen, was ein im Treppenflur hallendes Krachen erzeugte und in ihm ein alltägliches, melancholisches Gefühl hervorrief.
   Die zweite Tür, die er etwas leiser zuschlagen hörte, war diejenige, durch welche er seinen hastenden Körper auf die Straße geschleppt hatte, sodass er jetzt von einigermaßen frischer Luft umgeben war, die er glücklicherweise bis zur Ankunft im Büro noch zur Genüge in sich aufnehmen durfte. Als er wie automatisiert den Gehweg unter seinen Füßen wahrnahm, dachte er nur wenig nach, im Stillen und im tiefsten Innern spürend, dass sich wahrscheinlich niemals irgendetwas nur ändern würde. Gerade der heutige Tag kam ihm noch typischer als sonst vor und in seinem Kopf schwirrten im Augenblick nur wenige Gedanken an seine im Büro bereits auf ihn wartende Arbeit herum. Am äußersten Rand seines Blickfeldes sah er so eben noch seinen artig in die Reihe der übrigen Namenszüge sich nahtlos einreihenden, nicht wesentlich dabei auffallenden Namen am Klingelknopf. Fest seine braune Aktentasche haltend und dennoch widerwillig schlug er unbewusst den alltäglichen Weg zum Büro ein, den er so gut kannte wie nichts anderes, der ihm vorkam wie eine unerklärliche Ewigkeit. Er nahm nun lautes und abgehacktes, mit einem ständigen Unterton versehenes Dröhnen wahr, das sich sofort nach dem Verlassen seiner Wohnung tief in seinen Ohren eingenistet hatte. Er hörte aufgrund des tosenden Verkehrsaufkommens seine eigenen Schritte nicht, wie davon betäubt durchkreuzte sein nur mit Mühe aufrecht gehaltener Körper die Straßen seiner Heimat.
   Es war noch früh am Morgen und langsam erwachte die Stadt aus ihrem Schlaf, Heerscharen von Menschen belebten die Bürgersteige. Die überwiegende Mehrheit von ihnen hatte die Absicht, ihr Ziel so schnell wie möglich und ohne Umschweife zu erreichen. Dasjenige von Karl-Heinz Niemand war unumstritten und eindeutig: Er befand sich wie die meisten anderen auf direktem Weg zu seiner Arbeit, die für ihn im Büro schon zur Genüge bereitlag, von ihm schnell, exakt und gewissenhaft erledigt werden sollte, damit sein Beitrag für die Gesellschaft ein guter sei. Gewissenhaftigkeit und unbedingte Loyalität gegenüber seinem Arbeitgeber prägten bis zum heutigen Tag seine Einstellung, gar seine gesamte Lebenseinstellung, seine Arbeitsmoral, die er hegte und pflegte wie ein kostbares Gut. Zweifel, die ihn ab und an befielen, zerstreute er mit einer ihm wohl in frühen Jahren antrainierten Selbstbeherrschung, einer Art von Disziplin, mit der er zum Zusammenhalt des Gefüges seiner Welt beitragen zu müssen glaubte.
   Von Menschenhand errichtete Werke, wie der unter ihm gegen seine Füße pressende Boden, die Fassaden der ruckartig und dennoch gleichmäßig an ihm vorbeiziehenden Häuser oder von oben im schimmernden Lichterspiel der Sonne blitzende, auf ihn herabstarrende Häuser-Silhouetten fielen in seine blinzelnden Augen, die hauptsächlich auf den vor ihm liegenden Weg gerichtet waren. Seit Jahren schon wiederholte sich Morgen für Morgen diese Prozedur, derselbe unliebsame, ihn melancholisch stimmende Gang; trotzdem aber war er sich jederzeit darüber bewusst, dass gerade dieser ein für seine Existenz unumgänglicher, für seine wohlgeplante Zukunft ein unausweichlicher war. Der geborene und deshalb existierende Karl-Heinz Niemand sollte und wollte sein Leben erhalten, ein unbewusst von ihm angenommenes Geschenk, welches das Großzügigste war, das ihm nur gemacht werden konnte. Er durfte Mensch sein.
   Als eben solcher tat er das Gewöhnliche, setzte seinen Weg fort und kam mit jedem Schritt seinem Ziel um ein kleines Stückchen näher. Gleich, in ein paar Augenblicken schon, würde er an der Bushaltestelle angelangt sein, denn er beabsichtigte, wie er dies jeden werktäglichen Morgen zu tun pflegte, den weiteren Teil seines Weges mit dem Bus zurückzulegen. Mit einigen anderen es ebenfalls eilig habenden Menschen, die er teilweise sogar vom Angesicht her zu kennen glaubte, wartete er ungeduldig und etwas hin- und herwippend an einer Ampel. Als sie umschlug, betrat er mit einer durch die drängende Zeit nötig gemachten Reaktionsschnelligkeit die Straße als Erster. Da erblickte er den in die Straße einbiegenden Bus, der nur noch so weit von ihm entfernt war, dass er trotz seiner noch immer etwas verschlafenen Augen durch deren Zusammenkneifen die über der Windschutzscheibe des Busses angebrachte Liniennummer erkennen konnte. Als er sicher war, dass es sich um seine Nummer handelte, beschleunigte er das Tempo und nur eine kurze Zeit später schon waren der Bus und er gleichauf. Karl-Heinz wusste, dass er noch eine Chance hatte, das ihm davonzubrausen drohende Gefährt zu erreichen, denn glücklicherweise sah er einen beträchtlichen Haufen Leute sich an der Haltestelle tummeln, wodurch ein sofortiges Wiederlosfahren des Busses sicherlich verhindert würde. Als einer der Letzten gerade einstieg, schaffte er noch so eben vorm Schließen der Türen durch beherztes, zusätzliches Beschleunigen seiner wie wild trabenden Beine den Sprung in den sich schon fast von ihm wegbewegenden Bus. Nachdem der verschwitzte, aber äußerst erleichterte Karl-Heinz einige Sekunden vergeblich nach einem Sitzplatz Ausschau gehalten hatte, nahm er schließlich Platz auf einem der hinteren Ränge. Er spürte das Vibrieren und Rumoren der direkt unter ihm sich drehenden Hinterachse des aus der Haltebucht ausscherenden Busses, der langsam, aber ruckartig angefahren war, weshalb er dafür Sorge zu tragen hatte, sich einen festen Halt zu verschaffen. Mit beiden Händen umschlang er verkrampft das gerundete Ende einer Sitzplatzlehne, seine Aktentasche klemmte zwischen den Beinen.
   Leider wurde ihm eine freie Sicht aus dem Fenster versperrt, da eine rechts neben ihm sitzende, wohl ältere Dame diese mit ihrem wuchtigen Körper versperrte. Sie versuchte, ihn unauffällig ein wenig zu mustern, doch bemerkte dies sein sensibles Empfinden sehr rasch, weshalb er plötzlich heftig und geräuschvoll Luft holte und sie ebenso laut wieder ausblies. Offenbar verstand die alte Dame diesen Wink, denn sie wandte ihren Kopf fast beleidigt von ihm ab und richtete ihre Augen demonstrativ auf die Straße, tat so, als interessiere sie sich lebhaft für die dort stattfindenden Ereignisse. Herr Niemand indes blickte nur noch starr und ohne jegliche Begeisterung mit gelassener, allmorgendlicher Routine auf die vor ihm sich aufreihenden Köpfe der verschiedensten Menschen, die sich in diesem Bus als Fahrgäste zusammengefunden hatten.
   Er kam nicht auf die Idee, eine Unterhaltung mit ihnen zu suchen, denn im Laufe des Tages würde er im Büro noch genügend Gelegenheit bekommen, anstrengende Kommunikation betreiben zu müssen. Nach einem harten Arbeitstag hallten gewöhnlich noch die verschiedensten Stimmen erbarmungslos in seinen Ohren, er hörte selbst um Stunden zurückliegende, banal gesprochene Sätze wie durch Tonbandwiederholung ein zweites und drittes Mal. Um sich von solchen Gedanken an seine Arbeit abzulenken, schüttelte er sich kurz, riss trotz Müdigkeit weit die Augen auf und blickte durch das weniger versperrte, aber weiter entfernte Fenster zu seiner Linken, darauf hoffend, etwas ihn Zerstreuendes auf der Straße entdecken zu können. Dies gelang ihm jedoch nicht; er dachte jetzt an seinen Dienstschluss heute Abend und die anschließende Busfahrt nach Hause, die er sich schon jetzt herbeisehnte.
   »Ach wär schon Feierabend jetzt«, dachte nun Karl-Heinz, wobei er seine Lippen in den Mund saugte und wie jemand aussah, der über etwas Unangenehmes zu grübeln gezwungen wurde. Er glaubte, dass auch diese neu anbrechende Woche wieder eine höchst stressige sein werde und er fünf nur schwer zu ertragende Tage im Büro verbringen werden müsse. Noch mehr als den heutigen wünschte er sich den Feierabend des kommenden Freitags herbei. Aber er hatte noch nicht einmal mit der Arbeit für den seit einigen Stunden erst begonnenen Montag angefangen, noch saß er im monoton dahinfahrenden Linienbus, der Schlag auf Schlag mit obligatorischer Pünktlichkeit eine Station nach der anderen abklapperte, um in einem ewigen Kreislauf Menschen ab- und aufzuladen. So füllte sich der Bus immer mehr, da man sich dem betriebsamen Kern der Stadt näherte und mehr Fahrgäste ein- als ausgestiegen waren, sodass das Fahrzeug in seinem Innern aus allen Nähten zu platzen drohte und die maximal zulässige Personenzahl bereits überschritten zu sein schien. Da sich Karl-Heinz’ vorletzte Station schon in Sichtweite befand, erhob er sich von seinem Platz in den hinteren Reihen und musste sich nun durch ein Gewühl von Menschen zwängen, häufig um Verzeihung bittend und auf die Füße anderer tretend, sehr darauf hoffend, man erkenne verständnisvoll seine banale Absicht, in Kürze den Bus verlassen zu wollen. Als jemand, der solches Geschubse und Gedränge hasste, versuchte er nur zaghaft, sich den Weg zu bahnen. Zwischen mehreren Leuten eingekeilt streckte er seine zitternde Hand einer nah an der Hintertür sich befindenden Stange entgegen, in der anderen Hand seine Aktentasche haltend, die er mit einiger Geschicklichkeit durch den Wust von Menschen hindurchkurvte, sodass er schließlich die Stange zu fassen bekam und die letzten zu fahrenden Meter an ihr warten konnte. Er blickte durch die schmale Scheibe der Hintertür auf die sich an ihm vorbeibewegenden Bürgersteigkanten und auf deren mit enormer Geschwindigkeit dahinzupreschen scheinende Fugen. Als der Fahrer das Tempo allmählich drosselte, wurde ihm bewusst, dass seine Station in wenigen Augenblicken schon erreicht sein würde.
   Der Bus hielt und er stieg aus. Wieder festen Boden unter den Füßen spürend musste er sich für einen kurzen Augenblick erst orientieren und drehte seinen Körper ein wenig hin und her, fuhr sich dabei durch die leicht verschwitzten Haare und atmete ein paarmal kräftig durch. Fast triumphierend biss er leicht die Zähne zusammen, denn er dachte erleichtert an die wieder einmal gemeisterte, vor wenigen Sekunden zu Ende gegangene Fahrt und daran, dass er glücklicherweise das Verpassen des nun zur letzten Station losfahrenden Busses hatte verhindern können, sodass er jetzt einigermaßen gemütlich die letzten paar hundert Meter zum Büro antreten konnte. Einige an der Haltestelle ein- und aussteigende Personen umströmten ihn noch, weshalb er für eine kurze Zeit am Fortsetzen seines Weges gehindert wurde und zunächst nur gemäßigten Schrittes voranzuschreiten vermochte. Noch in unmittelbarer Nähe der Haltestelle sich befindend registrierte er das um ihn herumpulsierende Treiben nur wenig.
   Er sah noch einige Leute an der Haltestelle stehen, unter anderem fünf Männer in Anzügen und Krawatten. Nur flüchtig bemerkte er die zehn Augen, die auf ihn gerichtet waren. Er nahm nur wenig Notiz von den ihm begegnenden Leuten, denn er glaubte, Wichtigeres zu tun zu haben, als sich um zufällig auf der Straße sich aufhaltende Personen kümmern zu müssen. Sein Ziel fest im Visier ließ er seine Beine laufen, sie relativ geschickt sich in seinem Weg aufbauende Hindernisse umlenken, bis er plötzlich von einem hinter ihm ertönenden, offenbar nicht ihm geltenden Hupen aus seiner Lethargie gerissen wurde. Sein ganzer Körper zuckte kurz zusammen, wie aus einem dahinfließenden Rhythmus aufgeschreckt drehte er sich in einem schnellen Reflex um und hielt nach der Richtung dieses von einem genervten Autofahrer abgegebenen Hupens Ausschau. Als er suchend auf die Fahrbahn blickte, konnte er jedoch den Verursacher nicht ausfindig machen, zumal sich auf der Straße nichts Außergewöhnliches mehr zuzutragen schien. Vielmehr bemerkte er zu seinem Erstaunen, dass einige Meter hinter ihm die fünf Männer gingen, die er beiläufig kurz nach dem Verlassen des Busses schon gesehen hatte. Sie nahmen merkwürdigerweise wie an der Schnur gezogen aufgereiht den gesamten Gehweg für sich in Anspruch und blieben mit hinter dem Rücken verschränkten Armen stehen. Ihre Schlipse wehten im morgendlichen Sommerwind und schlugen sachte gegen ihre Brüste. Er hatte das Gefühl, als würden ihre wie in einem Strahl gebündelten Blicke ihm gelten. Da er diesen kaum standhalten und sich nichts Irrationales einreden wollte, drehte er sich nach einer kurzen, ihm aber doch länger und seltsam vorgekommenen Weile wieder nach vorne um und setzte leicht verwundert seinen Weg zum Büro fort. Wahrscheinlich, so dachte er, habe dies nichts weiter zu bedeuten. Ein kleines Lächeln sogar geriet auf sein ansonsten zu dieser Tageszeit so ernstes Gesicht; er erheiterte sich an seiner eigenen Dummheit. Um seine ihm doch lächerlich vorkommenden Bedenken gänzlich zu zerstreuen, blieb er erneut stehen und drehte sich neugierig ein zweites Mal um. Die Männer jedoch waren, was er gehofft hatte, nicht verschwunden, sondern stoppten abrupt einige Meter hinter ihm; ihr Abstand zu ihm war derselbe wie zuvor. Sein Puls beschleunigte sich, er merkte plötzlich, dass es offenbar kein Zufall war, dass sich diese fünf Gestalten hinter ihm aufgebaut hatten. Es schoss ihm durch den Kopf, zu ihnen zu gehen und höflich zu fragen, ob dies ein dummer Scherz sei. Er stand den in der Überzahl sich befindenden Männern gegenüber, versuchte gezielte und beschwörende Blicke in ihre Richtung zu senden, um damit eine Beendigung ihres ihm absurd erscheinenden Treibens zu erreichen. Er versuchte, eine behauptende und selbstbewusste Pose abzugeben, in seinem Innern jedoch spürte er eine seltsam ihn ergreifende Unsicherheit, sodass die Angst vor den Fremden schließlich siegte und ihn weiterlaufen ließ. Außerdem erschien ihm dieses merkwürdige, offenbar ihm geltende Handeln als nicht gesetzwidrig. Eine ängstliche Neugier trieb ihn immer wieder dazu, seinen Kopf während des Laufens umzudrehen, wobei er jedes Mal um einiges nervöser die hinter ihm Lauernden erblickte. »Was können diese Leute nur von mir wollen?«, fragte sich der ständig seine Geschwindigkeit erhöhende Karl-Heinz. Er ging nicht mehr, sondern rannte jetzt, machte notgedrungen dieses Experiment, um zu erkunden, ob seine Verfolger es ihm gleichtaten. In der Tat – sie rannten jetzt ebenfalls; der Abstand zu ihm änderte sich kaum. Er war außerordentlich glücklich bei dem Gedanken, dass das Büro nur noch einige Schritte von ihm entfernt war. Hinter sich den Takt polternder Schritte und der in seiner Arbeitstasche umhergeschleuderten Utensilien hörend lief er hastig seinem Ziel entgegen.
   Er stand nun endlich vor der Glastür, blickte auf den Aufzug, mit dem er in wenigen Augenblicken in den neunten Stock zu fahren gedachte, drückte panisch gegen die Tür, um sie zu öffnen, und sah dabei in der spiegelnden Scheibe einen verzweifelt herumfuchtelnden Mann. Der Versuch, Eintritt durch diese einzige in dieses Haus führende Pforte zu erlangen, scheiterte kläglich, da die Tür überraschenderweise abgeschlossen war. Sie rappelte lediglich in ihren Angeln, widersetzte sich heftig gegen das Geöffnetwerden und blieb im Kampf gegen den verbissen an ihr Rüttelnden Sieger. Entnervt trat Herr Niemand zurück, um diese hartnäckige, sich völlig unverständlich ihm widersetzende Tür, die ihn niemals zuvor so enttäuscht hatte, auf Distanz zu betrachten. Großes Erstaunen, gemischt mit Angst vor den einige Meter von ihm entfernt jetzt stehen bleibenden Männern überwucherte sein Gesicht und verzerrte es zu einem dämlich dreinschauenden. Er spürte, dass irgendetwas absonderlich war an diesem Tag, und blickte verwirrt auf den am Innern der Tür befestigten, von ihm zunächst nicht bemerkten Zettel, auf dem von Hand geschrieben stand: Büro heute geschlossen.
   Er verstand die Welt nicht mehr, überlegte mit sich überstürzenden Gedanken fieberhaft und war sich sicher, dass dies ein Irrtum sein musste. Doch im Flur brannte kein Licht, er hörte keine Geräusche nach außen dringen, keine Stimmen, keine zuschlagenden Türen. Das Haus, an dessen Pforte er stand, war wie tot. Nichts rührte sich dort und er konnte es nicht fassen. Und die Freude, die bei ihm wegen der offenbar nun ausfallenden Arbeit aufgekommen wäre, wurde vereitelt durch die Männer, die nach wie vor einige Schritte entfernt auf ihn lauerten und, ohne dass er dies bemerkt hätte, sogar ein kleines Stück noch näher an ihn herangeschlichen waren. Sie rührten sich kaum, hatten sich zu einem Halbkreis postiert und starrten unaufhörlich in seine Richtung, als sei dies ihre einzige Aufgabe. Rein intuitiv kam er auf den Gedanken, dass diese fünf ihn unablässig Fixierenden etwas mit der merkwürdigen Verschlossenheit der Tür zum Büro zu tun haben könnten, doch besaß er nicht genügend Mut, sie darauf anzusprechen; außerdem fürchtete er sich davor, sich gehörig lächerlich zu machen. Vielleicht hatten diese fünf seltsamen Gestalten tatsächlich nichts weiter zu tun, als müßig auf der Straße herumzugammeln, obwohl dies ihrer äußeren Erscheinung nach eher abwegig zu sein schien. Karl-Heinz bekam trotz aller Bedenken den nicht mehr von ihm loslassenden Eindruck, sie hätten etwas Bestimmtes im Sinn, er selbst sogar sei das Ziel ihres Vorhabens, von dem er sich allerdings nicht im Geringsten eine Vorstellung zu machen vermochte. Er wusste nur: Er hatte diese Leute noch nie zuvor in seinem Leben gesehen.
   Über eine Minute lang stand er vor verschlossener Tür; jetzt musste er sich überlegen, wohin er gehen sollte. Denselben Weg zurückzulaufen, auf dem er gekommen war, hielt er für das Nächstliegende, doch führte dieser direkt an den dort noch auf irgendetwas wartenden, ominösen Männern vorbei. Dennoch erwies sich seine Neugier nun stärker als seine ihm unbegründet vorkommende Angst, am helllichten Tage Opfer irgendeiner Missetat zu werden. Nach dem spontanen Fassen dieses mutigen Entschlusses schickte er sich also an, diesen tatkräftig durchzuführen und tatsächlich den Weg in Richtung der Männer einzuschlagen. Ständig versuchend, äußerst sicher zu wirken, schritt er unaufhaltsam auf die fünf zu; je näher er jedoch kam, desto seltsamer wurde ihm zumute, denn er war noch nie zuvor in eine solch heikle und bedrohliche Situation geraten. Er spürte seine ständig wachsende Angst, er wusste nicht, wie ihm geschah und welches Spiel mit ihm getrieben wurde, tat so, als wolle er lediglich als normaler Passant einen kleinen Spaziergang am frühen Morgen machen. Er hielt dies für völlig legitim, fragte sich, was um aller Welt nur in den Köpfen der sich offensichtlich für ihn Interessierenden vor sich gehe, ob sie sich gar über sein erfolgloses Bemühen, die Tür zum Büro zu öffnen, amüsiert hätten, denn er hegte keinen Zweifel darüber, dass dies von ihnen genauestens beobachtet worden war.
   Der Moment war gekommen, als Herr Niemand auf dem Bürgersteig mit fest unter dem linken Arm geklemmter Aktentasche an einem langsam sich erwärmenden, sommerlichen Montagmorgen an den fünf Menschen vorbeiwanderte, von denen er mit einigem Recht annehmen musste, von ihnen wegen irgendeines Grundes wahrhaftig verfolgt zu werden. Die Männer drehten im Augenblick seines Vorbeischreitens ihre Körper und Köpfe langsam und wohlüberlegt in seine Richtung, als sei an ihm etwas Auffälliges zu bestaunen. Dies irritierte ihn ziemlich, obwohl er sich fest vorgenommen hatte, sich auf keinen Fall aus der Ruhe bringen zu lassen. »Was sind das nur für Leute?«, fragte er sich, während er ihnen davonzuspazieren versuchte. Unablässig weiterschreitend hoffte er darauf, die Männer würden irgendwann stehen bleiben und ihr ihm absurd erscheinendes Spiel beenden oder sich gar einen anderen Menschen dafür suchen. Doch seine beschwörenden Wünsche erwiesen sich als vergeblich, denn bei jedem ängstlichen Blick nach hinten sah er, wie sie ihm nun in beinahe militärischer Formation hinterhermarschierten; einer ging voran und die vier anderen folgten in zwei Zweierreihen. Er hörte hinter sich den von zehn Füßen erzeugten Gleichschritt, immer häufiger warf der Davonlaufende einen Blick nach hinten, um zu sehen, ob die ihn verfolgenden Männer aufgeholt hatten. Am liebsten wäre er durchgehend mit nach hinten gedrehtem Kopf oder gar rückwärts laufend geflüchtet, doch wollte er sich trotz aller Bedrängnis nicht der Lächerlichkeit preisgeben, hatte verständlicherweise Bedenken, von irgendwelchen Passanten oder sogar von zufällig ihm hier begegnenden Bekannten für völlig übergeschnappt gehalten zu werden.
   Karl-Heinz lief voraus und die fünf Männer hinterher, niemand jedoch sah darin etwas Ungewöhnliches, da es offenbar relativ unauffällig vonstattenging und das Tempo des Fliehenden noch nicht hoch genug war, um irgendeinen verdächtigen Eindruck entstehen zu lassen. Genau deshalb, um indirekt auf seine missliche Lage aufmerksam zu machen, lief er jetzt endgültig so schnell, wie seine Beine dies zuließen, wie ein Mensch, der verzweifelt um sein Leben zu rennen gezwungen wird. Da ein konkretes Verbrechen nicht vorzuliegen schien und der Tag zu offensichtlich hell war, nahm er Abstand davon, um Hilfe zu rufen; außerdem war ihm bewusst, dass sämtliche dieses Schauspiel miterlebende Leute nicht wissen konnten, auf welcher Seite sie stehen sollten. Deshalb hoffte er darauf, seine unbekannten Verfolger irgendwie abhängen zu können, doch erwiesen sie sich als äußerst hartnäckig und wichen ihm nicht aus seinem Nacken, klebten an ihm wie sein eigener, in der noch tief stehenden Sonne langer Schatten. Wie gerne hätte er jetzt in seinem Büro gesessen, auf seinem seit Ewigkeiten nur von ihm benutzten Stuhl, über den Akten brütend und verzweifelt auf die noch unerledigten Berge von Papieren starrend. Doch das Schicksal hatte ihm offenbar ein anderes Los bestimmt – es zwang ihn zum plötzlichen Davonlaufen.
   Der Flüchtende hatte nun scheinbar Glück, rannte mit fest vor der Brust gedrückter Aktentasche über eine Straßenkreuzung, an welcher die Fußgängerampel kurz vorm Erreichen des Bürgersteiges auf Rot umschlug, was ihn zu der trügerischen Hoffnung veranlasste, dies würde seine Verfolger für einen kurzen Moment aufhalten und ihm die Möglichkeit verschaffen, sich irgendwo ein Versteck zu suchen. Doch täuschte er sich gewaltig, sie nahmen keine Notiz von den Lichtsignalen der Ampel, überquerten wie programmierte Roboter die Straße, ließen sich vom wütenden Hupen der bereits anfahrenden Autofahrer nicht beirren, setzten offenbar alles auf eine Karte, um ihr rätselhaftes Vorhaben durchzusetzen.
   Karl-Heinz geriet langsam in Panik, ihm wurde nun endgültig bewusst, dass er als gehetzte Beute durch die Straßen gejagt wurde. Er hatte Angst davor, dass die Unbekannten ihm etwas antun würden. In seiner nun fast grenzenlos gewordenen Furcht fingen seine Oberschenkel zu zittern an, er verlor gänzlich die Kontrolle über seinen erschöpften Körper und taumelte jetzt auf eine Rolltreppe an einem U-Bahn-Schacht. Mit letzten Kräften stolperte er hinunter, bemerkte plötzlich, wie schleichend er nur vorankam, zum einen, weil er durch die Verfolgungsjagd völlig entkräftet war, zum anderen, weil er in Panik leider die falsche, die Stufen nach oben bewegende Treppe erwischt hatte, die jetzt heimtückisch gegen ihn arbeitete und ihn schon bald direkt in die Arme seiner Verfolger treiben würde. Zu allem Unglück erkannten sie blitzschnell das ihm unterlaufene Missgeschick und rauschten aus dem Licht des Tages herein. Zwei von ihnen postierten sich oben an der irrtümlich von Herrn Niemand benutzten Treppe, die drei anderen liefen auf der anderen, sie nach unten bewegenden Treppe hinunter und wechselten zu derjenigen, auf der er sich verzweifelt fortzubewegen versuchte, aber inzwischen nur in einer lachhaften Pose auf der Stelle trat.
   Karl-Heinz saß in der Falle. Er begriff es und die Männer begriffen es. Ihm war jetzt klar: Sie würden ihn schnappen. Nur noch ein paar, ihm wie Ewigkeiten vorkommende Sekunden würde er darauf warten müssen. In einem kurzen Moment dachte er daran, über das Geländer zu springen, doch fühlte er sich zu kraftlos, war sich außerdem sicher, dass er keine Chance mehr hatte. Seine Gegner, oder um wen auch immer es sich handeln mochte, erschienen ihm zu stark, zu mächtig, zu hartnäckig, als dass es ihm noch würde gelingen können, sich ihren Fangversuchen erfolgreich zu widersetzen. Sie würden nicht aufgeben, ihn – wenn nötig – bis ans andere Ende der Welt verfolgen. In seinen sich überstürzenden Gedanken spürte er beinahe Erleichterung darüber, dass das anstrengende Weglaufen jetzt ein Ende gefunden hatte. Seine zitternden Beine hielten ihn kaum noch aufrecht und hatten aufgehört, gegen die surrende Treppe anzukämpfen, sein Körper ruckelte langsam und ständig an Höhe gewinnend ans Tageslicht, dorthin, wo die zwei oben postierten Männer ihn in Empfang zu nehmen bereit waren. Mit vor Angst verzerrter Miene blickte er zu ihnen hinauf, kam ihnen, ohne dass sie und er sich rühren mussten, ständig näher; hinter ihm lauerten die anderen in einer Reihe auf derselben Stufe stehenden und ihm wie entfesselt in den Nacken starrenden Männer, die wie ihre oben gebliebenen Kollegen nur darauf warteten, ihr nicht aus den Augen gelassenes Opfer an sich reißen zu können. Jetzt spurteten sie sogar mit kräftigen Schritten nach oben, während sie dem sich vor Schreck nach ihnen Umdrehenden streng und unheilvoll in die verängstigten Augen blickten, offenbar mit der Absicht, ihn in den Wahnsinn zu treiben.
   »Es ist aus! Sie haben mich!«, schrie Karl-Heinz voller Entsetzen, jedoch ohne einen halbwegs hörbaren Laut von sich abzugeben. »Sie haben mich!«
   Die Männer hatten ihn. Er konnte es nicht mehr erwarten, er wollte es jetzt wissen. Verzweifelt fragte er röchelnd: »Was wollen Sie von mir?«
   »Nichts«, sagte der eine, »nichts Besonderes.«
   »Sie! Sie haben mich verfolgt!«, erwiderte der verblüffte und vor Angst zitternde Karl-Heinz.
   »Ganz richtig, wir haben Sie verfolgt, Herr Niemand«, sprach kühl und gelassen ein anderer von ihnen, war noch ein Stück näher an ihn herangetreten, was seine vier Kollegen nachmachten, sodass er nun endgültig vollkommen umzingelt war.
   »Woher kennen Sie meinen Namen? Und was wollen Sie von mir?«
   »Stellen Sie keine dummen Fragen! Vielleicht wollen wir alles, vielleicht wollen wir nichts«, sagte ein dritter, der noch nichts von sich gegeben hatte und die anderen vier mit sich zu ihnen wendendem Haupt anblickte. »Das kommt darauf an, Herr Niemand, das kommt ganz darauf an.«
   »So ist es«, bestätigte der vierte mit subtilem Unterton.
   »Was soll das heißen? So sagen Sie mir doch endlich, was Sie eigentlich von mir wollen! Wenn nicht, dann lassen Sie mich in Ruhe! Ich will jetzt nach Hause gehen und bitte Sie darum, mich gehen zu lassen, denn ich habe nichts verbrochen.«
   Die fünf ihn umzingelnden Männer jedoch machten keinerlei Anstalten, ihn endlich aufzuklären oder gar freizulassen. Der völlig Verängstigte wusste nicht mehr, was er hätte unternehmen können, um dieser entsetzlichen Lage zu entrinnen, hatte nun trotz des helllichten Tages Angst, die Männer würden auch hier auf der zu dieser Tageszeit relativ belebten Straße ihm in irgendeiner Weise etwas Abscheuliches antun. Er hatte das ungute Gefühl, dass die ihn Umringenden nicht nur eine unwesentliche Kleinigkeit mit ihm vorhatten, sondern etwas, das ihn ins endgültige Verderben stürzen würde. Nicht einmal zu schreien oder um Hilfe zu rufen, traute er sich, denn er hielt die Männer für verwegen genug, dies auf brutalste Weise zu unterbinden. Sie machten den Eindruck, als seien sie nicht von hier, als seien sie gar von nirgendwo. In ihren Gesichtern sah er ein ihm unheimlich vorkommendes, gleichgültiges, aber dennoch zufriedenes Grinsen. Er versuchte, sich innerlich zu beruhigen, um diese höchst unangenehme Situation irgendwie in den Griff zu bekommen; vielleicht handelte es sich lediglich um eine folgenschwere Verwechslung. Dieser Gedanke gab ihm genügend Hoffnung und Mut, sodass er sich jetzt zu sagen traute: »Lassen Sie mich gehen. Ich bin ganz bestimmt nicht der, den Sie meinen.«
   »Nein!«, erwiderte einer und fügte hinzu: »Wir lassen Sie nicht gehen. Sie nicht!«
   »Was soll das heißen?«, fragte der Schockierte. »Ich bin sicher, es handelt sich um einen Irrtum.«
   »Sie sind genau der, den wir meinen. Irgendjemand muss es ja sein. Sie sind genau der Richtige.«
   »Sie sind unser Mann!«, unterstrich noch einmal ein anderer mit weit aufgerissenem Mund, fast die Zähne fletschend.
   Die Leute, die sich auf den Rolltreppen nach unten oder oben befördern ließen, registrierten zu seinem Leidwesen nichts Außergewöhnliches, allenfalls, dass ein paar Schritte, die Herr Niemand von den Männern bereits zurückgedrängt worden war, von den Stufen entfernt sechs offenbar sich angeregt unterhaltende Männer herumstanden. Dass einer von ihnen nicht wusste, wie ihm geschah, fiel niemandem der vorbeiströmenden Passanten auf. Die meisten von ihnen ließen unbewusst ihre Augen umherschweifen und waren wohl zumeist in diversen Gedanken versunken. Keiner wäre auch nur im Geringsten auf die Idee gekommen, ihm zu helfen, da niemand gewusst hätte, wobei und aus welchem Grunde überhaupt. Daher war er ganz auf sich alleingestellt, hoffte sehr darauf, eine für alle Beteiligten zufriedenstellende Lösung zu finden. Unter keinen Umständen durfte er jetzt etwas Falsches sagen, musste klug und besonnen agieren, durfte auf keinen Fall diese Männer womöglich noch verärgern, da er ihnen alles nur Erdenkbare zutraute und sie für außerordentlich gnadenlos hielt. Nach einer Weile heftigen Sinnierens und unerträglichen Schweigens nahm er all seinen Mut zusammen und stellte kleinlaut die Frage: »Was wollen Sie ausgerechnet von mir?«
   Die Männer, von denen er sich endlich eine Antwort erhoffte, schienen allesamt nachzudenken, jedoch ohne damit aufzuhören, ihn unentwegt anzustarren, als wollten sie ihm etwas für ihn Katastrophales so schonend wie nur irgend möglich mitteilen. »Nun«, fing der eine jetzt bedächtig an zu sprechen, »das werden Sie noch früh genug erfahren.«
   »Ich bitte Sie«, flehte Karl-Heinz mit nun lauter werdender Stimme sie an, »bitte sagen Sie mir, was dies zu bedeuten hat. Ich habe fast das Gefühl, dass Sie etwas mit mir vorhaben. Sagen Sie mir, was es ist, oder lassen Sie mich am besten einfach gehen, denn ich bin ein freier Mensch!«
   Alle fünf lachten kurz, aber unüberhörbar. Der eine fragte mit leicht grinsendem Gesichtsausdruck: »So? Glauben Sie das wirklich?«
   »Lassen Sie mich jetzt in Ruhe und verschwinden Sie, ich werde jetzt nach Hause gehen!«, rief er ihnen verzweifelt zu und wusste im Grunde schon, dass sämtliches unterwürfige Flehen nichts mehr ausrichten würde.
   »Das werden Sie nicht tun«, sagte einer von ihnen mit ernst klingender Stimme.
   Herr Niemand vermochte all die von den Männern gesprochenen Worte nicht zu deuten, hoffte aber sehr, dass sich diese ganze unglückselige Angelegenheit vielleicht doch noch irgendwie in Wohlgefallen auflösen würde, spürte aber gleichzeitig eine immer größer werdende Gefahr auf sich zukommen. Er kam sich verloren und verlassen vor, holte jetzt tatsächlich Luft für einen ersten Hilfeschrei, doch im Moment des Aufreißens seines Mundes presste ihm einer die Hand darauf, sodass nur ein leiser, undefinierbarer Laut zu hören war. Die fünf begannen, ihn dorthin zu drängen, wo sie ihn haben wollten, dahin, wo sie ihr teuflisches Spiel mit ihm fortsetzen konnten. »Sagen Sie jetzt nichts mehr, Niemand! Halten Sie den Mund, sonst passiert etwas Bedauerliches!«, sprach man dem Verängstigten erbarmungslos ins verzerrte Gesicht. Man führte ihn nun endgültig ab und er wusste nicht wohin, noch nicht einmal warum. Diese schreckliche Ungewissheit machte ihm am schwersten zu schaffen, er hätte nicht gedacht, dass ausgerechnet ihm jemals etwas derartig Heimtückisches widerfahren würde. Seinen Peinigern, die nach Belieben mit ihm umsprangen, war er schutzlos ausgeliefert. »Was hat dies nur zu bedeuten?«, dachte er unentwegt, als er hart angefasst über die Straßen seines Daseins geschleift und unfreiwillig Wege entlangzugehen gezwungen wurde, auf denen er ansonsten zu dieser Tageszeit nie gewandelt wäre. »Die wollen mich umbringen!«, dachte er und versuchte beinahe, sich damit abzufinden. Seine dahingeröchelten Hilferufe waren zu leise, als dass irgendjemand sie hätte hören können. Dafür sorgten die fünf Männer in professioneller Art und Weise, als hätten sie nie etwas anderes in ihrem Leben getan.
   Als sie an der Kirche vorbeikamen, war es noch früh am Morgen. Soeben hatte sie mit tief und dumpf in seine Ohren dringenden Tönen acht Uhr geschlagen. Er blickte hinauf zum Turm, zu den Luken und Ritzen, hinter denen sich die Glocken verbargen, wünschte sich plötzlich so sehnsüchtig wie noch nie ein tosendes und wildes, die ganze Stadt in Aufruhr versetzendes Glockenspiel herbei, damit die Leute doch sehen konnten, was hier Ungeheuerliches vor sich ging. »Ach, wenn doch nur etwas geschehen würde«, wünschte sich Karl-Heinz von ganzem Herzen, während man ihn nach wie vor wie eine Puppe über den harten Boden seiner Heimat schleifte. Offenbar war man sich nur wenig darüber bewusst, dass auch er ein menschliches Geschöpf war, sonst hätte man ihn nicht auf diese Weise über die Pflastersteine gezogen. Alles hätte er nun darum gegeben, wenn ihm endlich jemand mitgeteilt hätte, was man mit ihm zu tun gedenke, ausgerechnet mit ihm, einem unbedeutenden Mann, der nie etwas Spektakuläres, ihm Aufmerksamkeit Schenkendes in seinem Leben vollbracht hatte und schon gar nicht etwas derart Verwerfliches, dass man ihn jetzt so bestrafen musste. Immer hatte er sich an die Spielregeln der Gesellschaft gehalten, doch die in seiner plötzlichen und entsetzlichen Not geltenden Regeln kannte er noch nicht. »Wohin bringen Sie mich?«, fragte er mit um Mitleid erflehender Stimme.
   »Halten Sie den Mund, Niemand, halten Sie endlich den Mund! Wir sagen’s Ihnen ein letztes Mal!«, erwiderte ungehalten einer von ihnen und verstärkte zur Strafe seinen würgenden Griff so lange, bis sich Karl-Heinz demütig mit gebrochenem Willen in sein Schicksal ergab und völlig verstummte. Offenbar war mit den fünf Männern nicht zu spaßen; ihm blieb nichts anderes übrig, als sich weiterhin von ihnen dahinzerren zu lassen. Mit weinerlichem und bettelndem Blick starrte der Gefangene die zufällig ihm bei seinem qualvollen Gang entgegenkommenden Leute an, versuchte immer wieder einen Aufmerksamkeit auslösenden Blickkontakt herzustellen, wünschte sich sehnlichst, irgendjemand würde seine missliche Lage erkennen und ihn daraus befreien. Doch die zufällig durch die Straßen dahinziehenden Menschen, all die Passanten, schienen nichts merken zu wollen; keiner unternahm etwas. Zwar spürten ansatzweise einige von ihnen, dass hier etwas Merkwürdiges vonstattenging, zogen es aber doch vor, sich in diese sie nichts angehende und unter Umständen für sie gefährliche Situation nicht einzumischen. Hilflos hielten Karl-Heinz’ Augen nach irgendeiner Rettung Ausschau, während er schon dabei war, sich lebhaft auszumalen, welche abscheulichen Grausamkeiten die Männer ihm wohl bald antun würden. Hätten sie ihn ausrauben wollen, so hätten sie sein im Portemonnaie mitgeführtes Geld bereits an sich genommen und wären schon selbst damit geflohen. Doch sie waren sich bei ihrer Sache so dermaßen sicher, spazierten mit ihm als Gepäck durch die Straßen, als gehörten sie ihnen. Völlig resigniert spürte er, dass er mit einer Rettung nicht mehr rechnen konnte; er glaubte, diesen Weg so weit schon gegangen zu sein, dass eine Rückkehr nicht mehr möglich sei. Er konnte nur noch abwarten und durchaus mit einer gewissen Neugier seiner ungewissen Zukunft zitternd entgegenfiebern. Unentwegt dachte er: »Ich bin verloren.«
   Ein kleines Mädchen, das aus dem Fenster schaute, zeigte kindliche Grimassen schneidend mit dem Finger auf die kurios daherkommenden Gestalten auf der Straße, rief leicht amüsiert darüber seine Mutter und fragte: »Was machen denn die Leute da?«
   »Das weiß ich nicht, das geht uns nichts an. Komm her und iss dein Frühstück zu Ende!«, herrschte die Mutter ihre kleine Tochter an, die schnell vom Fenster ins Innere der Wohnung verschwunden war, bevor es krachend geschlossen und dahinter zügig und unordentlich die Gardine zugezogen wurde, sodass dort nichts mehr zu sehen und zu hören war.
   Mittlerweile kam es dem von seinen unnachgiebigen Peinigern Verschleppten so vor, als sei er etliche Kilometer schon durch die Gegend gezogen worden, doch waren es wohl erheblich weniger. Man schritt mit ihm durch einen ihm wohlbekannten Fußgängertunnel, durch den er alleine schon oft gegangen war. Man schleifte ihn an den Wänden vorbei, die mit Plakaten aller Art beklebt waren, mit häufig mehrmals dem gleichen in sich lang erstreckender Reihe, mit neuen, die voll leuchtender Farbe das von der Decke flutende Neonlicht zerstreuten, und mit älteren, die in verblassten Streifen bereits zerfleddert vom ständig durch den Tunnel pfeifenden Sog gegen die Wand geklatscht wurden. Ein starker Luftzug ließ leere Getränkedosen auf dem Boden herumscheppern und alte Zeitungsseiten raschelnd umherwirbeln. Den sie umgebenden Dingen jedoch keinerlei Beachtung schenkend verließen die Männer mit ihm als Gefangenen nun den Tunnel.
   »Da vorne steht er«, rief plötzlich einer von ihnen und ein anderer bestätigte beiläufig: »Ja, wir sind da.«
   Karl-Heinz wusste nicht, wovon gesprochen wurde, nur dass es sich nach allem, was geschehen war, um etwas für ihn nur Unangenehmes handeln konnte. Als er genauer hinsah, erblickte er ein mit der Hinterseite zu ihm geparktes Auto, das seltsamerweise kein Kennzeichen hatte. Links daneben an der Fahrertür stand angelehnt und leicht dösend ein wie die fünf anderen gekleideter Mann. Offenbar sollte sein unfreiwilliger Irrweg nun auf vier Rädern fortgesetzt und er auf eine längere Reise geschickt werden. Diese ganze Angelegenheit kam ihm jetzt auch noch minutiös organisiert vor, weshalb ihm nicht weniger angst und bange wurde; man müsse wahrhaftig Großes mit ihm vorhaben, dachte er.
   Als die sechs sich einige Meter vor dem Gefährt eingefunden hatten, lösten sich zwei von den fünf mysteriösen Männern und begaben sich rasch zu dem am Auto wartenden Mann. Wie sie sich grüßten, vermochte Herr Niemand nicht zu deuten, merkte nur, dass sie es irgendwie taten. Sie plauderten ein wenig miteinander mit leicht flüsternder Stimme, sodass er akustisch nicht richtig zu folgen vermochte; nur einzelne Wortbrocken hörte er gelegentlich heraus, scheiterte aber trotz aller Bemühungen seines Gehirns dabei, das geheimnisvolle Getuschel der Männer in einen für ihn begreifbaren Zusammenhang zu bringen. Das Einzige, was er nach den Geschehnissen der letzten Minuten nur vermuten konnte, war, dass er selbst das Gesprächsthema sei und man sich nun darüber berate, wie man weiter mit ihm zu verfahren gedenke. Seine Annahmen bestätigten sich bald, denn geschockt sah er, wie einer der am Auto redenden Männer plötzlich mit dem Finger auf ihn zeigte. Nur allzu gern hätte er gewusst, welche geheimen, ihn betreffenden Pläne die sich am Auto Unterhaltenden schmiedeten, warum er ein paar Meter vom Geschehen zurückgehalten nichts hören durfte. »Wohin wollen die mich bloß bringen?«, dachte er noch, als seine Bewacher herbeigewinkt wurden, sofort dieser Anweisung folgten und ihn unsanft zum Wagen stießen.
   »Einsteigen!«, befahl man ihm mit unmenschlichem Ton. Man hielt ihm die linke Hintertür auf und schubste ihn unsanft auf den Rücksitz. Einer seiner Entführer kroch durch die rechte Hintertür hinzu und durch die linke rückte ein weiterer nach; jetzt saß er umso mehr in der Falle, die Räume wurden ihm noch enger gemacht und er sah nun erst recht keine Chance mehr zu entrinnen. Nachdem der Beifahrersitz eingenommen worden war, startete der Fahrer den aufheulenden Motor. Durch die wuchtig zugeschlagenen Türen bekam Karl-Heinz einen stechenden Druck in seinen Ohren zu spüren. Mit kurz wahrnehmbarem Quietschen der sich in Bewegung setzenden Reifen fuhr der Wagen an, während die dicht neben ihm sitzenden, ihn einkeilenden Männer sich umdrehten, zur Heckscheibe hinausblickten und ihren beiden draußen gebliebenen Kollegen ein für ihn undefinierbares und sofort erwidertes Handzeichen gaben, das er allenfalls als »Alles in Ordnung!« interpretieren konnte.
   »Wir wollen nichts hören, Niemand«, sagte der Beifahrer streng und fügte in kompromisslosem Befehlston hinzu: »Geben Sie die Tasche her!«
   Die hinten sitzenden Entführer entrissen dem darüber ziemlich Empörten seine Aktentasche und einer von ihnen reichte sie nach vorne durch. »Was haben die mit mir vor? Wie soll das alles bloß enden?«, dachte der Entführte betrübt und ahnte Schreckliches.
   Seine beklemmende Lage ließ ihn nur noch glauben, dass sein Schicksal besiegelt sei; alles in den vergangenen Minuten seit dem Verlassen des Busses mit ihm Geschehene hatte ihm schwerstens zu schaffen gemacht. Eigentlich sollte er jetzt um diese Zeit fleißig über Akten brütend im Büro sitzen und nicht in diesem Wagen, der ein für ihn völlig unbekanntes Ziel ansteuerte. Er konnte sogar noch glücklich darüber sein, dass man es nicht für nötig hielt, ihm die Augen zu verbinden; dies aber erweckte in ihm den beängstigenden Eindruck, Opfer eines ungeheuerlichen, skrupellosen Verbrechens zu sein, das zu allem Überfluss offenbar niemand zu ahnden wagen würde. So war er jederzeit ohne Weiteres in der Lage, den mit ihm gefahrenen Weg zu verfolgen, ständig zu sehen, wo er sich gerade befand. Äußerst kaltschnäuzig kamen ihm seine Kidnapper vor, die aus ihrer Tat nicht den geringsten Hehl zu machen schienen und nun rücksichtslos mit nicht erlaubtem Tempo durch die Straßen rasten. Es scherte sie nicht im Geringsten, dass andere Verkehrsteilnehmer häufig zu Vollbremsungen oder gar zu Sprüngen zur Seite gezwungen wurden. Dass gerade eine solche Skrupellosigkeit Aufmerksamkeit und Protest erregen würde, erhoffte Karl-Heinz sich inständig.
   Der Wagen wurde von Autos, die eine gleichgültige Gesellschaft leisteten, trügerisch umtönt, jagte, als handle es sich um einen geheimnisvollen Notfall, immer wieder voran wie ein mörderischer Pfeil, sauste dennoch wie selbstverständlich durch die Straßen und ließ sich nur gelegentlich durch dichter werdendes Verkehrsaufkommen aufhalten.
   Im Innern des Wagens wurde es zunehmend muffig, da sämtliche Fenster geschlossen waren, doch niemand kam auf die Idee, frische Luft hereinzulassen. Obwohl der Motor laut dröhnte, hörte er den Fahrtwind leise in seine Ohren dringen, was er als leichte, besänftigende Betäubung empfand, die dafür sorgte, dass seine anfangs ungestüme Angst einem melancholischen Gefühl der Ungewissheit wich. Betrübt, aber jetzt einigermaßen gefasst, wie paralysiert wartete er nur noch auf das, was auf ihn zukommen sollte, klebte versteift und illusionslos auf der Hinterbank, saß dort gleich einer zu überführenden Mumie wie leblos zwischen seinen beiden Wächtern und spürte kaum seinen eigenen Atem. Unterhaltungen wurden nicht geführt und ihm hätte ohnehin keiner mitgeteilt, was er allzu gern nur gewusst hätte. Das Auto, in dem er fuhr, war wie tot. Wie von Geister-, aber doch von Menschenhand gelenkt setzte es unaufhaltsam Kilometer für Kilometer seine Route ins Ungewisse fort, ohne dass Herr Niemand wusste, wann diese unheimliche Reise beendet sein würde. Nach und nach verwandelten sich ihm bekannte Straßen, Häuser, Gebäude und Geschäfte in ihm gänzlich unbekannte, obwohl die Gegenden, die zu durchkreuzen er gezwungen wurde, seiner Heimat noch immer ähnelten. Apathisch blickte er beiläufig auf die Orte, die er noch niemals zuvor in seinem Leben gesehen hatte. Sich irgendwo in irgendeiner Gegend als Fremder befindend und bewacht von fremden, unbekannten Männern sah er das Land monoton und gleichgültig vorbeiziehen. Seine Peiniger jedoch schienen überall ortskundig zu sein; ohne auf Karten blicken zu müssen, transportierte der Fahrer seine Kollegen und seinen unfreiwilligen Fahrgast in immer neue Ortschaften.
   Der sich vor ihm in der Windschutzscheibe auftuende Horizont trennte scharf sanfte Hügel vom morgendlichen Blau des Himmels, fand sich plötzlich nach schnell durchfahrenen Kurven in den Seitenfenstern wieder, wo er nun als ewig und eintönig dahinlaufende Welle erschien, die lediglich hin und wieder durch geschwind auftauchende, vereinsamt in der Landschaft erbaute Häuser und Gehöfte, auch durch allein oder in Gruppen emporragende Bäume zerschnitten wurde. Am Landstraßenrand dahingepflanzte Pappeln von beträchtlicher Höhe sausten an der noch tief über den leicht bewaldeten Hängen stehenden Sonne vorbei, sorgten durch ihr kurzes, ständig wiederkehrendes Verdecken für ein reflektierendes Spiel von Licht und Schatten im Innern des Autos, wodurch seine Augen derart geblendet wurden, dass er sie immer wieder zusammenkneifen musste. So spürte er allmählich in seinem ständig auf diese Weise angestrahlten Gesicht die Wärme, die sich aufgrund der immer noch verschlossenen Fenster langsam zu stauen begonnen hatte. Trotz der ihm unverständlich erscheinenden totalen Verriegelung vernahmen seine Ohren das Rauschen der im Sonnenlicht glitzernden Blätter der sich im Wind dahinbiegenden Pappeln. Gleich einem mäanderförmigen, wilden Fluss durchschlängelte die nun etwas enger werdende Straße die Landschaft, beim Durchfahren jeder Kurve trennten sich plötzlich die wie eins ineinander verästelten Bäume und erschienen als allein und mit großem Abstand voneinander sich in die Höhe erhebende Riesen, um anschließend wieder fest zu einer endlosen, mit zunehmender Entfernung schmaler werdenden und bis zum Horizont reichenden Reihe zusammenzurücken. Man fuhr ihn vorbei an riesigen Äckern, an Maisfeldern, an in der Ferne liegenden Höfen, in deren Nähe er ab und an vor sich herruckelnde Traktoren auf den Feldern erblickte, an einsam am Straßenrand spazierenden Leuten und gemütlich vor sich hertretenden Radfahrern, die man schnell einholte und überholte. Auf diese vereinzelt ihm begegnenden Mitmenschen traute er sich nicht zurückzublicken, da er fürchtete, dies verboten zu bekommen, und er glaubte, seine steife, artig reservierte Körperhaltung sei den Männern nur recht und könne sie erst gar nicht böse werden lassen.
   Nachdem der ihn wegschaffende Wagen einige Anhöhen erklommen hatte, war er jetzt wieder dabei, mit einer vom Fahrer fast nicht mehr zu verantwortenden Geschwindigkeit abwärtszujagen. In einigen engen Kurven begannen die Reifen zwar zu quietschen, doch lag das Gefährt trotzdem mit allen vieren sicher auf der Straße, sodass er sich wenigstens keine Sorgen zu machen brauchte, zu Tode gefahren zu werden, sondern vielmehr darum, was nach der Ankunft des Wagens an seinem Ziel wohl mit ihm geschehen würde. Nachdem er es tatsächlich geschafft hatte, einige Zeit lang unbehaglich vor sich hinzudösen, wurde ihm klar, dass das Auto aufgrund der nicht gerade geringen Geschwindigkeit schon etliche Kilometer zurückgelegt haben musste, doch vermochte er wegen allgemeiner Desorientierung eine genauere Abschätzung darüber nicht abzugeben. In weiter Ferne sah er keine Städte oder Dörfer mehr, lediglich ein paar alte, verrottete, zu irgendeinem Bauernhof gehörende Schuppen, ansonsten, so weit das Auge reichte, nur Felder und Wiesen, aber keine Ortsschilder, die ihm über seinen Aufenthaltsort wichtige Hinweise hätten geben können. So musste er davon ausgehen, dass niemand etwas über seine abscheuliche Entführung wusste, ja niemals je davon erfahren würde. Er konnte sich somit von niemandem Hilfe erhoffen. Als er angestrengt überlegte, wo er um aller Welt sich nur befand, in welche aus den Seitenfenstern von ihm beobachteten und an ihm vorbeiziehenden Gegenden es ihn verschlagen hatte, war die Sonne bereits um ein beträchtliches Stück nach oben gestiegen, sodass sich das Innere des Wagens weiter ordentlich aufgeheizt hatte und er den Eindruck bekam, man wolle ihn mit voller Absicht dieser brütenden Hitze aussetzen, um seinen Körper und Geist zu schwächen und ihn völlig willenlos werden zu lassen. Denn nach wie vor blieben die Fenster verschlossen, worüber sich zu beschweren er nicht den Mut aufbrachte. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als sich weiterhin kochen zu lassen und gefügig mit an seinem Hals hinunterrinnenden Schweißperlen zwischen seinen beiden Bewachern auszuharren, denen die Hitze merkwürdigerweise weitaus weniger auszumachen schien; immerhin aber hatten sie bereits den obersten Knopf ihres Hemdes geöffnet, was er nachzumachen sich nicht traute, da er befürchtete, bei der kleinsten unerlaubten Bewegung oder Bemerkung gnadenlos malträtiert zu werden. Seine Angst, in Kürze einen Kreislaufzusammenbruch zu erleiden, wenn nicht bald die ersehnte Abkühlung kommen würde, schien nicht unberechtigt.
   »Wir sind gleich da«, sagte aus der qualvollen Stille heraus der Beifahrer, wodurch Karl-Heinz’ Körper auf dem Rücksitz in plötzlicher Panik aufzuzucken begann, da diese unerwartete und noch immer in seinen Ohren tönende Mitteilung ihn gewaltig aufgeschreckt hatte, er fast nicht mehr damit gerechnet hatte, überhaupt irgendwann irgendwo noch anzukommen, er befürchtet hatte, für den Rest seines Lebens in diesem muffigen und überhitzten Wagen durch die Gegend kutschiert zu werden und er vor allem sein düsteres Ende schon bald erbarmungslos auf sich zustürzen sah. »Ich halt’s nicht mehr aus, ich will raus hier«, dachte der in Angst Versetzte, während man gekonnt seine wild um sich zu schlagen beginnenden Arme festhielt und ihm keinesfalls erlaubte, mit solch hilflos erscheinenden Attitüden seinen Empfindungen Ausdruck zu verleihen.
   Wie angekündigt hielt jetzt der große Wagen am Straßenrand neben einer teilweise zerbröckelten und relativ niedrigen Steinmauer. Nach dem Öffnen der Türen befächelte ein Hauch des Windes seinen triefenden, verschwitzten Körper, sein verblasstes Gesicht und seine durchnässte Kleidung, die leicht flatternd an seinem geschundenen Leib zerrte. Ihm war bewusst, dass er noch nichts überstanden hatte, dass er trotz seines schlechten Zustandes noch ziemlich lebendig war, wenn er daran dachte, was die Männer wohl bald mit ihm anstellen würden, um möglicherweise sogar seinem Leben gänzlich ein Ende zu bereiten. »Aussteigen, Niemand, aussteigen!«, befahl man ihm und voll ängstlicher Demut schaukelte er benommen seine steif gewordenen Gliedmaßen unter mühevollen Anstrengungen aus dem Auto heraus an die frische Luft. Auf der anderen Straßenseite erblickte er ein Kornfeld üppigen Ausmaßes, auf dem Wellen des Windes umherfuhren und über dem mit krächzendem Gesang in weit gezogenen Bahnen schwarze Vögel kreisten. Für einen kurzen Augenblick ließ man ihn alleine auf dem zerrütteten und schmalen Gehweg stehen. So kam er sogleich auf den Gedanken, einen überraschenden Fluchtversuch ins nah gelegene Kornfeld zu unternehmen, doch kaum hatte er diesen kühnen und gefährlichen Plan ins Auge gefasst, da packten ihn schon wieder zwei Männer an den Armen, mussten jetzt energischer und fester zugreifen, doch letztendlich bekamen sie ihn zu fassen und mit einiger Kraftanstrengung gelang es ihnen, den renitent und verzweifelt um sich schlagenden Karl-Heinz über den staubigen Weg zu schleifen.
   Sie gelangten schließlich ins Innere des von der Mauer eingeschlossenen Grundstückes, man zerrte ihn mit einiger Mühe Stück für Stück vorwärts, während er mit getrübten Augen und heftig pochendem Herzen nach vorne starrte, auf ein mächtiges, in der Einsamkeit erbautes, von wildem Efeu umranktes und wie ein viereckiger Klotz dastehendes Haus. Genau dort also wollte man ihn hineinschleppen, dort würde bald das teuflische Spiel mit dem hilflosen und in panische Angst versetzten Karl-Heinz fortgesetzt werden. Wie eine seltsam verschworene Gemeinschaft klebten die Männer und er aneinander, gaben ein kurios wirkendes Quintett ab. Immer bedrohlicher wälzte sich das Gemäuer ruckartig und ständig an Größe und Mächtigkeit gewinnend auf ihn zu, zwang ihn bald, fast ehrfürchtig den Kopf weit in den Nacken zu stemmen, als betrachte er einen kolossalen Dom. An einer Treppe mit gut ein Dutzend und teilweise zerstörerisch eingekerbten Stufen waren sie bereits angelangt; jetzt schubste und drückte man ihn gewaltsam und ohne Rücksicht auf seinen angeschlagenen und dahinwankenden Körper hinauf und öffnete ihm die in ihren Angeln prasselnde Tür. Das Haus, zu dessen Pforte man ihn gebracht hatte, schien bereit zu sein, ihm Einlass zu gewähren.
   Fest dem Griff und den strengen Beäugelungen seiner Peiniger ausgesetzt stand Herr Niemand nun zitternd am Anfang eines langen, dunklen Flures, der nur spärlich von schlichten Lampen beleuchtet wurde; zudem ließ die verschmierte Scheibe der hinter ihm sich schließenden Tür nur schwach das Tageslicht hereinscheinen. »Wo bin ich hier?«, stammelte Karl-Heinz, darauf hoffend, jetzt endlich eine alles aufklärende Antwort zu erhalten.
   »In einem Haus sind Sie hier – sehen Sie das nicht? Aber dieses Haus ist kein gewöhnliches«, antwortete ihm überraschenderweise bereitwillig einer der noch im Flur mit ihm wartenden Bewacher. Offenbar hatten sie nun keine Eile mehr, ihr geheimnisvolles Vorhaben auszuführen, welches, wie er glaubte, nur in diesem zerfallenen und unbewohnt erscheinenden Haus bald mit grausigster Heimtücke an ihm verübt werden sollte.
   »Was wollen Sie von mir?«, schrie er ungehalten, während er sich nun in den ihn umschlingenden Armen seiner Peiniger wand.
   »Nichts wollen wir, gar nichts. Wir führen nur Befehle aus. Warum ausgerechnet Sie hier sind, wird man Ihnen schon sagen. Wir tun nur das, was wir tun müssen«, erklärte aggressiv und beleidigt, sich persönlich angegriffen fühlend der Fahrer des Wagens, in welchem er als Ladegut an diesen ominösen, abgelegenen Ort verschleppt worden war. Als wolle er etwas Gutes und Menschliches zum Ausdruck bringen, fügte er Mut machend und mit geballter Faust hinzu: »Reißen Sie sich zusammen, Mann! Reißen Sie sich doch zusammen! Es hat ja doch keinen Zweck!«
   »Was soll das heißen? Wie soll ich das verstehen?«, rief Karl-Heinz in den Flur hinein, doch hatte er das Gefühl, nicht besonders ernst genommen zu werden. Die Hoffnung, eine ihn befriedigende und ihm seiner Meinung nach auch zustehende Antwort zu bekommen, hatte er fast aufgegeben. Die Konsequenzen dieses unheilvollen Missverständnisses schwebten wie ein Damokles-Schwert über seinem Kopf und deprimiert musste er sich fragen, was sonst noch alles an Entsetzlichem ihm wohl bald schon widerfahren werde.
   »Sie werden schon erwartet, Herr Niemand. Kommen Sie!«, befahl man ihm mit beiläufigem, routiniertem Ton und drängte ihn gnadenlos zum Ende des Ganges, an dem eine ungeöffnete Tür auf ihn wartete. Als er einige Schritte mit zitternden Knien davorstand, vermutete er, man wolle ihn zwingen, dort hineinzugehen. Er spürte deutlich, dass sich nur hinter dieser Pforte die wahrhaftig von ihm herbeigesehnte Lösung des Rätsels befinden konnte. Die unheilvollen Gesellen ließen von ihm ab und traten einige Schritte zurück, versperrten ihm aber den Weg nach hinten, sodass ihnen zu entrinnen nur eine Möglichkeit bestand. Doch wer garantierte ihm, dass hinter dieser Tür nicht noch Grauenhafteres auf ihn lauern würde? Nervös sah Herr Niemand sich um, blickte auf den Boden, auf kaputte und zum Teil schon eingesackte rote Fliesen, an die sich leicht gewölbt mit abblätterndem Putz sich über ihm erhebende, zerrissene Decke, auf die Wände zu seiner Linken und Rechten und auf die darin eingelassenen Türen, die mit grob zurechtgesägten, splittrigen Brettern und rostigen Nägeln zugezimmert waren. In der Tat schien dem Zaudernden nur diese eine Möglichkeit noch offenzustehen. Zwischen den Türen an den Seitenwänden hingen einige verstaubte Bilder, die alle ein in grüner Landschaft von Bäumen und Büschen umringtes, still und einsam dastehendes Haus zeigten, ein Haus, das offenbar das Abbild von demjenigen zu sein schien, aus dem er nun verzweifelt in einem irren Spiel den rettenden Ausgang suchen musste. Hinter dieser einen vom Luftzug in ihrer Verankerung ständig rappelnden Tür verbarg sich lauernd das Unbekannte, das geduldig, aber ohne Erbarmen ihn in Empfang zu nehmen bereit war. Noch zögerte er; die Angst vor dem unsichtbaren Unbekannten hielt ihn noch davon ab, diese Tür zu öffnen, obwohl ihm bewusst war, dass er dies zu tun nicht umhinkommen würde.
   »Gehen Sie endlich hinein, man wartet dort bereits auf Sie!«, drang es von hinten in seine Ohren und ließ seinen Körper wie nach einem erschreckenden Paukenschlag zusammenzucken.
   Ängstlich und verunsichert, jeglichen Mutes seit Langem beraubt, blickte er fragend nach hinten, als wolle er sagen: »Soll ich’s wirklich wagen?«
   »Gehen Sie! Es gibt keinen anderen Weg für Sie, denn an uns kommen Sie nicht vorbei.«
   »Wenn Sie dort hineingehen, werden Sie uns – das versprechen wir Ihnen – nie wiedersehen«, bemerkte eine andere Stimme hinter ihm.
   »Was soll das bedeuten?«, dachte er, denn bei dem Gedanken, seinen Häschern nicht mehr begegnen zu werden, war ihm mulmig zumute und ihm wurde bewusst, dass ihm offensichtlich ein Gang ohne Wiederkehr unmittelbar bevorstand. Er musste in seiner Panik davon ausgehen, dass hinter dieser ständig von ihm ängstlich angestarrten Tür noch weitere, unangenehme Gesellen lüstern auf ihn warteten, um ihn bald an sich reißen und an ihm eine grausame Folter vornehmen zu können. Doch dem mit seinem Verstand ringenden Karl-Heinz blieb keine Wahl mehr, denn auch die hinter ihm stehenden und langsam ungehalten mit grimmigem, forderndem Blick ihm in den Rücken starrenden Männer hätten ebenso, wenn er nicht bald deren Befehl ausführen würde, auf brutalste Weise ihn niedermetzeln können, denn er hegte keinen Zweifel darüber, dass ihnen alles nur Erdenkbare zuzutrauen war. Er entschied sich also nun endgültig dazu, in dieser absurden und unglückseligen Angelegenheit noch einen Schritt voranzugehen und diese ihm verflucht vorkommende Tür zu öffnen und den dahinter sich befindenden, geheimnisvollen Raum zu betreten, um endlich zu erfahren, was weiter mit ihm als Opfer geschehen sollte.
   Was man von ihm so eindringlich verlangte, tat er jetzt wirklich und begann, nachdem er die Klinke schon hinuntergedrückt hatte, innerlich bebend die Tür im Schneckentempo in den vor ihm sich öffnenden, vom Sonnenlicht durchfluteten Raum hineinzudrehen. Das Zimmer, in das einzutreten er gezwungen wurde, war wider Erwarten von anheimelnder, ihn leicht blendender Helligkeit, durch die hindurchzusehen seine Augen sich erst gewöhnen mussten.
   Karl-Heinz befand sich in einem Büro, was er sofort bemerkte, da Büros ihm in keiner Weise fremd waren. Zwar hatte man dieses hier anders eingerichtet als dasjenige, in dem er zu Hause in Nesselheim zu arbeiten pflegte, doch er konnte diesen Raum eindeutig als Büro identifizieren. In einem solchen nun zu stehen erleichterte ihn zunächst um ein hohes Maß, da die Foltermaschinen, die in seiner Fantasie schon reichlich auf ihn einzurasseln begonnen hatten, nicht zu sichten waren, sondern lediglich Aktenschränke, Gardinen und Topfblumen vor den Scheiben und ein Schreibtisch mit einem dahinter aufgestellten, zum Fenster in die Sonne gedrehten Sessel. Er wusste sofort: Dort saß jemand.
   »Schließen Sie die Tür, Herr Niemand!«, hörte er vom Sessel her hinüberschallen. Er hielt es für ratsam, diesem Befehl unverzüglich Folge zu leisten. Verwirrt sah er noch durch den sich verkleinernden Spalt die vier senkrecht zu den Wänden aufgereiht dastehenden Männer, die allesamt die Arme hinter dem Rücken verschränkten und ein zufriedenes, ihm seltsam erscheinendes Lächeln zu ihm hinübergrinsten, bevor sie endgültig aus seinem Blick verschwanden. Nachdem die Tür im Schloss eingerastet war, drehte er sich hastig um und fragte inbrünstig den vermeintlich im Sessel Sitzenden und offenbar einer höheren Instanz Angehörigen: »Was haben Sie mit mir vor?«
   »Nichts, Herr Niemand! Nichts Besonderes! Ich muss Ihnen nur ein paar Fragen stellen, wogegen Sie sicherlich nichts haben werden«, tönte es vom Fenster her.
   »Stellen Sie Ihre Fragen und lassen Sie mich dann gehen!«, erwiderte Herr Niemand mit vor Irrsinn vibrierender Stimme erbost und vorwurfsvoll, mit seinem Körper unkontrolliert und erregt hin und her wackelnd, als könne er keine Sekunde länger auf ein aufklärendes Gespräch noch warten. Als plötzlich durch eine von ihm zuvor noch nicht bemerkte, weitere Tür eine Frau den Raum betrat, erschrak er sichtlich; offenbar handelte es sich bei ihr um eine Art von Sekretärin, die jetzt rasch zum Unbekannten im Sessel lief und mit diesem in einer ihm konspirativ erscheinenden Weise einige Worte tuschelte, die er allzu gern nur laut gehört hätte.
   »Was wird hier gespielt?«, erkundigte sich der immer noch in Panik sich befindende Karl-Heinz. Er hoffte endlich auf eine erlösende Antwort, die zu seinem Leidwesen man ihm zu geben allerdings nicht bereit war.
   Die Sekretärin setzte sich auf einen schlichten Stuhl neben dem Schreibtisch, hielt einen Block und Stift in ihren Händen und begann mit einer Art von Verhör. Sie fragte: »Wie heißen Sie?«
   Er nannte ihr brav gehorchend seinen Namen und fügte entnervt hinzu: »Das wissen Sie doch schon; weiß der Teufel, woher nur!«
   »Ich rate Ihnen eins, Herr Niemand, bleiben Sie dort, wo Sie sind, rühren Sie sich nicht von der Stelle!«, rief sie ihm in strengstem Ton zu und fuhr mit ihrer seltsamen Befragung fort. Bereitwillig, aber deprimiert gab er ihr seinen Wohnort, seine private Hausanschrift, sein Geburtsdatum, seine Arbeitsstelle und andere typische persönliche Daten von sich preis. Mit einem gewissen, ihm vorgehäuchelt vorkommenden Interesse guckte sie ihn hin und wieder an; während des Wartens auf Antworten tippte sie ungeduldig und ihn noch nervöser machend mit der Rückseite des Stiftes unentwegt und unüberhörbar auf den Tisch. Er musste diese Schmach wohl oder übel über sich ergehen lassen und sich unauffällig ein wenig umsehend fragte er sich, in welches Amt es ihn verschlagen habe und was hier wohl verwaltet werde. Als die eifrige, aber dennoch gleichgültig daherfragende Sekretärin mit diesen von ihm für völlig unsinnig gehaltenen Erhebungen fertig war, sagte der hinter der Lehne des Sessels im Verborgenen sitzende Unbekannte: »Herr Niemand, gleich ist es so weit: Gleich schicken wir Sie auf die Reise.«
   »Auf die Reise? Ich protestiere! Ich verlange eine Erklärung und zwar sofort!«
   Zwei kräftige Burschen stürzten in den Raum und packten den völlig Überraschten. Sie hielten ihn dermaßen fest, dass er kaum noch umherzustrampeln in der Lage war. »Jetzt geschieht es«, dachte er wild um sich zu schlagen versuchend, »jetzt bringen Sie mich um.«
   »Ganz ruhig«, hauchte der eine ihm in die Ohren, »gleich haben Sie’s ja überstanden.«
   Wie von Stromstößen durchflossen zuckte Herr Niemands Körper nun auf und ab, seine Beine traten wild in der Luft herum, seine Hände versuchten ihn von seinen Folterknechten loszureißen, verkrampften sich jedoch zu unbrauchbaren und bizarren Klumpen, die Arme ruderten hilflos im leeren Raum umher, Speichel der Angst und Tränen des Entsetzens befeuchteten sein verzerrtes Gesicht, in dem seine weit aufgerissenen Augen dem jetzt wohl nicht mehr zu vermeidenden, schon bald kommenden Tod entgegenblickten. Er schrie wie von Sinnen undefinierbare Laute seinen Peinigern ins Gesicht, doch niemand war zugegen, der ihm jetzt noch hätte helfen können. Völlig allein seinen übermächtigen Feinden in diesem einsamen Zimmer ausgesetzt konnte er nur noch demütig daherstammelnd um Gnade winseln, doch eigentlich hatte er die Hoffnung, lebend aus diesen Räumen herauszukommen, schon längst aufgegeben. Mit Mühe durch seine verschwommene Netzhaut hindurchblickend sah er die Sekretärin zu einem Schrank laufen, wie sie ihn ohne Hast öffnete und dort ein Kästchen mit darin umherpolternden Gegenständen herausnahm. Es behutsam mit beiden Händen tragend ging sie mit einem sich ihrer Sache sicher seienden Gesichtsausdruck auf den Festgehaltenen, sich ungestüm Schüttelnden zu und schickte sich an, es gelassen zu öffnen. Er vermutete, darin befinde sich das Werkzeug des Mordens, das wohl in wenigen Sekunden schon seinem Leben ein grausiges Ende bereiten werde. Dem zu entkommen hatte er zu hoffen aufgehört, fand sich damit ab, die letzten Augenblicke seines Daseins zu fristen und hoffte lediglich darauf, dass sein unmittelbar bevorstehendes Sterben schnell und schmerzlos vonstattengehen würde. Mit schnell dahinschlagenden Wimpern starrte er auf die Nadel einer Spritze, welche die Frau zusammen mit einem kleinen Fläschchen dem Kästchen entnommen hatte. Um freie Hand zu haben, legte sie es auf den Schreibtisch. Sie schraubte den knirschenden Verschluss des Fläschchens ab und ließ ihn lässig zu Boden fallen. Die Spritze tauchte sie in die Öffnung und saugte den gesamten Inhalt in sie hinein. Sie fuchtelte ihm damit vor den Augen herum, drückte noch ein wenig von der farblosen, tückischen Flüssigkeit heraus und setzte dazu an, Herrn Niemands Körper damit zu stechen. Erneut bäumte er sich ein letztes Mal auf, doch spürte er aufgrund all seiner schon unternommenen, vergeblichen Versuchen, renitenten Widerstand zu leisten, seine Reserven derart schwinden, dass er nun, vom Wahn des Todes zusätzlich gelähmt, hilflos und verzweifelt auf die Knie sinken musste und einsam vor sich hinflehend auf die Verabreichung der ihn vernichtenden Dosis wartete, welche in wenigen Sekunden sein Blut vergiften würde. Schon spürte er ein kaltes Stechen in seinem rechten Arm und die in ihn hineinfließende, kühle Flüssigkeit, die wahrscheinlich schon bald sein noch wild schlagendes Herz zum Stillstand bringen würde. Nachdem man ihn losgelassen hatte, sackte sein Körper auf den Boden. Schnell verschwand die Helligkeit des Raumes, wurde zu einer trüben Dunkelheit, die nach kurzer Zeit völlig über den sich nicht mehr Windenden hereinbrach.

Als Karl-Heinz Niemand seine geröteten Augen öffnete, befand er sich an einem unbekannten, ihm völlig fremd vorkommenden Ort. Er glaubte zunächst, aus einem grässlichen Traum erwacht zu sein, als er vergeblich versuchte, seinen gekrümmten Körper in die Höhe zu hieven, um so schnell wie möglich sich orientieren und die allgegenwärtige, ihn umringende Wirklichkeit mit hartnäckiger Hingabe erforschen zu können. Doch seine Bemühungen, sich zu bewegen, gelangen ihm zunächst nur kaum, denn seine Beine fühlten sich noch schlapp an, im Innern seines Bauches rumorte es und sein brummender Schädel vermochte keinen klaren Gedanken zu fassen. Zumindest bemerkte er, dass er auf etwas Hartem lag und nicht etwa, wie er es sich sehnlich gewünscht hätte, in seinem Bett daheim. Denn gewöhnlich lag er, wenn er sich als zivilisierter Mensch überhaupt irgendwo zum Liegen niedergelassen hatte, in seinem Bett oder allenfalls auf einem Sofa im Wohnzimmer. Doch Möbelstücke konnten seine umherschweifenden, noch tränennassen Augen nicht erspähen. Ernsthaft musste er sich die Frage stellen, an welchen neuen Ort es ihn diesmal schon wieder verschlagen habe. Er war nicht in seinem Schlafzimmer und hörte auch keine Geräusche eines Weckers. Die ihn umgebende Stille war unvorstellbar absolut und intensivierte noch zusätzlich seinen Zustand der Verwirrung. »Wo bin ich hier?«, fragte er sich selbst, denn Personen, welche die Frage hätten beantworten können, schienen nicht zugegen zu sein, denn zu seinem Leidwesen blieb jegliche Antwort aus. Mit Mühe hatte er seinen Oberkörper nun doch nach oben gereckt, lag aber noch immer mit seinem leicht schmerzenden Steißbein auf dem Boden mit darauf sich abstützenden Unterarmen und sah sich weiter mit unkontrollierten Kopf- und Augenbewegungen um, erblickte aber nichts, mit dem er irgendetwas hätte anfangen können. Wegen seiner Schwäche rutschten plötzlich seine Ellenbogen ab und nur unter großen Muskelanstrengungen seines hinuntersackenden Oberkörpers konnte er das Aufprallen seines ohnehin schon zur Genüge brummenden Schädels auf den harten Boden so eben noch verhindern. Seine jetzt nach oben gerichteten Augen erspähten ein vollkommen frei über ihm schwebendes, riesiges Blau. Der Himmel spannte sich über seinen rätselhaften Hort wie ein gewaltiges und unendlich weit von ihm entferntes Gewölbe.
   »Was ist nur mit mir geschehen?«, dachte er unentwegt, als er dalag wie etwas in dieser Einöde achtlos Zurückgelassenes. Seinen schweren und unkontrollierten Atem kurz anhaltend versuchte er nach irgendwelchen, ihm vielleicht bekannt vorkommenden Geräuschen zu lauschen, doch das, was er hörte, war ausschließlich das nur in vollkommener Stille wahrnehmbare Summen in seinen eigenen Ohren. Denn gewöhnlich registrierten seine Ohren immer irgendwelche von außen stammenden Geräusche, wie beispielsweise das nächtliche Rauschen einer Toilettenspülung in einem Mietshaus oder der zu jeder Tageszeit sogar durchs geschlossene Fenster dröhnende und nie ganz aufhörende, tosende Lärm auf der belebten Straße. »Es ist so still hier, so verdammt still«, dachte er, als er abermals versuchte, sich aufzuraffen, um die Gegend, in die man ihn hineingeworfen hatte, gründlich zu erkunden. Doch der Ort, an den es ihn verschlagen hatte, war wie tot. Nichts Lebendiges schien hier zu existieren, eine einzige Wüste von massiven Wänden umgab erbarmungslos den hoffnungslos auf sich Alleingestellten. Immer mehr rückte ihm diese Einsamkeit ins Bewusstsein und da er dies nicht wahrhaben wollte, rief er verzweifelt und mit krächzender Stimme gegen das ihn umzäunende Gemäuer: »Hallo! Ist da jemand?« Doch wie von ihm befürchtet, meldete sich darauf niemand. Gleich nach den gespenstisch klingenden, nachhallenden, abstruse Echos hervorrufenden Schreien stellte sich wieder eine grausige Stille ein. Die Mauern verschluckten auch die weiteren Versuche, schreiend Aufmerksamkeit zu erlangen, erstickten seine Rufe mit ihrer gewaltigen Stärke und leiteten sie lediglich chaotisch kreuz und quer durch die vielen Gänge, in denen sie nach einiger Zeit wie nie gerufen verstummten.
   Er schabte mit seinen Absätzen am Boden herum und bemerkte, dass dieser ziemlich eben und nur stellenweise rau war und in grau-bläulicher Farbe das von oben hineinflutende Licht absorbierte. Als er etwas heftiger mit seinen Beinen herumruderte, stieß er leicht gegen einen dumpf ertönenden Gegenstand. Wie aus allen Träumen gerissen und hoffend, Überraschendes entdecken zu können, lenkte er gespannt seine Augen zu der Stelle, von der das Geräusch gerade noch zu hören gewesen war, und erblickte lediglich seine braune Aktentasche. Als habe er einen seit Ewigkeiten nicht mehr gesehenen Freund aus Zufall irgendwo wieder getroffen, stürzte er sich trotz seines geschundenen Körpers mit lebendiger Gier auf sie; für einen kurzen Augenblick begrub er seine leicht verkratzte Tasche unter sich, sie beschützend und wärmend wie ein hilfloses Kind. Glücklicherweise schien sie nicht weiter beschädigt zu sein; auch ihr Gewicht und das beim Hin- und Herschwingen typische Klappern ihres Inhaltes waren offensichtlich unverändert geblieben. Ein Lächeln der Zufriedenheit enthuschte seinem Gesicht, denn immerhin hatte er etwas gefunden, was zweifellos sein Eigentum war und ihm vielleicht noch eines Tages nützlich sein würde. Mit zittrigen Handbewegungen öffnete er seine Tasche und blickte, um ihren Inhalt zu überprüfen, in sie hinein und stellte tatsächlich fest, dass nichts fehlte, sie offenbar mit ihm zusammen an diesen noch zu erkundenden Ort gelangt war. In seinem Mund steckte jetzt ein eigentlich viel zu großes Stück Brot, welches er hastig der Tasche entnommen hatte, und im Rausch des nackten Hungers wurde seine Mundöffnung zu einem ungeheuerlichen Schlund, der geifernd dieses riesige Stück in Sekundenschnelle zu zermalmen begann. Der mit Verschlingen Beschäftigte spürte förmlich, wie das ausgedörrte und fad schmeckende Brot hinunterglitt und in der Speiseröhre häufig stecken bleibend einen stechenden Schmerz in seiner Brust verursachte. Schlimmer jedoch erwies sich die kantig in seiner Kehle nun hartnäckig verharrende, harte Kruste, die er unbedingt mit etwas Flüssigem aufweichen und herunterspülen musste, denn er drohte zu ersticken. Panisch um Luft ringend kramte er noch immer am Boden kauernd erneut in seiner Tasche herum und holte die Thermoskanne heraus, die glücklicherweise wegen seines geplatzten Büroaufenthaltes noch nicht leer getrunken war. Wie besessen schüttete er sich den kalt gewordenen Tee in seinen Schlund, wobei das meiste dort hineinplatschte, ein erklecklicher Teil jedoch gebrochen wie an einem Fels an beiden Gesichtshälften geräuschvoll zu Boden spritzte. Nachdem er seinen Hals freibekommen hatte, blieb er in einer Pfütze von langsam in alle Richtungen versickerndem Tee eine Weile lang liegen, um das soeben Verspeiste und Getrunkene zu verdauen, um sich von all den anderen ihm widerfahrenen Strapazen, die nach wie vor wie ein dunkler Schleier seinen Geist umnebelten, zu erholen. Sich voller Sorgen an die verklebte Stirn fassend fragte er sich ständig: »Was ist geschehen? Wo bin ich hier?«
   Nach einigen Minuten jedoch hielt ihn nichts mehr unten, körperlich einigermaßen gestärkt schaffte er es nun, sich aufzuraffen und damit zu beginnen, mit suchendem Blick durch die öde Gegend zu schlendern. Die Stelle, an welcher er den Tee vergossen hatte, fand er nie wieder. Schnell erkannte er, dass der ihn gefangen haltende Ort kein gewöhnlicher war, sondern ein Ort außergewöhnlicher Rätselhaftigkeit. Alles ihm Begegnende schien unterschiedlich und dennoch sich überaus ähnelnd gleich zu sein. Er konnte es nicht fassen, aber er musste nach reiflicher Überlegung die irrsinnige Erkenntnis erlangen, obgleich er dies niemals für möglich gehalten hätte und alles in ihm sich auf das Heftigste dagegen sträubte, dass er und seine Aktentasche eingeschlossen waren in einem wahrhaftigen und gewaltigen Labyrinth.
   Er legte die Tasche auf den Boden und lehnte sich an eine der vielen aneinanderstoßenden Wände. Das Einzige, was ihm jetzt noch blieb, war lediglich, darüber nachzudenken, warum man ihn in diese ihm völlig ungewöhnlich erscheinende Gegend überhaupt verschleppt hatte und was er unternehmen sollte, um so schnell wie möglich diesem Wahnsinn entrinnen zu können. Wie würde die Zukunft von Karl-Heinz Niemand aussehen? Er hatte das Gefühl, einen Schlag auf den Kopf erhalten zu haben, als sei er einer menschenunwürdigen Gehirnwäsche unterzogen worden, als habe er fast gänzlich sein Gedächtnis verloren. Trotzdem aber spürte er, dass er noch lebte und ohne Weiteres nicht zur Strecke zu bringen war, und beruhigenderweise sah er zumindest im jetzigen Augenblick keine unmittelbare Gefahr auf sich zukommen. Er konnte nichts anderes tun, als die sich überall vor ihm erhebenden Mauern, die er zweifelsfrei in ihrer Gesamtheit nur als Labyrinth bezeichnen konnte, so zu akzeptieren, wie sie ihm gleichgültig, unverrückbar und völlig gefühllos gegenüberstanden.
   Nachdem er sich wieder erhoben hatte, setzte er seine ihm eigentlich sinnlos vorkommende Wanderung fort; dabei begegneten ihm mit hartnäckiger Selbstverständlichkeit auf Schritt und Tritt offenbar endlos ineinander verschlungene Wände, deren Ähnlichkeit untereinander und deren leibhaftige Symbolisierung der Ausweglosigkeit sein Gehirn dermaßen verwirrten, dass nicht eine einzige der darin sich anhäufenden Fragen beantwortet werden konnte und er sich hoffnungslos einer unvorstellbaren, kaum zu ertragenden Rätselhaftigkeit ausgesetzt sah.
   »Ich bin verloren«, dachte der sich nun an einer beliebig ausgewählten Wand Anlehnende, »denn irgendwann, vielleicht in kurzer Zeit schon, werde ich verhungert oder verdurstet sein, denn ich habe bald nichts zu essen und zu trinken mehr.«
   In der Tat – er musste dafür Sorge tragen, so schnell wie möglich Lebensmittel irgendwelcher Art aufzutreiben und sich eventuell sogar einen Vorrat anzulegen. Doch konnte er hier nicht einfach in ein Geschäft gehen und sich etwas kaufen, denn Geschäfte oder andere zivilisiert erscheinende Gebäude waren weit und breit nirgends zu entdecken. Das Geld, das in seinem Portemonnaie steckte, erwies sich als unnützer Ballast, den er ständig und überall mit sich herumschleppen musste, allenfalls darauf hoffend, vielleicht doch eines Tages etwas damit anfangen zu können. Im Augenblick aber sah es so aus, als sei er tatsächlich verloren, denn er zweifelte nicht im Geringsten daran, dass der überwiegende Teil der Menschheit nicht den blassesten Schimmer hatte von seinem unfreiwilligen Aufenthalt in diesem Labyrinth, das aus irgendwelchen in keiner Weise für ihn nachvollziehbaren Gründen erbaut worden war und ihn monoton zu erdrücken und in den Wahnsinn zu treiben drohte. In seiner Orientierungslosigkeit wusste er nicht einmal, in welches Land oder gar auf welchen Kontinent es ihn verschlagen hatte, denn das Einzige, was man ihm von seiner Umwelt zu erblicken noch erlaubte, war lediglich, aber immerhin der blaue, an den hohen Mauern stoßende Himmel, der ihm, obwohl nur stückchenweise sichtbar, erheblich majestätischer als sonst vorkam. Er wusste tatsächlich nicht, welcher Breitengrad mit welchem Längengrad sich unter seinen Füßen kreuzte, ob überhaupt dieser Ort mit seinen verworrenen Gängen auf irgendeiner Karte eingezeichnet war, denn davon gehört hatte er noch nie.
   Der Gepeinigte ließ seinen Rücken an einer Wand hinunterrutschen, wobei sich seine Kleidung heftig an ihr rieb und stellenweise an scharfen, kaum sichtbaren, kantigen Vorsprüngen hängen blieb. Dadurch wurde sie ein wenig zerfetzt, was ihm aber, nachdem er es beiläufig registriert hatte, kaum etwas mehr ausmachte. Mit Mühe schaffte er es, die Beine gekreuzt übereinander zu verschränken, dann legte er seine Arme an die Wand, über die er seine Hände streichen ließ, bis die Finger die Stelle ertasteten, an der sich Wand und Boden trafen. Den Kopf presste er nach hinten und als er den Druck intensiver spürte, kam er auf die Idee, mit geringfügigen, hin- und hernickenden Bewegungen seinen Schädel ein paarmal vor die Mauer zu schlagen, um vielleicht seine darunter ungestüm sich überschlagenden Gedanken ein wenig zu ordnen. Allmählich hatte sich das mit regelmäßiger Frequenz ablaufende Aufeinanderprallen zwischen seinem Kopf und der Wand eingespielt und er war halbwegs zufrieden darüber, eine einigermaßen sinnvolle Beschäftigung gefunden zu haben. Eine erbarmungslose Welle von grausiger Langeweile, gepeitscht von einer eintönigen, aber heftigen Brise seiner unergründbaren Situation begrub ihn jedoch unter sich und durchschüttelte seine Gedanken und sein hier in der Einöde zurückgelassenes Empfinden wie ein mächtiger Orkan, der in einem gewaltigen Chaos vernünftiges und zum Ziel führendes Nachdenken nicht zuließ und schon kleinste Versuche wie nie gedacht und überflüssig erscheinend in alle Richtungen verwehte.
   Nach einiger Zeit jedoch schmerzte sein Kopf noch stärker, als dies bei seinem Erwachen in dieser Wüste von Mauern der Fall gewesen war, weswegen er nun ganz abrupt seine ruckartigen Nick-Bewegungen einstellte, da ihm plötzlich deren Sinnlosigkeit bewusst wurde und er nicht weiterhin seiner Selbstzerstörung frönen wollte. Da seine Hände klebrig und dreckig waren, versuchte er, sie an seiner zerknitterten Hose zu säubern; an ihr reibend presste er aber den Dreck noch mehr in seine Poren hinein und trotz verbissener Bemühungen wollten seine lediglich heiß werdenden Hände nicht richtig sauber werden. Was ihm eindeutig fehlte, war Wasser, um den Schmutz lösen zu können; allerdings hätte er, wenn er jetzt in den Besitz von Wasser gekommen wäre, es wegen eines schon wieder neu aufgekommenen Durstes gierig getrunken und sich nicht etwa damit gewaschen. Karl-Heinz gab es nun auf, seine Hände über die Hose zu streichen und entschied sich klugerweise dafür, seine Kräfte, die er eines Tages noch zu benötigen glaubte, besser zu schonen. Nachdem er sich zur Seite hatte plumpsen lassen, krümmte er auf dem Boden liegend nun seinen Körper noch weiter zusammen, verschränkte die Arme unter die spitz angewinkelten Beine, verhakte seine Hände ineinander und hatte bald das Gefühl, wie ein zugeschnürtes Paket sinnlos in der Gegend herumzuliegen. Er blickte durch den engen Spalt seiner Beine hindurch und sah dort die beiden sich gegenseitig festhaltenden Hände, als versuchten sie tröstend einander zu streicheln. Da er die Hände fest gegen seine Knie presste, bemerkte er plötzlich die an seinem Handgelenk mittlerweile verdrehte, schmerzhaft gegen die Knochen drückende Armbanduhr. Er entwirrte hastig seine ineinander verschlungenen Gliedmaßen, um einen Blick auf sie zu werfen. Als er dies mit skeptisch und ungläubig dahinstarrenden Augen bewerkstelligte, bemerkte er zu seiner Erleichterung, dass seine Uhr noch funktionierte. Um die angezeigte Uhrzeit zu überprüfen, blickte er zum Himmel und überprüfte die Lichtverhältnisse. Es war noch hell, doch er konnte von seiner Position aus wegen der hohen Mauern die Sonne nicht erblicken. Daraus schlussfolgerte er, dass es schon spät am sommerlichen Abend war. Dies zu wissen, reichte ihm jedoch nicht; da er immer noch völlig durcheinander war, wollte er außer der bloßen und eigentlich in dieser Umgebung unerheblichen Uhrzeit jetzt außerdem noch in Erfahrung bringen, welches Datum man schrieb. Deshalb versuchte er nun, auf den rechts an seiner Digitaluhr angebrachten, nur stecknadelkopfgroßen Knopf zu drücken, was ihm zunächst nicht recht gelingen wollte, da die Finger seiner rechten Hand ein wenig zitterten und er zudem noch sein linkes, vom Uhrenarmband umschlossenes Handgelenk nicht ruhig halten konnte. Trotzdem schaffte er es nach einiger Zeit, den Knopf lange genug gedrückt zu halten, um die zwei mit einem kleinen Abstand versehenen Zahlen ablesen zu können: Demnach schrieb man den neunten Juli. Dies kam ihm realistisch vor, denn lauwarm strömte die von ihm geatmete, sommerliche Abendluft in seinen Mund und seine Nase hinein.
   Inzwischen war Herr Niemand zu irgendeiner weiteren Mauer gekrochen und hatte sich an sie angelehnt, um in bequemer Haltung ein wenig zu grübeln. Immerhin wusste er jetzt, dass er an einem neunten Juli zu später Abendstunde in einem Labyrinth saß. Leider besaß seine Uhr keine Wochentagsanzeige, denn es hätte ihm vielleicht etwas weitergeholfen, den genauen Wochentag zu erfahren, obwohl andererseits an diesem Orte ein Sonntag von einem Mittwoch vermutlich nicht zu unterscheiden war. Die Zeit schien hier bedeutungslos vor sich hinzuplätschern. Da er aber gerade nichts zu tun hatte, entschied er sich dennoch dazu, sich mit ihr zu beschäftigen und ein bisschen auf seine erst kürzlich wiederentdeckte Digitaluhr zu starren. Unentwegt und leicht vibrierend sprangen kantig die Ziffern ineinander über und zogen ihn für eine Weile in den Bann, da sie in dieser Wildnis aus Wänden offenbar das Einzige zu sein schienen, das sich zumindest in irgendeiner Weise bewegte. Doch nach einer Weile hatte er auch davon genug, zumal er schnell begriffen hatte, dass die völlig leblos an seinem Handgelenk angelegte Uhr hier für ihn gänzlich nutzlos war. Ungeschickt und hastig öffnete er ihren Verschluss und riss sie sich vom Arm herunter, was wehtat, weil einige Haare seines Armes in den Ritzen des Armbandes eingeklemmt waren. Er schrie kurz auf, doch nur er selbst war es, der als Einziger diese zu ihm zurückhallenden, ihn ungläubig zusammenzucken lassenden Geräusche vernehmen konnte. Unter anderem auch darüber frustriert warf er nun die silbrige Uhr von sich fort und hörte den Aufprall auf dem Boden. Überraschenderweise vernahm er lediglich einen fremdartig klappernden und nur wenig metallisch klingenden Ton. Seine Uhr blieb mit der Rückseite nach oben liegen und an einigen Stellen blinkte sie im Scheine der bald untergehenden Sonne.
   Seit einiger Zeit schon kauerte Karl-Heinz Niemand an der Wand und beobachtete melancholisch den Schatten, der sich langsam, aber unaufhaltsam in Richtung der einige Meter von ihm entfernt liegenden Uhr ausbreitete und kurz davor war, sich vollständig über sie zu werfen. Er spürte, dass der Tag zu Ende gehen würde, und begann sich allmählich vor der bald über ihn hereinbrechenden Dunkelheit zu fürchten. Er rechnete nicht mit während der Dämmerung sich plötzlich selbst einschaltenden Laternen. Er stellte sich sein Gefängnis in der Nacht noch grauenhafter vor als bei Tag. Sehnlichst wünschte er sich, irgendetwas dabeizuhaben, um etwas Licht in das ihn schon bald umringende Dunkel bringen zu können, und immerhin vermochte er ein Feuerzeug aus seiner Aktentasche zu kramen. Es in seinen verschwitzten Händen haltend betätigte er es einige Male kurz, um es auf seine Funktionstüchtigkeit zu überprüfen. Ein kleines Flämmchen züngelte dem Himmel empor und kleine Funken knisterten trügerisch in der Dämmerung der ihn umschlingenden Mauern. Er hielt es jedoch für ratsam, mit dem im Feuerzeug komprimierten Gas sparsam umzugehen, und legte es wieder zurück in die Tasche. Er lehnte sich wieder fester an die allmählich kühler werdende Wand und fuhr sich mit beiden Händen durch die durcheinandergeratenen, verschwitzten Haare und kämmte sie notdürftig mit den bloßen Fingern. Dabei fasste er sich unweigerlich an seine Stirn, hinter der ihm ein unangenehmes, schmerzhaftes Pochen zu schaffen machte, weshalb er die Augen schloss und heftig zusammenkniff, um mit äußerster Konzentration dagegen anzukämpfen; doch es gelang ihm in keiner Weise, die Schmerzen einfach wegzudenken. »Wo bin ich hier bloß gelandet?«, fragte er sich und machte keinerlei Anstalten, seine Frage auch lauthals gegen die Wände zu schreien, da er mittlerweile wusste, dass er mit sich allein war und niemand darauf hätte antworten können. Hier schien tatsächlich keine Menschenseele außer seiner eigenen zu existieren, denn bislang hatte er in dem ihn als unfreiwilligen Gast beherbergenden Labyrinth keinen Hinweis auf irgendetwas entdeckt, das man als annähernd menschlich oder zumindest lebendig hätte bezeichnen können. Er musste fast der paradox erscheinenden Annahme folgen, dass irgendjemand diese Gemäuer errichten ließ, um ausgerechnet und einzig und allein nur mit ihm einen nicht mehr lustig zu nennenden Schabernack zu treiben. Denn das, was bisher mit dem nun bedauernswert hier herumlungernden Karl-Heinz geschehen war und nur langsam und lückenhaft in seiner Erinnerung wieder häppchenweise zum Vorschein kam, drängte ihm den unter normalen Umständen absurd erscheinenden Verdacht auf, dass man mit dem Leibhaftigen selbst im Bunde ausgerechnet ihn als Versuchskaninchen für dessen teuflische und mit Worten kaum zu beschreibende Spiele auserkoren hatte. Da die hohen, ihn umgebenden Mauern kaum von allein wie Pilze aus dem Boden geschossen sein konnten, vermutete er: »Irgendjemand muss dies erbaut haben.«
   Da seine Verwirrung noch längst nicht von ihm gewichen war, versuchte er nun, Ordnung in sein Gehirn zu bringen, indem er auf geringem Umfang im Kreis umherlief, sodass sein erlahmter Körper ein wenig in Schwung zu kommen und er genügend Sauerstoff in sich aufzunehmen vermochte. Doch leider wurde dem schwer Atmenden dabei schwindelig und unkontrolliert umhertaumelnd trat er versehentlich auf seine ungünstig auf dem Boden liegende Aktentasche, sodass er auf ihr herumrutschend das Gleichgewicht verlor und niederstürzte. Er blieb auf dem Bauch liegen und unter seinen Beinen hatte sich die zuvor von ihm übersehene Tasche verheddert. Wütend über dieses komische Missgeschick ballte er die Fäuste und zischte mit zusammengebissenen Zähnen Töne des Frustes aus seinem Speichel absondernden Mund heraus. Als er sich ein wenig beruhigt hatte, wollte er die mitten im Weg liegende Tasche vorsorglich und ordentlich an eine der Mauern lehnen und als er sie kurz berührte, rollte wie von Geisterhand geführt sein silberner Füller heraus. Da er nichts Besonderes zu tun hatte, beschloss er, ihn sich einmal aus der Nähe zu betrachten. Auf allen vieren kroch er ein kleines Stück zu seinem Schreibgerät hinüber, starrte nun darauf in der Haltung einer sich zur Milchschale hinunterbeugenden Katze und griff anschließend danach und rollte ihn langsam in seinen Händen hin und her. Seine Absicht bestand nur darin, den auf seinem Füller eingravierten Schriftzug zu entziffern, denn er wusste, dass dort teilweise sein Name zu lesen war. Wie er hieß, hatte er zwar noch nicht vergessen; er wollte aber dennoch nachsehen, ob er recht hatte, denn in dieser irrsinnig machenden Gegend musste er mit allem rechnen und hatte nun das verständliche Bedürfnis, zu erfahren, ob man ihm noch gestattete, er selbst zu sein. Die Dämmerung allerdings sorgte dafür, dass die Buchstaben undeutlich vor seinen Augen schwammen, weshalb er nun mit Hilfe des Feuerzeuges Licht machte, und im flackernden Schein las er tatsächlich »K.-H. Niemand« auf dem die Helligkeit in sein Gesicht hinüberspiegelnden Füller.
   Als die Dunkelheit den verzweifelt über sein Schicksal Nachdenkenden völlig übermannt hatte, zeigte sich glücklicherweise am Himmel zu später Stunde der Mond, der die anfangs von ihm befürchtete stundenlange Schwärze nicht über ihn hereinbrechen ließ. Der Erdtrabant, dem er bislang in seinem Leben kaum Beachtung geschenkt hatte, beleuchtete das Labyrinth mit einer erstaunlichen Helligkeit, die er nicht für möglich gehalten hatte. Sterne und Planeten flimmerten und leuchteten am nächtlichen Sommerhimmel zu ihm hinab und gekrümmt wie ein Embryo daruntergebettet hatte er den Kopf auf die als Kissen gut zu gebrauchende Aktentasche gelegt. Die Knie und seine Hände hatten sich an einem Punkt zusammengezogen und zugedeckt mit seiner dünnen Jacke gelang es ihm trotz allen Übels, irgendwann nach Mitternacht einzuschlafen.
   Am nächsten Morgen wachte er auf. Er glaubte noch eine Weile, in seinem heimatlichen Bett zu liegen, bevor er schlagartig und wie aus allen Träumen gerissen aufzuckte und ihm plötzlich wieder bewusst wurde, dass irgendein unerklärlicher Wahnsinn ihn in dieses geheimnisvolle Labyrinth verfrachtet hatte. Die fassungslos von ihm angestarrten Wände stellten sich rau und untapeziert seinen hilflosen Blicken entgegen und als müsse er noch einmal überprüfen, ob er nicht doch träumte, sprang er auf und lief zu einer dieser vielen Mauern hinüber und presste beide Hände darauf. Er merkte, dass es ihm keinesfalls gelingen konnte, die seinen Blick nun völlig versperrende Wand in irgendeiner Weise zum Einsturz zu bringen, da sie viel zu hoch und fest gemauert war. Deprimiert und fast ehrfurchtsvoll nahm er seine Hände von ihr, trat einige Schritte zurück und blickte zu ihr hoch und erkannte, dass es ohne Hilfsmittel niemals möglich sein würde, sie in ihrer gewaltigen Höhe zu übersteigen. Und selbst wenn es ihm glücken würde – wer garantierte ihm, dass hinter dieser einen Mauer nicht noch eine viel höhere auf ihn wartete? Um ihre Rückseite zu erreichen, hätte es möglicherweise eines jahrelangen, beschwerlichen Marsches bedurft und unter Umständen hätte er nicht einmal erkannt, dass er sein willkürlich ausgewähltes, im Grunde sinnloses Ziel überhaupt erreicht hätte. Jede Mauer und jeder Winkel waren scheinbar so gleich wie alle übrigen, jeder in diesen Gassen gemachte Schritt musste ihm überflüssig und geradezu absurd vorkommen.
   Nach der vergangenen, einigermaßen erholsamen Nacht spürte er nun ein wenig Kraft in sich aufkeimen, allerdings wusste er nicht so recht, für welchen Zweck er sie in dieser Einöde einsetzen sollte. Das Einzige, was ihm einfiel, war lediglich, einige aus seiner Aktentasche gestern abgesehen vom Füller unbemerkt herausgefallene, unordentlich in der Gegend herumliegende Sachen vom Boden aufzulesen und akkurat wieder einzupacken. Er ging auch zu seiner am Boden liegenden Uhr und legte sie sich wieder an. Anschließend klemmte er sich die sorgfältig zugeschlossene Tasche unter den Arm und entschied sich spontan dazu, sich ein wenig die Beine zu vertreten. Entgegen seinen Gewohnheiten steckte er sich die aufgrund seiner unbequemen Nachtruhe faltig und lose gewordene Kleidung nur notdürftig in die Hose und anschließend machte er sich daran, die an seinen Schuhen nicht mehr fest sitzenden Schleifen zu erneuern. Als er ein paar Meter gegangen war, blickte er sich noch einmal um. Wahrscheinlich würde er die Stelle seines ersten nächtlichen Quartiers niemals wiederfinden. Das ihn beherbergende Labyrinth schien gewaltige Ausmaße zu haben und je länger er an diesem Morgen darin herumspazierte, desto bewusster wurde ihm, dass er nicht träumte, dass er tatsächlich dazu verdammt war, in irgendeinem Irrgarten herumzulaufen, wohl wissend, dass jeder von ihm gemachte Schritt so sinnlos war wie der vorangegangene und derjenige, der noch folgen würde.
   Die von ihm durchwanderten Gänge waren schmal, die Wände und Mauern indessen von beträchtlicher Höhe. Die Maße schienen zu variieren; dennoch war es ihm nicht möglich, sich bestimmte Ecken, Winkel und Abstände derart einzuprägen, als dass ihm eine Wiederkehr zu einer bestimmten Stelle hätte gelingen können. Staunend schlenderte er mit seiner nun am rechten Arm inzwischen äußerst heftig ziehenden Tasche an den Wänden und Nischen vorbei. Er konnte es aber nicht übers Herz bringen, sie einfach als nutzlosen Ballast irgendwo liegen zu lassen, denn immerhin war sie Karl-Heinz’ einziger treuer Begleiter. Um seinen rechten Arm zu entlasten, übergab er sie seiner linken Hand.
   Herr Niemand spazierte unwissend und ratlos durch die ineinander verschlungenen Gassen seines Daseins – durch Gassen, die keine Namen trugen und fast ununterscheidbar in friedlicher Stille vor sich hindösten. Dem ständig langsamer Werdenden boten sich immer wieder eine Unzahl von Wegen, auf denen er hätte weitergehen können, doch führten ihn diese alle nur ins Nichts, dorthin, von wo er gekommen war. Da er die Zwecklosigkeit seiner Wanderung erkannte, blieb er nun irgendwo stehen und setzte sich auf seine Tasche, die wenigstens auf diese Weise von ihm genutzt werden konnte. Die Wand, zu der er jetzt hochblickte, wurde einige Meter über ihm von der morgendlichen Sonne angestrahlt, sodass sich scharf eine horizontale Grenze zwischen Licht und Schatten gebildet hatte. Er beobachtete eine Weile, wie der Schatten auf der Wand mit erstaunlich großer Geschwindigkeit nach unten sank, und als er genug davon hatte, schloss er die Augen, um sich zu konzentrieren und sich diejenigen Ereignisse ins Gedächtnis zurückzurufen, die letztendlich dazu geführt hatten, dass er jetzt an diesem seltsamen Ort wie ein schwachsinniger Tölpel herumlungern musste. Sein brummender Schädel wurde nach und nach von den Strahlen der steigenden Morgensonne beschienen, wodurch seinen Erinnerungsversuchen nun tatsächlich auf die Sprünge geholfen wurde, denn plötzlich sah er all das ihm zugefügte Leid vor sich: Die fünf Männer, die ihn wie einen tollen Hund durch die Straßen Nesselheims gejagt hatten, wie sie ihn umstellt, gefangen und auf unsanfte Art und Weise zu ihrem Wagen gezogen hatten; die entsetzlich lange Autofahrt, während der er hatte schmoren müssen in einer kaum zu ertragenden, brütenden Hitze; das zerfallene Haus, in dem man ihn in dieses geheimnisvolle, einem Büro ähnelnden Zimmer getrieben hatte, wo man ihn anschließend nach einem belanglosen Verhör mit einer Spritze narkotisiert hatte, mit einer Spritze, von der er zunächst befürchtet hatte, es sei die Spritze des Todes. Hatte er jemanden verärgert? Hatte er etwas derart Schreckliches getan, dass man es für erforderlich hielt, auf diese unwürdige Weise mit ihm umzuspringen? Oder handelte es sich um eine folgenschwere Verwechslung, deren Opfer er nur zufälligerweise geworden war? Und wenn ja, wann würde man diesen Irrtum bemerken und ihn endlich in die Freiheit entlassen? Andererseits aber musste er befürchten, man würde ihn im Falle eines Missverständnisses in diesen Mauern gleichgültig vergessen, um diese wahnsinnige Tat an seinem Leib und an seiner Seele zu vertuschen, denn die skrupellosen Ränkeschmiede, die ihm all dies angetan hatten, wären vermutlich niemals dazu bereit gewesen, sich ihm und der Gesellschaft gegenüber zu verantworten. Voller Sehnsucht hoffte er auf eine baldige Lösung des ihm gestellten Rätsels, mit dem sich unablässig zu beschäftigen er brutal gezwungen wurde. Niemand hatte ihn vorher gewarnt und das Unglück, das sein Leben nun zu zerstören drohte, hatte sich wie aus heiterem Himmel auf ihn gestürzt. Er wünschte sich, man würde, falls man ihn wirklich zu töten beabsichtigte, kurz und schmerzlos mit ihm ins Gericht gehen und nicht vorher versuchen, ihn vollends in den Wahnsinn zu treiben. Mit seinen trüben Gedanken dermaßen allein, dass auch das lauteste Rufen den nächsten, vielleicht mehr als tausend Kilometer entfernten Menschen niemals erreicht hätte, stampfte er nun fassungslos und erzürnt wie ein rebellisches Kleinkind auf dem Boden herum, als wolle er ihn auflockern, um einen Tunnel ins Freie zu graben. Doch nur wenige und viel zu kleine Steinchen lösten sich aus dem Fundament heraus und kullerten wie verirrte Murmeln von ihm weg. Das ungestüme Treten setzte er so lange fort, bis die Erschöpfung ihn nach unten riss und ihm unmissverständlich klarmachte, dass seiner rasenden, leidenschaftlich über ihn herfallenden Wut Grenzen gesetzt waren und er mit seinen ohnehin schon geschwundenen Energiereserven sparsam haushalten musste. »Es gibt keine Hoffnung mehr«, dachte er mit viel Selbstmitleid, »lange kann ich nicht mehr durchhalten, bald muss ich hier sterben. Es ist ein übler Scherz, den jemand mit mir treibt.«
   Eine grausige Wahrheit in Form von Mauern und Wänden, von Fugen und Ritzen umschlang erbarmungslos den schon leicht vom Irrsinn Befallenen und war auch nicht bereit zu verschwinden, wenn er vor ihr die Augen verschloss, denn sobald er sie wieder öffnete, musste er ihr wieder in ihr hässliches Gesicht blicken. Was auch immer er anstellte – sein Alptraum wollte nicht von ihm weichen. Immer wieder dachte er an die Männer mit den unbekannten Gesichtern, immer wieder daran, wie sie ihn gepackt und in einer wilden, berauschenden Autofahrt zu dem in der Provinz einsam und verlassen dastehenden Haus gebracht hatten, um ihn dort, wie er zunächst befürchtet hatte, zu töten und anschließend zu beseitigen. Selbst er als stets analytisch und logisch denkender Mann hatte keine Erklärung für die Ereignisse der vergangenen Tage. Die ihm so unsanft vor die Nase gesetzte Wahrheit kam ihm vor wie eine große Lüge, wie ein raffiniert gesponnener, hinterlistiger Bluff, wie eine Seifenblase, die in jedem Augenblick zu zerplatzen drohte. Sehnsüchtig wünschte er sich ein Zeichen, einen Wink, irgendeinen Hinweis herbei, irgendetwas, das Licht in seine unglückselige Verlassenheit hätte bringen können. Er musste an sich selbst, an den Wänden, an den endlosen Gängen, am über ihm stückweise sich wölbenden, blauen Himmel zweifeln und am harten, fast farblos dahinbetonierten Boden, auf dem er dalag wie tot, obwohl sich in seinen erschlafften Gliedern dennoch eine widerspenstige Gier zum Leben regte. »Warum bin ich nur derjenige, dem solches Unglück widerfahren muss?«, fragte er sich selber. Das Erwachen aus dieser ihm alptraumhaft vorkommenden Wirklichkeit wollte ihm trotz aller Bemühungen nicht gelingen, obwohl er um seinen Leib heftig seine Arme geschlungen hatte, die versuchten, ihn ins Leben zurückzurütteln, als sei er eben – vor ein paar Augenblicken schon – gestorben.
   Welches barbarische Experiment veranstaltete man mit ihm und wer führte es durch? Karl-Heinz vermochte all diese Fragen, die sein Gehirn unablässig zermarterten, genauso wenig zu beantworten wie irgendjemand anders, den man an seiner Stelle in dieses Labyrinth hätte befördern lassen. Offenbar hatte sich eine geheimnisvolle Organisation seiner vollkommen bemächtigt und er musste sich jetzt fragen, ob das für ihn geschmiedete, ihn beliebig umherschaukelnde Schicksal eine Rückkehr in seine Heimat überhaupt vorgesehen habe. Verzweifelt und gepeinigt verweilte er untertänig und doch insgeheim leise vor sich hinrebellierend in irgendeinem schmalen Gang, als hätte er noch nie etwas anderes getan, und wartete einfach auf die nächsten Überraschungen.
   Ein zugiger Wind begann die Gänge zu durchfurchen und als er nach oben blickte, bemerkte er, dass das Wetter bald umschlagen würde. Langsam, aber unaufhaltsam schob sich über den zitternden Leib des Gefangenen eine graue und kühle Dunkelheit. Hatte vor einiger Zeit noch die morgendliche Sonne auf ihn herabgeschienen, so umkroch ihn jetzt eine fast eisige Kälte. Er zog sich seine Jacke über die auf seinem Kopf wild im Wind wehenden Haare und krümmte sich zu einem kleinen, unscheinbaren Knäuel zusammen. Sich verzweifelt nach allen Seiten umblickend musste er feststellen, dass es hier keinen geeigneten Unterschlupf gab, der ihn vor dem nun langsam einsetzenden Regen schützen konnte. Nach einer Weile wurde das leichte Rieseln stärker und verwandelte sich zu einem gnadenlos tosenden, heftig auf sein Haupt niedergehenden Prasseln. Es gelang ihm nicht, sich wirksam vor dieser tückischen Nässe zu schützen, er spürte die Feuchtigkeit ständig weiter in sich eindringen und hatte bald das Gefühl, gänzlich im Wasser zu versinken. Ein gewaltiges Gewitter entlud sich nun über dem schutzlos am Boden ausharrenden, zitternden Karl-Heinz; weiße, bizarre Blitze zerhackten den düsteren Himmel, leuchteten in kurzer, aber intensiver Helligkeit zu den Wänden und Mauern hinunter, die gespenstisch und chaotisch das an ihnen aufflackernde Licht zu ihm hinüberwarfen. Sein geschundener Körper zuckte im Takt der den Himmel immer wieder aufs Neue aufreißenden, grellen Blitze und als er einen davon an einem fernen Ort einschlagen hörte, hoffte er, in der äußersten Mauer seines Gefängnisses sei ein zur Flucht genügend großes Loch eingebrannt worden. Nur langsam zog das Gewitter über das Labyrinth hinweg, das nach wie vor wie eine uneinnehmbare Festung vor sich hintrotzte und offenbar schon vielen solchen und noch heftigeren Stürmen standgehalten hatte. Als der Regen endgültig nachgelassen hatte und er am heller werdenden Himmel die wohl letzten dunklen Wolken schnell vorüberziehen sah, wurde ihm um einiges wohler, obwohl die Kleidung eng und nass an seinem Körper klebte und jede Bewegung eine feuchte Kälte in seine Haut einziehen ließ. Nach dem Abklingen des Donnerns in der Ferne vernahmen seine Ohren nun deutlich ihm lieblich erscheinendes, in den Gängen dahinplätscherndes und nur allmählich versickerndes Wasser, das an einigen Stellen zu riesigen Pfützen zusammengewachsen war. Um gierig davon zu trinken, senkte er sein Haupt hinab und schlürfte ein paar kräftige Züge. Da er sich nur eine kleine, aber sehr praktisch in seiner Nähe gelegene Pfütze ausgesucht hatte, senkte sich deren Wasserspiegel rasch ab, weswegen er nun mit seiner wild schleckenden Zunge auf den körnigen Boden stieß und einige kleine Steinchen mit hinunterschluckte. Da ihm dies nicht behagte, kroch er zur nächsten Lache, die er nicht so schnell zu leeren vermochte, da er schon einiges getrunken hatte und sie mindestens fünfmal so ergiebig war wie die vorherige. Sein Durst war gestillt und als er sich noch am feuchten Boden umherwälzte, schreckte er plötzlich hoch, denn er musste an den nächsten Regen denken, von dem er nicht wusste, wann er kommen würde. Ihm war nur klar, die einzige Möglichkeit, nicht zu verdursten, bestand darin, so viel wie möglich des vom Himmel gefallenen Wassers als Vorrat aufzufangen. Zwar schaukelte das soeben reichlich aufgeschleckte Regenwasser noch erheblich in seinem Magen hin und her, sodass ihm beinahe schlecht davon geworden war, doch für den Fall des irgendwann mit Sicherheit wiederkehrenden Durstes musste er einen Teil des nun mit Sorge von ihm beobachteten, allmählich in den Boden versickernden Wassers zur Reserve in einem dafür geeigneten, genügend großen Gefäß aufbewahren. Zu diesem Zweck kramte er aus seiner vom Regen durchnässten und verfärbten Aktentasche die nur noch mit wenigen Tropfen Tee gefüllte Thermoskanne hervor und auf Knien dahinrutschend schabte er mit ihr durch die Pfützen. Da dabei zu viel Dreck vom Boden aufgewühlt wurde und es ihm auf diese Weise nicht gelang, die Kanne vollständig zu füllen, schlürfte er immer wieder das Wasser in seinen Mund hinein und spuckte es anschließend sorgfältig in sie hinein. So dauerte es nicht lange, bis sie voll war, er den Verschluss fest zuschrauben und die als Trinkbecher verwendbare Kappe darauf einrasten lassen konnte. Mit Mühe zog er sich seine Jacke aus und wischte mit ihrer halbwegs sauber gebliebenen Innenseite den feuchten Schmutz von der Kanne herunter; das wertvolle Trinkwasser deponierte er anschließend in seiner Tasche. Auf dem feuchten Boden herumrutschend blickte er sich nach irgendeinem trockeneren Plätzchen um, an dem er sich von den Strapazen des plötzlich über ihn hereingebrochenen Gewitters ausruhen wollte. Als er sich in die Höhe hievte, begannen seine unterkühlten Knochen schmerzhaft zu krachen und erschwerten ihm die anschließenden Gehversuche. Nichtsdestotrotz machte er sich auf den Weg zu irgendeinem Ort, an dem er etwas Besseres vorzufinden hoffte. Seine Beine verhakten sich ungeschickt ineinander und rissen ihn gelegentlich zu Boden, von dem er sich aber immer wieder trotzig in die Höhe schaukelte, um seinen Weg ins Nirgendwo fortzusetzen. Als er vorerst genug davon hatte, er genügend Meter zurückgelegt zu haben glaubte, ließ er sich einfach schicksalsergeben auf den Boden fallen, der an dieser Stelle erfreulicherweise relativ trocken und von einigen langsam vergehenden Pfützen umringt war. In seine verwunderten Ohren drangen Geräusche von auf ihrer Oberfläche zerplatzenden Luftblasen. Dadurch ein wenig motiviert besaß er noch den Elan, seine ramponierte Tasche unter den Kopf zu schieben und seine steifen Glieder einigermaßen zurechtzurücken. Er hatte vor, ein wenig zu schlafen, und hoffte, so schnell wie möglich in einen tiefen Schlaf ohne Alptraum zu versinken. Die Wände, die Mauern, der aus Kanten und Ecken gebildete Horizont und das daran stoßende, schmale Stückchen von trügerischem Blau verabschiedeten sich langsam und quälend, löschten sich allmählich aus seiner Wahrnehmung und verschwammen mit zunehmender Undeutlichkeit vor seinen unruhig im Schädel umherzuckenden Augen. Nach einer Weile hatte sich vorerst das Nichts über ihn geworfen; zu Beginn des Schlafes war es ihm tatsächlich vergönnt, von jeglichem Alptraum verschont zu werden.
   Als er aufwachte, war bereits die Nacht über ihn hereingebrochen. Er zuckte zusammen, denn seine nach oben starrenden Augen sahen nichts. Völlige Dunkelheit umgab ihn – seine rätselhafte Behausung wurde nicht vom Mond und auch nicht von Planeten und Sternen erhellt, da der Himmel über ihm sich offenbar ungnädig mit dichten Wolken zugezogen hatte. Eine leichte, kaum merkliche Brise durchwehte die schwarzen Gänge des in vollkommener Stille ruhenden Labyrinthes, das er nicht sehen, sondern nur durchs Ertasten seiner Hände am Boden und an den Wänden wahrnehmen konnte. Schlaftrunken taumelte er in völliger Blindheit mit seiner Aktentasche und allen übrigen Habseligkeiten, die ihm noch geblieben waren, durch die verlassenen Gassen und Gänge. Sich entsetzlich fürchtend horchte er angestrengt nach irgendwelchen fremdartigen Geräuschen, die scheinbar immer wieder seine gespitzten Ohren erreichten; ein wenig erleichtert bemerkte er jedoch nach einer Weile, dass es sich dabei lediglich um von ihm selbst erzeugte Laute handelte. Er hörte das leise, ihm unheimlich vorkommende Quietschen seiner Schuhe und hielt seinen Atem anhaltend für einen Moment inne, um festzustellen, ob nicht doch jemand anders in seiner Nähe war. Bei diesem Gedanken fing sein Herz noch heftiger an zu schlagen, denn infolge einer grausigen Angst, die ihn plötzlich überkam, stellte er sich vor, irgendjemand, der im Dunkeln sehen könnte, schliche ungesehen auf ihn zu, um ihn, getrieben von einer abartigen Mordlust, in einer lang andauernden Prozedur grauenhaft niederzumetzeln. Denn seit seiner Gefangennahme auf offener Straße musste er auf der Hut sein und mit allem Möglichen rechnen, sah er sich doch der tückischen Laune seiner unbekannten, übermächtigen Feinde erbarmungslos ausgesetzt. Ängstlich über seine mehr als nur ungewisse Zukunft nachdenkend lehnte er sich an eine der genügend zur Verfügung stehenden Wände und presste seinen Rücken heftig gegen sie, sodass er sicher sein konnte, wenigstens nicht von hinten attackiert zu werden. Seine Aktentasche hatte er ebenfalls an die Wand gelehnt und er drückte, um sie im Dunkeln nicht zu verlieren, sein seitliches Schienbein fest gegen sie, musste sich aber davor in Acht nehmen, sie nicht geräuschvoll am Boden entlangzuschieben, denn jede noch so kleine von ihm verursachte Schallwelle hätte seine Position verraten können. Wieder hielt er den Atem an und rührte sich, so gut es ging, überhaupt nicht, als verstecke er sich in einem grausamen Spiel vor den Häschern, die an ihm einen feigen Mord begehen wollten. Beinahe hörte er ständig lauter werdende Schritte und ein teuflisches, schadenfroh über seinen nahenden Tod herziehendes Flüstern. Jegliche noch so geringfügig zu ihm wiederkehrende Vernunft wurde zunächst von seiner lähmenden Angst betäubt, aber in Momenten, in denen er vernünftig denken und wahrnehmen zu können glaubte, hatte er den Eindruck, tatsächlich echte und nicht von ihm selbst erzeugte und nicht seiner vor Angst zerrütteten Fantasie entsprungene Geräusche zu hören. In weiter Ferne glaubte er ein Knistern vernehmen zu können und je länger er sich darauf konzentrierte, desto sicherer schien er sich auf diese Wahrnehmung verlassen zu können. »Ich muss dorthin, wo das Knistern herkommt«, dachte er mutig, denn möglicherweise handelte es sich um eine heimtückisch ihm gestellte Falle. Andererseits hoffte er: »Vielleicht sind dort Menschen, die mir helfen können«, und machte sich auf alles Erdenkbare gefasst so vorsichtig wie nur irgend möglich auf den Weg, um den Ort dieses leisen, rätselhaften Geräusches ausfindig zu machen. Doch das blinde Suchen erwies sich als äußerst schwierig, da das von ihm so fasziniert vernommene Knistern an sämtlichen Ecken und Wänden hin und her reflektiert wurde, sodass eine genaue Ortung nahezu unmöglich zu sein schien. Als er aber um eine Mauer, hinter der er das Geräusch vermutete, langsam herumkroch, bekam er nun plötzlich den Eindruck, jetzt noch um einiges mehr als zuvor von der verzweifelt von ihm gesuchten Quelle entfernt zu sein. Immer wieder glaubte er, unaufhaltsam auf die intensiver werdenden Geräusche zuzusteuern; wie vom Erdboden jedoch verschluckt waren sie blitzartig wieder verschwunden, bevor sie unerwartet an anderer Stelle wieder zu hören waren. Wie ein Versuchstier auf der Suche nach einer süßen Belohnung hechelte er nun kreuz und quer durch das dunkle Labyrinth. Ab und zu blieb er stehen und drückte ein Ohr an eine zufällig in seiner Nähe sich befindenden Mauer und versuchte, mit der größtmöglichen Konzentration daran zu horchen. Nach einer Weile der verzweifelten Suche musste er schließlich einsehen, dass es keinen Sinn hatte, seinen Ohren folgend dem Geräusch hinterherzujagen. Deprimiert legte er sich mit ausgebreiteten Armen und Beinen auf den Boden, hatte aber keinesfalls das Bedürfnis, wieder einzuschlafen, da seine Fantasie ihm weiter Furcht einflößte und ihm das leise, geheimnisvolle Knistern auf die Nerven ging; monoton und manchmal mit einem zusätzlichen Krachen drang es unentwegt in seine geplagten Ohren. Während er gähnte, legte er seine Hände an die Stirn, um seinen Körper ein wenig zu dehnen, und als er dabei seinen Kopf etwas zur Seite neigen ließ, erspähten seine müden und durch die dunkle Leere stierenden Augen plötzlich ein rötliches und blasses Licht, das offenbar an der rein zufällig von ihm erblickten Wand auf- und abflackerte. Als sei ein Wunder geschehen, schreckte er hoch und blickte genauer dorthin, wo das kaum erkennbare Lichterspiel zu beobachten war. Zu den Geräuschen, die er anfangs wahrgenommen hatte, kam jetzt noch Sichtbares hinzu, was ihm die Suche nach der Quelle, die er angespornt durch die neue Entdeckung wieder aufzunehmen gedachte, unter Umständen erleichtern würde. Als er nun versuchte, seine Sehschärfe durch Reiben seiner immer noch etwas schlaftrunkenen Augen zu erhöhen, kam ihm plötzlich in den Sinn, dass das bisschen Licht, das ihm unablässig flackernd entgegenstrahlte, für ihn eventuell mit Gefahren verbunden war, zumal er sich selbst nicht mehr in völliger Dunkelheit befand und demzufolge von seinen Feinden möglicherweise als vager Umriss gesichtet werden konnte. Um es seinen potenziellen, irgendwo in der Nähe versteckten Gegnern schwerer zu machen, hielt er es für angebracht, von nun an so lautlos wie möglich auf dem Boden ohne darüber kratzende Schuhe voranzurobben. Daher löste er langsam die Schleifen an den Schuhen, zog sie geräuschlos aus und stellte, wie er es von zu Hause gewohnt war, sie und auch seine Aktentasche ordentlich in eine Ecke. Er hoffte, seine Sachen irgendwann wiederfinden zu können, und nahm sich vor, sich den ungewissen Weg, den er in den nächsten Minuten oder gar Stunden einschlagen würde, so genau wie möglich einzuprägen. Um keinen zusätzlichen Schmutz an seine Beine herandringen zu lassen, stülpte er sich die Strümpfe über die Hose.
   Der Gepeinigte robbte nun unhörbar dem flackernden und dem Knistern synchron folgenden Licht entgegen; aus Angst vermied er jedes laute Atmen und kam dermaßen langsam voran, dass er mühelos von jeder weniger als er zaudernden Ameise überholt worden wäre. Nach einer Weile unentwegten Sichvoranschleichens gewann er allmählich den Eindruck, zunehmend ein kräftigeres Licht zu sehen und ein lauteres Geräusch zu hören, weshalb er annahm, die Quelle von beidem sei ein und dasselbe. Das, was er hörte und sah, ließ nur eine Vermutung zu: Irgendwo in seiner Nähe brannte ein knisterndes und flackerndes Feuer, das nur von Menschen entfacht worden sein konnte und an dem sie nun saßen, um sich in gemütlicher Atmosphäre aufzuwärmen. Allerdings vernahm er keine Stimmen oder Gespräche, was darauf hindeutete, dass wohl dort bei den Flammen nur ein einziger Mensch zugegen war. Je näher er vorankroch, desto intensiver wurde das Flackern an den ständig von ihm beobachteten Wänden und umso mehr wuchs seine Aufgeregtheit, denn nach wie vor vermochte er nicht vorauszuahnen, was in einigen Augenblicken ihn erwarten würde. Er wähnte sich mittlerweile schon kurz vor seinem Ziel und spürte, dass nur noch diese eine Wand, an der er jetzt vorsichtig entlangrobbte, ihn vom vermeintlichen Feuer trennte. Als er das Ende der Mauer erreicht hatte, überlegte er, ob er nicht doch umkehren solle und ob es in Anbetracht der Tatsache, dass ihm bis jetzt noch nichts Ernsthaftes zugestoßen war, ratsam sei, ein unkalkulierbares Risiko überhaupt einzugehen. Andererseits aber musste er jede sich ihm bietende Möglichkeit nutzen, um seiner unheilvollen Situation entfliehen zu können. Deshalb fasste er sich ein Herz und entschloss sich nun wagemutig dazu, zumindest einen kurzen Blick auf das jenseits dieser Mauer Gelegene zu riskieren. Mit unvorstellbar langsamem Tempo schob er nun seinen Kopf an der Kante vorbei, wobei er in panischer Angst damit rechnete, plötzlich von einer riesigen Pranke eines brutalen Untiers am Haupt gepackt und wie eine wehrlose Beute um die Wand herumgerissen zu werden. Als seine Augen aber nach einer Weile auf einen verheißungsvoll vor sich hinglühenden Punkt in einer unerwartet großen Entfernung starrten, wich die Angst allmählich wieder seiner Hoffnung, die sein Gesicht erhellenden und unablässig knisternden Flammen würden ihn seiner Rettung ein kleines Stück nur näher bringen. Sehnsüchtig und bewundernd beobachtete er das kleine, aber gemütlich anmutende Feuer, das viele Schritte von ihm entfernt müßig vor sich hinloderte. Er hatte nun freie Sicht, kein Hindernis mehr stellte sich seinen Augen in den Weg. Als Karl-Heinz couragiert seinen vor Anspannung steif gewordenen Kopf noch um einiges weiter an der Mauer vorbeigereckt hatte, war es ihm jetzt möglich zu erkennen, dass er offenbar über einen großen Platz hinwegguckte, in dessen Mitte das faszinierend zu ihm hinüberleuchtende Feuer brannte. Der Ort, den er gefunden hatte, kam ihm vor wie der Mittelpunkt des ihn einschließenden labyrinthischen Gemäuers. In ihm entkeimte eine zaghafte Hoffnung, vielleicht hier dem Rätsel seiner Verschleppung endlich auf die Spur zu kommen. Todesmutig und mit allem rechnend kroch er mit zitterndem Leib aus einem der vielen auf den Platz führenden Gänge und Gassen auf das noch weit entfernte und nur langsam an Größe gewinnende Feuer zu, das trotz aller Befürchtungen ihn magisch und verlockend einlud, sich ein wenig am Lichte der Flammen aufzuwärmen. Als er die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, bemerkte er eine am Feuer nun sichtbare, in warmer Luft flimmernd vibrierende Silhouette – offenbar irgendein Wesen, das am warmen Feuer hockte und von ihm beneidet wurde. »Ein Mensch«, dachte der langsam Vorwärtskriechende, »ein Mensch sitzt da vorne am Feuer.« Nachdem er bis auf wenige Schritte an die geheimnisvolle, vermeintliche und sich kaum rührende Person herangeschlichen war, versuchte er, obwohl er befürchten musste, die Gestalt in seiner unmittelbaren Nähe könne eine bösartige sein, so laut wie möglich »Helfen Sie mir!« zu schreien, doch er hörte seine Worte nur leise aus seiner zugeschnürten Kehle herausröcheln und hatte das Gefühl, als habe sie jemand anders gerufen. Vom Feuer kam keine Reaktion, offenbar hatte er nicht laut genug geschrien, weswegen er erneut mit leicht nach oben aufgebäumtem Körper und mit einer den Flammen entgegengestreckten Hand so heftig und so oft Schreie der Verzweiflung aus seinem weit aufgerissenen Mund hinausstieß, dass sein Rachen sehr schnell begann, sich heiser anzufühlen. Er befand sich nur noch einige Meter hinter der am Feuer hockenden Gestalt und wunderte sich weiterhin darüber, dass sie sich kaum merklich und allenfalls wie ein behäbiger Mensch bewegte. Dieser Körper wippte ein wenig auf und ab und schien in eine alte, verstaubte Decke gehüllt zu sein.
   Der alte Mann, der das Feuer behütete, drehte sich langsam um und sah dem Fassungslosen ins flehend dreinschauende Gesicht. Karl-Heinz Niemand sprang vom Boden auf und hüpfte ein paar Schritte zurück, denn er fürchtete sich davor, der Alte würde ihm etwas antun. »Wie schön«, sagte dieser plötzlich, »ich bekomme Besuch.«
   Da es das Erste war, was der Erstaunte seit Langem von einem anderen Menschen hatte sagen hören, empfand er es als eine krachende Explosion in seinen Ohren, denen er kaum zu trauen wagte. Vor Verblüffung gelähmt packte er sich an die Brust und fragte mit krächzender Stimme: »Wer sind Sie und was tun Sie hier?«
   Der alte Mann zögerte nicht lange und sagte, als er mit einem Stock im Feuer zu stochern begann: »Ich bin der Hüter des Feuers und behüte das Feuer, mein Freund.«
   Der als Freund bezeichnete Karl-Heinz war erleichtert über die ihm erfreulicherweise nun nicht entgegengebrachte, anfangs von ihm noch befürchtete Feindseligkeit; seine Gesichtszüge fingen an, sich langsam zu entzerren, sich sogar zu einem kleinen, von dem Alten jedoch kaum bemerkten Lächeln zu formen. Er sank auf seine Knie und auf ihnen voranrutschend rückte er näher an die Flammen heran, streckte seine Hände nach ihnen aus und spürte die wohltuende, zu ihm hinüberstrahlende Wärme, über die er sich freute wie ein Kind über das schönste Weihnachtsgeschenk. Erschöpft ließ sich Herr Niemand nun nieder, kreuzte wie der Alte, dem er jetzt genau gegenübersaß, seine Beine übereinander und wollte ungeduldig wissen: »Was soll das bedeuten – Sie sind der Hüter des Feuers?«
   Der Alte gab ein weise klingendes Lächeln von sich und antwortete: »Du stellst komische Fragen, mein Freund! Ich bin halt der Hüter des Feuers. Was soll Besonderes daran sein? Da liegen ein paar Kartoffeln, mach sie dir im Feuer heiß, du siehst hungrig aus.«
   »Danke«, sagte der tatsächlich seinen rumorenden, leeren Magen spürende Karl-Heinz und bückte sich nach den verstreut um das Feuer herumliegenden Kartoffeln, nachdem seine Augen eine Weile lang vergeblich und gierig danach Ausschau gehalten hatten. Er spießte sich eine ziemlich üppige auf ein dünnes Stöckchen, das er sich auf Anhieb vom mit allerlei Zweigen und morschem Geäst übersäten Boden hatte greifen können, und hielt es mit wackelnden Bewegungen in die Flammen. Sehnsüchtig nach einem Gespräch, nach einer alles aufklärenden Unterhaltung, blickte er fasziniert zu dem betagten Mann hinüber, der von sich behauptet hatte, lediglich der Hüter des Feuers zu sein. Mit nahezu demütiger Vorsicht fragte Karl-Heinz: »Wie ist denn Ihr Name?«
   »Name?«, erwiderte der Alte erstaunt. »Willst du das wirklich wissen? Ich habe keinen Namen, ich bin nur der Hüter des Feuers.«
   »Der Hüter des Feuers?«, wiederholte der Gepeinigte erstaunt und ließ sich diese Worte einige Male über der Zunge zergehen. »Haben Sie schon mal etwas anderes getan als dieses hier?«, fragte er schließlich voller Wissbegierde.
   »Ich habe nie etwas anderes getan, als hier zu sitzen und das Feuer zu behüten, denn dies ist meine Aufgabe.«
   »Doch wer erteilte Ihnen diese Aufgabe?«, wollte voller Neugier unruhig an seinem Platz hin und her zappelnd Herr Niemand wissen.
   »Ich weiß es nicht«, sagte der müde wirkende alte Mann, »vielleicht erteilte ich mir diese Aufgabe selbst. Ich bin, seit ich denken kann, schon immer hier gewesen.«
   »Aber wie sind Sie hierhergekommen?«
   »Das weiß ich nicht, ich war schon immer hier. Irgendwo muss jeder sein.«
   »Aber«, stammelte der Verirrte verblüfft, »warum sind Sie ausgerechnet hier und nicht woanders?«
   Der Hüter fing an zu lachen und antwortete dem Gepeinigten, dem keinesfalls nach Lachen zumute war: »Deine Fragen, mein Freund, werden immer komischer. Niemand weiß warum und wer es wissen will, der ist verloren. Ich könnte dir nun dieselbe Frage stellen und auch du könntest sie nicht beantworten, nicht wahr?«
   »Nein«, rief Karl-Heinz ins Feuer hinein, »nein, auch ich weiß nicht, warum ich hier bin; denn wenn ich es wüsste, würde ich nicht fragen. Ich habe aber gehofft, irgendjemand könnte mir zumindest diese eine Frage beantworten.« Resigniert senkte der Enttäuschte sein Haupt nach unten und achtete nur noch wenig auf die verkokelte Kartoffel, die in die Glut zu fallen drohte, da er den dünnen, nun brennenden Stock zu lange dem Feuer ausgesetzt hatte. Trotz seines leeren Magens war ihm das Essen vergangen. War er der erste Mensch, den der alte Mann jemals gesehen hatte? Er konnte es sich nicht vorstellen, denn der Hüter schien keine Angst vor ihm zu haben und trotz der Antworten, die er nicht zu geben imstande war, eine gewisse Weisheit auszustrahlen. Dennoch fragte der immer noch ohne Schuhe Dasitzende: »Waren schon andere vor mir da oder bin ich der Erste?«
   »Ich weiß nicht recht, vielleicht waren schon einige vor dir da. Ich bin alt und kann mich nicht mehr so gut erinnern. Ich weiß nur, dass es schon lange her sein muss, dass jemand hier war.«
   »Wenn tatsächlich jemand hier war«, stammelte der Erstaunte, »wenn dies tatsächlich so gewesen sein sollte, wohin ist dieser Jemand dann gegangen? Es gibt hier sehr viele Wege und Ausgänge, doch alle führen nur ins Nichts.«
   »Ja«, sagte der Alte langsam nickend, »das ist wahr. Es gibt wohl viele Ausgänge hier. Ich bin aber niemals durch irgendeinen fortgegangen, denn ich weiß nicht, was dort ist. Außerdem muss ich das Feuer im Auge behalten, denn es soll niemals ausgehen.«
   »Wer befiehlt das?«, fragte Karl-Heinz, jedoch nicht mehr darauf hoffend, eine konkrete Antwort zu bekommen.
   »Niemand befiehlt irgendetwas«, erwiderte der Greis, der sich den dunklen Umhang enger um den Körper schlang. »Ich sagte doch, mein Freund, das Feuer darf niemals erlöschen, denn es spendet Wärme und Licht.«
   »Ja«, bestätigte Herr Niemand, »das spüre ich am eigenen Leib. Aber kein Feuer kann ewig brennen.« Er blickte sich um und sah auf einen kleinen Haufen von Ästen und Zweigen, die gänzlich ineinander verhakt waren und teilweise feucht im Schein des lodernden Feuers schimmerten. »Was ist, wenn das Holz zu Ende geht? Was wird dann geschehen?«
   »Mach dir keine Sorgen über Dinge, die nicht deine Angelegenheiten sind. Wenn das Feuer aus ist, werde ich halt gehen.«
   »Es wird bald ausgehen! Das Holz reicht nur noch für ein paar Stunden. Wo wollen Sie neues herbekommen, wenn Sie ihren Platz nicht verlassen, um sich welches zu suchen? Dort, wo ich herkomme, habe ich bislang kein Holz entdecken können.«
   »Das ist kein Problem«, sagte der Hüter überraschend und gleichgültig. »Wenn kein Holz mehr da ist, werde ich nicht mehr gebraucht. Das ist doch nicht schwer zu verstehen, nicht wahr?«
   Karl-Heinz Niemand verstand nichts von dem, was ihm erzählt wurde. Nachdem er eine Weile resigniert in die Glut gestarrt hatte, bemerkte er beiläufig: »Aber was ist, wenn die Zweige dort nach einem Regen nass geworden sind?«
   Wieder lachte der alte Mann kurz und stocherte dabei leise vergnügt in den Flammen herum. Kurz darauf antwortete er schließlich wie selbstverständlich: »Ich nehme die Äste von unten, wo sie trockener sind. Zwar sind sie dort ein wenig schimmelig, aber den Flammen ist das gleichgültig. Sie verzehren alles, was man ihnen bietet. Früher, musst du wissen, lag hier viel mehr Holz. So weit das Auge reichte – nichts als Holz. Natürlich ist es im Laufe der Jahre immer weniger geworden. Jedes kleine Stückchen gebe ich den Flammen und aus allem machen sie Asche. Wenn ein starker Wind weht, wird sie über die Mauern hinweggefegt. Manchmal fege ich auch selbst; hier für Ordnung zu sorgen, ist nicht so einfach. Trotzdem glaube ich, dass es mir gelungen ist.«
   »Ja«, sagte der ständig müder Werdende betrübt, »das mag wohl sein. Wenn mir irgendein Mensch irgendwann einmal erzählt hätte, dass es einen solchen Ort wie diesen hier überhaupt gibt, so hätte ich ihn wahrscheinlich ausgelacht. Glauben Sie mir – ich kann das alles nicht begreifen. Nichts von dem, was ich mit eigenen Augen sehe und mit meinen eigenen Ohren höre, begreife ich. Ich muss sogar sagen, so seltsam dies auch klingen mag, ich glaube nicht einmal an das, was ich hier erlebe, an die seltsamen Dinge hier. Ich meine all die Mauern und Wände, diese unendlichen Gänge, aus denen es kein Entrinnen gibt. Es sieht aus wie ein Labyrinth und doch glaube ich fast, obwohl ich mitten drin bin, nicht einmal, dass es vorhanden ist. Manchmal muss ich sogar glauben, dass ich selbst nicht mehr existiere, obwohl dies nicht sein kann, da ich meine eigenen Worte höre. Aber Sie, die Sie mir nun gegenübersitzen, müssen doch das, was ich sage, deutlich hören, oder?«
   Eine quälende Stille brach über den Verwirrten herein und nur das Knistern und Züngeln des Feuers sorgte für eine beruhigende Atmosphäre. Herr Niemand starrte vom Bann des Lichtes angezogen in eine tiefe, friedlich vor sich hinglimmende Glut; das über ihr brennende Feuer schien der leuchtende Mittelpunkt des Platzes zu sein, auf den es ihn verschlagen hatte und der ihm seinerseits wie das Zentrum des ihn beherbergenden Labyrinthes vorkam. Gespannt und nervös hoffte er auf eine baldige Antwort, auf irgendeine Reaktion, die ihm zeigen würde, dass er nicht allein war, nicht bloß alles auf seiner Einbildung beruhte und er sich nicht in einem bösen Traum befand. Der alte Mann bewegte sich langsam und verbraucht, ließ sich offenbar durch nichts beirren und strahlte eine fast gleichgültige, lethargische Ruhe aus, von der sich Karl-Heinz ein wenig provoziert fühlte. Vor dem alten Mann, der nur noch in der Lage war, am Feuer vor sich hinzudösen und ab und zu ein Hölzchen draufzuwerfen, brauchte er in der Tat keine Angst zu haben, weswegen er sich jetzt traute, seine Worte rabiater vorzutragen: »So antworten Sie doch! Sagen Sie mir, ob Sie mich verstanden haben!«
   »Ich habe gehört, was du gesagt hast«, fing der Alte plötzlich an zu reden, »aber verstehen kann ich es nicht. Und von einem ›Labyrinth‹ habe ich noch nie etwas gehört.«
   Der Verlorene sprang auf, ließ seine Kartoffel gänzlich ins Feuer plumpsen. Als habe man soeben großes Unrecht an ihm verübt, reckte er seinen rechten Arm in irgendeine zufällige Richtung, dabei reißende Verspannungen seiner Muskeln spürend; er wollte jedoch den Arm so lang wie nur irgend möglich von sich strecken, sodass der nun ungläubig zu ihm aufsehende Greis es auch genau erkennen konnte. Mit dem Finger zeigte er wie einer, der es genau wissen musste, auf einen der Ausgänge und schrie mit Inbrunst: »Dort draußen – dort ist das Labyrinth und von dort komme ich her!«
   Den alten, offenbar schon leicht schwerhörig gewordenen Mann jedoch ließ dies unbeeindruckt, er regte sich kaum. »Vielleicht«, sagte er leise, »ist dort draußen wirklich etwas Derartiges. Doch hier ist, wie du mit eigenen Augen siehst, nur das Feuer, ohne das du jetzt gar nichts sehen würdest. Was da draußen ist, geht mich nichts an.«
   »Ja so glauben Sie mir doch! Kommen Sie, gehen wir ein Stückchen in einen der Gänge hinein, damit Sie sehen, dass ich recht habe!«, schrie der Erregte.
   »Nein«, sagte der Alte mit einer von Karl-Heinz nicht für möglich gehaltenen Willenskraft, »das tue ich nicht. Ich darf meinen Platz hier nicht verlassen. Aber wenn dir so viel daran liegt, so will ich dir glauben. Warum solltest du auch nicht recht haben?«
   Karl-Heinz ließ sich wieder auf den Boden herabsinken und sagte verzweifelt: »Ich will doch nur, dass Sie mir glauben. Ich will, dass Sie mit Ihren eigenen Augen genau das sehen, was ich sehe – und nichts weiter.«
   »Das«, erklärte der ihm Gegenübersitzende, »kann niemand«.
   Der Verirrte gab nun auf, denn er musste einsehen, dass der Hüter ihm nichts Befriedigendes sagen konnte. Vielmehr machte er sich jetzt leichte Sorgen über seine Aktentasche und seine Schuhe, die noch in irgendeinem der vielen Gänge herumliegen mussten. Er blickte auf die Vielzahl der in weiter Ferne auf den Platz führenden Gassen und konnte sich nicht mehr genau daran erinnern, aus welcher Richtung er eigentlich gekommen war. »Was soll ich nur ohne Schuhe machen?«, fragte er sich quälend und schielte fast neidisch auf die sandalenartigen Gebilde, die der Alte an den Füßen trug. Da er aber viel zu müde war, seine Habseligkeiten in der tiefen Nacht noch suchen zu gehen, beschloss er, vorerst doch lieber in Gesellschaft des Hüters am warmen Feuer zu verweilen und erst bei Tagesanbruch sich auf den Weg zu machen, um seine dringend benötigten Schuhe wiederzufinden. Er nahm sich eine neue Kartoffel, spießte sie auf einen neuen Stock und briet sie in den Flammen, so gut er konnte, gar. Zwar verbrannte er sich beim Essen leicht den Mund, doch hielt es ihn nicht davon ab, seinen danach verlangenden Magen mit weiteren Kartoffeln zu füllen, denn er konnte in dieser kargen, tückischen Umgebung froh darüber sein, überhaupt irgendetwas Essbares vorgefunden zu haben. »Ich danke Ihnen, alter Mann«, sagte er unterwürfig und suchte dessen Blickkontakt.
   »Du brauchst mir nicht zu danken«, wurde ihm gutmütig erwidert, »ich freue mich, wenn ich Gesellschaft habe. Es kommt nicht häufig vor, mein Freund. Es ist nicht viel, was ich mit dir teilen kann, ich tue es jedoch gern. Im Übrigen weiß ich ein paar Geschichten. Wenn du willst, erzähle ich dir eine, die gerade dir gefallen dürfte.«
   »Ja«, sagte der speisende Karl-Heinz undeutlich, »warum nicht? Was sonst sollte es hier zu tun geben?«
   Der Hüter des Feuers rückte behäbig seinen alten Körper zurecht und warf noch etwas Holz nach. Er fing an zu erzählen: »Also gut, dann erzähle ich dir die Geschichte, die ich dir versprochen habe. Es war einmal ein Mann – vielleicht so einer wie du und ich –, der wollte, auch wenn es seltsam klingen mag, den Horizont erreichen. Er wohnte am Meer und schon als kleiner Junge träumte er davon, aber seine Eltern und eigentlich alle, die ihn kannten, wollten ihm dies aus dem Kopf schlagen. ›Denn‹, so sagten sie, ›es ist nicht möglich, jemals den Horizont zu erreichen. Was auch immer du tust, er läuft dir einfach davon.‹ Doch der Junge glaubte es nicht und dachte: ›Wenn man das, was Horizont genannt wird, mit eigenen Augen sehen kann, muss man es auch erreichen können.‹ Es vergingen Jahre und niemand glaubte gar daran, dass der Junge, der inzwischen herangewachsen war und in voller Blüte seines Lebens stand, es tatsächlich ernst gemeint hatte. Als junger Mann aber machte er sich einfach davon, ohne sich vorher zu verabschieden, verließ, ohne ein Wort zu sagen, das Haus seiner Eltern und machte sich auf die Suche nach dem Horizont. ›Dort, wo sich Himmel und Erde berühren – dort ist mein Ziel‹, sagte er und war sich sicher, es eines Tages zu erreichen, genau wissend, das dies noch keinem Menschen vor ihm jemals gelungen war. Er aber nahm sich einfach ein Boot und fuhr hinaus auf hohe See. Er war jung und unerfahren, aber unerschrocken und mutig. Er kannte und fürchtete keine Gefahren – nichts konnte ihn aufhalten. Dass zu Hause seine Eltern vor Kummer und Sorgen nur noch unglücklich ihr Dasein fristeten, störte ihn wenig. Nur manchmal dachte er an sie und glaubte, sie würden ihn schon verstehen können. Eines Tages würde er, so dachte er, zu ihnen zurückkehren, um ihnen zu erzählen, dass er den Horizont erreicht habe. Mit seinem Segelschiff durchfuhr er die Meere und gelegentlich ankerte er in einer Bucht. Dort arbeitete er für eine Weile als Tagelöhner, um sich für die nächste Reise mit Proviant zu versorgen. Nur selten redete er mit anderen Menschen und wenn doch, dann in einer der vielen Hafenschenken, in denen er sich ab und zu blicken ließ. Er traute ihnen nur wenig, denn immer, wenn er von seinem Vorhaben erzählte, lachten sie ihn aus. Nur einmal, da hatte er Glück, da setzte sich ein Mädchen zu ihm, das ihm sehr gefiel. Er aß und trank mit ihr die ganze Nacht, lachte mit ihr bis zum nächsten Morgen und war glücklich wie nie zuvor in seinem Leben. Auch erzählte er ihr vom Horizont, doch sie lachte anders als die anderen. Tags darauf begleitete sie ihn mit seinem spärlichen Gepäck zum Kai, an dem sein Schiff verankert war. Es gefiel ihr sehr und er war sehr stolz darauf. Das Schiff, das noch keinen Namen hatte, taufte er auf den ihren. Doch als er sie fragte, ob sie nicht mit ihm fahren wolle, sagte sie Nein. Sie wollte all die Freunde und ihre Familie nicht verlassen. Er verstand sie nicht, versprach aber, eines Tages zu ihr zurückzukommen, nachdem er sein großes Ziel erreicht haben würde. Als er die Bucht verließ, sah er sein Mädchen fröhlich winken. Von nun an waren es zwei Dinge, die ihn nicht mehr losließen: das geliebte Mädchen und der Horizont. Ein ganzes Jahr lang durchkreuzte er die Meere, ohne ihm jemals näher gekommen zu sein. Zwar fuhr er immer darauf zu, doch er vermochte ihn nicht zu fassen. Aufgeben wollte er – dies hatte er sich geschworen – allerdings nie. Erfolglos fuhr er zurück zu seinem Mädchen, das seinen Schmerz über das nicht erreichte Ziel stillen sollte. Als er jedoch soeben vor Anker gegangen war, sah er sie mit einem anderen über die Promenade spazieren. Unglücklich wie nie zuvor in seinem Leben setzte er wieder die Segel und fuhr wie besessen über alle Meere davon. Nur langsam verringerte sich sein Schmerz, den ihm das treulose Mädchen zugefügt hatte. Immer wieder dachte er an ihre Schwüre, auf ihn warten zu wollen. Von nun an hasste er die Welt, die er noch etliche Male im Laufe seines Lebens umsegeln sollte, hörte aber niemals auf, den Horizont zu suchen. Denn er glaubte, dies sei nur eine Frage der Zeit, und eines Tages werde er so nah vor ihm stehen, dass er ihn ergreifen könne. Weil sie ihn nicht verstehen wollten, ging er allen Menschen, so gut es eben ging, aus dem Weg und beredete mit wenigen von ihnen nur das Nötigste. Allmählich war er alt geworden und seine Eltern waren sicherlich schon lange tot. Besonders in stillen, windlosen Nächten, als sein Schiff wie eingefroren auf dem Wasser klebte, als er nicht viel tun konnte, sah er das einzig geliebte Gesicht aus seiner Jugend vor sich. Und er wusste: Er konnte es nicht zurückholen und an sich reißen, so wie es nicht möglich war, die Zeit zurückzudrehen, um noch einmal von vorn zu beginnen. Das Einzige, was ihm blieb, war seine hartnäckige und besessen geführte Jagd nach dem Horizont, der für ihn im Laufe der Zeit zu einem unerbittlichen Feind geworden war. Und er hasste diesen Feind mehr und mehr und mit ihm alle Menschen, die ihm begegneten, und in seiner Verbitterung schreckte er nicht davor zurück, sie immer wieder zu beschimpfen. Nur noch selten zeigte er sich an Land, kam nur noch selten in die Läden, um einzukaufen und ernährte sich nur noch notdürftig vom Fischfang. Eines Tages war es wieder so weit, sein Wasservorrat war zur Neige gegangen und er kaufte von seinem in frühen Jahren gesparten Geld einige Fässer voll Wasser, die ihm ein paar junge Burschen an den Kai tragen mussten, da ihm mittlerweile die Kraft dazu fehlte. Während sie schleppten, beschimpfte er sie mit schrecklichen Flüchen, weil es ihm nicht schnell genug vonstatten ging und er Freude daran hatte, andere Menschen zu schikanieren. Kaum hatte er die Bucht verlassen, da sackte der Alte, ohne jemals sein Ziel erreicht zu haben, tot zusammen. Die Burschen am Kai sahen dem Davonsegelnden noch eine Weile nach und einer von ihnen sagte: ›Seht ihr dort hinten am Horizont? Da fährt der alte Kauz! Und gleich wird er nicht mehr zu sehen sein.‹«
   Die Flammen im Labyrinth flackerten unaufhörlich und schienen im Takt der Worte des alten Mannes geknistert zu haben. Der Geschichte hatte Karl-Heinz Niemand scheinbar aufmerksam zugehört und im Laufe ihres Fortganges hatte seine Müdigkeit stetig zugenommen. Mit gähnender Stimme sagte er zum Hüter, dessen monotones Daherreden plötzlich und unerwartet aufgehört hatte: »Ich bin müde jetzt, ich werde mich hinlegen und ein wenig schlafen. Ich hoffe, dass das Feuer noch für einige Zeit brennen wird.«
   »Ja«, sagte der Alte, »es ist noch ein bisschen Holz übrig geblieben. Ich werde sparsam damit umgehen, wenn auch zwei Menschen mehr Wärme verbrauchen als nur ein einziger. Denn gerade heute, wo du gekommen bist, soll es nicht so schnell ausgehen.«
   Doch Herr Niemand hatte die letzten Worte des Greises nur noch als undeutlich in seine Ohren dringende Laute wahrgenommen und war bereits, während der andere noch gesprochen hatte, eingeschlafen. Wie dies häufig der Fall war, lag er zusammengekrümmt auf dem Boden, der aber an diesem Platz vom Feuer wohltuend aufgewärmt war.
   Als er am nächsten Morgen aufwachte, fand er das Feuer erloschen vor. Nur noch wenig Qualm wirbelte langsam nach oben und in sich zusammengesackte, verkohlte Äste bedeckten den letzten Rest von nur noch geringfügig vorhandener Glut. Keinen einzigen Ast, nicht einen winzigen Zweig sah der Verlorene noch am Boden liegen; alles, was in der Nacht an Holz hier noch gelegen hatte, war offenbar vollkommen von den jetzt nicht mehr brennenden Flammen aufgezehrt worden. So ähnlich wie er selbst vor ein paar Augenblicken noch lag der alte Mann zusammengekrümmt auf dem Boden, umhüllt von seinem staubigen Umhang. In einer Hand hielt er noch den Stock, der ihm dazu gedient hatte, in seinem von ihm behüteten Feuer herumzustochern. Ein schwacher Wind ließ das dunkle Kleid des sich körperlich nicht regenden Alten ein wenig umherflattern. Der Bauch jedoch bewegte sich nicht auf und ab, kein Schnarchen, kein Atmen war zu hören und am Kopf des Greises rührten sich nur noch seine schwach im Wind wehenden Haare. Langsam kroch der Verwirrte zu dem still Daliegenden hinüber, um den vermeintlich noch tief und fest Schlafenden zu wecken, auch wenn es noch früh am Morgen war und eigentlich keinerlei Anlass bestand, an diesem Ort besonders früh aufzustehen. Er bückte sich über den alten Körper und ruckelte unsanft daran. »Wachen Sie auf, alter Mann, die Nacht ist vorbei!«, rief er dem Leblosen ins Ohr. Der alte Mann, der vor seinen Füßen lag, war tot. Der dies plötzlich begreifende Herr Niemand ließ seinen Oberkörper langsam nach hinten auf den ohnehin schon vom unbequemen Liegen strapazierten Rücken fallen. Verzweifelt schlug er sich die Hände vors Gesicht und wollte etwas in den Raum hineinrufen, doch seine Kehle war wie zugeschnürt. Nur einige röchelnde Töne, die jedoch niemand hörte, vermochte er hervorzubringen. »Was soll ich nur tun?«, dachte der Verlassene. »Jetzt bin ich wieder alleine hier in diesen Gemäuern und kann mit niemandem mehr reden. Ich hätte dem Alten noch so viel sagen können. Er weiß nicht einmal, wie ich heiße und wer ich bin – und jetzt ist er tot.« Voller Entsetzen betrachtete sich Herr Niemand den Toten noch eine Weile und sah ihm in die leblosen, in die labyrinthische Leere starrenden Augen. Er dachte an die vergangene Nacht, in der er offenbar so tief geschlafen hatte, dass er den verzweifelten und einsamen Todeskampf des Alten nicht hatte miterleben und somit nichts hatte unternehmen können, um zumindest dessen Schmerzen zu lindern. Es graute ihm bei dem Gedanken, dass der Hüter offenbar bei vollem Bewusstsein gestorben war, denn die nach wie vor offenen, nach oben starrenden Augen ließen keinen anderen Schluss zu. Da er diesen leblosen Blick nicht mehr ertragen konnte und dem Toten die letzte Ehre erweisen wollte, schloss er ihm mit zitternden Händen die Augen, bettete ihn ordentlich zurechtgelegt auf den Rücken und legte die Arme mit sich berührenden Händen auf den Bauch. Den zum Stochern benutzten Stock, der als einziges Stück Holz übrig geblieben war, steckte er wieder dazwischen, sodass es so aussah, als walte der Hüter des Feuers noch weiter seines Amtes. »Was soll ich nur tun?«, fragte er den beinahe wieder wie lebendig wirkenden, aber nicht antwortenden Toten. »Welchen Weg soll ich nur nehmen?«, fragte er weiter und blickte sich hilflos um. »Es gibt so viele Wege hier«, dachte der Ratlose, »aber irgendeiner davon führt vielleicht direkt in die Freiheit.«
   Karl-Heinz musste jetzt irgendetwas unternehmen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als ständig kreuz und quer in seinem Gefängnis herumzulaufen und so lange dort herumzuirren, bis er eines Tages doch den ersehnten, hoffentlich überhaupt existierenden Ausgang finden würde. Er wollte diesen schrecklichen Ort unbedingt verlassen, wenngleich er damit rechnen musste, selbst beim Gelingen dieses ihm eigentlich aussichtslos erscheinenden Vorhabens in weitere Unannehmlichkeiten und Verstrickungen hineingezogen zu werden. Das Licht des angebrochenen Tages spornte ihn dazu an, sich mit aller Gewalt seinem Schicksal entgegenzustemmen. »Ich muss doch die Schuhe und meine Tasche finden, denn ich habe Durst«, waren nun seine Gedanken, die zu ordnen er kaum imstande war. »Wenn ich nur wüsste, aus welchem Gang ich letzte Nacht diesen Platz betreten habe«, dachte er angestrengt nach. Vier Wände des rechteckig erbauten Platzes boten sich ihm zur Auswahl an und in jede von ihnen führten zahllose Gänge und nur aus einem davon konnte er vor ein paar Stunden gekommen sein. Als er dem Toten die Sandalen nahm, schämte er sich, doch auf Strümpfen wollte er die Schuhe und die Tasche mit der darin aufbewahrten Thermoskanne nicht suchen gehen. Da er aber schon jetzt unter einem enormen Durst litt, leckte er mit seiner spröde gewordenen Zunge an einer zum Glück von ihm entdeckten, feuchten Stelle des Bodens. In seinem Mund, der sich vom Genuss der am Feuer gebratenen, heißen Kartoffeln ziemlich trocken und verbrannt anfühlte, verspürte er nach der Befeuchtung mit einigen Tropfen eine gewisse Linderung. Da er nicht wissen konnte, ob er im Laufe des Tages noch etwas Essbares finden würde, steckte er sich einige von den noch am Boden herumliegenden Kartoffeln – wo auch immer der Hüter sie herhaben mochte – in die Taschen seiner zerknitterten und nach Rauch stinkenden Jacke. Spontan entschied er sich dazu, auf eine der vier ihn hämisch herauszufordern scheinenden Wände zuzugehen, und hoffte, bei diesem Glücksspiel die richtige Wahl getroffen zu haben. Als er auf der neben seinen Füßen nach oben wirbelnden, fast überall fein verteilten Asche davonschritt, blickte er sich des Öfteren zur Mitte des Platzes um, wo der Alte mit für immer geschlossenen Augen dalag, friedlich und ohne jegliche Träume neben dem Haufen von ausgeglühter Holzkohle zu schlafen schien, sich ständig weiter vom Davongehenden entfernte und allmählich zu einem winzigen, dunklen Punkt zusammenschmolz. Nichts konnte Karl-Heinz mehr aufhalten, denn das Feuer brannte nicht mehr und dessen Hüter war tot. Als würden all die ihm offen stehenden Gänge schon gleich durch sich senkende Fallgitter für immer abgeriegelt werden, beschleunigte er jetzt seine Schritte und hörte vorerst auf, sich nach hinten umzudrehen, starrte mit seinen Augen nur noch auf die vor ihm immer breiter und höher werdende Wand und hörte ungläubig das Stampfen seiner in den klobigen Sandalen des Hüters steckenden Füße. Je näher die Wand auf ihn zukam, desto schneller und panischer lief er der Mitte des Platzes davon, als breche hinter ihm der Boden alles verschlingen zu drohend zusammen.
   Er rannte nun endlich durch einen der Ausgänge des Platzes und hatte Mühe, seinen auf eine für seine Verhältnisse nicht unerhebliche Geschwindigkeit gebrachten Körper vor dem Aufschlagen an einer sich schon wieder erneut vor ihm auftuenden Mauer abzufangen. Seine zum Schutz nach vorne ausgestreckten Hände klatschten unsanft davor und fingen an der Innenseite leicht zu bluten an. Entsetzt bemerkte er dies und rieb sie sofort an seinem Hemd ab, steckte sie in die Hosentaschen und ballte sie darin zu einer Faust. Anschließend begann er damit, in den sonnendurchfluteten Gängen nach seinen in der letzten Nacht dort irgendwo abgelegten Dingen Ausschau zu halten. Er schlug einen vermeintlich richtigen Weg ein, aber als er sich plötzlich sicher zu sein glaubte, dass die von ihm durchlaufene Gasse auf keinen Fall zum Ziel, sondern ihn nur in irgendein sinnloses Abseits führen werde, schlenderte er langsam wieder auf demselben Weg, den er sich gemerkt hatte, zurück. Erleichtert fand er den Eingang, durch den er vom Platze kommend vor einigen Minuten hindurchgegangen war. Nur ungern betrat er abermals den geräumigen, viereckigen Raum, um sich erneut von dort aus einen anderen Weg zu seinen dringend benötigten Habseligkeiten zu bahnen. Als er wieder die Asche unter seinen Füßen spürte, überkam ihn ein ungutes Gefühl, denn er blickte kurz zu dem kaum erkennbaren, in weiter Ferne vor sich hinverwesenden Hüter des nicht mehr brennenden Feuers. Er fragte sich, ob auch er in diesem Labyrinth bald zu Grunde gehen werde. Um nicht weiter zu leiden, nahm er sich fest vor, keinesfalls mehr zur Mitte des Platzes hinzusehen, auch wenn ihm dies gegenüber dem alten Mann respektlos erschien. Er drehte sich nur noch hin und wieder nach hinten um und bestaunte die von ihm in der Asche hinterlassenen Fußspuren, die ihm zwar unwirklich vorkamen, aber dennoch einen untrüglichen Beweis seines verzweifelten Herumirrens lieferten. Behutsam tastete er sich an der Wand entlang, indem er immer wieder mit auseinandergespreizten Fingern einer Hand ihren Kontakt suchte, als wolle er sich davon überzeugen, ob die von ihm sanft angetippte Mauer auch wirklich vorhanden war. Nach einer Weile hatte er die nächste ins Ungewisse führende Pforte erreicht, durch die hindurchzugehen er kurz zögerte, aber er verschwand schließlich rasch über deren Schwelle ins Innere eines weiteren Ganges. Auch jetzt versuchte er, sich alles, was sich seinen vom Qualm der letzten Nacht salzig anfühlenden Augen offenbarte, genauestens einzuprägen und unter keinen Umständen zu tief ins Innere des Labyrinthes abzudriften, denn er wusste, dass die von ihm gesuchten Sachen nicht allzu weit von den den viereckigen Platz umzäunenden Mauern entfernt sein konnten. Als er um eine der vielen Ecken herummarschierte, hellte sich sein deprimiert dreinschauendes Gesicht ein wenig auf, denn einige Meter vor sich sah er das Gesuchte still und verlassen auf dem Boden liegen. Er sackte auf die Knie und taumelte den Rest des Weges auf seinen Schienbeinen dorthin. Aufgeregt und darauf hoffend, dass nichts fehle oder das kostbare, in die Thermoskanne abgefüllte Wasser nicht etwa ausgelaufen sei, fuchtelte er eilig an der Tasche herum, um sie zu öffnen, und entnahm ihr hastig die zu seinem Erleichtern sich schwer anfühlende Kanne, aus deren Innern nicht einmal ein gluckerndes Geräusch zu hören war, obwohl sie in seinen Händen unsanft hin und her geschüttelt wurde. Nachdem er die Abdeckkappe hingeworfen hatte, vermochte der Durstige den gewissenhaft fest zugedrehten Drehverschluss nur mit einiger Anstrengung loszuschrauben. Da er seine Hände nicht ruhig halten konnte, schwappte ein beträchtlicher Teil des Wassers über und prasselte vor seinen Füßen zu Boden. Diese sinnlose Vergeudung schockierte ihn – unverzüglich ließ er sich nach unten fallen, um dort so schnell wie möglich die nass gewordenen Stellen auf der Erde sorgfältig trocken zu lecken, denn die wenigen noch nicht versickerten Tropfen hätten genau diejenigen sein können, die ihm am Ende fehlen würden. Da durch diese spärliche Art zu trinken sein Durst noch nicht vollkommen gestillt war, griff er wieder zur Kanne und schüttete sich einiges davon in seinen weit geöffneten Mund. Das in seinem Hals hinuntergleitende Regenwasser tat ihm gut, doch wollte er ein übermäßiges Trinkgelage vermeiden und noch für alle Fälle einen gewissen Rest in der Thermoskanne aufbewahren; daher verschloss er sie wieder mit Sorgfalt und verstaute sie akkurat in der Aktentasche. Die Sandalen des Toten zog er nun aus, stellte sie ordentlich parallel nebeneinandergereiht in eine Ecke und zog sich seine eigenen Schuhe wieder an; jedoch konnte er sie nicht mit der gewohnten Festigkeit zuschnüren, da seine Füße ein wenig angeschwollen waren. Karl-Heinz war froh, dass er noch lebte, und wollte sich jetzt ein bisschen ausruhen. An einer Mauer gelehnt saß er nun, döste noch ein wenig vor sich hin und schlief nach einer Weile schließlich ein.
   Als der Gepeinigte aufwachte, befand er sich noch immer im Labyrinth und alles war wie zuvor. Um sich die Beine zu vertreten, schlenderte er durch die karge Gegend, insgeheim immer darauf hoffend, zufällig den in die Freiheit führenden Ausgang zu finden. Es passierte häufig, dass er vor Langeweile einschlief, und genauso oft wachte er mit plötzlich zusammenzuckendem Körper wieder auf. Wenn er Glück hatte, entdeckte er an einer Wand herabperlendes Wasser, von dem er einiges in seiner Thermoskanne unterzubringen pflegte. Und wenn er lang genug danach suchte, fand er ab und zu irgendwelche feuchten Stellen am Boden oder auch an teilweise porös gewordenen Mauern und notgedrungenerweise leckte er alles Flüssige ab.
   Es vergingen Tage und Wochen. Langsam gewöhnte er sich an das Labyrinth mit seinen Eigenheiten und hatte mittlerweile ein Gespür dafür entwickelt, wo etwas Kostbares zu finden war. Manchmal sprach er mit Tieren, zum Beispiel mit Ameisen und kleinen Käfern, von denen er glaubte, sie leisteten ihm gerne Gesellschaft. Wenn er jedoch Hunger hatte, aß er sie auf, obwohl er manchmal Mitleid mit ihnen empfand. Einmal sagte er zu einer vereinzelt am Boden umherkrabbelnden Ameise, zu der er sich tief hinuntergebeugt und seine Pupillen so nah an sie herangebracht hatte, dass er gerade noch scharf sehen konnte: »Für dich gibt es kein Labyrinth, nicht wahr? Dir ist es völlig gleichgültig, ob du hier bist oder in irgendeiner Ritze eines Bordsteins in der Stadt herumläufst.« Die Ameise jedoch antwortete nicht. Wenn Karl-Heinz eine ganze Herde von verdaulichen Ameisen entdeckt hatte, schnalzte er mit der Zunge und schleckte in einigen wenigen Zügen Hunderte von Tieren vom Boden auf. Er spürte dann in sämtlichen Winkeln seines Mundes ein fast sich lustig anfühlendes, lebendiges Kribbeln und wenn er noch genügend Wasser in seiner Thermoskanne vorfand, spülte er die am Innern seiner Backen haften gebliebenen und offenbar verzweifelt um ihr Leben ringenden Ameisen gurgelnd mit einigen heftigen Schluckbewegungen in seinen mittlerweile an alles Mögliche gewöhnten Magen hinunter. Es gab auch, wie er in der Zwischenzeit schon gelernt hatte, eine Sorte von merkwürdigen Ameisen, die dazu neigten, ein unangenehmes Sekret abzusondern, wenn sie von seiner Zunge berührt wurden, weshalb er derartigen Tieren lieber aus dem Wege ging. Seltener kam es vor, dass er in irgendeiner Ecke ein totes Nagetier oder den Kadaver eines tot vom Himmel gefallenen Vogels beim Verwesen vorfand. In der Regel aber haftete meistens noch genügend Fleisch daran, sodass es sich durchaus lohnte, mit einigen trockenen, aus irgendwelchen Ritzen stammenden Wurzeln mit Hilfe seines glücklicherweise vorhandenen Feuerzeuges ein kleines Feuer zu entfachen, um darüber das bisschen Essbare gar zu grillen. Ein Büschel von ausgedörrten, aus einigen Fugen herausgerissenen Zweigen steckte in seiner Jackentasche und leistete ihm stets gute Dienste.
   Die Nächte verbrachte er notgedrungen im Freien, was bis jetzt für ihn noch kein erhebliches Problem darstellte, da man ihn gütigerweise mitten im Sommer in sein Gefängnis gesperrt hatte. Er wusste aber sehr wohl, dass vielleicht schon der bald kommende Herbst oder auf jeden Fall der danach folgende Winter ihn höchstwahrscheinlich kaltblütig erfrieren lassen würde, wenn es ihm vorher nicht gelingen sollte, den Ausgang des Labyrinthes zu finden. Ob ein solcher überhaupt existierte, wusste er zu seinem Leidwesen nicht. In sternenklaren Nächten blickte er nach oben und war sich darüber bewusst, dass er gegenwärtig bei sich zu Hause am wolkenlosen Himmel über Nesselheim dasselbe mit seinen Augen erblicken würde. Manchmal blieb er während der ganzen Nacht wach und blickte auf ein von den Mauern begrenztes Stück Himmel, an dem er die friedlich vor sich hinflimmernden Himmelskörper sich langsam um den Polarstern drehen sah. Hin und wieder jedoch glaubte er, schauderhafte Geräusche zu hören, die scheinbar, aber doch so echt wirkend und dämonisch zu ihm hinübertönend von irgendwelchen ihren Spaß mit ihm treibenden Scherzbolden stammten. Immer wieder kam es ihm so vor, als greife hinter seinem Rücken eine Hand nach ihm; sie pflegte aber unverzüglich zu verschwinden, wenn er in grenzenloser Angst sich nach ihr umdrehte. Er glaubte auch Köpfe zu erblicken, welche für einen kurzen, kaum wahrnehmbaren Augenblick um eine Ecke oder über einer Mauer gereckt zu ihm hinüberstarrten. Der vor Angst Gelähmte beruhigte sich dann mit der Vorstellung, man wolle ihn lediglich in den Wahnsinn treiben, und manchmal schrie er gegen die Wände: »Verschwindet doch! Was wollt ihr denn? Verschwindet doch endlich!«
   Eines Tages machte Karl-Heinz Niemand eine schreckliche Entdeckung: Er fand nach einem langen und anstrengenden Marsch, der ihn in völlig neue Gebiete des Labyrinthes geführt hatte, einen weiteren, jedoch viel kleineren viereckigen Platz, in dessen Mitte ein Kreuz aus vermoderndem Holz gerammt war. Es hatte fast die Höhe eines Menschen seiner Größe, stand ein wenig schief und warf in der spätsommerlichen Sonne einen langen Schatten. Offenbar handelte es sich um ein Grab, denn vor dem Kreuz entdeckte er verstaubte und ein wenig im Boden versunkene Ritzen. Da die Neugier ihn packte, ließ er seine Tasche fallen, warf sich auf die Erde und begann damit, die Ritzen mit bloßen Händen vom Dreck und von kleinen, bröckeligen Steinen frei zu räumen. Allmählich zeigte sich der Umriss eines länglichen Rechteckes und als er mit seiner Faust ein paarmal kräftig auf dieses schlug, hörte er entsetzt ein dumpfes Pochen. Das, worauf er getrommelt hatte, war offenbar der Deckel einer in den Boden herabgesenkten Holzkiste. Als er sich daraufstellte, knarrte sie gespenstisch. Er vermutete mit einigem Unbehagen, unter ihm lägen die Gebeine eines Vergessenen, dessen Name er aber am Herzen des hölzernen, schon verfaulten Kreuzes nicht ausfindig machen konnte. Er musste plötzlich befürchten, in den vermeintlichen Sarg einzubrechen, denn der Deckel begann, als er einen Fuß anhob, um den Staub zur Seite zu wischen, verdächtige, krachende Geräusche von sich zu geben, sodass er gezwungen wurde, schnell diesen wackeligen Ort zu verlassen. Herr Niemand wollte, auch wenn es ihm davor graute, den Deckel öffnen und einen Blick auf den vielleicht schon seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten dort verweilenden Toten werfen. Davon versprach er sich, im Innern der Kiste irgendetwas zu finden, das ihm in irgendeiner Weise hätte weiterhelfen können. Zusätzlich zu seinen Händen nahm er noch seinen eilig aus der Aktentasche herausgekramten Füller zu Hilfe, mit dem er nun heftig den Staub und die verklumpte Erde wegkratzte, bis er nach einer Weile fleißigsten Arbeitens mit dem dadurch in Mitleidenschaft gezogenen Schreibgerät unter den Deckel greifen konnte. Dieser sprang plötzlich um ein kleines Stück nach oben, denn durch die von ihm ausgeübte Hebelwirkung hatten sich die Köpfe der rostigen, in die Kiste eingeschlagenen Nägel abgelöst, sodass es ihm nun möglich war, den Deckel anzuheben. Eine panische Angst durchfurchte sein Gesicht, denn in wenigen Augenblicken würde er ins Innere des Grabes blicken und vielleicht den schrecklichsten Anblick seines Lebens über sich ergehen lassen müssen. Der mit zitterndem Körper über der Kiste Gebeugte zögerte und war sich nicht sicher, ob er es wirklich wagen sollte, in sie hineinzusehen. Andererseits aber gab es in dieser Einöde für ihn nicht allzu viel zu entdecken, weswegen er über jede Form von Abwechslung eigentlich froh sein konnte. Doch Karl-Heinz Niemand wollte sich einen ihn noch mehr in den Wahnsinn treibenden Schock ersparen und deshalb so behutsam wie nur irgend möglich vorgehen. Auf dem Boden sitzend trat er vorsichtig gegen den schon fast geöffneten Deckel, der sich aber nicht ohne Weiteres davonschieben ließ, denn er hatte seit Tagen nichts Vernünftiges mehr zu sich genommen und fuchtelte deshalb relativ kraftlos mit seinen Beinen herum. Dennoch gelang es ihm, seine Bemühungen dermaßen zu verstärken, sodass er bald von den krachend durchbrechenden Nägeln erschreckt wurde und der Deckel einige Zentimeter unter Staubaufwirbelung von ihm wegpolterte. Dieser lag nun schief auf der Kiste und es boten sich ihm vier dreieckförmige Möglichkeiten, in das ungewisse Dunkel unter ihm hineinzublicken. Er beschloss, durch die kleinste Öffnung zu gucken, um nur einem möglichst kleinen Teil des im Sarg grausig Verborgenen ausgesetzt zu werden. Mit vor Angst rasendem Herzen kroch er ganz langsam auf das kleinste Dreieck zu und als seine das Schlimmste erwartenden Augen schräg durch die kleine Luke hindurchspähten, sah er zu seiner Erleichterung zunächst nichts. Er bekam den ihm unlogisch erscheinenden Eindruck, dass sich in der Kiste überhaupt keine Leiche befand. Was ihn jetzt wunderte, war ein an den inneren Wänden leicht schimmerndes Licht, das vom hineinscheinenden Sonnenlicht hervorgerufen in seine Augen reflektiert wurde. Mit Unbehagen steckte er nun seinen den Deckel dabei zur Seite schiebenden Kopf fast völlig in die sich dadurch vergrößernde Öffnung hinein und war sich jetzt sicher, dass die Holzkiste leer war. Vorsichtig rückte er den Deckel beiseite und starrte auf den dadurch heller gewordenen Boden des leeren Holzsarges. Dabei rieselten Staub und Steinchen hinunter, die anscheinend in etwas Nasses hineinfielen, denn er hörte plätschernde Geräusche. Der Boden der Kiste schien völlig vermodert zu sein, dort hatten sich überall kleine Pfützen von stinkendem Wasser gebildet. Karl-Heinz erkannte nun endgültig, dass sich in dem unter ihm befindlichen Loch kein menschlicher Kadaver befand, sondern allenfalls kleine in den unangenehm riechenden Lachen versoffene Würmer und Käfer, was bei ihm kaum noch Ekel hervorrufen konnte, zumal er mittlerweile mit solchem Ungeziefer bestens vertraut war. Glücklich darüber, endlich wieder etwas Essbares gefunden zu haben, steckte er seinen Oberkörper nun gänzlich in die Kiste hinein und wühlte mit seinen Händen ein wenig im Schlamm herum, sodass die bräunliche, übel stinkende Brühe ihm ins Gesicht spritzte. Als er eine Hand heraufholte und sie aufmerksam vor seinen Augen herumdrehte, entdeckte er ein an einem Finger haften gebliebenes Beinchen irgendeines Käfers, das er sofort zwischen seine Lippen presste, es ein wenig zerkaute und anschließend herunterschluckte. »Da muss noch mehr davon sein«, dachte er voller Freude, »vielleicht sind da noch ein paar dicke Spinnen.« Aufgeregt kletterte er nun ganz in das Loch hinein und panschte auf dem Boden gierig herum, sodass er und seine ohnehin schon verdreckte Kleidung von Spritzern des dunklen Schlammes beschmutzt wurden. Plötzlich erstarrt blickte er jedoch auf sein in der schimmernden Brühe hin- und herschwappendes Spiegelbild des Grauens, in eine ihn abartig anstarrende Fratze, in ein heruntergekommenes und durchfurchtes Gesicht, auf geschundene Lippen und dazwischen geifernd aufblitzende Zähne. Da er den kaum noch an ihn selbst erinnernden Anblick nicht ertragen konnte, verwischte er entsetzt sein Spiegelbild und warf den Schlamm zum größten Teil mit bloßen Händen aus der Kiste heraus, sodass kaum noch Wasser übrig blieb, das zu einer glatten, als Spiegel brauchbaren Fläche hätte zusammenperlen können. Noch bevor die letzten spärlichen Tropfen zusammenflossen, war der Verlorene aus dem Loch herausgesprungen. Er ließ sich zu Boden fallen und krümmte sich verzweifelt zusammen; aus seinem Mund lief ein zäher Speichel. Er ruderte mit seinen Armen nach der Tasche und nur langsam und vollkommen unkoordiniert kroch er auf sie zu, um sie an sich zu nehmen und mit ihr gemeinsam diesen schrecklichen Platz zu verlassen. Als er sie endlich erreicht hatte, ließ er zunächst seinen verdreckten Kopf auf sie plumpsen, um sich ein wenig auszuruhen. Nach einer Weile raffte er sich endgültig dazu auf, möglichst schnell auf den einzigen Ausgang dieses Platzes zuzukriechen, und versuchte, seinen ständig von Wellen der Lähmung heimgesuchten Körper unter Kontrolle zu bringen. Auf dem Bauch liegend rutschte er Stück für Stück vorwärts und schob seine ohnehin schon zur Genüge zerfetzte Aktentasche über den Boden vor sich her. Nachdem er den Ausgang hinter sich gelassen hatte, blieb er einfach irgendwo liegen und schlief nach einer Weile ein.
   Irgendwann wachte Karl-Heinz Niemand wieder auf und war darüber nur wenig glücklich. Er wusste nicht mehr, was er tun sollte, denn er fühlte, dass er am Ende war. Wie ein Irrer taumelte er durch die mit Beton zugemauerte Gegend, starr nach vorne blickend und ständig zu Boden fallend. Das Einzige, was noch Gier in ihm auslöste, war sein Hunger, der nur so spärlich und selten gestillt werden konnte, dass der Wunsch, in Würde sterben zu können, immer ausgeprägter und öfter über ihn herfiel. Als der Geschwächte aber Glück hatte und in einer zerborstenen Ecke eine tote, aber noch relativ frisch aussehende, von nur wenigen Fliegen umsurrte Ratte fand, da ereilte ihn doch der Wunsch, noch einmal tüchtig zuzulangen, um etwas in seinen knurrenden Magen zu bekommen; auf ein paar Tage mehr oder weniger schien es ihm jetzt auch nicht mehr anzukommen. Es sah sogar so aus, als zucke die Ratte noch, als sei sie vor wenigen Augenblicken erst gestorben. Die dunklen Augen des Tieres blickten ihn seltsam glitzernd an und das geöffnete Maul schien bis vor Kurzem noch mit reißenden Zähnen genagt zu haben. Da dieser Anblick Karl-Heinz etwas provozierte, schrie er der toten, auf der Seite mit geknickten Beinen daliegenden Ratte ins hässlich aufgerissene Maul: »Du verfluchtes Vieh, du! Starr mich nicht so an! Sei froh darüber, dass du hier nicht vermodern musst, denn ich esse dich gleich auf!« Da der äußerst hungrige, einem Festmahl entgegenfiebernde Herr Niemand kein Messer hatte, um den Kadaver aufzuschlitzen, und nicht einfach in den Bauch oder ins Genick beißen wollte, stampfte er ein paarmal auf das Tier, sodass das Eingeweide nach allen Seiten blutig herausspritzte. Jetzt konnte er sich die schmackhaftesten Teile der verstreut um die geplättete Ratte herumliegenden Innereien aussuchen. Aus Erfahrung wusste er, dass einige Organe ungenießbar waren und ziemlich bitter schmeckten. Vor allem aber hatte er es auf das rohe Fleisch abgesehen, das er genussvoll mit seinen Zähnen von den Rippen riss. Den zähen Schwanz biss er in einige Stücke und kaute kräftig darauf herum. Da er auch noch Durst hatte, tunkte er seine Lippen in einen Haufen von Eingeweide und saugte die blutige Flüssigkeit so lange auf, bis nur noch eine dröge, knorpelartige Masse auf dem Boden vor ihm lag. Als er sämtliche feuchte Stellen trocken geleckt hatte, drehte er sich auf den Rücken, um ein kleines Verdauungsschläfchen zu halten. In solchen Momenten fühlte er sich einigermaßen wohl und manchmal keimte in ihm die Hoffnung auf, vielleicht doch noch eines Tages in seine Heimat zurückzukehren.
   Nachdem der milde Spätsommer langsam verstrichen war, brach unausweichlich der Herbst über ihn herein. Eines Morgens – seine noch funktionierende Digitaluhr zeigte den 14. Oktober an – stieß Karl-Heinz auf eine ihm völlig unbekannte Pforte, deren Schwelle er nichts ahnend zum ersten Mal seit seiner Ankunft im Labyrinth überschritt. Als er weiterging, spürte er, nachdem er einige Minuten lang nichts bemerkt hatte, dass seine Füße anscheinend auf etwas Neues traten, offenbar auf etwas Weiches, in das seine Füße leicht versunken waren. Als er neugierig hinuntersah, konnte er es nicht fassen, ließ erstaunt seine Tasche fallen und blickte auf einen sich unter seinen Füßen ausbreitenden grünen Teppich. Sein anfangs beiläufiges Registrieren verwandelte sich zu einem verwunderten Starren mit weit aufgerissenen Augen, denn das, was er erblickte, war eine ungläubig von ihm betrachtete Wiese. Wie von einem gewaltigen Schlag niedergeknüppelt sackte der Verwirrte auf seine zu seiner Freude viel weicher als sonst aufschlagenden, sanft um einige Zentimeter in einem Meer von grünen Halmen versinkenden Knie, um die herum er sofort eine angenehme, frische Kühlung verspürte. Einen der in nahezu unendlicher Anzahl vorhandenen und im Wind lebhaft zappelnden Grashalme pflückte er vom Boden weg, leckte ihn mit stürmischem Verlangen ab und ließ einige Tropfen herrlichsten Taus über seiner Zunge zergehen. Er riss nun größere Büschel aus der Wiese, saugte aus ihnen genüsslich das klare Wasser heraus und plötzlich wurde ihm bewusst, dass er mehr Flüssigkeit zu sich nehmen konnte, als sein ramponierter Magen jemals vertragen hätte. Doch das Erstaunlichste und Unglaublichste für ihn war, dass – so weit das Auge reichte – sich vor ihm keine weiteren Mauern mehr erhoben. Sein Inneres bebte vor Aufregung und sein soeben vom quälenden Durst befreiter Körper erhob sich aus dem Gras; er blickte nun in ein Tal, in welchem lieblich eingebettet eine kleine, ihm wie ein überirdisches Wunder erscheinende Stadt vor seinen feuchten Augen lag. Karl-Heinz Niemand hatte den ersehnten Weg in die Freiheit gefunden.

Der Gepeinigte begriff es – er stand in vollkommener Freiheit auf einem herrlichen Grün. Unter ihm erhoben sich wie von Zauberhand erbaut Dächer und Zinnen, Baumwipfel und qualmende Kamine, sich schlängelnde Gassen und Straßen, niedergelassen in ein tiefes, von einem Flüsschen durchzogenes Tal; dahinter ragten gewaltige, massive Wände eines Gebirges steil in den Himmel empor, umtanzt von eilig dahinziehenden Wolken, durch die ab und an die Sonne spärlich hindurchbrach. Das Städtchen, auf das er hinabblickte, schien das Paradiesischste zu sein, was jemals seine Augen gesehen hatten. Ein Gefühl des vollendeten Glücks ließ sein Inneres freudig erzittern und entschädigte ihn beinahe für alles ihm zugestoßene Leid. Überwältigt sackte er völlig in sich zusammen, berührte mit seinen Händen die Wiese, strich zärtlich über sie und spürte ihre angenehme Nässe in seine verschmutzten Poren dringen. Er genoss die glücklichsten Augenblicke seines Lebens und niemand sonst als Karl-Heinz selbst hätte auf einer feuchten Wiese liegend so inbrünstig jubiliert. Mit einer gewaltigen, wie aus dem Nichts ihn plötzlich überschüttenden Energie stemmte er seinen Körper freudig erregt in die Höhe, breitbeinig, beinahe zu zerplatzen drohend streckte er seine Hände den herbstlichen Wolken und der Sonne entgegen, ließ erleichtert vor Freude Tränen der völligen Glückseligkeit über seine Wangen rollen und konnte kopfschüttelnd seine Rettung immer noch nicht fassen. Keine Mauern und keine Wände mehr stellten sich seinen Blicken entgegen, nur das in weiter Ferne liegende, majestätisch anmutende und seit Jahrtausenden schon existierende Gebirge, das einen bizarren Horizont mit dem Himmel bildete.
   »Ich muss dort hinunter«, dachte er, »dort unten wird man mir weiterhelfen.« Taumelnd schlenderte er über die Wiese durch das allmählich höher werdende Gras, schlug die Stängel, obwohl er mit einer Hand seine Aktentasche hielt, mit umherrudernden Armen beiseite und verliebte sich in dieses für ihn wundervoll klingende Rascheln. Er lief Bögen und Kurven in die Wiese hinein, tanzte die von gigantischen Freudenschreien untermalte, sonderbarste Kür seines Lebens und hörte sein Echo als leises Zurückschallen seiner ihm unwirklich vorkommenden, aus seinem eigenen Munde herauspolternden Töne. »Es ist wahr«, dachte er, »ich bin frei! Dies kann kein Traum sein.« Dahinrasend und die Wiese unablässig durchfurchend mähte er alles dahin, was sich ihm an Halmen in den Weg stellte, und hinterließ eine Spur seiner grenzenlosen Freude. Plötzlich jedoch kam er ins Straucheln und stolperte über einen kleinen Wassergraben, über den er noch hinwegflog; anschließend aber schlug er mit seinen Knien auf einem asphaltierten Feldweg auf. Da dieser ein wenig feucht war, rutschte er ein kleines Stück auf ihm herum, sodass seine ohnehin schon lädiert aussehende Hose noch um einiges mehr zerfetzt wurde und er sich unangenehm brennende Schürfwunden zuzog. Doch an Schmerzen dieser Art war Karl-Heinz bereits gewöhnt, als dass er nicht in der Lage gewesen wäre, über solche ihm mittlerweile nur noch lappalienhaft vorkommenden Blessuren hinwegzusehen. Das alles betäubende Glück schien davon unbeeindruckt nicht nachlassen zu wollen, es ließ ein deutlich zu spürendes, körperliches Leiden erst gar nicht aufkommen und sorgte dafür, dass der Befreite, der erst seit einigen Sekunden auf dem Boden hockte, sich zügig wieder von diesem erhob und für dieses Missgeschick sogar ein kleines Lächeln übrig hatte. Er lachte ins Tal hinein und blickte sich um, betrachtete die von ihm in die Wiese hineingelaufene Schneise, sah den steilen Hang hinunter und entdeckte weit vom ihm entfernt in stiller Verträumtheit vor sich hingrasende Kühe. Als er sie nun lauter anlachte, bemerkten sie ihn trotz der großen Entfernung und rannten davon aufgeschreckt und ein wenig irritiert auf ihrer Wiese hin und her.
   Der langsam müder, aber keineswegs unglücklicher werdende Karl-Heinz Niemand hörte plötzlich ein Klingeln und als er sich hastig danach umdrehte, sah er einen älteren, auf ihn zuradelnden Mann, der steif und unsicher sein Gefährt lenkte und mit der Gabel hin- und herwackelte. »Aus dem Weg da!«, schrie dieser erschreckt und geriet zunehmend ins Schlingern, denn Karl-Heinz stand mitten auf dem schmalen Weg und trat nur um ein kleines Stück beiseite. Vor lauter Faszination, dem ersten Menschen in diesem Tal begegnet zu sein, erstarrte er ein wenig, ließ sich aber keineswegs davon abhalten, weiterhin seine nur schwer zu kontrollierenden, wie automatisch aus ihm herausstürmenden Freudenschreie auszustoßen. »Ich bin frei!«, rief er dem anderen, der mit dem Fahrrad jetzt zu Boden stürzte, ein paarmal entgegen und wurde von dem nun neben seinem Rad liegenden Mann fast ängstlich und fassungslos angestarrt, während sich das Vorderrad noch langsam drehte und allmählich zum Stillstand geriet. Noch immer freudig erregt und mit der Absicht, andere daran teilhaben zu lassen, hüpfte er ein paarmal ausgelassen in die Luft.
   »Um Gottes Willen!«, stammelte der vor einigen Augenblicken Verunfallte, fummelte hastig an dem Fahrrad herum, ohne den Umherspringenden aus den Augen zu verlieren, und machte sich schnell unter unablässigem Beobachten des Rückraumes davon. Als sich Karl-Heinz einigermaßen beruhigt hatte, entschloss er sich dazu, den Weg ins unten liegende Städtchen hinabzuwandern. Während des Laufens entfernte er einige an seinem feuchten Körper haften gebliebene Halme, hatte jedoch Mühe damit, sie fortzuwerfen. Immer weiter lief er ins Tal hinab, wie von selbst polterte er auf seinen geschundenen Füßen den sich schlängelnden Weg hinunter, während er voller Vorfreude darauf hoffte, im ständig näher auf ihn zukommenden Ort würde sich sein Schicksal endlich zu seinen Gunsten wenden. Er war sich sicher, etwas Schlimmeres als das in den vergangenen drei Monaten Erlebte könne ihm in seinem Leben keinesfalls mehr widerfahren. Ab und zu machte er eine Pause, stemmte schnaufend seine Arme an die Knie und blickte sich um – von irgendwelchen Mauern, die er als Labyrinth bezeichnet hatte, war weit und breit nichts mehr zu sehen. Schon glaubte er, es sei nur noch ein winziger, unbedeutender Punkt in der unendlichen Ferne. Seine danach spähenden Augen erblickten viele solcher winzigen, unauffälligen und punktförmigen Stellen, offenbar schwarze und kaum voneinander zu unterscheidende Klüfte in den Bergen. Die vereinzelt bewaldeten Berghänge waren zusammengeschmolzen zu einem grünen Teppich, der scharf das Tal trennte von den grau und dunkel wie ein mächtiger Koloss den Blick in den Himmel versperrenden Massiven, auf deren Spitzen sich vereinzelt wie malerisch dahingetupft weiße Häubchen zeigten. Fasziniert und fassungslos in die Höhe starrend ließ er genussvoll einen leichten Wind an seinem Gesicht vorbeipfeifen, stand wie angewurzelt auf dem Weg und versuchte, alles ihn Umgebende gleichzeitig auf sich einwirken zu lassen, um vielleicht begreifen zu können, wie es nur jemals so weit kommen konnte, dass er jetzt auf einem steilen Feldweg in einer ihm gänzlich unbekannten Gegend umherwandern musste.
   Karl-Heinz Niemand betrat nun schwankend und mit leicht zitternden Waden eine zum Städtchen führende Holzbrücke. Das dumpfe Pochen unter seinen Füßen verängstigte ihn etwas, weshalb er vorsichtig einen Fuß nach dem anderen aufsetzte. Um sich etwas auszuruhen, blieb er in der Mitte stehen, lehnte sich ans Geländer und blickte melancholisch in das unter ihm vorbeirauschende, klare und kniehohe Wasser, in dem sich an einigen Stellen dunkle Schatten zackig hin und her bewegten. Beim Anblick der Fische dachte er unweigerlich ans Essen, doch ohne Angel erschien es ihm kaum möglich, einen davon zu fangen. Trotzdem aber wollte er hinunter zum Wasser, um sich zumindest ein wenig damit zu säubern. Mit auf den Holzbohlen schleifenden Füßen tastete er sich am Geländer entlang, bis er die andere Seite der Brücke erreicht hatte. Vorsichtig versuchte er, die Böschung hinabzusteigen, doch er geriet ins Stolpern und rutschte auf seinem Rücken den steilen Hang unsanft hinunter. Glücklicherweise unverletzt stürzte er sich, nachdem er seine Aktentasche und seine geschwind ausgezogene Jacke am Ufer abgelegt hatte, freudig erregt ins seichte Wasser und wollte ausgelassen darin herumplanschen. Eine Eiseskälte ließ seine ermüdeten Glieder zwar vorübergehend erstarren, doch nach kurzer Zeit gelang es ihm, durch unablässige und eigenwillig aussehende gymnastische Bewegungen die ihn umringende Kälte zu einer angenehmen Erfrischung werden zu lassen. Er schreckte auch nicht davor zurück, seinen verdreckten Kopf vollständig unterzutauchen. Nebenbei nahm er aus dem Flüsschen noch ein paar gierige Schlücke, von denen er kindisch herumfeixend wieder einige wie eine Springbrunnenfigur ausspie. Er spuckte und würgte, stöhnte und ächzte, planschte wie ein Kleinkind herum und schwamm sogar, nachdem er sich notdürftig die verstaubten Haare gewaschen hatte, ins Wasser einige Kreise hinein. Karl-Heinz genoss die grenzenlose und erfrischende Freiheit in vollen Zügen, glitt sonderbar und unnachahmlich auf dem an ihm vorbeifließenden Wasser, als habe er nie etwas anderes getan. Der in diesem Spiel der puren Lebensfreude Vertiefte bemerkte aber zunächst nicht die auf ihn gerichteten Augen und im Laufe seines leidenschaftlichen, sich lautstark bemerkbar machenden Freiheitswahnes kamen allmählich immer weitere hinzu, denn ein stilles, abgeschiedenes und idyllisches Städtchen kannte nur wenige Sensationen. Die gaffenden, in behäbige Gesichter eingegrabenen Augen verfolgten das merkwürdig anmutende Spektakel des Fremden mit einem gleichgültigen Interesse.
   Als einer der Blicke den vor Glück tobenden Karl-Heinz traf, hielt er augenblicklich mit angewinkelten Armen in der Pose eines badenden Gorillas inne, riss seinerseits aufs Höchste verwirrt die Augen auf und bemerkte fassungslos die auf und in der Nähe der Brücke wie versteinert dastehende Schar von Menschen. »Was sind das für Leute?«, fragte er sich verdutzt, fühlte sich plötzlich unter deren Beäugelung unwohl, bewegte sich langsam auf das Ufer zu, begann zu frieren und schlug sich schlotternd die Arme um den Oberkörper, auf dem klatschnass und hauteng seine Kleidung klebte. Er zog sich hastig seine am Ufer niedergelegte Jacke an, nahm auch seine Aktentasche wieder auf und kletterte mühsam, häufig mit einer Hand nach Wurzeln und Grasbüscheln greifend, die glitschige Böschung hinauf. Als er oben angekommen war, blickte er erneut auf das sich kaum rührende, sonderbare Empfangskomitee, auf die dort wie angewurzelt dastehenden Leute, die allenfalls atmeten und hin und wieder mit der Wimper zuckten. »Warum reden die denn nicht?«, dachte der Verwunderte, der soeben die Rasenkante zu einem Schotterweg überschritten hatte. Bei den nun ihm in gleicher Höhe gegenüberstehenden Leuten, die ihn anstarrten, als sei er ein außergewöhnliches Wesen, rührte sich nach wie vor nichts; nur manchmal hörte Herr Niemand ein leises Hüsteln oder ein ihm beinahe verlegen vorkommendes Räuspern. Er nahm seinen Mut nun zusammen und wagte es, einer Frau, die von ihrer kleinen Tochter fest umklammert wurde, direkt in die Augen zu schauen, doch ihr beinahe Abscheu zum Ausdruck bringendes Starren erschütterte ihn ziemlich. Zum Glück wandte sie sich nach kurzer Zeit von ihm ab und sah beruhigend zu ihrem Mädchen hinunter, das fragend sein Gesicht dem mütterlichen entgegenstreckte. Karl-Heinz’ Kopfbewegungen wurden jetzt hastiger; in welches der zig Gesichter er auch blickte – es starrte ihn an.
   Als er es nicht mehr ertragen konnte, rief er den nur noch einige Meter von ihm entfernt dastehenden Menschen zu: »Was guckt ihr mich denn alle so an?« Da keine Antwort gegeben wurde, versuchte er nun, selbstbewusst auf die Leute zuzugehen und torkelte ungestüm auf sie zu, sodass man sogar Platz für ihn machte und ängstlich zur Seite zuckte. Er überquerte desorientiert eine verkehrsarme Straße und die meisten der zu tuscheln beginnenden Leute folgten ihm. Von allen Seiten strömten allmählich weitere Neugierige hinzu. Er musste sich selbst fragen, warum man ausgerechnet in ihm ein sonderbares Objekt der Faszination erkenne. Den Mittelpunkt zu spielen war er nicht gewohnt und einer solchen Hauptrolle fühlte er sich nicht gewachsen. Die vielen Menschen, deren seltsames Interesse offenbar seiner Person galt, machten ihn nervös und beängstigten ihn sogar ein wenig. Deshalb fiel es dem Verunsicherten schwer, sich danach zu erkundigen, wo hier der nächste Gasthof sei, und als er mit zittriger Stimme irgendeine in seiner Nähe ihn aufdringlich begleitende Person fragte, kam er sich genauso vor wie das, was all die penetrant an ihm klebenden Leute in ihm sahen – was genau es war, wusste er allerdings nicht. Da er vermutete, man halte ihn für einen armseligen Vagabunden oder für einen unerwünschten Bettler, zog er das in seiner Hosentasche verstaute Portemonnaie hervor und wedelte mit einigen nassen Geldscheinen in der Luft herum, damit man sehen konnte, dass er jederzeit in der Lage war, für eine gute Mahlzeit und eine erholsame Nacht in einem bescheidenen Zimmer zu bezahlen.
   Gefolgt von Neugierigen und ständig neu hinzuströmenden Passanten bog er nun mit einem gekünstelten Lächeln im Gesicht in eine schmale Gasse ein, an deren Ende sich laut Auskunft einiger hilfsbereiter Bewohner der Gasthof »Zum wilden Hirsch« befand. Die am Straßenrand stehenden Leute merkten sofort, dass hier etwas Ungeheuerliches vonstattenging und dass der vor Kälte zitternde und immer noch tropfende Karl-Heinz offenbar etwas Außergewöhnliches erlebt haben musste.
   »Da vorne ist es«, bemerkte einer von denen, die ihm nicht von der Seite wichen und ihm nach wie vor mit einem verwunderten Blick ins Profil starrten. Karl-Heinz musste davon ausgehen, dass man ihn unter Umständen fragen würde, was mit ihm passiert sei, weswegen er sich unbehaglich fühlte, denn er glaubte, dass es wahrscheinlich ein Fehler sei, die Wahrheit zu erzählen. Denn wer würde ihm die Geschichte seines Aufenthaltes im Labyrinth schon abnehmen? Oder behüteten die Dorfbewohner ein schreckliches Geheimnis, mit dem sie aber unter keinen Umständen konfrontiert werden wollten? Jedenfalls hätte er selbst, wenn ihm irgendjemand eine solche haarsträubende Geschichte erzählt hätte, nichts davon geglaubt. In seinen Sorgen versunken und körperlich geschwächt stolperte er über das Kopfsteinpflaster auf der Straße, auf der zurzeit kein motorisierter Verkehr herrschte. Er machte sich zermürbende Gedanken über seine Vergangenheit, über seine Zukunft und über das neue Leben, das hier in diesen Gassen eines kleinen Städtchens im Gebirge beginnen sollte, in Gassen, die einem Stadtmenschen wie ihm eigentlich pittoresk vorkommen mussten. Allzu gern hätte er nur gewusst, ob er jemals sein Zuhause wiedersehen würde. Sein nächstes Ziel aber war zunächst nur dieser Gasthof, dessen schwere, leicht knarrende und verzierte Tür man jetzt für ihn öffnete. Als er die Wirtschaft betrat, umgab ihn ein spontanes Gefühl uriger, anheimelnder Gemütlichkeit. An den Wänden hingen zahllose Hirsch- und Wildschweinköpfe, Gewehre und Jagdhörner, Bilder mit herrlichen Landschaften darauf, Wappen und Wimpel, von dem einer die in Fraktur gedruckte Aufschrift »Schützengilde Kandelbrück« trug. Dieser Name sagte ihm nichts, er hatte noch nie von einem solchen Ort gehört und trotz des Gefühls, einigermaßen freundlich aufgenommen zu werden, kam er sich reichlich fremd vor. Er war nun weiter in den mit nostalgischen, von vergangenen Zeiten zeugenden Dingen geschmückten Raum vorgedrungen und die traditionsbewussten Menschen eines Schlages, den er offenbar nicht kannte, stellten ihm die Wirtin dieses Gasthofes vor, nachdem man sie lauthals und aufgeregt gerufen hatte und sie neugierig und geschwind eine Treppe hinuntergehastet war, als habe sie einen ungewöhnlichen Ton in der Stimme desjenigen erkannt, der sie vor einigen Augenblicken unüberhörbar alarmiert hatte.
   »Um Gottes Willen, was ist denn los? Was ist passiert?«, schrie sie und starrte entsetzt auf den übel zugerichteten Karl-Heinz, der unbeholfen vor der Treppe stand und von dessen durchnässter Kleidung noch immer vereinzelt Tropfen auf den Boden fielen. »Sind Sie in den Fluss gefallen? Sie sind ja ganz nass! Wo kommen Sie denn her? Machen Sie Urlaub hier?«
   »Ja«, antwortete plötzlich Herr Niemand sich über sich selbst wundernd, »ich habe in den Bergen gezeltet, doch irgendwie hab ich mich verlaufen und bin einige Tage herumgeirrt, bis ich hierherkam.« Sein Gesicht verzerrte sich ein wenig bei dem Gefühl, soeben eine ihm selbst abstrus erscheinende Lüge von sich gegeben zu haben, und er wünschte sich eigentlich nichts sehnlicher, als die schreckliche Wahrheit sagen zu dürfen und sie inbrünstig für alle ungläubig um ihn Herumstehenden hörbar in den Raum hineinzuschreien, doch er war sich sicher, dass niemand ihm glauben würde. Verwirrt, aber doch mit der nötigen Herzlichkeit lächelte die in blauer Tracht gekleidete Wirtin und ging ein paar Schritte hinüber zu einem Tisch, auf dem sie einen Korb mit Wäsche abstellte. Einige Leute, die sich in Karl-Heinz’ unmittelbarer Nähe aufhielten und bei ihm den Eindruck erweckten, eher Aufpasser als wahrhaftige, sich sorgende Mitmenschen zu sein, bewegten sich unruhig hin und her und sahen sich selbst immer wieder fragend in die Augen, als warteten sie förmlich auf die Fortsetzung dieses ihnen merkwürdig erscheinenden Schauspiels.
   Die Wirtin geleitete den zögernd darauf eingehenden Karl-Heinz auf die Treppe und wies ihm den Weg zu einem Zimmer, in welchem er sich ausziehen und seine Sachen trocknen konnte. »Ach übrigens, ich bin die Anna«, sagte sie beiläufig, »und wie heißen Sie?«
   »Niemand«, erwiderte er missmutig und bei dieser banalen Frage erschrocken, »Karl-Heinz Niemand.«
   Die eifrige Wirtin sagte, nachdem sie die Tür aufgeschlossen und Licht gemacht hatte: »So, da wären wir, ich hoffe, es wird Ihnen gefallen. Es ist ein warmes Zimmer, der Kamin führt direkt daran vorbei.«
   »Ich danke Ihnen«, sagte er verschüchtert, trat langsam durch die Tür und sah sich benommen den kleinen, aber gemütlichen Raum an. »Ich lege mich schlafen jetzt, glaube ich«, fügte er noch hinzu.
   »Natürlich«, sagte die den Schlüssel aufs Bett legende Wirtin, »nach den Strapazen, die Sie durchgemacht haben müssen, wird es das Beste sein, Herr Niemand. Und über das Finanzielle brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen – so ganz mittellos können Sie ja nicht sein, als dass Sie das Wenige, das wir hier zu bieten haben, nicht bezahlen könnten. Ist es Ihnen recht, wenn ich Sie gegen sechs wecke? Sie sehen aus, als könnten Sie drei Tage lang durchschlafen.«
   »Das ist wohl wahr«, sprach er mit gähnendem Ton, »um sechs wäre mir schon recht. Ich hoffe, ich kann dann heute Abend etwas essen.«
   »Keine Sorge, Herr Niemand, hier ist noch niemand zu kurz gekommen. Ein saftiger Braten wird Sie wieder auf die Beine bringen. Vielleicht erzählen Sie uns dann von Ihrem Abenteuer in den Bergen.«
   »Natürlich«, erwiderte er, während es ihm davor graute, seine Lügengeschichte noch weiter vertiefen zu müssen, aber in ein paar Stunden würde ihm nichts anderes übrig bleiben. Seine Ohren vernahmen noch etwas von einem angenehmen Schlaf, der ihm herzlichst gewünscht wurde, und als sich die Tür hinter ihm schloss, war er endlich allein und hatte nun die Gelegenheit, seit langer Zeit mal wieder in einem ordentlichen Zimmer schlafen zu dürfen. Auf einem flauschigen Teppich stehend drehte er sich langsam im Kreis und blickte dabei auf das urige Tapetenmuster, auf die bemalten und beschnitzten Möbel, auf den großen Schrank, auf das Nachttischchen, auf dem ein Lämpchen mit rotem Schirm stand, auf das hölzerne Doppelbett, auf dem der Messingschlüssel lag, auf die geschwungenen Ränder der Gardine und auf alles Übrige, was das Zimmer in aller Bescheidenheit zu bieten hatte. Das Bett allerdings kam ihm jetzt doch fremd und fast ungewöhnlich vor, sodass er es nicht zu berühren wagte, sondern seinen Körper zusammen mit seiner Aktentasche einfach zu Boden sinken ließ. Er kroch, während er dabei seine Jacke auszog, auf die vom Kamin erwärmte Wand zu, strich zärtlich und respektvoll mit beiden Händen über sie, spürte die wohltuende Wärme, die er so lang vermisst hatte, und war glücklich darüber, dass der bald kommende Winter nicht mehr im vor eisiger Kälte in keiner Weise schützenden Labyrinth über ihn herfallen würde. Neugierig legte er auch ein Ohr an diese ihn lieblich anmutende Wand und hörte ein sanftes Rauschen, das wahrscheinlich vom Fließen des Wassers in den hinter dem Putz verborgenen Rohren hervorgerufen wurde. Der vorläufig gerettete Karl-Heinz zog sich auf dem ihm relativ weich vorkommenden Boden kauernd nach und nach die nassen Sachen aus und auf den Knien vor sich hinrutschend legte er sie auf die hin und wieder ein gluckerndes Geräusch von sich gebende Heizung, die unter dem Fenster in einer kleinen Nische untergebracht war, nicht allzu viele Rippen hatte und keineswegs auf voller Betriebstemperatur vor sich hinrasselte. Da er fror, drehte er sie noch etwas höher. Bei der Unterhose, die er als letztes noch anhatte, bekam er Probleme, sie sich vom Leib zu reißen, da sie offenbar durch irgendetwas festgeklebt widerspenstig an seinen Hüften herum haften blieb. Nur als er sie stärker nach unten zog und sie dabei kaputt gerissen wurde, löste sie sich schmerzhaft von seinem geschundenen Gesäß. Nun völlig nackt dastehend stellte er missmutig fest, dass in diesem Zimmer keine Dusche, wie er sie von zu Hause her kannte, installiert war, sondern nur ein kleines, unscheinbares Waschbecken. Nachdem er sich mit Mühe aufgerichtet hatte, schlurfte er darauf zu und ließ das Wasser hineinprasseln, nahm sich ein dort bereitliegendes, kleines, aber gut duftendes Stück Seife, befeuchtete es und rieb sich damit über die Brust. Dass das Wasser kalt war, störte ihn wenig. Als besonders schwierig zu säubern erwies sich sein stark verschmutztes Hinterteil, das er nur mühsam von kleben gebliebenen und mit der Zeit hart gewordenen Exkrementen einigermaßen befreien konnte. Er zupfte heftig an den gekräuselten Haaren herum und warf die abgelösten, unangenehm riechenden Stücke einfach ins Waschbecken. Zwar war ihm nicht besonders wohl dabei zumute, doch irgendwann musste er, wenn er den Weg in die von ihm gewohnte Gesellschaft zurückfinden wollte, sich dementsprechend sorgfältig und gewissenhaft säubern. Als das Stück Seife jedoch fast völlig verbraucht und nur noch auf die Größe eines mickrigen Radiergummis zusammengeschrumpft war, sah er keinen Sinn mehr darin, es weiterhin zu benutzen, und warf es verärgert ins Waschbecken, zumal es ohnehin nicht mehr ausgereicht hätte, um den noch zur Genüge an seinem Körper haftenden Dreck zu entfernen. Zumindest aber hatte er den Schmutz auf seinem Leib sauber gewaschen, sodass man ihn kaum noch sehen konnte und seine Haut wieder hell und den Umständen entsprechend einigermaßen gepflegt aussah. Leider fand er nirgendwo in seinem spärlichen Quartier ein Rasiermesser oder eine Schere, um sich endlich von seinem mittlerweile fingerlangen Bart in seinem Gesicht zu trennen. Um seine Finger- und Fußnägel hingegen brauchte er sich keine Sorgen zu machen, denn erst vorgestern hatte er sie aus Langeweile an irgendeiner dazu geeigneten Wand auf eine zumutbare Kürze heruntergewetzt. Nachdem er sich abgetrocknet hatte, legte er sich nackt und sich dabei völlig frei fühlend neben die vom Kamin beheizte Wand, schmiegte sich fest an sie und ließ eine wunderbare Wärme auf seinen erschöpften, sich aber nun auf dem Weg zur Besserung befindenden Körper einströmen. Bevor er endlich einschlief, hatte er noch eine Weile vor sich hingedöst.
   Der im Schlaf und in wirren Träumen versunkene Karl-Heinz Niemand schreckte plötzlich hoch, als er einen fürchterlichen Schrei des Entsetzens hörte. Hastig wandte er seinen entblößten Körper der fassungslos dastehenden Anna zu, die zitternd und mit hilflos ausgebreiteten Armen in der Mitte des Raumes, wo auf dem Teppich noch seine am Morgen fallen gelassene Aktentasche lag, aufgeregt hin und her zappelte. Er sprang nun in die Höhe, streckte ihr eine Hand entgegen und wollte eine Erklärung abgeben, doch blieben ihm die Worte im Halse stecken. Anna starrte in die Mitte seines Körpers und ging ängstlich und beinahe über die Tasche stolpernd ein paar Schritte zurück. Er taumelte auf sie zu und blieb dort stehen, wo sie selbst vor einigen Augenblicken gestanden hatte. Mit verzogenem Mund stammelte sie: »Was tun Sie da? Warum liegen Sie nackt in einer Ecke wie ein Tier? Ich wusste gleich, dass etwas mit Ihnen nicht stimmt! Was ist nur los mit Ihnen?«
   »Bitte bleiben Sie! Ich tue Ihnen nichts. Ich schlafe gerne auf dem Boden, wissen Sie, es war so gemütlich an der warmen Wand«, erwiderte der geschockte Karl-Heinz, der nicht damit gerechnet hatte, dass Anna so plötzlich in den Raum platzen würde. Auf den noch immer unberührt auf dem Bett liegenden Schlüssel blickend wurde ihm klar, dass es besser gewesen wäre, die Tür hinter sich zuzuschließen.
   Sie drehte ihren Kopf fast angewidert zur Seite, hielt sich bestürzt eine Hand vors Gesicht, sah mit einem Auge durch die geöffneten Finger, wie sich Herr Niemand die Mühe machte, sich schleunigst anzuziehen. Während sie aus dem Zimmer lief, rief sie ihm noch zu: »Es ist schon kurz vor sieben. Sie waren einfach nicht wach zu klopfen. Unten wartet schon das Essen auf Sie.«
   Er hörte sie den Gang entlanglaufen und anschließend die Treppe hinunterpoltern und nach einer Weile ein ihm unheimlich vorkommendes, aufgeregtes Tuscheln in der Etage unter ihm. Dabei ahnte er nichts Gutes, er musste davon ausgehen, dass die fleißige Anna den anderen Gästen und ihren Mitbürgern erzählte, welch unästhetischen, ja geradezu skandalösen Anblick sie vor einigen Augenblicken über sich hatte ergehen lassen müssen. Bei dem Gedanken, jetzt hinuntergehen und sich womöglich völlig ausgeliefert den unangenehmen Fragen der dort auf ihn wartenden Leute stellen zu müssen, schnellte sein Puls in die Höhe und seine Oberschenkel begannen merklich zu zittern. Als er die Tür hinter sich schloss, wusste er, dass es für ihn kein Zurück mehr geben würde. Also trat er den gefürchteten Gang an und versuchte, besonders erhaben und selbstsicher wie ein einflussreicher, geachteter Mann die Treppe hinunterzustolzieren. Kaum unten angekommen funkelten ihm schon Augen der grenzenlosen Neugier entgegen. Er allein war zweifellos die Sensation des Tages, er allein schien der grelle Mittelpunkt in diesem Wirtshaus zu sein. Fast alle Tische waren besetzt und es schienen überwiegend Bewohner des hiesigen Städtchens zu sein; in ihrer Überzahl einig und beinahe feierlich vor sich hinstrotzend warteten, ja hofften sie ungeduldig nur darauf, bald einem ungewöhnlichen Ereignis beiwohnen zu dürfen. »Kommen Sie nur, Herr Niemand«, rief die süß lächelnde Anna in den Raum hinein, »kommen Sie nur! Es ist angerichtet, der Braten wird Ihnen schmecken.«
   Karl-Heinz ging mit seiner zerknitterten, ungebügelten Kleidung durch die Reihen, von zig Augen, in denen grenzenloses Unverständnis schimmerte, beäugt, und setzte sich langsam und auf den unwirklich akkurat gedeckten Tisch starrend auf den von der reizenden Anna für ihn bereitgehaltenen, ordentlich zurechtgerückten Stuhl, sodass es ihm nicht schwerfiel zu sagen: »Vielen Dank.« Seine Verlegenheit war nicht zu übersehen, sein Gesicht hatte sich rötlich gefärbt und seine unsicheren Bewegungen wurden argwöhnisch von seinen gespannt dreinschauenden Mitmenschen aufs Genaueste beobachtet. Als er das Messer und die Gabel in die Hände nahm, war ihm seltsam zumute, hatte er doch seit Monaten kein Essbesteck mehr gesehen, geschweige denn benutzt. Mit nicht gesellschaftsfähigen, ruckartigen Bewegungen stocherte er an dem üppigen Stück Fleisch herum und kam sich dabei vor wie ein lächerlicher, unfreiwilliger Clown, auf dessen nächstes tollpatschiges Herumfuchteln man nur wartete, um sich darüber köstlich amüsieren zu können.
   Die überaus freundliche Anna stand dicht neben ihm, kontrollierte jeden Bissen, hatte die Arme ineinander verschränkt und lächelte ihm zu, wenn er kurz zu ihr hochblickte. »Wirklich gut, der Braten!«, stammelte der Genervte und quälte sich ein tölpelhaftes, gekünsteltes Lächeln heraus, als spiele er die dümmste Rolle in einer niveaulosen und nichtssagenden Komödie.
   »Freut mich, dass es Ihnen schmeckt, Herr Niemand. Wie wär’s mit einem Gläschen Wein?«, fragte die sich zu ihm hinunterbeugende Wirtin fürsorglich.
   »Natürlich, sehr gern«, sagte er undeutlich mit vollem Munde sprechend und allmählich begann er diese penetrante Bedienung zu verabscheuen, lächelte aber immer wieder idiotisch zur belustigt wirkenden Anna hinauf. Er sah, wie der Wein in ein auf dem Tisch stehendes Glas geschüttet wurde, weswegen er sich überschwänglich bedankte. Er aß den Braten auf, obwohl ihm trotz seines anfänglichen Hungers mittlerweile der Appetit vergangen war, denn er wollte auf keinen Fall den Stolz derer verletzen, die ihn gewissenhaft zubereitet hatten. Genussvoll trank er den tatsächlich ihm mundenden Wein und lachte nach einer Weile etwas angeheitert in den Raum hinein.
   Anna konnte es nicht mehr erwarten und fragte: »Nun erzählen Sie doch, Herr Niemand, was ist passiert? Wo kommen Sie überhaupt her?«
   »Wo ich herkomme?«, fragte der Angesprochene dämlich grinsend zurück. »Aus den Bergen komme ich, wie ich schon sagte.«
   »So? Wo wohnen Sie denn? Sie müssen doch irgendwo zu Hause sein?«, drängte ihn die neugierige Anna forsch, während sie ihm aufreizend lächelnd in die Augen blickte.
   »Ich wohne in Nesselheim«, antwortete Karl-Heinz ein wenig stolz, denn er war sich sicher, dass auch hier in den abgeschieden gelegenen Bergen die relativ große Stadt Nesselheim den Bewohnern ein Begriff war.
   »Aus Nesselheim?«, wiederholte sie plötzlich leicht verwundert. »Habt ihr gehört? Er kommt aus Nesselheim! Was machen Sie denn dort – ich meine beruflich?«
   »Nichts Besonderes«, sagte er bescheiden, »ich arbeite im Büro. Wirklich nichts, was Sie interessieren dürfte.«
   »So? Das hätte ich aber nicht gedacht. Und wie ein Stadtmensch sehen Sie schon gar nicht aus.«
   »Das kann schon sein«, sagte Karl-Heinz sich mittlerweile verhört vorkommend. »Nach meinen Erlebnissen in den Bergen bin ich vollkommen durcheinander. Es war einfach entsetzlich dort oben. Tagelang bin ich dort umhergeirrt, hatte nichts zu essen und zu trinken. Außerdem hab ich dort mein Gepäck verloren, das in irgendeine Felsspalte gefallen ist. Es hat überhaupt keinen Sinn, es suchen zu gehen. Es ist das reinste Labyrinth da oben.«
   »So, meinen Sie? Ich glaube, Sie übertreiben etwas«, bemerkte sie etwas überrascht.
   Als er das Besteck auf den mit Soße verschmierten Teller legte, überlegte er angestrengt, was er von sich geben sollte, um diesen bohrenden und nervenden Fragen aus dem Weg zu gehen. »Wissen Sie, es ist nämlich so: Ich habe einen Schlag auf den Kopf bekommen, ich muss irgendwie auf etwas Hartes gefallen sein. Deshalb kann ich mich nicht mehr so gut daran erinnern, was da oben vorgefallen ist. Ich würde Ihnen gerne alles ausführlich erzählen, doch leider fühle ich mich dazu nicht in der Lage.«
   »So?«, fragte die verwunderte Anna besorgt. »Sie sollten dann zum Arzt gehen. Wenn Sie wollen, kann ich das für Sie in die Wege leiten.«
   »Nein!«, rief Karl-Heinz mit einem Entsetzen, das er im Nachhinein sofort zu mäßigen versuchte. »Das wird nicht nötig sein. Ich fühle mich schon viel besser. Sie haben alles für mich getan, was Sie nur tun konnten. Ich muss schleunigst nach Hause, um dort nach dem Rechten zu sehen.«
   Die kecke Wirtin rückte ein Stückchen näher zu ihm herüber und beugte ihren Oberkörper mit dem allzu reizenden Dekolletee direkt unter seine Augen, die darauf zu starren förmlich gezwungen wurden. Ihre Ellenbogen ruhten nun auf dem Tisch, ihre linke Hand griff an dessen Kante und ihre rechte spielte mit der Gabel auf dem Teller. Sie war eine relativ hübsch anzusehende Frau und in ihrem Kleid musste sie besonders apart aussehen. Süß lächelnd und besonders intim auf ihn starrend, als sei sie mit ihm allein, fragte sie: »Sie haben doch sicherlich Familie in Nesselheim, oder?«
   »Nein«, antwortete Herr Niemand und versuchte dabei freundlich zu wirken, »ich lebe allein dort. Es ist nämlich so: Mein Urlaub hat länger gedauert, als dies geplant war. Sie wissen ja weshalb. Ich muss unbedingt so schnell wie möglich nach Hause. Ich kann es mir nicht leisten, womöglich meine Arbeit zu verlieren. Heutzutage muss man sich anstrengen, wenn man nicht unter die Räder kommen will.«
   »Jetzt reden Sie ja tatsächlich wie ein Stadtmensch, Herr Niemand. Ich glaube, Sie werden wieder langsam normal«, scherzte sie, nachdem sie ihren Körper wieder nach oben gestemmt hatte, und sie lächelte dabei so mitmenschlich, dass er beinahe ein wenig Frohsinn in sich aufkeimen spürte.
   Herr Niemand konnte die für ihn unangenehme Atmosphäre nicht mehr länger ertragen und erhob sich aus dem Stuhl. Er fühlte sich jetzt satt, da der Braten für seinen nicht mehr daran gewöhnten Magen, der in den letzten Monaten nur sporadisch mit Essbarem gefüllt worden war, eine relativ üppige Größe gehabt hatte. Da er nur ein Gläschen Wein getrunken hatte und das Fleisch deftig gewürzt worden war, spürte er seit einiger Zeit schon den Drang, oben in seinem Zimmer noch einige Schlücke aus dem Wasserhahn zu sich zu nehmen. Mit entschuldigendem Blick in Annas leicht irritiert hin und her zuckende Augen sagte er: »Es tut mir wirklich leid, aber ich würde mich gerne wieder hinlegen. Ich bin doch noch erschöpfter, als ich dachte. Ich werde dann morgen früh aufstehen. Wissen Sie, wie ich nach Nesselheim komme?«
   »Das müssten Sie eigentlich selbst wissen«, erwiderte die ihm jetzt genau gegenüberstehende, um einen halben Kopf kleinere Wirtin mit einem fragenden Gesicht. »Wie sind Sie denn zunächst hierhergekommen? Die meisten Touristen kommen ja mit dem Wagen.«
   »Mit dem Zug bin ich gekommen, aber ich weiß ja nicht so genau, wo ich bin. Wo ist denn die nächstgrößere Stadt, von wo aus ich vielleicht direkt nach Nesselheim fahren kann?«
   »Sie scheinen ja wirklich gar nichts mehr zu wissen, Herr Niemand. Ein Glück, dass Sie noch wissen, wo Sie wohnen und wie Sie heißen. Fünf Kilometer westlich von hier liegt Herrschfeld, von dort aus müsste man mit dem Zug direkt nach Nesselheim fahren können.« Die sich nicht ganz sicher seiende Wirtin suchte den Blickkontakt zu einigen ihrer Mitbürger und als der eine oder andere zu ihr bestätigend hinübernickte, sagte sie mit in den Hüften gestemmten Armen: »Ja, in Herrschfeld sind Sie richtig. Soll ich Ihnen morgen ein Taxi rufen? Zu Fuß werden Sie ja wohl dort nicht hingehen wollen, denke ich.«
   »Das wäre nett. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich um acht Uhr wecken würden.«
   »Sicherlich«, sagte sie, »wirklich schade, dass sie uns jetzt verlassen wollen. Wir hätten nur allzu gern mehr von Ihrer abenteuerlichen Geschichte gehört. Aber da kann man nichts machen.«
   Karl-Heinz sagte sich innerlich, dass es diesen sensationslüsternen Dorfbewohnern nur so passen könne, wenn er sich ihnen als hilfloses Objekt der allgemeinen Belustigung weiterhin aussetzen würde. Da er glaubte, noch ein wenig Stolz in sich zu tragen, wollte er auf keinen Fall mehr von ihnen belästigt werden. Als er seinen Tisch verließ, versuchte er, nicht nach links oder rechts zu blicken, sondern nur geradeaus zur Treppe, um jeglichen Blickkontakt mit den nach wie vor unablässig ihn begaffenden Menschen zu vermeiden. Er ärgerte sich im Stillen darüber, dass einige, die an den Tischen saßen, sich besonders breitgemacht hatten, ihm nur wenig Platz machten und dass er, als er genervt durch die Reihen zu stolpern gezwungen wurde, mit unverschämt lässig am Boden ausgestreckten Beinen immer wieder kollidierte, als wolle man ihn enttäuscht über sein frühes Fortgehen absichtlich zurückhalten. Mitleidiges Verständnis zeigte nur Anna, die jetzt vor ihm herging und sanft den einen oder anderen anschubste, mit ihren Händen sogar zärtlich an fremde Beine fasste und leicht erbost in den Raum hineinrief: »Macht doch bitte Platz da! Lasst doch den armen Herrn Niemand durch!« Nachdem sie es geschafft hatte, durch den Wust der Neugierigen eine für ihn genügend große Schneise hineinzubitten, wurde ihm fast ein wenig warm ums Herz und am liebsten hätte er sie an sich gerissen und geküsst.
   Endlich hatte er die Treppe erreicht und als die Wirtin schon dabei war, sie hinaufzusteigen, musste er sich noch einmal umdrehen, noch einmal zu den Leuten blicken, um zu erfahren, ob sie ihm denn immer noch dümmlich hinterherschauten. Als er dies tat, stellte er fest, dass sich nichts geändert hatte, dass er weiterhin angeguckt wurde und dass man offenbar vorhatte, ihm bis zum letzten Zipfel seines schwankend nach oben taumelnden und bald aus dem Sichtfeld der Gaffenden verschwindenden Körpers hinterherzustarren. Auf der schmalen Treppe konnte er nicht schneller nach oben flüchten, denn ein paar Stufen höher ging Anna voraus, auf deren schön anzusehende, seinem Empfinden nach ästhetisch geformte, weibliche Beine er jetzt gerne blickte. Als er erleichtert oben angekommen war und allein mit ihr durch den schummrig beleuchteten Flur ging, wurde ihm seine Bewunderung für die jetzt stehen bleibende und auf ihn wartende Anna bewusst und für einige Augenblicke lenkte ihn dies von seinem schweren Schicksal ab. Als er näher an sie herangetreten war, sagte sie: »Ich hoffe, Sie schließen heute Nacht die Tür ab. Dann wird Sie niemand belästigen können.« Sie öffnete ihm die Tür, stieß sie mit leicht gespreizten Fingern in den Raum hinein. Diese Hand, die sie nun herunternahm und zu einer Faust formte, hatte plötzlich eine magische Anziehungskraft für seine Augen, die auf sie starrten und in ihr etwas Besonderes sahen. Er spürte: Diese Hand musste er unbedingt berühren. Anna hatte ihren rechten Unterarm unter ihre Brüste gelegt, ihre linke Hand spielte etwas unruhig wirkend an ihrem Rock herum, indem sie ihn zwischen dem nach innen gekrümmten Zeigefinger und dem über den Stoff hin- und hergleitenden Daumen zerknüllte. Sie wunderte sich darüber, dass Herr Niemand wie angewurzelt dastand, merkte aber nicht, wohin genau er seine Augen lenkte.
   »Herr Niemand«, sagte sie mit leicht zur Seite gekipptem Kopf, »schlafen Sie doch nicht im Stehen ein!«
   »Aber nein«, erwiderte er leicht irritiert, »ich will Sie nicht aufhalten. Ich glaube, ich muss mich bei Ihnen bedanken.« Obwohl sich dies nicht schickte, streckte er ihr kumpelhaft seine rechte Hand entgegen und hoffte, sie werde dasselbe tun, denn er wollte wenigstens für einen kurzen Moment ihre von ihm so sehr begehrte Hand halten.
   Überrascht schob sie ihre Augenbrauen nach oben, öffnete ihren Mund etwas und stieß ein aus Verwunderung und Verlegenheit geborenes Lächeln heraus. Er griff nun nach ihrer Hand, die sie ihm zögernd entgegenstreckte, drückte sie etwas zusammen und fühlte sich durch ihre warme Zartheit getröstet. Er griff auch noch mit seiner linken Hand nach ihrer bereits in seiner rechten leicht hilflos umherzuckenden Hand, die er nach oben in die Nähe seines Gesichtes hob, löste seinen in ihren schlanken Fingern verhakten Daumen und glitt hinunter zu ihrem Handgelenk, das er nun mit beiden Händen fest umschloss. Es kam ihm unsagbar dumm vor, doch er küsste sie auf die Finger, die in den Haaren seines Bartes versunken angenehm seine Lippen und sein Kinn berührten. Am liebsten hätte er ihren Handrücken an eine seiner Backen geführt, um sie zu veranlassen, ihn dort zärtlich zu streicheln, doch nach einer Anna offensichtlich viel länger als ihm vorkommenden Weile erschreckte er sich vor sich selbst und ihm wurde plötzlich bewusst, mit welcher ungeheuerlichen Impertinenz er die ihn fragend ins Gesicht blickende Wirtin behandelte, ja geradezu missbrauchte. Fast angewidert hielt sie ihm in abwehrender Haltung ihre linke Hand, die sie mittlerweile von ihrem Rock genommen hatte, mit sich gegenseitig abzustoßen scheinenden, auseinandergespreizten Fingern entgegen, jedoch ohne ihn zu berühren, sondern nur mit der Absicht, ihn wortlos zu beschwören, von ihr abzulassen. Er entfernte seine Hände von ihrer rechten Hand, dabei glitt ihr goldenes, dünnes Armband bis zur Hälfte ihres Unterarmes hinunter. Ihre vor einigen Augenblicken noch geküssten Finger krümmte sie nach innen, sie atmete einmal kräftig durch und trat einen Schritt von ihm zurück. »Aber Herr Niemand«, sagte sie nur, blickte ihn verdutzt an und lächelte in sein Gesicht, als wolle sie ihm diesen würdelosen Fauxpas so eben noch verzeihen.
   »Ich«, stammelte er, »wollte nur sagen, wie dankbar ich Ihnen bin.«
   »Schon gut«, sagte sie, »morgen früh um acht Uhr wecke ich Sie. Gute Nacht.« Als sie sich schnell umdrehte und von ihm wegging, sah er ihr hinterher und wünschte sich, sie möge doch über Nacht bei ihm bleiben und ihn im Falle eines Alptraumes sanft in die Wirklichkeit zurückholen. Er überlegte sich, als er auf ihre sich von ihm fortbewegenden Beine blickte, warum sie ihn überhaupt zur Tür begleitet hatte. Wahrscheinlich, so glaubte er, habe sie ihm noch etwas für die Nachtruhe im hinter ihm offen stehenden Gästezimmer überreichen wollen – vielleicht frische Handtücher oder Ähnliches –; offensichtlich aber hatte sie ihr Vorhaben aufgrund seiner ungeschickten Ungehörigkeit einfach vergessen.
   Nachdem er das Licht angeknipst und die Tür zugemacht hatte, hielt er für einen kurzen Moment inne und ließ dabei seine Blicke umherschweifen, als hätte er das Zimmer noch nie gesehen. Er fragte sich, ob das in den letzten Monaten von ihm Erlebte auch wirklich geschehen sei. Er zog seine Lippen, die vor wenigen Augenblicken noch die zarte Hand der bezaubernden Wirtin liebkost hatten, zusammen und darüber fast triumphierend schlug er sich mit der Faust in die Innenseite der anderen Hand. Karl-Heinz spürte jetzt wieder seinen Durst; deshalb ließ er nun nach dem hastigen Öffnen des Wasserkrans am Waschbecken in seinen weit aufgerissenen Mund eine beträchtliche Menge an Wasser hineinprasseln, um den vom deftig gewürzten Braten hervorgerufenen, salzigen Geschmack in seiner Kehle loszuwerden. Er drehte danach den Wasserkran zu und lehnte sich mit den Armen abgestützt über das kleine Waschbecken, blieb für einen kurzen Moment dort stehen und sinnierte über sein Schicksal. Als er in den Spiegel starrte und sich selbst darin erblickte, fragte er sich: »Wie konnte es nur so weit kommen? Was hab ich nur verbrochen?« Da das verbittert dreinschauende Gesicht im Spiegel ihn anwiderte, ihn unablässig an die an ihm verübten Gewalttaten erinnerte, wandte er sich ab und ging in die Mitte des Raumes, wo auf dem Teppich noch immer seine Aktentasche lag, das Einzige, was in den letzten Monaten treu an seiner Seite ausgeharrt hatte. Um ihr den nötigen Respekt entgegenzubringen, beugte er sich zu ihr hinunter und hob sie mit beiden Händen hoch, hielt sie mit einer Sanftheit in seinen Händen, wie er vor Kurzem noch Annas Handgelenk berührt hatte. Wie er es gewohnt war, stellte er die Tasche ordentlich an einer Wand gelehnt ab.
   Unter sich hörte er das relativ leise, aber nicht aufhören wollende Murmeln der Leute in der Gaststube, hin und wieder drangen auch Geräusche von stampfenden Füßen und unsanft umhergerückten Stühlen zu ihm hinauf. Manchmal hörte er plötzlich losbrechendes Gelächter und wenn er sich ein wenig konzentrierte, gelang es ihm, für kurze Augenblicke aus diesem Schwall von auf ihn einstürzendem, undeutlichem Gemurmel Annas Stimme herauszuhören. Er hatte sich auf das Bett gesetzt, seine Ellenbogen ruhten auf den Knien, seine Handflächen presste er an die Schläfen. Nach ein paar Minuten dieses ihm sinnlos erscheinenden Herumsitzens wurde von den unter ihm fröhlich vor sich hinlebenden Menschen Musik aufgedreht, wodurch er leicht erschreckt zusammenzuckte. Als er eine Weile zuhörte, wurde ihm nicht besser zumute; er glaubte, man hätte, wenn er nicht gewesen wäre, früher die Musik angestellt, denn nachdem der von den mucksmäuschenstill vor sich hingrienenden Leuten in der Stube mit Spannung verfolgte Dialog zwischen Anna und ihm beendet worden war, hatten diese vermutlich nichts Besseres zu tun, als noch eine Weile lang über ihn zu tratschen und herzuziehen. Er hoffte darauf, dass die Wirtin, in welcher er so etwas wie eine Verbündete sah, darüber empört dafür gesorgt hatte, diesem herzlosen Treiben ein Ende zu bereiten, indem sie die Musik angestellt hatte, um das lästernde Tuscheln ihrer Gäste und Mitbürger zu übertünchen oder gar zu beenden, um somit endlich wieder Normalität und friedfertige Betriebsamkeit in ihr Wirtshaus einkehren zu lassen. Die Vorstellung, dort unten sei eine ihn verstehende Seele, beruhigte ihn und gab ihm ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Aber wahrscheinlich, so musste der mit einem letzten Rest von übrig gebliebenem Verstand ausgestattete Karl-Heinz sich eingestehen, war die fleißige, von ihm so bewunderte Anna nur deshalb so nett zu ihm, weil sie in ihm in erster Linie lediglich einen von ihr zuvorkommend und freundlich zu behandelnden, bezahlenden Gast sah. Er nahm seine Hände vom Kopf und ließ sich rückwärts aufs Bett fallen, wobei er zu seiner Verwunderung unsanft mit seinem Kopf auf den noch immer dort liegenden Schlüssel aufschlug. Als er überrascht das Harte an seinem Hinterkopf fühlte, wälzte er von Neugier getrieben seinen müden Körper auf dem Bett herum und griff sich den im Schein der Deckenleuchte ihm ins Gesicht blinkenden Messingschlüssel. Da er sich mit Scham und Entsetzen an das ihn kompromittierende Ereignis des heutigen Morgens erinnerte, als die völlig überraschte Wirtin in den Raum geplatzt war und ihn in unwürdiger Haltung und splitternackt auf dem Boden hatte liegen sehen, entschloss er sich dazu – was Anna ihm auch eindringlich geraten hatte –, die Tür zwischen sich und den unten fröhlich feiernden Menschen abzuschließen. Obwohl er müde war, schaffte er es, sich rasch nach oben zu hieven. Mit dem Schlüssel in der Hand lief er auf die rustikale Tür zu, steckte ihn mit hinuntergebeugtem Kopf in das dunkle Loch hinein, rappelte ein wenig ungeschickt an der Tür und drehte ihn gleich zweimal herum, wobei das offenbar schlecht geölte Schloss knirschende Geräusche von sich gab. Um die Verschlossenheit der Tür zu kontrollieren, drückte er ein paarmal die geschwungene, aus Messing bestehende Klinke herunter und als es ihm dabei nicht gelang, die Tür zu sich ins Zimmer hineinzudrehen, war er zufrieden. Er drehte den Schlüssel noch in eine Position, die es kaum möglich machte, ihn von außen mit einem länglichen Gegenstand hindurchzuschieben und auf den Boden fallen zu lassen. Sich einigermaßen sicher fühlend zog er nun seine Sachen bis auf die Unterhose aus und warf sie auf diejenige Seite des Doppelbettes, auf der er nicht zu schlafen gedachte. Barfuß schlich er bis zur Tür, überprüfte noch einmal, ob sie wirklich zugeschlossen war, und knipste das Licht an dem neben ihr unscheinbar angebrachten Schalter aus. Seine Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen und erst nach einigen Sekunden bemerkte er das grell von einer Laterne auf der Straße an die Wand projizierte Licht, weswegen er zum Fenster schlurfte und den Vorhang zuzog, sodass nur noch ein schmaler Streifen von Helligkeit an die dem Bett gegenüberstehende Wand geworfen wurde. Herr Niemand legte sich nun, um es für die Zukunft wieder zu trainieren, unter die Decke, die er sich bis zum Hals nach oben zog, und ließ seine Arme unter ihr verschwinden, sodass nur noch sein auf dem Kissen ruhender Kopf unbedeckt war. Gezwungenermaßen hörte er noch der unter ihm dumpf ertönenden, folkloristischen Musik zu, konnte es nach einiger Zeit aber nicht verhindern, in ihrem Takte willenlos umherzuzucken, und nach weiteren, ihm monoton vorkommenden Augenblicken ließ er sich schließlich von ihr in den seiner Ansicht nach wohlverdienten Schlaf versetzen.
   Nach einer unruhigen Nacht schreckte er am anderen Morgen schweißgebadet hoch, als Anna wie verabredet gegen acht Uhr gegen die abgeschlossene Tür pochte. Nur langsam bemerkte er, dass sie pausenlos auf ihn einredete. »Herr Niemand«, rief sie, »es ist kurz nach acht! Sie wollten doch jetzt aufstehen.«
   »Einen Augenblick«, sagte er laut zu der hinter der Tür stehenden Wirtin, die er nur allzu gern jetzt gesehen hätte. »Ich bin schon wach, ich steh gleich auf. Gut, dass Sie mich geweckt haben.«
   »Unten können Sie noch frühstücken, wenn Sie wollen«, erwiderte Anna in routiniertem Ton.
   Er hörte auf dem Flur ihre leichten Schritte auf dem Holzboden und offenbar Geräusche von sich öffnenden Schränken. Nach einer Weile vernahm er, als er näher zur Tür gegangen war, wie sie den Gang entlang- und anschließend die Treppe hinunterlief. Mit dem letzten Rest der fast völlig verbrauchten Seife wusch er sich grob und spülte sich seinen wahrscheinlich immer noch übel riechenden Mund mit reichlich Wasser aus. Da er vermutete, reines Wasser genüge nicht, saugte er noch den seine Finger benetzenden Seifenschaum in seinen Mund hinein und verteilte darin mit der Zunge die steril schmeckende Flüssigkeit. Zwar hatte er während seines Aufenthaltes im Labyrinth notdürftig den Belag an seinen Zähnen mit einem Bündel von dünnen, ausgedörrten, aus irgendwelchen Ritzen herausgerissenen Wurzeln immer wieder mal abgerieben, doch wollte er unbedingt einen abstoßend stinkenden Mund vermeiden. Da er kein gewöhnlicher Gast in diesem Haus war, hatte er natürlich keine Zahnbürste dabei, und es wäre ihm unangenehm gewesen, Anna zu bitten, ihm Derartiges zu besorgen. Nachdem er diese auch ihm selbst skurril erscheinenden Säuberungsversuche beendet hatte, schnappte er sich seine um das in der vergangenen Nacht unbenutzte Kissen verteilt herumliegenden Sachen und zog sie sich eilig an. Er schnallte sich, nachdem er sich die Schuhe angezogen hatte, seine auf dem Nachttischchen abgelegte, immer noch funktionierende Armbanduhr um. Um zu erfahren, welches Datum man schrieb, drückte er auf ihren Knopf: Sie zeigte den 15. Oktober an. Als er die Tür aufschloss, nahm er sich vor, die unten auf ihn wartende Wirtin zu fragen, welcher Wochentag heute sei. Als er die Tür zu sich heranzog, erblickte er seine an der Wand lehnende Aktentasche, die er auf keinen Fall vergessen wollte, weshalb er sie mit einer Hand nach oben hob. Er schloss hinter sich die Tür und wusste, dieses Zimmer, in dem er nur eine kurze Episode seines von unglücklichen Geschehnissen begleiteten Lebens verbracht hatte, würde er nie wiedersehen. Er schlenderte mit der unter einem Arm geklemmten Tasche durch den fast lieb gewonnenen Flur und wischte mit der freien Hand ein großes Blatt einer Zimmerpflanze beiseite, welche auf einem zwischen zwei Türen an der Wand stehenden Tischchen gestellt war und aus einem hübsch verzierten Topf herausragte. Bereits daran vorbeigewandert beobachtete er noch kurz mit nach hinten gedrehtem Haupt den dünnen, noch hin- und herfedernden Stängel. Seine Stimmung verdüsterte sich jedoch, als er die Treppe erreicht hatte und sich an den gestrigen Abend erinnerte, an dem er genau wie jetzt diese Treppe hinunterzugehen gezwungen worden war, um sich anschließend von der halben Dorfgemeinde unmenschlich begaffen zu lassen. Abrupt stoppte er seinen Gang und hielt inne, horchte angestrengt nach eventuellem, unten schon wieder emsig dahingetuscheltem Gewitzel über seine Person. Aber glücklicherweise erwies sich seine Furcht als unbegründet, denn von unten drangen nur wenige Geräusche nach oben in seine konzentriert hinhörenden Ohren. Er schob seine freie Hand über den Handlauf der hölzern knarrenden Treppe, als er sie gemächlich hinunterstieg. Als er die letzte Stufe erreicht hatte, sprach ihn die aus einem runden Türbogen vermutlich aus der Küche heraus die Gaststube betretende und dann stehen bleibende Anna an, die mit beiden Händen hinter dem Rücken die Schleife ihrer kleinen, um ihre Hüfte gebundenen, weißen Schürze zurechtzupfte, wobei sie etwas unbeholfen ihren Kopf zu einer Seite hinunterreckte, um ihre hinten herumfuchtelnden Finger zu sehen. »Da sind Sie ja, Herr Niemand, haben Sie denn gut geschlafen?« Sie hörte damit auf, ihre offenbar misslungene Schleife zu richten, blickte ihm freundlich ins Gesicht und legte ihre Hände vor die Schürze, indem sie mit der einen Hand das Gelenk der anderen umschloss.
   »Es hätte nicht besser sein können«, erwiderte Karl-Heinz, der die Treppe verlassen und seinen Körper zu ihr gedreht hatte und dabei versuchte, sie unauffällig zu mustern.
   Als die sympathische Anna jedoch beiläufig »Das freut mich zu hören!« sagte, kamen ihm diese netten Worte allerdings etwas floskelhaft vor. Sie ließ die linke Hand zur Seite sinken und erhob mit leicht angewinkeltem Arm ihre rechte, um ihm den Weg zum bereits gedeckten Tisch zu weisen. Je näher er diesem kam, umso stärker ereilte ihn der Duft von Brötchen, Kaffee und Marmelade. Er setzte sich und Anna trat an den Tisch, um ihm den in einer dickbäuchigen Kanne vor sich hindampfenden Kaffee einzuschütten, und als er die qualmende Brühe sich in eine rosa Tasse ergießen sah, traute er sich nicht zu sagen, dass ihm Tee eigentlich lieber gewesen wäre. »Danke«, sagte er höflich und nickte ihr ein wenig dümmlich zu, worauf sie dasselbe tat. Als er anfangen wollte, sich ein Brötchen zurechtzumachen, blickte er mit zur Seite gedrehtem Kopf auf die seinen Tisch verlassende Wirtin, auf ihr beim Gehen auf- und abwippendes, dunkelblondes oder hellbraunes, an den Seiten schulterlanges, sich zur Mitte des Rückens hin um eine Handlänge zuspitzendes, gekräuseltes Haar. Das schwarze Halsband, das sie gestern nicht getragen hatte, zog seine Blicke auf sich, denn er konnte sich nicht daran erinnern, in Nesselheim jemals eine Frau derart geschmückt gesehen zu haben. Da sie ihm nun ihren Rücken zuwandte, konnte er sie relativ ungeniert anschauen, denn von dem älteren Ehepaar, das einige Tische von ihm entfernt in einer ruhigen Ecke saß und behäbig vor sich hinfrühstückte, fühlte er sich beim Beobachten nicht ertappt; dennoch aber versuchte er, einigermaßen unauffällig seiner der Wirtin geltenden Bewunderung zu frönen. Längst hatte er gemerkt, dass sie heute ein neues, grünes Kleid mit leicht eckigem und mit feinen Spitzen berandetem Ausschnitt anhatte; seinem Empfinden nach war sie darin nicht weniger hübsch anzusehen als noch einen Tag zuvor. Geschwind schlenderte sie durch die Reihen und rückte einige ihrer Ansicht nach nicht korrekt an den Tischen platzierte Stühle zurecht. Wenn sie ihre Blicke zufällig in seine Richtung lenkte, guckte er schnell auf seinen Teller zurück und tat so, als ob er inbrünstig und tief in sich gekehrt das Frühstück in sich hineinschlinge, und tatsächlich hatte er schon in relativ kurzer Zeit ein ganzes Brötchen vertilgt. Als er sich umblickte, sah er zufällig auf einem in der Nähe der Treppe abgestellten Teewagen eine Zeitung liegen. Eine Zeit lang starrte er darauf und als Anna die Gaststube durch den runden Türbogen verlassen hatte, konnte er sich von ihr unbeobachtet von seinem Tisch erheben und unauffällig dort hinüberlaufen. Er beugte sich hinunter und vermochte links oben auf der Zeitung, dem »Herrschfelder Kurier«, den von ihm gesuchten Wochentag mitsamt dem aktuellen Datum ausfindig zu machen: Es war Dienstag, der 15. Oktober 1991. Etwas eilig schlenderte er zurück an seinen um vielleicht acht Meter entfernten Platz. Er schob sich das zweite, schon etwas angeknabberte Brötchen in den Mund, während er darüber nachzudenken anfing, welchen Nutzen die Information, dass heute Dienstag war, ihm eigentlich einbrachte. Er wusste lediglich, dass das Wochenende schon vorbei war und jetzt in diesem Augenblick bei sich im Büro schon wieder fleißig gearbeitet wurde. Bei dem Gedanken, dass er auch heute wieder aufgrund der mysteriösen Ereignisse der vergangenen Monate fehlte, wurde ihm mulmig zumute und er musste sich ernsthaft fragen, ob man sich an ihn, einen der fleißigsten und gewissenhaftesten Mitarbeiter in den letzten Jahren, überhaupt noch erinnerte. Er befürchtete mit einigem Recht, während seiner Abwesenheit, die mit Sicherheit für Unverständnis und für spektakuläres Aufsehen gesorgt hatte, kurzerhand entlassen und gar durch jemand anders ersetzt worden zu sein. Denn über eines war er sich im Klaren: Es würde äußerst schwierig sein, sein langes Fehlen im Büro zu rechtfertigen. Denn wer würde ihm die haarsträubenden Ereignisse im Labyrinth schon abnehmen, ja wer überhaupt würde an die Existenz eines solchen Labyrinthes überhaupt glauben wollen? Er konnte glücklich darüber sein, den unmenschlichen Mauern und Wänden durch irgendeine glückliche Fügung des Schicksals lebend entronnen zu sein, doch das, was noch unweigerlich auf ihn zukommen würde, bereitete ihm nicht weniger Angst. War er, der nun tief in sich gesunken mit nah über dem Teller hängendem Kopf und mit verdüsterter Miene nun in einem Wirtshaus irgendwo in den Bergen vor sich hinsinnierte, der einzige Mensch, dem jemals ein derartiges, kaum nachvollziehbares Los beschert worden war? Was sollte er bei seinem Bittgang zum Büro nur von sich geben? Etwa, dass man ihn, einen unbedeutenden, unauffälligen und mit Sicherheit auch anständigen Mann entführt und in einen Irrgarten gebracht hatte? Je mehr er über diese verzwickte Frage nachdachte, desto mehr verkrampfte er sich. Nachdem Herr Niemand seine beiden Hände jetzt zu Fäusten geformt hatte, presste er sie sich gegen die Schläfen und versuchte förmlich, in seinem dazwischenliegenden Gehirn eine alles entscheidende Idee herauszuquetschen. Er bemerkte nicht, dass Anna inzwischen zurückgekehrt und von hinten an ihn herangetreten war. »Geht es Ihnen nicht gut?«, fragte sie mit einer durchaus glaubwürdig klingenden Anteilnahme.
   Überrascht riss Karl-Heinz den Kopf nach oben und drehte sich verlegen und wie bei einer Schandtat ertappt um. Stotternd wiegelte er ab: »Wie? Ja natürlich! Ich bin nur noch etwas müde.«
   »Sind Sie fertig, Herr Niemand?«, fragte Anna, die sich an seine Seite gestellt hatte, ihm jetzt ins Profil starrte und, ohne auf eine Antwort lange zu warten, etwas verunsichert hinzufügte: »Soll ich jetzt ein Taxi rufen?«
   »Ja, das wäre nett«, sagte er nur und immer noch war in seinem Gesicht ein Ausdruck von Peinlichkeit zu erkennen. Er wusste nicht, ob er aufstehen oder sitzen bleiben sollte und entschied sich unsicher für das Letztere. Anna ging geschwind zum Telefon, das auf einem Tischchen neben der Treppe stand. Sie tippte nur ein paar Ziffern ein und bestellte ein Taxi zum »Wilden Hirsch«.
   Herr Niemand indes kramte in seiner Geldbörse herum und legte ein paar Scheine auf den Frühstückstisch. Er war sich sicher, dass es für die Unterkunft und all die üppigen Speisen vollkommen ausreichen würde. Als er sich behäbig erhob und dabei nach seiner auf einem anderen Stuhl abgelegten Aktentasche griff, fing er an zu reden: »Ich hoffe, dass es reichen wird. Der Rest ist für Sie!«
   Etwas irritiert und neugierig lief Anna zu ihm herüber und warf einen fast beleidigten Blick auf die verbeulten Geldscheine auf dem Tisch. »Aber Herr Niemand«, sagte sie mit einer Mischung von Brüskierung und Humor, »wir nehmen’s doch nicht vom Lebendigen!« Sie nahm das Geld teilweise, ließ zwei Scheine liegen und fügte energisch hinzu: »Das genügt vollkommen – und dieses Trinkgeld ist mehr als ausreichend!«
   Überrascht von ihrer plötzlichen Entschlossenheit traute er sich nicht, ihr zu widersprechen, steckte sich die übrig gebliebenen Scheine wieder ein und erwiderte kleinlaut: »Wie Sie wollen.« Wegen solcher Dinge sich zu ereifern hatte er keine Kraft mehr; die drohende Zukunft, insbesondere seine kurz bevorstehende Heimreise nach Nesselheim mit den wahrscheinlich dort auf ihn wartenden Unannehmlichkeiten beschäftigte ihn recht intensiv und schwebte über ihm wie ein Damokles-Schwert. Mit der Tasche in der Hand und begleitet von der reizenden Anna, die er immer wieder kurz von der Seite anblickte, schritt er durch die Gaststube und anschließend durch die bereitwillig von der Wirtin geöffnete Tür. Als er nach draußen trat, spürte er einen herbstlichen Wind kühl um seine Ohren wehen. Demonstrativ und mit Interesse blickte er die Straße zum Fluss hinunter und als die neben ihm stehende Anna, die sich im Gegensatz zu ihm keine Jacke oder etwas Ähnliches angezogen hatte, die banale Bemerkung machte, dass das Taxi aus Herrschfeld lediglich fünf Minuten bis hierher brauche, wurde ihm bewusst, dass in ein paar Augenblicken schon seine abenteuerliche Reise durch sein eigenes Leben weitergehen sollte. Um sich etwas warm zu halten, schlug Anna frierend ihre Arme um ihren zarten Körper, der auf den Füßen hin und her tänzelte. Ihre Damenschuhe erzeugten auf dem schmalen Bürgersteig klackende und kratzende Geräusche, die Herrn Niemand in den Bann zogen. Er blickte hinunter zu ihren Beinen auf ihre dunkelgrünen Schuhe, was sie nach einiger Zeit bemerkte und anscheinend völlig arglos auf ihre Weise kommentierte: »Es ist kalt hier draußen, hoffentlich kommt das Taxi bald.« Sie lächelte ihn humorvoll an, was ihn dazu ansteckte, ebenfalls ein unverfängliches, aber quälend wirkendes Grinsen loszulassen. Als das Taxi um die Ecke bog und ihm klar wurde, dass er die sympathische, solidarisch und gastfreundlich mit ihm wartende Wirtin gleich würde verlassen müssen, schlich ein Hauch von Wehmut um sein Herz, andererseits aber spürte er deutlich die Notwendigkeit, so schnell wie möglich nach Hause zu reisen, um dort nach dem Rechten zu sehen und alles Übrige zu klären. Also genoss er die letzten Momente mit Anna, die ihm die Hand gereicht hatte und die er jetzt zärtlich schüttelte. Ihr in die Augen blickend wünschte er sich, sie möge doch mit ihm kommen, doch Derartiges auszusprechen traute er sich keinesfalls. In ihren Pupillen flackerte ein ihm geltendes, fragendes Unverständnis, was er nur allzu gut nachvollziehen konnte, denn mittlerweile kam er sich fast selber wie ein wandelndes Geheimnis vor. Das Taxi bremste und die Wirtin löste ihre rechte Hand aus der seinigen. Nach dem Öffnen der Beifahrertür stieg er ein, ohne dabei Anna aus dem Blickfeld zu verlieren. Als der Wagen mit über dem feuchten Kopfsteinpflaster rauschenden Reifen in der engen Gasse gedreht hatte und alsbald langsam davongefahren war, sah er die Wirtin im Seitenspiegel noch artig winken und nach einiger Zeit in ihren Gasthof verschwinden, obwohl erst die Hälfte der Gasse durchfahren worden war. Er wusste: Diesen Gasthof in Kandelbrück würde er nie wiedersehen.
   »Nach Herrschfeld zum Bahnhof?«, fragte der Fahrer, den man offensichtlich schon über das Ziel von Karl-Heinz Niemand aufgeklärt hatte.
   »Ja, nach Herrschfeld«, sagte er leise mit einiger Verzögerung. Er wunderte sich darüber, dass er sich in einem Taxi befand, denn in einem solchen hatte er schon ewig nicht mehr gesessen. Als er durchs Fenster auf das kleine Flüsschen blickte und auf diejenige Holzbrücke, auf der er vor Kurzem noch in dieses sich nun allmählich von ihm entfernende Städtchen gelangt war, erinnerte er sich an seine letzte Autofahrt, die weit unangenehmer und weniger komfortabel vonstattenging. In einigen Minuten würde er in Herrschfeld am Bahnhof aussteigen, an einem Ort, den er nicht kannte. In quälenden Gedanken versunken überhörte er das belanglose Gefasel des nicht gerade lakonischen Fahrers, der pausenlos irgendwelche seiner Ansicht nach witzigen Dinge von sich zu geben müssen glaubte. Nach einiger Zeit jedoch verstummte der gemütlich und mit sich zufrieden wirkende Mann, da er merkte, dass Herr Niemand für derartige Späße offensichtlich nicht allzu viel übrighatte. Glücklicherweise erreichte man den Bahnhof sehr schnell. Karl-Heinz stieg aus, bezahlte den witzigen Fahrer und lief in das altmodisch wirkende, nicht sehr große Bahnhofsgebäude, in dem er sich eine Fahrkarte nach Nesselheim kaufte. Am Bahnsteig musste er ungeduldig dort auf- und ablaufend noch fünfzehn Minuten lang warten und als relativ pünktlich in einiger Entfernung um eine bewaldete Felsenwand herum der Zug ratternd aus dem Süden herannahte, erschreckte er sich und gleichzeitig war er froh darüber, dass die ihm viel zu lang vorgekommene Wartezeit ein Ende hatte. Ängstlich und gleichzeitig erleichtert stieg er in den zum Halten gekommenen Zug, der sich bald schon wieder in Bewegung setzte und allmählich seine Höchstgeschwindigkeit erreichte. Zunächst suchte sich Karl-Heinz kein Abteil, sondern starrte aus einem zur Hälfte geöffneten Fenster im Gang auf die an ihm wie in einem merkwürdigen Traum vorbeiflitzenden Bäume, Häuser und Freileitungsmasten. In einem sonderbaren Moment des Schreckens fragte er sich: »Was mache ich hier eigentlich?« Als er begriff, dass ihm im Augenblick ohnehin nichts anderes übrig blieb, als sich einfach schicksalsergeben mit der allergegenwärtigsten Gegenwart abzufinden, gelang es ihm, sich einigermaßen zu beruhigen, denn seine schreckliche, für seine jetzige Zugreise ursächliche Vergangenheit zu ändern, vermochte er ohnehin nicht. Nachdem er eine Weile lang melancholisch die stetig an ihm vorbeiziehende Welt beobachtet hatte, zog er es doch vor, sich ein möglichst leeres Abteil zu suchen, denn er hatte verständlicherweise nur noch wenig Lust darauf, schon wieder als ein aufsehenerregender Mensch, der unsagbares und fast undefinierbares Leid über sich hatte ergehen lassen müssen, taktlos angestarrt zu werden. Wie ein schweigender Toter trug er das Geheimnis des Labyrinthes in sich und die Hoffnung, jemanden zu finden, der ihn würde verstehen können, hatte er im Grunde schon längst aufgegeben. Nach einer Weile fand er zu seinem Glück tatsächlich noch ein freies Abteil, in dem er es sich relativ gemütlich zu machen gedachte. Er setzte sich ans Fenster und wollte einen Schluck aus seiner Thermoskanne zu sich nehmen und ärgerte sich darüber, dass er es versäumt hatte, sie in Annas Wirtshaus in seinem Gästezimmer mit Wasser aus dem Kran aufzufüllen. Aber seinem Ermessen nach war dieser leichte Durst ohne Weiteres auszuhalten und ein paar Stunden ohne zu trinken stellte ihn mittlerweile vor keine allzu großen Probleme mehr, denn während seines Labyrinthaufenthaltes hatte er weitaus härtere Entbehrungen auf sich nehmen müssen. Als er sich an diese entsetzliche Zeit zurückerinnerte, wunderte er sich darüber, dass er überhaupt noch lebte und dass sein nicht gerade von Natur aus extrem kräftiger Körper derartige Strapazen so relativ unbeschadet hatte überstehen können.
   Karl-Heinz schlief ein und träumte auf seinem Platz unruhig umherzuckend von ihn einschließenden Mauern und Wänden. Nach etwa einer Stunde schreckte er hoch, als der Schaffner seine Fahrkarte sehen wollte. Da der gerade unterbrochene Traum von den Ereignissen der letzten Monate nicht gerade angenehm für ihn gewesen war, entschloss er sich dazu, seiner permanenten Müdigkeit besser nicht nachzugeben; außerdem musste er befürchten, die Ankunft in Nesselheim zu verpassen. Nervös schlug er seine Hände abwechselnd auf die Armlehnen seines Sitzes und hin und wieder spielte er mit einem unter dem Fenster angebrachten, ausklappbaren Tischchen herum. Er wünschte sich sehnlichst, die Zeit möge schneller vergehen, denn die unter ihm monoton ratternden Räder erzeugten in ihm trotz des unaufhaltsam auf sein Ziel zusteuernden Zuges den Eindruck, sich auf einer nie enden wollenden Reise zu befinden. Was würde bald in Nesselheim mit ihm geschehen? Er erkannte, dass es sinnlos war, die Zukunft voraussehen zu wollen, und nahm sich lediglich vor, alles dafür zu tun, vielleicht doch noch so heil und ungeschoren wie nur irgend möglich aus dieser irrsinnigen Geschichte herauszukommen. In seiner Zwangslage kam er sich vor wie ein Marathonläufer, der unbedingt einen drei Kilometer vor ihm, aber nur noch zehn Meter vom Ziel entfernten Konkurrenten einholen muss. Auf welche absurden Gedankengänge er auch immer kam – er verstand die Welt nicht mehr. Er verbrachte den Rest der Zugfahrt mit angestrengtem Nachdenken. Als ihm mitgeteilt wurde, dass Nesselheim nicht mehr weit sei, erhöhte sich sein Puls. Der ihn befördernde Zug drosselte sein Tempo, nach draußen blickend hatte er schon längst seine Heimat wiedererkannt. Obwohl er hier zu Hause war, wurde ihm bewusst, dass das Reisen durch den Irrsinn seines Lebens noch längst kein Ende gefunden hatte. Der Zug hielt und Karl-Heinz Niemand stieg mit seiner Aktentasche aus. Er war in seine Heimat, von der er schon geglaubt hatte, sie nie wiederzusehen, einigermaßen lebendig zurückgekehrt.

Nesselheim lag seinem Ermessen nach unverändert vor seinen Augen und beinahe spürte er einen süßen heimatlichen Duft in seine umherschnuppernde Nase dringen. In ihm breitete sich ein leichtes Glücksgefühl aus und fasziniert blickte er vom Bahnsteig aus auf die Rückseite des roten, ihm wohlbekannten Bahnhofsgebäudes, das er im Laufe seines Lebens schon über tausendmal gesehen haben mochte. Von der Straße her hörte er den gewohnten Verkehrslärm. Er stieg gemächlich eine Treppe hinunter und ging langsam durch die Bahnhofshalle. Aus ihrem Eingang trat er auf den Bürgersteig. Er wusste nicht, was er denken sollte. Als er auf die andere Straßenseite blickte, auf ihm bekannte Geschäfte und Häuser, hatte er plötzlich das Gefühl, die Geschehnisse im Labyrinth nur geträumt zu haben. Nach einiger Zeit aber dachte er: »Es ist wirklich wahr. Ich war in diesem verfluchten Labyrinth.« Er hielt es nun für besonders wichtig, sich genau zu überlegen, wie er weiter vorgehen sollte. Er entschied sich für das Nächstliegende, nämlich direkt zum Büro zu gehen, um dort unmissverständlich zum Ausdruck zu bringen, dass er völlig unschuldig an seinem Fehlen in den letzten drei Monaten sei. Was hatte er sich schon vorzuwerfen? Dass das Schicksal ihm übel mitgespielt hatte? Sicherlich – die Wahrheit zu erzählen, würde einer Katastrophe gleichkommen. Aber wenn er unterwürfig und inbrünstig den Chef bitten würde, ihn doch einfach wieder ohne Angabe von Gründen für seine Fehlzeit arbeiten zu lassen, warum sollte in diesem Fall keine Ausnahme gemacht werden? Schließlich hatte er in den letzten Jahren wie besessen gearbeitet und noch heute waren die Früchte seines Schaffens seiner Ansicht nach deutlich zu erkennen. Konnte man einen Mann, der so viel in der Vergangenheit geleistet hatte, einfach gnadenlos vor die Tür setzen? »So brutal«, glaubte er voller Zuversicht, »kann der Chef doch nicht sein.« Seine Hoffnung setzte er in die Menschlichkeit dieses Chefs, der ja wusste, dass Karl-Heinz ein anständiger und ehrlicher Mann war. Eilig und mit aufgeregt schlagendem Herzen lief er durch die heimatlichen Straßen Nesselheims, während er versuchte, sich überzeugende Worte für die gleich wahrscheinlich bevorstehende Demütigung zurechtzulegen. Er hielt es auch nicht für sinnvoll, erst den längeren Weg nach Hause anzutreten, um sich etwa saubere Sachen anzuziehen und sich zu rasieren, denn er fühlte in sich den unwiderstehlichen Drang, sich zuerst um seine ihm Brot gebende Arbeit zu kümmern. Felsenfest glaubte er, der Chef und die Mitarbeiter seien privilegiert, als Erste ihn als den so lange Verschollenen endlich wiederzusehen. Die ihm entgegenkommenden Passanten indes kamen ihm fremd vor, er konnte sich manchmal des Eindruckes nicht erwehren, man sehe ihm irgendetwas an. Denn ihm war durchaus klar, dass er in seiner teilweise zerrissenen und unsauberen Kleidung ein nicht gerade gesellschaftsfähiges Bild von sich selbst präsentierte. Möglichst unauffällig starrte man ihn von der Seite an, als sei er ein unerwünschter Bettler.
   Nach einigen Minuten Fußmarsches stand er endlich vor der Glastür des Bürogebäudes. Als er sein undeutliches Spiegelbild in der Scheibe erblickte, erschreckte er sich leicht, denn er sah in der Tat nicht gut aus. Trotzdem aber drückte er mit einiger Beherztheit gegen die nicht verschlossene Tür, an der glücklicherweise heute kein Schild mit der Information angebracht war, dass das Büro geschlossen sei. Im steril nach Putzmittel riechenden Flur stehend forderte er per Knopfdruck den Aufzug an. Als dieser summend unten angekommen war und sich die Tür automatisch geöffnet hatte, trat eine junge, dunkelhaarige, ihm unbekannte Frau – vermutlich eine neu eingestellte Praktikantin – zu ihm auf den Flur hinaus und ihr kurz gegenüberstehend glaubte er, auch in ihren Augen und in ihrem Gesicht einen Ausdruck leichten Entsetzens über sein ungewöhnlich erscheinendes Aussehen ausmachen zu können. Mittlerweile in der Kabine stehend und nach draußen zu ihr blickend sah er, wie sie dabei war, das Bürogebäude zu verlassen, nicht ohne jedoch noch einmal einen verächtlich wirkenden Blick in seine Richtung auszusenden. Nach dem von ihm herbeigewünschten automatischen Schließen der Tür war er nun alleine mit sich, dem Aufzug und seiner Aktentasche und je länger er in dieser nach allen Seiten hin abgeschlossenen, ruckelnden Kiste nach oben fuhr, desto mehr spürte er klaustrophobische Ängste in sich aufkommen, da ihm die unmenschlich ihn einzuzwängen scheinende Kabine an das unglückselige Labyrinth erinnerte. Sehnlichst wünschte er sich, so schnell wie möglich im neunten Stock anzukommen. Er fasste sich mit einer Hand an den schwitzenden Hals und spürte dort seinen vor Aufregung in die Höhe geschnellten Puls. Als die Tür endlich aufging, stürzte er sichtlich erleichtert auf den Flur. Etwas schwindelig griff er mit beiden Händen ans Geländer, nachdem er die Tasche an dessen Sprossen abgestellt hatte, und als er etwa 25 Meter hinunter in die Tiefe blickte, wurde ihm noch schwindeliger, weshalb er sich vom Geländer wieder schleunigst entfernte. Nach einiger Zeit hatte er sich beruhigt. Dieser Zustand hielt jedoch nicht lange an, denn hinter mehreren Türen im Flur vernahm er das ihm eigentlich vertraute, jetzt ihn aber ängstigende Gemurmel von eifrig beschäftigten Personen und das Klacken von schnell tippenden Fingern auf irgendwelchen Tastaturen. Nachdem er die Tasche wieder an sich genommen hatte, wurde ihm nun plötzlich eines bewusst: Der Augenblick der Wahrheit, die er allerdings in allen Einzelheiten zu erzählen keineswegs vorhatte, war gekommen. Er musste lediglich, um endlich Gewissheit über seine weitere berufliche Zukunft zu erlangen, dieses vor ihm liegende und ihm heute eher wie eine Folterkammer vorkommende Büro betreten. Mit zitternder Hand und unter dem linken Arm geklemmter Aktentasche, als ob er heute hier noch arbeiten wolle, drückte er rechts neben der betreffenden Tür einen dort unter dem Firmenschild angebrachten Klingelknopf. Als er auch tatsächlich das von ihm verursachte schrille Klingeln hörte, zuckte er zusammen, denn ihm wurde bewusst, dass man jetzt in dieser Sekunde auf ihn aufmerksam wurde, obwohl man im Büro noch nicht wissen konnte, um wen es sich handelte. Man vermochte allenfalls zu wissen, dass irgendjemand um Einlass bat, aber dass ausgerechnet Herr Niemand derjenige war – damit konnte nach so langer Abwesenheit wahrhaftig keiner rechnen. Der Türöffner summte für eine Sekunde und ließ die Tür wie von Geisterhand berührt um einen kleinen, unheimlichen Spalt weit aufspringen. Noch hätte er weglaufen können, doch irgendwann würde er ja doch der Konfrontation mit seinem Arbeitsleben nicht mehr aus dem Wege gehen können. Karl-Heinz Niemand stand erneut vor einer Tür, durch die hindurchzugehen er noch zögerte. Zwar hatte er heute ungleich weniger Angst davor, gleich getötet zu werden, wie er es vor ungefähr drei Monaten noch empfunden hatte, als man ihn in diesem alten, verrotteten und verlassenen Haus brutal gezwungen hatte, in dieses ominöse Zimmer einzutreten, um ihn anschließend zu betäuben und auf eine unerklärliche Reise zu schicken, doch auch jetzt war ihm zumindest äußerst unangenehm zumute, da er beim besten Willen nicht einzuschätzen vermochte, mit welchen Reaktionen man ihm wohl gleich gegenübertreten würde. Er biss sich auf die Zähne und wagte es, die bräunliche Tür ins Büro hineinzudrehen, sodass er davon ausgehen musste, schon bald gesichtet zu werden. Mit beiden Füßen stand er bereits im Vorzimmer; zu seiner Überraschung saß am einige Meter von ihm entfernten Schreibtisch allerdings niemand. Normalerweise arbeitete dort die Sekretärin. Etwas verwirrt drehte er die Tür noch weiter in den Raum hinein und hörte damit auf, als er links von sich deutlich die Geräusche eines Kopiergerätes vernahm. Vorsichtig guckte er um die Türkante herum und erblickte wie vermutet Frau Leipold, die er halb von der Seite und halb von hinten beim Anfertigen von Kopien beobachten konnte. Er stieß einen Seufzer der Ängstlichkeit und Verwirrtheit aus und vollends betrat er nun wagemutig den Raum. Da die Sekretärin fleißig und stets konzentriert war und zudem noch die Fähigkeit hatte, mehrere Dinge mehr oder weniger gleichzeitig in Angriff zu nehmen, konnte er es nachvollziehen, dass sie nicht am Schreibtisch sitzend aufs Hereintreten des Besuchers wartete, sondern schon wieder dabei war, etwas anderes zu erledigen.
   Der Moment war gekommen, als eine ihn kennende Person zum ersten Mal seit seiner abscheulichen Entführung ihm persönlich gegenüberstand, denn die Sekretärin hatte sich geschwind zu ihm umgedreht. Ungefähr drei Sekunden lang riss sie die Augen auf und beinahe fielen ihr die mit einer Hand festgehaltenen Blätter zu Boden. Überrascht, aber auch entsetzt wirkend hauchte sie einen typisch weiblichen, schrill in seine Ohren dringenden Ton in sich hinein, fasste, nachdem sie für sie untypisch die Blätter unordentlich auf den Kopierer geworfen hatte, sich mit beiden Händen an die Backen. Fassungslos und mit geöffnetem Mund, der nichts Vernünftiges zu sagen in der Lage war, starrte sie ihn an; offenbar erkannte sie in der hilflos vor ihr stehenden Kreatur ihren ehemaligen Mitarbeiter namens Karl-Heinz Niemand trotz seines veränderten Aussehens wieder. Die langsam automatisch sich zudrehende Tür klinkte sich ins Schloss ein. Noch einige Sekunden standen Frau Leipold und er sich gegenüber, ohne miteinander zu sprechen und ohne die Situation richtig erfassz zu haben. Bald aber stotterte Herr Niemand Folgendes: »Ich bin wieder da, Frau Leipold.« Er hatte es mit einem tragikomischen und beinahe sarkastischen Unterton von sich gegeben.
   »Herr Niemand!«, schrie sie halb und sagte sie halb. »Ist denn das die Möglichkeit? Wo haben Sie denn bloß gesteckt? Wie sehen Sie denn aus?«
   Karl-Heinz hatte keine Lust, diese für ihn eher rhetorischen Fragen ernsthaft zu beantworten, sondern sagte nur mit verbissenem Gesichtsausdruck: »Ich will den Chef sprechen!«
   Ohnehin hatte Frau Leipold vor, den Chef telefonisch zu benachrichtigen; noch bevor er zu Ende gesprochen hatte, war sie ans Telefon geeilt und hatte bereits an ihrer Konsole die richtige Durchwahl zum vermutlich in seinem Büro vor sich hinarbeitenden Chef hergestellt. »Herr Dillinger!«, schrie sie aufgeregt in die Sprechmuschel hinein. »Herr Niemand ist hier!« Sie hörte noch einen Augenblick lang verwirrt wirkend und den Anweisungen des Chefs folgend zu und sagte schließlich mit zu Karl-Heinz gewandtem Gesicht: »Ja, Herr Niemand kommt zu Ihnen.«
   Ungeduldig tänzelte er vor ihren Augen hin und her; das überflüssige Telefongespräch hatte ihn sichtlich genervt. Ihn mitleidig und fragend anblickend öffnete Frau Leipold ihm die rechts hinter ihrem Schreibtisch sich befindende, zum Hauptbüro führende Tür, sodass sich das ohnehin schon die ganze Zeit dahinter wild durcheinander in seine Ohren dringende Geklapper von Tasten intensivierte. Zwischen den Schwellen stehend winkte die sich vielleicht in den Wechseljahren befindende Sekretärin ihn zu sich herüber. Als habe sie einen Fremden vor sich, forderte sie ihn dazu auf, ihr bis zum Chefbüro zu folgen. Missmutig gehorchte er ihr, bewegte sich nun an ihrem Schreibtisch vorbei und bei dem Gedanken, gleich an seinen ehemaligen Mitarbeitern vorbeilaufen zu müssen, wurde ihm unwohl, denn er musste damit rechnen, von ihnen ebenso merkwürdig und geradezu verständnislos behandelt zu werden wie schon die ganze Zeit von Frau Leipold, die jetzt ganz ins Hauptbüro eingetreten war, damit er durch die für zwei Personen zu schmale Tür hindurchschreiten konnte. Als er endlich in diesem Zimmer stand, erkannte er, dass sich dort im Wesentlichen nichts verändert hatte. Immer noch standen sechs Schreibtische nebeneinander, immer noch wurde an jedem von ihnen fleißig gearbeitet. Dass Herr Niemand so urplötzlich und völlig unerwartet wieder hier auftauchte, bemerkten nicht alle gleichzeitig. Allmählich aber wurde es leiser im Büro und wer es noch nicht registriert hatte, wurde von seinem Nachbarn durch sensationslüsternes Zurufen oder gar durch Anstoßen darauf aufmerksam gemacht. Nach einigen weiteren Sekunden regte sich nichts mehr, das Büro verstummte und eine unheimliche Grabesruhe war eingekehrt. Ungläubig starrte man auf den gnadenlos vom Schicksal Gebeutelten, interessierte sich nicht mehr für auszufüllende oder zu bearbeitende Formulare und Anträge, blickte nicht mehr auf flimmernde Monitore, sondern nur noch auf ihn, weshalb er sich nun beinahe wichtig vorkam und schon wieder den Eindruck gewann, etwas Besonderes zu sein. Nachdem man die Situation erfasst zu haben glaubte, entlud sich plötzlich ein chaotisches Gegröle. Ausgelassen schrie man ihm und sich selbst irgendwelche Worte zu, die einem gerade in den Sinn kamen wie zum Beispiel: »Wo kommst du denn her, Karl-Heinz?« Auch hörte er Äußerungen wie: »Das ist ja ein Ding, ich dachte, der wär verschollen!« Aufgeregt sprangen einige völlig disziplinlos von ihren Plätzen auf und liefen zu ihm hinüber, um ihn in seinem erbärmlichen Zustand aus der Nähe genau zu mustern, obwohl Herr Dillinger bereits die Tür zum Hauptbüro aus dem seinigen heraus geöffnet hatte und an der Schwelle stehend auf ihn schon wartete. Karl-Heinz hatte nicht die geringste Lust dazu, den albern um ihn herumspringenden Kollegen irgendwelche Fragen zu beantworten, sondern setzte seinen Weg an den teilweise verwaisten Tischen vorbei eilig fort. Ständig das unerträgliche Gequatsche hinter seinem Nacken hörend blieb er verärgert am vorletzten Tisch stehen und machte eine Entdeckung, mit der er ohnehin schon gerechnet hatte: An seinem Platz saß ein anderer. Als er diesem nun fast von ihm verachteten Menschen streng ins völlig unschuldig, nur etwas verwundert dreinschauende Gesicht blickte, packte ihn eine gewisse Wut. Er biss sich auf die Zähne und stieß einen hörbaren Hauch der Erschütterung aus. Seinen Oberkörper beugte er nach vorne und er sah kurz aus wie ein nicht ganz ungefährlicher Mann. Der Chef, der näher an ihn herangetreten war, forderte ihn auf, endlich hineinzukommen. Herr Dillinger machte keine Scherze, war eher ein ernsthafter Mann. »Kommen Sie in mein Büro!«, befahl er erneut Herrn Niemand, der am letzten Schreibtisch angekommen war, sich aber noch nach dem vorletzten umblickte. Er ging ins Büro des Chefs, der persönlich die Tür hinter sich und ihm schloss.
   Herr Dillinger, ein kräftiger Mann mit Vollbart und Brille, forderte ihn mit einer deutlichen Handbewegung auf, vor seinem Schreibtisch auf einem davorstehenden Stuhl Platz zu nehmen, während er sich selbst in seinen Ledersessel hinter dem Tisch, auf dem wie üblich ein Aschenbecher aus Silber mit einer darin liegenden, nicht zu Ende gepafften Zigarre stand, langsam und gemütlich sinken ließ. Karl-Heinz saß schon längst und wurde gefragt: »Nun, Herr Niemand, was haben Sie mir denn so zu erzählen?«
   Karl-Heinz kam diese fast ironisch vorgetragene Frage sinnlos vor, weshalb er abschmetterte: »Ich habe gar nichts zu erzählen, Herr Dillinger! Ich bin hier, weil ich wieder arbeiten will.«
   Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, ertönte von der anderen Seite des Tisches ein leises, dumpf klingendes Lachen. »Falls Sie’s noch nicht gemerkt haben, Herr Niemand, Ihr Arbeitsplatz ist bereits an jemand anders vergeben. Wie stellen Sie sich das denn vor? Seit unserem letzten Betriebsausflug haben wir Sie nicht mehr gesehen und das ist ja wohl schon ein paar Monate her. Und jetzt kommen Sie hier einfach an – noch dazu in diesem Aufzug – und fordern einfach Ihre Arbeit zurück. So geht das nicht!«
   Etwas anderes zu hören hatte Karl-Heinz im Grunde nicht erwartet, geschockt aber vernahm er das Wort »Betriebsausflug«, den er offenbar an jenem achten Juli völlig vergessen und dem er somit nicht beigewohnt hatte, sondern stattdessen unglücklicherweise vor der verschlossenen Tür stehend von seinen Häschern beobachtet und anschließend von ihnen drangsaliert und entführt worden war. Nichtsdestotrotz wusste er jetzt nur noch eines: Nun musste er kämpfen. Er sprang vom geräuschvoll zur Seite wegrutschenden Stuhl auf und fing mit kurios aussehenden Gesten damit an, sich rechtfertigen zu wollen. Doch zunächst fehlten ihm die Worte, denn die Aussicht auf Arbeitslosigkeit schockierte ihn dermaßen, dass ihm für überlegtes Sprechen die Konzentration nun vollkommen abhanden gekommen war. Die Gesichtsmuskeln spannten sich und er fuchtelte wild mit den Händen herum. Er holte immer wieder kräftig Luft, um den Beginn einer alles entscheidenden Rede einzuläuten. Dabei presste er häufig die ansonsten eher weit aufgerissenen Augen zusammen und außerdem schaukelte er unkontrolliert wirkend mit seinem Oberkörper herum. Entsetzt rollte der Chef mit seinem beweglichen Sessel um einen halben Meter nach hinten und ließ den wild gestikulierenden, kein Wort herausbringenden, sondern nur merkwürdiges Ächzen ausstoßenden Karl-Heinz keine Sekunde lang aus den Augen und blickte fasziniert und überrascht zu ihm hinüber. So etwas hatte Herr Dillinger noch nie gesehen. Er musste jetzt im Sessel etwas nach oben rutschen, um weiterhin Herrn Niemand vollständig beobachten zu können, denn mittlerweile war dieser untertänig und geradezu bemitleidungswürdig vor seinem sich nun doch etwas fürchtenden Chef auf die Knie gefallen. Die wie zum Gebet zusammengefalteten Hände hob er über den Kopf und wackelte beschwörend mit ihnen in Richtung zum Chef hin und her. Er fing an zu flehen: »Bitte! Bitte! Bitte! Bitte lassen Sie mich hier wieder arbeiten! Jahrelang habe ich mich hier fast zu Tode geschuftet. Gibt es irgendjemanden, der fleißiger als ich gewesen ist? Ich habe etwas Schreckliches erlebt, glauben Sie mir! Aber es ist so unglaublich, dass ich es nicht erzählen kann. Ich kann es Ihnen einfach nicht sagen, ich kann es wirklich niemandem sagen. In den letzten drei Monaten hatte ich einfach nicht die Möglichkeit, hier zu arbeiten. Ich schwöre Ihnen bei Gott und allem, was mir heilig ist: Es ist nicht im Geringsten meine Schuld, dass ich weg war! So glauben Sie mir doch! Es muss doch noch Momente geben, wo das Wort eines Mannes genügt. Ich kann Ihnen beim besten Willen keine Beweise bringen für das, was mit mir geschehen ist. Sie müssen, wenn Sie ein Mensch sind, es einfach glauben. Ich habe das Entsetzlichste durchgemacht, was überhaupt vorstellbar ist. Ich kann einfach nicht mehr, ich bin total am Ende! Wenn Sie mir meine Arbeit nicht zurückgeben, dann weiß ich überhaupt nicht mehr, was ich machen soll! Das würde mir erst recht das Genick brechen! Wovon soll ich denn leben? Sie können doch einen armen, gebrochenen Mann, dem man übel mitgespielt hat, nicht einfach vor die Tür setzen! Bitte tun Sie das nicht! Glauben Sie mir einfach und stellen Sie mich wieder ein. Das kann doch nicht zu viel verlangt sein!«
   Sich verkrampft an den Lehnen des Sessels festhaltend starrte Herr Dillinger den beinahe irrsinnig Gewordenen und nun die Hände nach unten sinken Lassenden noch eine Weile lang an. Der verunsicherte Chef wusste nicht so recht, was er zu den soeben dramatisch vorgetragenen Worten erwidern sollte. Als Herr Niemand sein Haupt nach unten senkte, sagte Dillinger mit leicht entrüstetem Ton: »Ja sind Sie denn wahnsinnig geworden? Ich weiß gar nicht, wovon Sie überhaupt reden! Ich werde Sie so oder so nicht wieder einstellen und in diesem Zustand schon gar nicht. Was denken Sie sich überhaupt? Das ist doch kein Irrenhaus hier! Früher waren Sie ein disziplinierter Mitarbeiter, aber das, was Sie sich jetzt hier erdreisten, ist einfach ungeheuerlich! So etwas ist mir in meiner ganzen Laufbahn noch nicht untergekommen! Wenn Sie Probleme haben, dann gehen Sie zum Arzt oder sonst wohin. Ihre Entlassungspapiere sind rein vorsorglich schon erstellt worden. Und da Sie keine überzeugende und nachweisbare Entschuldigung vorzubringen haben, sehe ich mich gezwungen, sie Ihnen auf der Stelle auszuhändigen.« Der leicht erzürnte Chef riss geräuschvoll eine Schublade an seinem Schreibtisch heraus, entnahm ihr einen offenbar für Karl-Heinz bestimmten Stapel von Papieren und ließ ihn auf den Tisch fallen. Derweil hatte sich der völlig verloren Vorkommende leise vor sich hinflehend einfach nach hinten auf den Rücken sinken lassen, lag nun halb auf dem kalten Boden und halb auf einem runden Teppich, auf dem ein runder, zum gemütlichen Zusammensein einladender Tisch und drei um diesen herum gruppierte, für besondere Gäste gedachte Stühle standen. Mit seinen Händen fasste er sich in sein feucht gewordenes Gesicht, aus seinem Mund heraus war ein leichtes Schluchzen zu hören. Dass er hier und heute unverschämterweise niedergeschlagen und mit verloren gegangener Contenance auf dem Boden im Chefbüro herumlag, interessierte ihn nicht im Geringsten. Herr Dillinger aber schien von diesem auf ihn geradezu lächerlich und durchaus auch ein wenig beängstigend wirkenden Gejammer nichts mehr wissen zu wollen, denn schließlich hatte er als ein verantwortungsvoller Mann Besseres zu tun, als sich noch weiterhin diese kaum für ihn nachvollziehbaren Ausführungen anzuhören. Er kam hinter seinem Schreibtisch hervor und warf die Papiere, die leicht umherflatterten, auf den Bauch des immer noch am Boden vor sich hinweinenden Herrn Niemand. Mit wenig Mitleid und umso mehr Sarkasmus in der Stimme sagte er: »Das war’s, Herr Niemand! Ich wünsche gute Besserung!«
   Karl-Heinz hatte einen leichten Schlag auf seinem Magen gespürt, nahm seine Hände vom Gesicht und tastete mit ihnen nach dem auf seinem Körper liegenden Stapel von Blättern. Er hob seinen Kopf etwas an und sah durch seine verschwommene Netzhaut den breitbeinig zwischen ihm und dem Schreibtisch stehenden Herrn Dillinger, der seine Arme hinter dem Rücken verschränkt hatte. Herr Niemand griff missmutig nach seinen Entlassungspapieren, warf dabei seinen Körper zur Seite, krabbelte auf den Knien wie ein Kleinkind ein wenig hin und her. Nach einer Weile erhob er sich und spürte plötzlich eine entsetzliche Wut in sich hochkochen. Hasserfüllt blickte er dem Chef in die Augen, weshalb dieser ängstlich um einige Schritte zurückwich. Schritt für Schritt näherte er sich dem Schreibtisch, ließ den vor Entsetzen bebenden Herrn Dillinger nicht aus den Augen, blickte ihn an, als habe dieser ihm ein unvorstellbares Leid zugefügt. Karl-Heinz stieß einen Furcht einflößenden Schrei aus, der den Chef zusammenzucken ließ. Den Schrei wiederholte er ein paarmal mit jeweils zunehmender Lautstärke. Häufig stammelte Herr Dillinger die Worte »Oh mein Gott!« und als der zutiefst Verängstigte sah, wie der außer sich vor Wut Tobende nach dem auf dem Schreibtisch liegenden Aschenbecher griff, packte ihn die Todesangst, da er ernsthaft damit rechnete, mit dem schweren Stück aus Silber in einigen Augenblicken erschlagen zu werden. Aber glücklicherweise hatte Herr Niemand ein Erbarmen und schleuderte den Aschenbecher lediglich gegen ein in Glas gefasstes Bild. Splitter spritzten im Raume umher, polternd krachte der Aschenbecher auf einen kleinen, unter dem nun zerstörten Bild stehenden Aktenschrank und blieb darauf nach einer kurzen Zeit des Umhertänzelns liegen. Eine kleine Genugtuung spürte er schon, als er das Werk seiner Zerstörungswut mit weit aufgerissenen und dabei umherzuckenden Augen betrachtete, doch reichte ihm dies nicht – jetzt wollte er sogar noch die chaotisch in ihm entflammten Gefühle kommentieren. Dazu holte er tief Luft, streckte seine rechte, zitternde Hand von seinem erregten Körper weg; an ihr schwang kaum merklich sein Zeigefinger drohend in der nach Zigarrenasche stinkenden Luft. Doch es gelang ihm nicht, die soeben und in der noch länger zurückliegenden Vergangenheit ihm zugestoßenen Dinge in vernünftig oder gar wohlklingende Worte umzuwandeln. Jetzt nahm er auch noch die linke Hand hoch und als ob er sagen wolle: »Lasst mich doch alle in Ruhe!«, winkte er überfordert und ratlos wirkend ab, ließ beide Hände demonstrativ und geschwind nach unten sinken. Nichts hielt ihn mehr in diesem Büro und auf den Stapel seiner Entlassungspapiere und auf seine am Boden abgelegte Aktentasche tretend stürmte er schluchzend hinaus und hinterließ einen sichtlich erleichterten, sich an seine Brust fassenden und aufgeregt ein- und ausatmenden Herrn Dillinger, der sich mit zitterndem Leib auf die Kante seines Schreibtisches setzte und sich mit einer Hand an die ins Schwitzen geratene Stirn fasste.
   Durch die ungeheuerlichen, unüberhörbaren Geschehnisse neugierig geworden hatten sich vor der Tür zum Chefbüro fast sämtliche Mitarbeiter versammelt. Er wollte diese jetzt verständnislos mit den laut aus ihm herausbrechenden Worten »Verschwindet doch hier!« aus dem Weg schreien und, nachdem dies nicht gelungen war, nahm er auch noch seine Hände zu Hilfe, indem er durch wild umherschlagende Bewegungen die um ihn versammelte Meute zu verscheuchen versuchte und dabei aussah wie jemand, der von einem Schwarm Wespen angegriffen wird. Trotzig wie ein Kleinkind fuchtelte er mit seinen Armen herum und stieß sogar einige besonders penetrant um ihn herumtanzende, ehemalige Mitarbeiter zur Seite. »Lasst mich hier durch!«, schrie er sie an und untermalte diese Worte mit einem entschlossenen, aggressiven Gesichtsausdruck. Er ließ es sich auch nicht nehmen, noch einige unflätige Dinge zu brüllen, um seiner Abneigung gegen die Verständnislosigkeit der mittlerweile etwas von ihm zurückgewichenen Angestellten Ausdruck zu verleihen. Als man hinter vorgehaltener Hand »Der ist doch wahnsinnig!« tuschelte, wusste er nicht, ob man recht damit hatte. Karl-Heinz hatte schließlich nur noch einen Gedanken: »Ich muss hier raus.« Er beschleunigte deshalb sein Tempo, rannte an den Schreibtischen vorbei und stürzte ins Vorzimmer, in dem sich die wieder am Kopierer stehende Frau Leipold erschreckt umdrehte und rief: »Herr Niemand! Um Gottes Willen!«
   Ihn allerdings interessierte als soeben Entlassenen an diesem Büro nichts mehr; ohne die Sekretärin eines Blickes zu würdigen, rauschte er wutentbrannt und Flüche ausstoßend an ihr vorbei und riss unzivilisiert heftig die zum Flur führende Tür auf, sodass die ins Vorzimmer ihm hinterhergelaufenen, ehemaligen Mitarbeiter ihn nach einer kurzen Weile nicht mehr erblicken konnten. Ohne seine im Chefbüro zurückgelassene Aktentasche rannte er das Treppenhaus hinunter und kurz darauf stand er desorientiert und ohne einen Plan im Kopf alleine auf dem Bürgersteig.
   Nachdem er einige Schritte ziellos umhergeirrt war, lehnte er sich erschöpft, um sich zu beruhigen und seine Gedanken wieder einigermaßen zu ordnen, an irgendeine Hauswand. Dabei blickte er teilnahmslos auf an ihm vorbeifahrende Autos und auf an ihm links und rechts vorbeilaufende Passanten. Unbegreiflich und ihm mittlerweile verändert vorkommend trat die normale, alltägliche Welt seiner betrübt dreinschauenden Miene gegenüber. Die einzige Idee, die ihm nun einfiel, war lediglich, nach Hause zu gehen, aber auch dort würde, so befürchtete er, unter Umständen etwas Unangenehmes auf ihn warten. Er löste seinen Rücken von der rauen Hauswand und marschierte los. Nach einer Weile aber bemerkte er, dass er die falsche Richtung eingeschlagen hatte, weshalb er stehen blieb, die Augen bei in den Nacken gestemmtem Kopf kurz schloss und dabei seinen Mund aufriss, um ein ironisches Seufzen herausschallen zu lassen. Sein Missgeschick und seine allgemeine Ratlosigkeit unterstrich er mit einem kurzen Anheben seines rechten Armes, an dessen Ende er mit der Hand eine abwinkende Bewegung machte. Karl-Heinz Niemand drehte sich um, kam wieder am Büro vorbei, auf dessen Eingangstür er einen verächtlichen Blick warf. Als Bürger Nesselheims lief er als soeben arbeitslos Gewordener durch seine Heimat, die ihm längst nicht mehr so freundlich und menschlich wie früher erschien. Er dachte nicht daran, den Bus zu nehmen, da er keine Lust hatte, sich hautnah von einem Wust von Menschen umringt zu sehen. Als er endlich an seiner zum Treppenhaus führenden Haustür angekommen war, kramte er aus dem aus seiner Hosentasche herausgezogenen Portemonnaie zwei Schlüssel heraus, von denen einer passte. Nachdem er aufgeschlossen hatte, warf er einen eiligen, neugierigen Blick in den ihm unverändert vorkommenden Hausflur. Er konnte es nicht mehr erwarten, er wollte sich unbedingt in sein Bett legen, um sich einmal ordentlich in vertrauter Atmosphäre auszuschlafen. Hastig rannte Herr Niemand die Treppenstufen hinauf, bis er endlich vor seiner Haustür stand. Beinahe keimte Freude in ihm auf, denn in ihm regte sich der Gedanke, gleich in den eigenen vier Wänden das in den letzten Wochen so vermisste Gefühl der vollkommenen Sicherheit trotz aller widrigen Umstände ein wenig genießen zu können. Er steckte den silbrig glänzenden Schlüssel ins Schloss der Wohnungstür und nach einer Weile des verzweifelten Herumfuchtelns merkte er, dass der verkrampft in seiner Hand festgehaltene Schlüssel nicht passte, da dieser sich nicht herumdrehen ließ. Er vergewisserte sich mit einem prüfenden Blick, ob er nicht doch aus Versehen den anderen, soeben erfolgreich benutzten Schlüssel erwischt hatte, doch kurz darauf war er sich sicher: Er hatte den korrekten Schlüssel in seiner Hand. Er kam auf die merkwürdige Idee, dass der Grund für die sich nicht zu öffnende Tür in seiner langen Abwesenheit liege, dass Schlüssel und Schloss sich erst wieder aneinander gewöhnen müssten. Deshalb zog er den Schlüssel wieder heraus und schob ihn erneut und diesmal äußerst behutsam wieder hinein, wobei er seinen Kopf hinabsenkte, um konzentriert den sanft klickenden Geräuschen zu lauschen. Doch auch jetzt schlugen sämtliche Versuche, Drehungen zu bewirken, fehl. Herr Niemand, der sich vollkommen sicher war, sich in der richtigen Etage zu befinden, konnte nur Folgendes schlussfolgern: Das Schloss war offensichtlich ausgewechselt worden. Panisch blickte er nun auf das über dem Klingelknopf angebrachte Namensschild und als er dort nicht den Namen »Niemand«, sondern »Schlickmann« las, drehte er nach einer Weile der allgemeinen Verwunderung fast durch und warf wutentbrannt den inzwischen wieder herausgezogenen und logischerweise nicht mehr passenden Schlüssel gegen irgendeine Wand im Hausflur. Metallisch klimpernd blieb dieser irgendwo auf einer Treppenstufe liegen. »Das darf doch nicht wahr sein!«, schrie der Verärgerte und stampfte ein paarmal kräftig auf den Boden. »Wie können die es wagen, hier andere Leute einziehen zu lassen?«, dachte er ungläubig und als er kurz davor war, den Klingelknopf zu betätigen, um diesen Schlickmanns die Meinung zu sagen, öffnete sich auch schon deren Wohnungstür.
   »Wer macht denn hier so einen Krach?«, fragte überrascht ein kurzhaariger, blonder Mann, der etwa zehn Jahre jünger sein mochte als der fassungslos dreinschauende Karl-Heinz, der im Hintergrund das Geschrei eines Babys hörte. »Was machen Sie in meiner Wohnung?«, schrie Herr Niemand außer sich vor Erregung mit einem seinem überraschten Gegenüber Angst machenden Gesicht.
   »Um Gottes Willen, was wollen Sie denn?«, fragte der verwirrte Herr Schlickmann, der sicherheitshalber die Wohnungstür wieder schließen wollte, doch der erzürnte Karl-Heinz drückte mit einer Hand dagegen. Von dem merkwürdigen Gespräch an der Türschwelle angelockt war Frau Schlickmann mit dem mittlerweile nicht mehr so laut schreienden Kleinkind im Arm aus dem gegenüber zur Wohnungstür gelegenen Wohnzimmer herausgetreten. Als Herr Niemand den dreien hintereinander prüfende Blicke zuwarf, konnte er es erneut nicht fassen. Aber tatsächlich schien es so zu sein, dass in seiner Wohnung jetzt fremde Leute wohnten. »Verschwinden Sie aus meiner Wohnung!«, schrie der zutiefst Verärgerte in einer Lautstärke, die das gesamte Haus in Aufruhr zu versetzen begann.
   »Was heißt hier: Ihre Wohnung?«, konterte jetzt der im Gesicht farbiger gewordene Herr Schlickmann. »Was soll denn der Unsinn? Wir wohnen seit einigen Wochen hier, haben einen Vertrag unterschrieben.«
   Frau Schlickmann hatte das nun wieder lauter schreiende Baby irgendwo abgesetzt und war ihrem Mann zu Hilfe geeilt und versperrte jetzt zusätzlich mit ihrem Körper den Weg zum Wohnungsflur. »Sind Sie etwa derjenige, der sich vor Monaten Hals über Kopf aus dem Staub gemacht hat?«, fragte sie mit leicht aggressiver Stimme.
   »Ich hab mich nicht aus dem Staub gemacht, ich bin entführt worden!«, schrie Karl-Heinz erbost und funkelte die eigentlich harmlos aussehenden Leute mit blitzenden Augen an.
   »Wie dem auch sei, aber die Wohnung ist eindeutig an uns vermietet worden – Sie haben hier nichts zu suchen!«, belehrte ihn der um Sachlichkeit bemühte, aber sich in seiner Haut unwohl fühlende Herr Schlickmann, der sich nichts sehnlicher wünschte, als den auf sein Recht pochenden Herrn Niemand endlich wieder loszuwerden.
   Diesem platzte nun endgültig der Kragen. »Ich hab hier nichts zu suchen? Das ist meine Wohnung!«, schrie er mit noch größerer Lautstärke als vor einigen Augenblicken noch und aus seinem weit aufgerissenen Mund spritzten Tröpfchen von Speichel heraus. Ohne Rücksicht auf Verluste stieß er die beiden Leute nun mit einer aus dem Wahnsinn heraus geborenen Kraft in den Wohnungsflur hinein und dass die Frau zu kreischen anfing, berührte ihn nicht im Geringsten. Fassungslos starrte er auf gänzlich ihm unbekannte Möbel, als er wie ein von der Tarantel Gestochener durch seine ehemalige, ihm jetzt völlig fremd vorkommende Wohnung hüpfte. Aufgeregt und erbost rannten ihm die Schlickmanns hinterher, hatten jedoch nicht mehr den Mut, ihn mit physischer Gewalt aufzuhalten oder gar aus der Wohnung hinauszubefördern, da ihnen der Haken schlagende und immer wieder entsetzlich klingende Laute der Entrüstung ausstoßende Karl-Heinz nicht geheuer war, ihnen sogar gemeingefährlich vorkam. Im Wohnzimmer herumspringend schrie er die eingeschüchtert in einigem Abstand ihn argwöhnisch beobachtenden Leute an: »Wie können Sie es wagen, Ihre Möbel in meiner Wohnung aufzustellen?« Voller Wut trat er mit seinem rechten Fuß vor eine Schrankwandtür, sodass ein weit aus der Wohnung herausdringendes, knallendes Geräusch zu hören war. Der Tobende rannte stampfend in die Küche, in der er spontan einige auf der Spüle zum Trocknen abgelegte Teller auf den Boden warf und bei jedem klirrend in Scherben auseinanderfliegenden Stück »Da!« in den noch nach Essen duftenden Raum hineinrief. »Wo sind meine Möbel?«, schrie er, als er sich nach dem vorsichtig an die Schwelle der Küchentür sich annähernden Ehepaar umdrehte. Als er im Begriff war, aus der für ihn kaum noch wiederzuerkennenden Küche hinauszurennen, liefen die Schlickmanns nach einem kurzen Zusammenzucken mitsamt dem von der Frau wieder an sich genommenen Babys, das wegen des von Karl-Heinz veranstalteten Krachs noch heftiger zu schreien begonnen hatte, in den Wohnungsflur, um einer ihrer Ansicht nach im Bereich des Möglichen liegenden Attacke auf ihr Leben entgehen zu können. Die vor Angst schlotternde Frau Schlickmann hielt es nicht mehr aus und rannte sogar ihren Mann im Stich lassend durch die noch immer offen stehende Wohnungstür auf den Treppenflur, in dem sich mittlerweile eine Handvoll neugierig und wild durcheinander diskutierender Nachbarn versammelt hatte, um den lautstark sie anlockenden, ungeheuerlichen Geschehnissen in Schlickmanns Wohnung zumindest auf Distanz beiwohnen zu können. Einige Hausfrauen hielten sich die Hand vor dem geöffneten Mund und einige andere verwundert sich gegenseitig anblickende Nachbarn stammelten Dinge wie: »Was ist denn da los?«
   »Ein Wahnsinniger«, rief Frau Schlickmann den auf dem Hausflur ungeordnet herumstehenden Leuten entgegen, »ein Wahnsinniger ist in unserer Wohnung – er verwüstet alles, was er in die Finger kriegt!«
   »Schnell«, schlug ein sich wichtig machender Rentner vor, »man muss die Polizei rufen!« Trotz seines höheren Alters marschierte dieser entschlossen und geschwind in seine den Schlickmanns gegenüberliegende Wohnung und durch die geöffnete Tür konnten die meisten draußen auf dem Treppenflur aufgeregt miteinander tuschelnden und sich beratschlagenden Mieter sehen, wie er nach seinem auf einer Kommode in der Diele stehenden Telefon griff. Hilfsbereit und sensationsgierig ging ihm eine Nachbarin hinterher, um ihm noch irgendwelche Ratschläge zu geben, und stellte sich neben den nun mit der Polizei telefonierenden Mann, welcher der aufgeregt auf ihn einredenden Frau mit einer abwiegelnden Handbewegung klarmachte, dass er die Situation im Griff hatte und keinerlei Hilfe benötigte. Als er das Gespräch beendet hatte, betrat er wieder den Hausflur und verkündete in militärischem Ton: »So, die Polizei kommt gleich! Hoffentlich entwischt dieser Kerl nicht!«
   Herr Niemand indes wütete weiter in Schlickmanns Wohnung, von der er glaubte, es sei seine eigene. Der ängstlich im Wohnungsflur zurückgebliebene Herr Schlickmann wurde nun von seiner draußen stehenden Frau herausgewinkt, denn sie hielt es für sicherer, den gefährlich vor sich Hintobenden alleine zu lassen. Als Karl-Heinz in den Wohnungsflur stürmte, hallte ein sich spektakulär anhörendes Raunen durchs gesamte Treppenhaus, denn jetzt wusste man, um wen es sich handelte.
   »Das ist doch Herr Niemand!«, rief man sich aufgeregt zu und blickte fassungslos in die Wohnung der Schlickmanns. »Wo kommt der denn plötzlich her? Ich dachte, der ist spurlos verschwunden!«, sagte überrascht der ehemalige Etagennachbar von Karl-Heinz. »Herr Niemand«, rief der in Hausschuhen dastehende Pensionär, »machen Sie doch keinen Unsinn! Kommen Sie raus da!«
   Nachdem Karl-Heinz einen im Wohnungsflur abgestellten, leeren Kinderwagen in hohem Bogen auf den Treppenflur geschmissen hatte, sodass die dort sich aufhaltenden Leute zur Seite hatten ausweichen müssen, folgte er tatsächlich der Anweisung von Herrn Paschke und kam nach einem kurzen Tritt vor die dadurch in Vibration gesetzte Wohnungstür auf den Hausflur. Alle außer Herr Paschke traten um einige Schritte zurück. Der verschwitzte und rot angelaufene Karl-Heinz sagte in weinerlichem und verzweifeltem Ton: »Das ist meine Wohnung! Ich habe darin jahrelang gelebt, niemand sonst darf dort einfach wohnen.«
   Der im Treppenhaus ein paar Stufen höher gekletterte Herr Schlickmann wurde jetzt mutiger, weil er nun endgültig registriert hatte, dass Karl-Heinz den anderen mehr oder weniger als ehemaliger Nachbar einigermaßen vertraut war, und stieg mit beschwichtigenden Handbewegungen die Treppe wieder hinunter. »Zum letzten Mal«, sagte er belehrend, »das ist unsere Wohnung. Sie werden für den Schaden aufkommen müssen; die Polizei ist ohnehin schon unterwegs.«
   »Was«, regte sich Herr Niemand auf, »die Polizei? Das darf ja wohl nicht wahr sein! Wie kommen Sie dazu, mir die Polizei auf den Hals zu hetzen?« Ihm wurde mulmig zumute, denn ohne viel nachzudenken, war ihm bewusst, dass er bei einer von ihm verlangten Rechtfertigung unter Umständen nicht umhinkommen würde, die unglaubliche Labyrinth-Geschichte teilweise zu erzählen. Ihm schossen allerlei blitzartige Gedanken durch den Kopf, doch eigentlich gab es für ihn jetzt nur noch eine Lösung: Flucht. Als er davonrennen wollte, wagte es Herr Schlickmann, ihn an einem Jackenzipfel festzuhalten, doch der vom Schicksal so arg gebeutelte Herr Niemand ließ sich dazu hinreißen, sich vehement zu wehren und sich von dem auf sein Recht auf Schadensersatz pochenden, ungestüm um ihn herumtänzelnden Herrn Schlickmann zu befreien. Als es dem genervten Karl-Heinz zu viel wurde, geschah das Unfassbare: Wie aus einem unerklärlichen Reflex heraus schnellte seine rechte Faust auf Schlickmanns Nase, Blut spritzte auf dessen weißes Oberhemd und auf den Boden. Davon geschockt taumelte Herr Schlickmann benommen zurück, packte sich an die Nase, betrachtete sich seine blutbeschmierte Hand und stieß ein außerordentlich entsetzt klingendes Stöhnen aus, als habe man ihn tödlich getroffen. Nachdem Frau Schlickmann und einige Hausfrauen mit dem Kreischen aufgehört hatten, trat Herr Niemand den Weg zur Flucht an und konnte auch von dem beherzt nach ihm greifen wollenden Herrn Paschke nicht mehr daran gehindert werden. Noch nie in seinem Leben war Karl-Heinz so schnell irgendwelche Treppen hinuntergerannt, voller Panik dachte er auch an die Polizei, die nach Aussage von Schlickmann schon unterwegs war, um ihn zu diesen unangenehmen Ereignissen zu befragen oder ihn gar festzunehmen. Als er mit erhöhtem Puls unten an der Haustür angekommen war, hörte er oben auf den Treppen noch das nicht enden wollende, aufgeregte und entrüstete Umherschreien der Mieter, von denen ihm glücklicherweise keiner gefolgt zu sein schien.
   Er hätte niemals gedacht, dass eine solche, geradezu abstoßende Brutalität in ihm schlummerte. Er hatte ein schlechtes Gewissen und kam sich wie ein durch ungünstige Umstände zu einem Verbrecher gewordener Mensch vor, als er nach dem Öffnen der Haustür seinen Kopf ins Freie hielt, um zu sehen, ob die Luft rein war und aus welcher Richtung der Streifenwagen wohl vorfahren würde. Panisch vernahm er zu seiner Rechten eine lauter werdende Sirene, weshalb er sofort den Weg nach links einschlug. Die ersten hundert Meter rannte er; danach machte er eine kurze Pause, um sich umzudrehen und nachzusehen, ob irgendjemand oder gar der Streifenwagen ihm folgte. In einer Hofeinfahrt versteckt guckte er um die Ecke und sah, wie zu seinem Glück nach Abschalten der Sirene der Polizeiwagen bei noch immer blinkendem Blaulicht anhielt und zwei Polizisten im Begriff waren, ins Haus hineinzulaufen. Herr Paschke kam den Männern entgegen, kurz darauf folgte der sich immer noch ans Gesicht fassende, von seiner Gattin fürsorglich gestützte Herr Schlickmann. Als Herr Niemand aus der relativ weiten Entfernung noch erkennen konnte, wie Herr Paschke eifrig mit einer Karl-Heinz eiskalt und brutal vorkommenden Bewegung des linken Armes mit eindeutig ausgestrecktem Zeigefinger in seine Fluchtrichtung zeigte, packte den ohnehin schon zur Genüge Zitternden eine zusätzliche Portion nackter Angst. Offensichtlich hatten während seiner Flucht aus dem Treppenhaus in ihre Wohnungen zurückgeeilte Nachbarn sich an den Fenstern zur Straße postiert, um seinen weiteren eingeschlagenen Weg beobachten zu können. Die von Paschke vorzüglich informierten Polizisten eilten in den mitten auf der Straße stehenden Wagen zurück und fuhren in Karl-Heinz’ Richtung. Er hielt es jetzt für ratsamer, die Hofeinfahrt nicht mehr zu verlassen, sondern in den hinter ihm sich auftuenden Hof hineinzurennen. In ständiger Furcht, von der von nun an erbarmungslos ihn jagenden Polizei gefasst zu werden, kletterte er immer wieder über irgendwelche Mauern und hopste gelegentlich auf dahinter aufgestellte Mülltonnen. Wie von Sinnen lief er durch etliche Hinterhöfe Nesselheims und es war ihm äußerst unangenehm, dabei hin und wieder von irgendwelchen Leuten bei seiner verzweifelten Flucht vor dem Gesetz gesehen zu werden, auch wenn diese nichts zu ahnen schienen. Nach einer nervenaufreibenden Weile hoffte er, durch sein chaotisches Umherirren seine Spur verwischt zu haben, weshalb er sein Tempo drosselte und nun gemächlich und somit weitaus unauffälliger in einem von zerklüfteten Mauern umringten, mit allerlei Unrat übersäten Hof vor sich herspazierte, als habe er wahrlich nichts zu verbergen. Sich verloren vorkommend schlenderte er jetzt über eine kleine, unscheinbare Rasenfläche und schob mit vor seinem Gesicht gehaltener Hand ein weißes Bettlaken beiseite, das an einer gelben, zwischen zwei rostigen Eisenrohren gespannten Wäscheleine aus Kunststoff hing. Er hatte die Orientierung vollends verloren, denn er kannte all die in den letzten Minuten von ihm eher zufällig durchwanderten Hinterhöfe nicht. Er hoffte, dass der vor einer offenen Garage auf dem Boden kniend sein Fahrrad aufpumpende Junge nicht gemerkt hatte, wie er vor einigen Augenblicken über die Mauer geklettert war. Als Unbekannter lief Herr Niemand an dem kurz aufblickenden, aber ansonsten in seinem Werkeln vertieften Jungen vorbei und blickte bewusst wie ein normaler Mensch für eine Sekunde zu ihm hinüber. Um Karl-Heinz wurde es nun etwas dunkler, denn er war in eine von einem zugigen Herbstwind durchströmte Hofausfahrt hineingetreten. Argwöhnisch blickte er auf den kleinen, sich ihm bietenden Straßenausschnitt, der ihm zunächst völlig fremd vorkam. Zwar hätte er gerne gewusst, wo er sich befand, doch hielt er es für wesentlich wichtiger, in Erfahrung zu bringen, ob die Polizei auf der Straße irgendwo im Verborgenen auf ihn lauerte. Deshalb schlich er sich langsam an den Bürgersteig heran und riskierte behutsam einen Blick nach links und rechts. Erst als er aufatmend merkte, dass die Luft offenbar rein war, betrat er den Gehweg.
   Die unmittelbare Gefahr schien zunächst abgewandt, doch musste er weiterhin auf der Hut sein. Er stellte sich die Frage: »Wem kann ich noch trauen?« Spontan dachte er an seine Schwester, die wie er in Nesselheim wohnte. Als er sich ein wenig umsah, erkannte er den Stadtteil, in den es ihn verschlagen hatte, wieder. Geschwind machte er sich also auf den Weg zu seiner um fünf Jahre jüngeren Schwester, die es ihm mit Sicherheit nicht würde abschlagen können, bei ihr und ihrem Mann für ein paar Tage unterzutauchen. Sich ständig umdrehend und Ausschau nach der ihn jagenden Polizei haltend lief er durch die Straßen Nesselheims. Dabei machte er sich kaum noch die Mühe, über das Geschehene nachzudenken oder gar sein Schicksal ergründen zu wollen. Nach einer Viertelstunde wie automatisch abgelaufenen Fußmarschs erreichte er das in der unteren Etage von seiner Schwester bewohnte und in einer kleineren, ruhigeren Straße gelegene Haus, an dessen Nordseite sich die Eingangstür befand. Früher hatte er seine Schwester zwar nur ungefähr einmal im Monat besucht, aber trotzdem blickte er sich vor der Tür stehend und jetzt mit zitternder Hand den Klingelknopf betätigend ständig um, denn er musste davon ausgehen, von irgendwelchen Nachbarn seiner Schwester als deren Bruder wiedererkannt zu werden. Als er aus der Türsprechanlage Helgas typisches »Hallo?« hörte, beruhigte er sich ein wenig und krächzte mit seiner Schwester sicherlich merkwürdig vorkommender Stimme zurück: »Helga! Hier ist Karl-Heinz! Schnell, mach auf!« Er vernahm sofort einen lauten, von dem in die Hauswand eingebauten Lautsprecher nicht mehr originalgetreu wiedergegebenen, sondern sich verrauscht anhörenden Aufschrei der Verwunderung. Nach Betätigung des elektrischen Türöffners durch die offensichtlich überraschte Helga ging er schnell in den Treppenflur hinein und erblickte sofort seine aus der Wohnungstür herausgestürmte, ihm schon entgegenlaufende Schwester.
   »Karl-Heinz«, schrie sie aufgeregt, »das gibt’s doch nicht! Wo hast du denn bloß gesteckt?« Sie fasste ihm mit der Hand an die Brust, blickte ihm in die Augen und spürte, dass mit dem ängstlichen, nervös wirkenden und für sie ungewohnt mit einem Bart sich präsentierenden Karl-Heinz etwas nicht stimmte. Mit beschwörenden Handbewegungen und zusammengezogenen Gesichtsmuskeln drängte er seine verwirrte Schwester in die Wohnung. Als er eigenmächtig die Tür geschlossen hatte, rutschte er an dieser hinunter, lehnte sich mit dem Rücken an sie an und stieß einen deutlich hörbaren Atem der Erleichterung aus, da er glaubte, in Helgas und ihres Mannes Wohnung für eine Weile in Sicherheit zu sein.
   Seine neugierige Schwester beugte sich zu ihm hinunter und fragte erneut: »Was ist passiert, Karl-Heinz?« Als er noch immer vor sich hinschnaufend nicht antwortete, fügte sie mit drängender, strenger Stimme hinzu: »Was glaubst du eigentlich, was wir hier für einen Ärger hatten! Du kannst doch nicht einfach so verschwinden! Irgendwann hat Dillinger hier angerufen und gefragt, wo du denn steckst. Deine ganzen verfluchten Möbel stehen jetzt bei uns im Keller. Sag mir jetzt, wo du gewesen bist und was das Ganze soll!«
   »Was das Ganze soll?«, wiederholte Herr Niemand in aggressivem Ton gegenüber seiner aus der Kindheit her ihm sicherlich noch vertrauten, aber in den letzten Jahren ihm doch fremder gewordenen Schwester, die ihm verwundert und musternd ins immer noch ängstlich dreinschauende Gesicht blickte. »Ich kann dir sagen, was das Ganze soll«, fuhr Karl-Heinz mit grimmiger Miene fort, »ich bin nämlich entführt worden.«
   »Entführt worden? Du?«, fragte die dabei ein ironisches Lachen von sich gebende Helga, deren Kopf sich an ihn annähernd um ein kleines Stück nach vorne gezuckt war.
   »Ja, ich weiß, Helga, aber es ist tatsächlich so. Man hat mich verschleppt«, erwiderte genervt der wie erwartet sich nicht ernst genommen fühlende Herr Niemand mit demonstrativ deutlich vorgetragener Sprache. Als er das dümmlich wirkende, kaum wahrnehmbare Nicken ihres Hauptes und ihre dabei verzerrten, geschminkten Lippen registrierte, spürte er, dass seine neugierige Schwester verständlicherweise Weiteres von ihm in Erfahrung bringen wollte. In rasanter Geschwindigkeit sprang er auf und hob seine beiden Arme mit geöffneten Handflächen und zusammengepressten Fingern in die Luft, wobei er seinen unhygienisch wirkenden Kopf nach unten senkte und für einen kurzen Moment die Augen schloss.
   Als er eine vage Erklärung abgeben wollte, rief die mittlerweile ebenfalls aufgestandene Helga: »Mein Gott! Du bist ja völlig durcheinander! Das ist doch alles vollkommener Unsinn! Wer soll dich denn schon verschleppen? Und welchen Grund sollte es dafür geben? Du bist doch der harmloseste Mensch, den man sich nur vorstellen kann.«
   Karl-Heinz stützte sich mit beiden Händen auf einen in der Diele unter einem Spiegel stehenden Schuhschrank, und als er einen kurzen Blick auf sein Ebenbild geworfen hatte, stieß er einen kurzen Schrei des Entsetzens aus und blickte schnell nach unten auf das weiße Deckchen, das dekorativ auf dem Schrank lag. »Das dachte ich auch«, fing er mit erschüttert klingender Stimme zu reden an, »aber einige Leute scheinen etwas gegen mich zu haben. Ich weiß nicht, wer die Leute waren und woher sie kamen; jedenfalls haben sie mich auf offener Straße geschnappt und dann weggefahren. Drei Monate lang haben sie mich dann eingesperrt, bis mir dann die Flucht gelungen ist. Und jetzt bin ich hier.«
   »Das klingt ja alles vollkommen absurd«, sagte die sich wundernde Helga.
   »Da fällt mir gerade ein«, erwiderte der sich zu ihr umdrehende Karl-Heinz mit einem in die Luft erhobenen und anschließend auf Helga gerichteten Zeigefinger, »wieso habt ihr euch denn nicht um meine Wohnung gekümmert? Ihr hättet für mich die Miete zahlen können. Ihr könnt doch nicht zulassen, dass man mir alles nimmt, wenn noch gar nicht sicher ist, dass ich tot bin!«
   »Na hör mal«, rief sie ihm empört zu, »wir zahlen doch für einen, der einfach abhaut und nicht da ist, keine Miete! Außerdem kennst du doch deinen skrupellosen Vermieter; gegen so einen kommen wir doch gar nicht an! Außerdem reicht es doch schon, dass wir bei der Polizei eine Vermisstenanzeige aufgegeben haben; mehr konnten wir nicht tun. Wir dachten, du bist irgendwohin abgetaucht, weil dir deine angeblich so stressige Arbeit keinen Spaß mehr macht oder was weiß ich. Du kannst uns dankbar sein, dass wir deine Möbel bei uns im Keller untergebracht haben. Wenn du glaubst, dass uns das Spaß macht, irrst du dich gewaltig!«
   »Verfluchter Mist!«, schrie Karl-Heinz sich über seine ihm relativ gedankenlos und herzlos ihm auch noch Vorhaltungen machende Schwester ärgernd und erlaubte es sich, die zum Wohnzimmer führende Tür zu öffnen und sich geradezu flegelhaft auf ein ledernes, vielleicht für drei Personen Platz bietendes Sofa niederzulassen. Er rollte seinen Nacken über das Lehnenende, stieß mit seinem Kopf sachte vor die tapezierte Wand. Mit vor den Augen gehaltenen Händen beichtete er: »Die Polizei sucht mich, ich habe Schlickmann, dem neuen Mieter, auf die Nase geschlagen und er hat geblutet. Außerdem habe ich meine, das heißt deren Wohnung verwüstet. Hoffentlich wissen die nicht, dass ich hier bin. Ich meine, hoffentlich hat keiner gesehen, dass ich zu euch reingegangen bin. Wo ist denn dein Mann? Noch arbeiten?«
   »Um Gottes Willen!«, keifte Helga, die sich mit verspannter Haltung hinter einen Sessel gestellt hatte und wenig Lust verspürte, sich gemütlich dort hineinsinken zu lassen. »Was willst du uns denn noch alles antun? Du willst doch wohl nicht etwa sagen, dass möglicherweise gleich die Polizei hier vorfährt, um dich – hier in unserer Wohnung – zu verhaften. Eine solche Schande kannst du uns ja wohl nicht zumuten. Was sollen denn die Leute und unsere Nachbarn denken, mit denen wir in den nächsten Jahren weiter in dieser Straße wohnen müssen? Ich will unter solchen Umständen mit der Polizei nichts zu tun haben. Ich hätte nie gedacht, dass mein eigener Bruder so etwas Schreckliches tun würde. Am besten du verschwindest sofort von hier. Ich weiß auch nicht, warum du überhaupt hierhergekommen bist.«
   Resigniert und untermalt von einem kurzen, ironischen Lachen, mit dem er »Das ist ja wieder typisch!« zum Ausdruck bringen wollte, erwiderte er mit von der Wand wieder genommenem und ein wenig umherzuckendem Kopf: »Aber Helga! So hör doch! Du weißt doch, dass ich kein Krimineller bin. Ich bin da irgendwie hineingeraten. Ich hab wirklich überhaupt gar keine Schuld an der ganzen Sache. Es ist einfach geschehen, verstehst du das denn nicht? Du gehst morgens nichts ahnend aus dem Haus und dann kommen plötzlich irgendwelche Kerle und entführen dich einfach. Da kann man überhaupt nichts machen. Ich hatte nicht die geringste Chance gegen die, das musst du mir glauben. Ich selbst bin derjenige, der es am allerwenigsten nachvollziehen kann. Wochenlang hab ich mir Gedanken über den Sinn dieser ganzen Angelegenheit gemacht. Und ich weiß beim besten Willen nicht, warum man mir das angetan hat. Ich weiß es wirklich nicht; ich bin völlig ratlos, so ratlos, wie ich es noch niemals gewesen bin. Ich hab Durst.«
   Die nun aufgeregt und unkoordiniert hin und her laufende Helga reagierte auf seine trockene Kehle nicht, sondern fuhr mit ihren von Unverständnis zeugenden Ausführungen fort: »Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich dir diesen Irrsinn abnehme. Ich weiß nicht, was sich in deinem Kopf abspielt. Ich hätte nie gedacht, dass es eines Tages so weit mit dir kommen würde. Ich kann dich nur bitten, uns mit diesem Unsinn zu verschonen. Und dass du diesen Schlickmann niedergeprügelt hast, war ja wohl ganz allein deine Idee. Das kommt davon, wenn man vorher nicht nachdenkt. Ich kann ja verstehen, dass du wütend bist, aber so darf man einfach nicht handeln. Du darfst dich nicht wundern, wenn die Polizei dann hinter dir her ist – das hättest du ja wohl wissen müssen, dass dann so etwas dabei herauskommt. Ich muss dich bitten, uns in diese Sache nicht mit hineinzuziehen. Das kannst du uns doch nicht antun!«
   »Antun!«, schrie der ungehalten von dem Sofa aufgesprungene und sich auf dem Weg zur Küche machende Herr Niemand. »Was heißt hier ›antun‹? Mir hat man etwas angetan! Du weißt ja gar nicht, was ich alles für schreckliche Dinge erlebt habe. In einer entsetzlichen Gegend hat man mich ausgesetzt und mir nichts zu essen und zu trinken gegeben. Ich musste mir das alles selber zusammensuchen; ich habe Regenwasser aus Pfützen getrunken, ich habe Wurzeln, Käfer und tote Tiere gegessen – alles nur, um zu überleben. Und du hast Angst, von deinen Nachbarn wegen irgendetwas schief angesehen zu werden. Und das Schlimmste ist: Ich hab für dieses Verbrechen keine Beweise, das heißt, niemand wird mir glauben. Denn offenbar glaubt mir nicht einmal meine eigene Schwester oder sehe ich das falsch?«
   »Ganz recht!«, rief die ihn argwöhnisch kontrollieren wollende, ihm hinterherlaufende Helga in die Küche hinein und beobachtete entsetzt, wie ihr Bruder in unästhetischer Manier gierig seinen Schlund in den aus dem von ihm eben hastig geöffneten Kran herausprasselnden Wasserstrahl hineinhielt, als habe er drei Tage lang nichts getrunken. Den wie ein Tier vor sich Hinsaufenden erkannte die mittlerweile in der Küche eingetroffene, sich etwas vor Abscheu schüttelnde, sich ekelnde Helga nicht mehr als ihren Bruder wieder. Als sein allmählich gesättigter Magen schon gluckernde Geräusche von sich gab, drehte sich Karl-Heinz nach dem Abstellen des Wasserhahns zu ihr um und sagte in fast unverschämtem, grantigem Ton: »Das heißt also, ich kann hier nicht ein paar Tage bei euch untertauchen, bis ich eine neue Arbeit und eine neue Bleibe gefunden habe?«
   Die sich über den bei seinem ungestümen Trinken nass gewordenen Küchenboden ärgernde Helga erwiderte entrüstet: »Ja bist du denn wahnsinnig? Wir gewähren doch einem, der von der Polizei als wüster Schläger gesucht wird, keinen Unterschlupf. Damit wollen wir nichts zu tun haben. Und außerdem: Wie lange sollte das denn dauern? Glaubst du denn im Ernst, dass du in diesem Zustand eine Arbeit oder eine Wohnung findest? Guck dich doch mal an – sieht denn so ein Mensch aus? Ich weiß nicht, was du sonst noch alles angestellt hast, und ich will auch nichts damit zu tun haben. Früher warst du vernünftig – wirklich vernünftig –, aber wie du dich hier jetzt präsentierst und was du hier für einen unglaublichen Unsinn von dir gibst – das ist einfach unfassbar und in keiner Weise mehr nachzuvollziehen. Mit so etwas bin ich einfach überfordert, ich kann dir wirklich nicht helfen. Am besten, du gehst zum Arzt oder sonst wohin, einen anderen Rat kann ich dir nicht geben.«
   Der über die hilflose Herzlosigkeit seiner Schwester deprimierte Herr Niemand fing leise zu schluchzen an. »Was soll ich denn nur tun?«, fragte er, ohne darauf hoffend, eine Antwort zu bekommen. »Ich bin doch vollkommen am Ende.«
   »Das kann ich dir nicht sagen«, fauchte die kaum Mitleid zeigende, zur Schwelle der Küchentür zurückgewichene Helga, »in einem solchen Fall kann dir kein Mensch mehr helfen. Ich jedenfalls kann es nicht. Du musst versuchen, da von selbst wieder herauszukommen.« Als sie an dem mitten auf dem feuchten Küchenboden mit gesenktem Haupt dastehenden und leise vor sich hinflehenden Karl-Heinz vorbei- und durchs Fenster hindurchblickte, sah sie zu ihrem Entsetzen auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen Streifenwagen der Polizei vorfahren. Wie plötzlich von einer spitzen Nadel gestochen kreischte sie ihrem Bruder einen undefinierbaren Laut des Entsetzens entgegen, sodass er, obwohl tief in sich gekehrt in Selbstmitleid versunken, einen Hopser nach hinten machte. Bevor er nachfragen konnte, fing sie an zu schreien: »Oh mein Gott! Ich habe es geahnt – das musste ja so kommen! Warum musstest du auch herkommen!«
   Nachdem Karl-Heinz ihre starr an ihm vorbeizielenden Blicke bemerkt hatte, drehte er sich um und sah aus dem Wagen nun aussteigende und entsetzlicherweise genau auf Helgas Wohnung zulaufende Polizisten. Er wurde bleich im Gesicht und seine Herzfrequenz erhöhte sich sehr rasch. Gepackt von der nackten Angst schossen ihm in Sekundenschnelle Bilder von unmenschlichen Gerichtsverhandlungen und grausamen Gefängnisaufenthalten durch seinen Kopf, der kaum noch das Richtige denken konnte. Fatalerweise stürzte er ans Fenster und blickte mit weit aufgerissenen Augen und mit vor dem leicht geöffneten Mund gehaltener, zitternder Hand auf die ihn jetzt bemerkenden und ständig bedrohlich näher kommenden Polizisten. »Das muss er sein!«, rief einer der beiden Männer mit einer von beruflichem Ehrgeiz zeugenden Gestik und hielt seinen Kollegen, der jetzt ebenfalls den mit panischem Gesichtsausdruck auf die Straße blickenden Karl-Heinz fixierte, dazu an, nun im Laufschritt auf das Herrn Niemand beherbergende Haus zuzustürmen. Durch das lediglich auf Kipp geöffnete Fenster den Takt polternder Schritte hörend rannte Karl-Heinz völlig kopflos ein paarmal in der Küche auf und ab, bevor er anschließend ins Wohnzimmer lief. »Sie haben mich entdeckt – sie wissen, dass ich hier bin!«, kreischte er mit sich weiblich anhörender, sich überschlagender Stimme.
   »Oh mein Gott! Oh mein Gott! Die schlagen uns die Tür ein, du musst dich stellen!«, schrie die ihm gefolgte Helga in noch schrillerem Ton und fügte aufgeregt ihn beschwörend, ja geradezu flehend hinzu: »Die stürmen unsere Wohnung! Das kannst du doch nicht zulassen! Bitte erspare uns doch diese Schande! Geh schnell raus und mach kein Theater, dann wird auch keiner was merken. Ich will nicht, dass hier gleich tausend Leute vor unserem Haus stehen!«
   Zusammenzuckend von dem nun penetrant einsetzenden Sturmklingeln rief er der kurz vor Heulkrämpfen stehenden Schwester ins mittlerweile um Jahre gealtert zu scheinende Gesicht: »Niemals! Die wollen mich fertigmachen! Wer weiß, was die alles von mir wissen wollen! Die wollen mich ausquetschen wie eine Zitrone. Ich kann denen nichts über meine Entführung erzählen – das glaubt sowieso keiner!«
   »Du hast jemanden verprügelt – das ist eine strafbare Handlung!«, schrie die sich spießig gebärende Schwester und wollte in den Flur rennen, um den Türöffner für die inzwischen nicht mehr bei der unteren, sondern gewitzterweise jetzt bei der oberen Etage anklingelnden Polizisten zu betätigen, wurde daran aber beinahe brutal von ihrem sie am Arm festhaltenden Bruder gehindert.
   »Bist du wahnsinnig?«, herrschte er sie mit funkelnden Augen an. »Wenn die mich erwischen, bin ich erledigt!« Nachdem die kleine Rangelei zwischen ihm und seiner Schwester beendet war und er ihr den Weg versperrend sich an die Türschwelle zwischen Diele und Wohnzimmer gestellt hatte, zuckte er erneut zusammen, als er über sich den offenbar von Helgas Nachbarn betätigten Türöffner surren hörte. Im hallenden Hausflur vernahm er die eiligen Schritte der Polizisten und um es ihnen schwerer zu machen, legte er die Türkette vor die Wohnungstür. Man ließ es sich nicht nehmen, schon wieder anzuklingeln und sogar heftig gegen die Tür zu klopfen, sodass ihm zusätzlich angst und bange wurde.
   »Herr Niemand«, rief einer der im Treppenhaus stehenden Männer, »wir wissen, dass Sie da drin sind! Kommen Sie raus und machen Sie keinen Unsinn! Oder wollen Sie, dass wir mit Gewalt eindringen?«
   »Wenn Sie nicht freiwillig herauskommen, verschlimmern Sie nur Ihre Lage«, bemerkte der andere altklug mit lauter Stimme.
   Karl-Heinz rannte im Flur aufgeregt hin und her, seine Schwester krächzte ihm aus dem Wohnzimmer heraus mit flüsternder Stimme beschwörende Ratschläge zu. Uneinsichtig dachte er nur: »Ich muss fliehen.« Er stieß Helga unsanft beiseite und lief vom Wohnzimmer aus in die Küche. Hektisch fuchtelte er am Küchenfenster herum, schloss es zunächst völlig, legte einen Hebel um und öffnete es ganz. Er hatte schon bemerkt, dass auf der von ihm beobachteten Straße glücklicherweise keine weiteren Polizisten auf ihn warteten und das Haus offensichtlich nicht umstellt worden war. Entschlossen sprang er in einen ihn unangenehm am Körper kratzenden, unter dem Fenster eingepflanzten Busch, blieb darin taumelnd und geräuschvoll hängen und brauchte einige Sekunden, um sich aus dem Wirrwarr von Ästen und immergrünen Blättern zu befreien. Dass Helga, die keinen Ärger haben wollte, die Wohnungstür nur allzu bereitwillig öffnen würde, war ihm klar, aber er hoffte darauf, den kleinen zeitlichen Vorsprung gegenüber den wahrscheinlich in dieser Sekunde die Wohnung betretenden Polizisten nutzen zu können. Fast ein wenig triumphierend rannte er nun über die kleine Rasenfläche des Vorgartens und setzte nach dem Erreichen des Gehweges seine Flucht in Richtung Süden fort. Um sich zu vergewissern, dass ihm niemand folgte, drehte er sich während des hastigen Laufens um und musste zu seinem Entsetzen feststellen, dass einer der fleißigen Polizisten bereits dabei war, es ihm gleichzutun und ebenfalls durch das eben noch von ihm waghalsig durchsprungene Küchenfenster hindurchzuklettern. Er hatte wieder das Gefühl, um sein Leben rennen zu müssen; nur diesmal stellten ihm wahrhaftige Polizisten nach und nicht irgendwelche ominösen Männer. Der jetzt wieder nach vorne blickende Karl-Heinz vernahm entsetzt mit nach hinten ausgerichteten Ohren das Rauschen und Knacken des Busches, in dem er vor einigen Sekunden selber noch gelandet war. Der Beamte, der durchs Fenster zügig die Wohnung verlassen hatte, rief aufgeregt mit einem Fingerzeig in südliche Richtung zum offenbar wieder durch den Hausflur ins Freie gelaufenen und nun um die Häuserecke herumeilenden Kollegen: »Dort ist er entlanggelaufen! Los! Hinterher!«
   Enthusiasmiert von dieser ihm sportlich erscheinenden Treibjagd schrie dieser zurück: »Ich seh ihn! Da läuft der Bursche! Den schnappen wir uns!«
   Mit schnellen Schritten jagten nun die beiden Männer dem gerade um eine Gebäudeecke in eine belebtere Straße in Richtung Westen Davonlaufenden hinterher. Geschockt hatte der mit wie automatisch sich bewegenden Beinen fliehende Karl-Heinz diese ihm unmenschlich vorkommenden Rufe gehört. Voller Panik war er nicht mehr in der Lage, logisch nachzudenken. Ein paarmal schrie er verzweifelt »Hilfe! Hilfe!« in die herbstliche, relativ kühle Luft. Doch wer würde jemandem, der von zwei uniformierten Polizisten verfolgt wurde, schon helfen? Zwar wusste er, dass er in einer Situation der vollkommenen Unbeherrschtheit den armen Schlickmann geschlagen und dessen und seiner Frau Wohnung zertrümmert hatte, aber in Anbetracht der kaum glaubhaften Ereignisse in den letzten drei Monaten hielt er es doch für besser, sich dem Zugriff der Polizei zu entziehen, um eventuellen unangenehmen Fragen aus dem Weg zu gehen.
   Der ständig sich ängstlich umblickende Herr Niemand musste zu seinem Entsetzen feststellen, dass die ihm erbarmungslos nachlaufenden Polizisten mit ihren getrimmten Körpern schon um ein beträchtliches Stück aufgeholt hatten. »Halt! Stehen bleiben!«, schrie einer von ihnen und drohte zusätzlich mit lauter Stimme: »Halt! Oder wir machen Gebrauch von der Schusswaffe!«
   Karl-Heinz erschreckte sich aufgrund dieser unnachgiebig vorgetragenen Worte ziemlich, andererseits aber dachte er: »Sollen die doch schießen – dann erfahren die nichts. Ich hab ohnehin nichts mehr zu verlieren.« Als er die sensationsgierig stehen bleibenden und sich neugierig dieses nicht alltägliche Schauspiel ansehenden Passanten und sogar mit stark gedrosselter Geschwindigkeit an ihm vorbeifahrenden Autos erblickte, schämte er sich, denn er wäre als ehemalig gesetzestreuer Bürger nie auf die Idee gekommen, eines Tages auf solche schändliche Weise von ernsthaft ihn verfolgenden und immer bedrohlicher näher kommenden Polizisten durch die heimatlichen Straßen Nesselheims gejagt zu werden. »Können die nicht verschwinden«, dachte er und wusste im Grunde schon, dass er keine Chance mehr haben würde, denn seine Verfolger waren bereits fünf Meter hinter ihm. »Nein!«, schrie Karl-Heinz in lang gezogener Silbe und als man ihn packte, ihn geradezu rüde festhielt, seinen wild von ihm umhergeschüttelten Oberkörper unsanft nach unten drückte, sodass er auf die quadratischen Gehwegplatten zu gucken gezwungen wurde, war er endgültig in die Fänge des Gesetzes geraten. Da man der Meinung war, bei ihm handle es sich um einen unzurechnungsfähigen, gefährlichen Mann, ließ man es sich nicht nehmen, ihm auch noch wie einem von Natur aus üblen Kriminellen Handschellen hinter dem Rücken anzulegen. Unablässig von einer allmählich größer werdenden Schar die Straße säumender, sensationslüsterner Leute beäugt wurde er zum Streifenwagen abgeführt. Ihm war elendig zumute und fast sarkastisch fragte er sich selbst, was das Schicksal bei seinem unerklärlichen Umherirren durch sein eigenes Leben als Nächstes für ihn bereitzuhalten gedenke. Am Polizeiwagen angekommen und nun danebenstehend in Schach gehalten bekam er den untrüglichen Eindruck, von den ihn begaffenden Leuten geradezu verachtet zu werden. Als er schließlich nach dem Einsteigen aus dem Fenster zu einer gemütlich und genüsslich zu ihm von oben herabblickenden, älteren Frau hochsah, wünschte er sich zu seiner eigenen Verwunderung, mit ihr doch tauschen zu können, genau wie sie jetzt zusehen zu dürfen, wie man mit einem Menschen wie ihm zu verfahren pflegte. Seine Schwester Helga stand mittlerweile auf der anderen Straßenseite neben einer Nachbarin und war offenbar dabei, ihren Bruder, der sich nun im Auto an ihr vorbei- und anschließend von ihr fortbewegte, in irgendeiner Weise zu verleumden. Mit eisigem Schweigen fuhr man ihn zum Polizeipräsidium, das man nach zehn Minuten Fahrt durch den allmählich stärker werdenden Straßenverkehr erreichte.
   Halb zog man ihn mit an seinen Armen packenden Händen, halb ging er freiwillig die Treppe hinauf, welche sich zwischen zwei von steinernen Löwen verzierten Sockeln befand; die jeweils in deren Pranken fest umschlungene, hoch in die Luft ragende Landesfahne wehte prasselnd im nachmittäglichen Herbstwind. Der über einen Platz mitzugehen gezwungene Karl-Heinz wusste nicht mehr so recht, ob er Gleichgültigkeit oder Ängstlichkeit in seiner Seele walten lassen sollte. Mit gemischten Gefühlen sah er das immer größer und mächtiger zu werden scheinende Gebäude des Präsidiums auf sich zukommen. Um in es Einlass zu erhalten, musste er nach dem Überqueren des Vorplatzes erneut einige Stufen erklimmen, um schließlich direkt vor dessen Pforte stehend einen ängstlichen und nichts Gutes ahnenden Blick im Voraus hineinwerfen zu können. Die ihn einzwängenden, an seinen beiden Seiten nebenhermarschierenden Polizisten drückten die beiden Türflügel geradezu symmetrisch in einen langen Flur hinein und grüßten einen als Wache abgestellten und zum Informieren der Besucher postierten Kollegen. »Was wollen die denn nur von mir?«, fragte sich der den Flur notgedrungen entlanggehende, immer noch am Rücken gefesselte und es eigentlich wissende Herr Niemand. Er blickte mit nach oben gerecktem Kopf auf eine Reihe von hässlichen, an dünnen Stangen hängenden, oval geformten, beigen Lampen, die ihn etwas blendeten, weshalb er, in der Mitte des Flures angekommen, seine Augen nur noch auf den vor seinen Füßen liegenden, geriffelten Boden richtete.
   »So, da wären wir«, sagte der an seiner linken Seite gehende, ihn am Arm festhaltende Polizist und schwenkte Karl-Heinz’ etwas willenlos dahermarschierenden Körper nach rechts herum. Der ihn zu seiner Rechten packende Kollege klopfte an eine Tür, die sich in nur wenigen Zentimetern Entfernung Herrn Niemands panischen Blicken bedrohlich entgegenstellte. Da es nicht möglich war, sie, nachdem man sie rasch geöffnet hatte, zu dritt zu durchschreiten, stellte man sich hinter ihn und stieß ihn etwas unsanft in den Raum hinein. »Das ist Herr Niemand«, sagte einer der hinter ihm Stehenden und zwei in Zivilkleidung an ihren Schreibtischen sitzende Beamte richteten gleichgültig ihre Blicke auf ihn. Ihm wurde jetzt endgültig bewusst, dass ein für ihn äußerst unangenehmes Verhör unmittelbar bevorstand. Großzügig bot man ihm an, auf einem vor dem linken Schreibtisch stehenden, hölzernen Stuhl Platz zu nehmen. Als er hinter sich die Tür ins Schloss fallen hörte, drehte er sich um und bemerkte zu seiner Kränkung, dass die offenbar höchst misstrauische Polizei es für nötig gehalten hatte, einen der beiden bewaffneten Beamten von innen als Bewachung vor die nun geschlossene Tür zu postieren.
   »Tja, Herr Niemand«, sagte der ihm gegenübersitzende und offenbar schon in irgendeiner Weise mit der Sachlage vertraut gemachte Vernehmer, »die Handschellen lassen wie erst einmal dran, sonst verwüsten Sie auch noch unser Büro hier. So, wie Sie sich aufgeführt haben, wird das ja wohl das Beste sein, nicht wahr?«
   Schockiert hatte der ungehalten auf dem Stuhl hin und her wackelnde Karl-Heinz diese ihm geradezu boshaft vorkommenden Worte gehört und wollte eine entkräftigende Rechtfertigung äußern, doch seine sich überschlagenden Gedanken ließen lediglich ein entnervt und hilflos klingendes Ausatmen zu.
   Der am anderen Schreibtisch sitzende, jünger wirkende Vernehmer stellte in routiniertem Ton die Frage: »Sie wissen, was Ihnen zur Last gelegt wird?«
   Der mit seinem Schicksal Hadernde und sich selbst Bemitleidende antwortete auf diese ihm rein rhetorisch erscheinende Frage in widerspenstigem und dickköpfigem Ton mit der Gegenfrage: »Was denn?«
   »Das wissen Sie ja wohl selbst am besten«, sagte leicht empört über Herrn Niemands Bockigkeit der ältere Beamte und klärte ihn dennoch auf: »Sie haben Herrn Schlickmann geschlagen und dessen Wohnung zertrümmert. Das heißt im Klartext: Hausfriedensbruch, Körperverletzung und Sachbeschädigung. Wir stehen in telefonischem Kontakt mit dem Krankenhaus, in das Herr Schlickmann eingeliefert wurde. Wollen Sie nicht wissen, wie es ihm geht? Sie haben da ja tüchtig zugeschlagen!«
   »So? Wie geht’s ihm denn?«, fragte Herr Niemand mit einem gewissen, tatsächlich vorhandenen Bedauern in der Stimme.
   »Die Nase ist gebrochen, Herr Niemand! So sieht’s aus! Ich würde Ihnen empfehlen, sich einen Anwalt zu besorgen.«
   Darüber bestürzt rüttelte Karl-Heinz an den Handschellen herum; er hätte niemals daran gedacht, jemals in eine solch unangenehme Situation geraten zu können. Er fragte sich, ob jemand anders in derselben misslichen Lage nicht genau wie er selbst, wenn nicht gar schlimmer gehandelt hätte. »Anwalt?«, fragte er mit einem dämlichen Lachen. »Wozu brauche ich denn noch einen Anwalt? Was soll der denn schon ausrichten? Ein Typ wie ich braucht keinen Anwalt, jemand wie ich braucht ein neues Leben.«
   »Sprechen Sie nicht in Rätseln, Herr Niemand. Wie werden Ihre Angaben, wenn Sie nichts dagegen haben, jetzt protokollieren. Wie lautet Ihr voller Name?«
   »Karl-Heinz Niemand«, sagte Herr Niemand lustlos. Er nannte außerdem noch seine ehemalige Adresse.
   Nachdem er mit einiger Mühe sein Portemonnaie auf den Tisch hatte legen müssen und seine Angaben mit Hilfe des darin sich befindlichen Personalausweises weitestgehend überprüft und dokumentiert worden waren, fuhr man mit den von ihm so abgrundtief gefürchteten, unangenehmen Fragen fort: »Laut Vermisstenanzeige Ihrer Schwester sind Sie ab dem achten Juli spurlos verschwunden und jetzt tauchen Sie plötzlich wieder auf, um Ihre ehemalige Wohnung zu verwüsten. Wo sind Sie in den letzten drei Monaten gewesen?«
   »Im Urlaub«, antwortete Herr Niemand über die Frage erschrocken, aber nach außen hin gelangweilt wirkend. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als woanders oder gar jemand anders zu sein.
   »Von Urlaub steht hier aber nichts, Herr Niemand. Niemand hat Ihnen auf Ihrer Arbeit freigegeben. Mit anderen Worten: Sie haben sich unerlaubterweise einfach freigenommen und sind dann irgendwo untergetaucht. Wo sind Sie gewesen?«
   »Was hat denn das alles mit Schlickmann zu tun? Ich kann es nicht abstreiten, dass ich ihn geschlagen habe, denn das haben ja mindestens fünf Leute gesehen. Und damit ist der Fall ja geregelt; ich brauche dazu nichts weiter mehr zu sagen. Wo ich gewesen bin, ist ganz allein meine Sache«, gab Herr Niemand sich einigermaßen clever vorkommend von sich.
   »Moment«, belehrte ihn einer der beiden Vernehmer, »so einfach ist das nicht. Da ist noch etwas anderes, Herr Niemand. Laut Angaben der Mieter im Haus haben Sie sich aufgeführt wie ein Irrer. Es ist auch unsere Aufgabe, mit Hilfe von Psychologen oder Psychiatern herauszufinden, ob Sie überhaupt noch zurechnungsfähig sind. Und da wäre es äußerst ratsam für Sie, uns eine logisch klingende Motivation für Ihre Tat vorzuweisen – wenn sie denn der Wahrheit entspricht, was wir natürlich überprüfen werden. Erzählen Sie uns aber nicht, wie es letztendlich dazu gekommen ist, oder wollen Sie uns nichts davon erzählen, so müssen wir, um die Allgemeinheit zu schützen, davon ausgehen, dass Sie gefährlich sind und bis auf Weiteres nicht mehr auf die Menschheit losgelassen werden dürfen.«
   »Das ist doch alles lächerlich!«, schnaubte Karl-Heinz ungehalten dem um Sachlichkeit bemühten Mann entgegen. Er hatte das Gefühl, sich in der Zwickmühle zu befinden, denn wer würde ihm die unglaubliche Geschichte seines Labyrinthaufenthaltes schon glauben?
   »Ganz ruhig, Herr Niemand, ganz ruhig! Wir haben Zeit, wir werden die Wahrheit schon herausfinden, denn dazu sind wir ja hier, nicht wahr?«, sagte der jüngere Beamte in beruhigendem Ton. »Sie müssen uns doch sagen können, wo Sie sich aufgehalten haben. Und wenn Sie das nicht sagen, müssen wir ja fast glauben, dass Sie irgendetwas vor der Polizei verbergen wollen. Sie machen sich mit Ihrem Schweigen doch nur verdächtig. Haben Sie etwa noch mehr angestellt, als Herrn Schlickmann niederzuschlagen? Wenn nicht, können Sie es uns ja sagen. Lassen Sie sich doch nicht so lange bitten! Sie kommen hier erst weg, wenn Sie uns die Wahrheit gesagt haben und vorher nicht. Wir haben Zeit.«
   Der nervöser werdende Herr Niemand überlegte hin und her und entschloss sich nach einer Weile schließlich doch dazu, zumindest grobe Angaben zu machen, denn er hatte tatsächlich das Gefühl, die ihn unablässig mit suggestiven Blicken Anstarrenden könnten noch stundenlang dasitzen, ohne selbst ein Wort von sich zu geben. »Na gut«, fing er zu erzählen an und bemühte sich, besonders glaubwürdig zu wirken, »ich habe in den Bergen gezeltet.«
   »Wo haben Sie in den Bergen gezeltet? Können Sie uns auch irgendwelche Orte nennen?«
   »In der Nähe von Kandelbrück und Herrschfeld.«
   »Ja, Herrschfeld kenne ich, aber – Kandelbrück – habe ich noch nie gehört. Schon mal davon gehört?« Der jüngere Vernehmer blickte zu seinem älteren Kollegen hinüber, der seine Unterlippe nach unten abrollte und kurz mit dem Kopf schüttelte. »Schön«, fuhr der jüngere Vernehmer fort und begann nun, sich auf einen Block eifrig Notizen zu machen, »wie sind Sie denn da hingekommen? Mit dem Auto?«
   »Nein«, antwortete der sich angestrengt an die schon der Wirtin aufgetischten Lügengeschichten erinnernde Karl-Heinz, »mit dem Zug.«
   »Sie haben also ein Zelt mitgenommen? Das muss doch recht groß sein!«
   »Keineswegs«, fantasierte Herr Niemand weiter, »keineswegs. Es war ein kleines aus dünnem Stoff.«
   Der ältere Beamte spürte nun den Drang, sich einzumischen: »Wieso sind Sie denn einfach so weggefahren? Sie hatten doch überhaupt nicht frei. Wieso riskieren Sie denn Ihren Job? Sie arbeiten doch in irgendeinem Büro hier in Nesselheim. Was sagt denn Ihr Vorgesetzter dazu? Sind Sie seit Ihrer Rückkehr da schon gewesen? Ich kann mir vorstellen, dass das Ärger gibt. Dillinger heißt der Mann – das steht hier in den Unterlagen zur Vermisstenanzeige. Der soll Ihre Schwester kontaktiert haben, ob sie denn wisse, wo Sie denn blieben. Ja, Herr Niemand, was ist denn jetzt mit Ihrer Arbeit?«
   »Verflucht noch mal!«, ärgerte sich der immer noch am Rücken gefesselte und einen kleinen Hopser nach oben machende Karl-Heinz. »Na schön, dann sag ich’s Ihnen gleich: Dillinger hat mich heute entlassen.«
   Der schräg ihm gegenübersitzende, jüngere Beamte horchte auf und kommentierte folgendermaßen: »So? Das ist ja äußerst unangenehm für Sie! Wieso aber machen Sie ein Vierteljahr lang Urlaub in den Bergen? Das ist ja nicht normal. Was ist denn bloß passiert, dass Sie auf eine solche Wahnsinnsidee gekommen sind? Sie setzen damit ja Ihre ganze Existenz aufs Spiel, Herr Niemand! Sie sind arbeitslos, haben keine Wohnung und dann kommen Sie auch noch mit dem Gesetz in Konflikt. In Ihrer Haut möchte ich nicht stecken. Haben Sie überhaupt noch Geld?«
   »Ein paar Scheinchen habe ich noch – das wird für ein paar Tage für irgendeine miese Pension wohl noch reichen«, beruhigte Karl-Heinz den ihn verwundert anblickenden Mann.
   »Pension?«, lachte der Ältere mit einem allerdings ernsten Gesicht. »Es wird angebracht sein, Sie vorläufig bis zum Prozess in Gewahrsam zu nehmen. Bei einem, der arbeitslos ist und keinen festen Wohnsitz hat, besteht akute Fluchtgefahr – das wird Ihnen ja wohl klar sein, Herr Niemand!«
   Karl-Heinz schluckte, wollte seinen Protest äußern, wurde aber daran gehindert, da der Jüngere mit der Fragerei fortfuhr: »Also noch mal von vorn, Herr Niemand. Wieso in Gottes Namen sind Sie einfach Hals über Kopf – quasi ohne Rücksicht auf Verluste – aus Nesselheim weggefahren, um da irgendwo bei Herrschfeld zu campen?«
   »Weil mir danach war«, antwortete der unruhig auf dem unbequemen Stuhl sitzende Herr Niemand, der sich nur allzu gerne die feucht gewordene Stirn abgewischt hätte.
   »So etwas ist keine gute Antwort, so etwas wollen wir hier nicht hören. Aber wie dem auch sei – ich frage mich, was Sie da die ganze Zeit in Ihrem Zelt gemacht haben. Wo haben Sie sich versorgt? Sie wollen doch wohl nicht etwa behaupten, dass Sie Proviant für drei Monate dabeigehabt haben oder dass Sie da illegal auf die Jagd gegangen sind. Ich meine, Sie müssen doch da irgendwo etwas eingekauft haben. Irgendjemand muss Sie doch gesehen haben. Wir müssen bei solchen merkwürdigen Geschichten nachforschen, Herr Niemand – das sehen Sie ja wohl hoffentlich ein!«
   »Hin und wieder«, erläuterte der schwitzende Karl-Heinz entnervt, »bin ich in ein Gasthaus gegangen.«
   »In was für ein Gasthaus?«
   »›Zum wilden Hirsch‹ hieß das, glaube ich.«
   »Wo ist denn dieses Gasthaus?«, fragte der Jüngere, der seinen zwischen zwei Fingern gehaltenen Bleistift hin- und herschlackerte.
   »In Kandelbrück«, sagte Herr Niemand und sah zu dem schräg gegenüber von ihm sitzenden und diese Information sich akribisch notierenden Beamten hinüber.
   »Wie war noch gleich der Name von diesem Gasthof?«, fragte der Jüngere den genervt seinen Mund öffnenden und seinen Kopf wegdrehenden Karl-Heinz.
   »Muss ich denn alles zweimal sagen? ›Zum wilden Hirsch‹, verdammt noch mal!«
   Der Ältere fuhr dazwischen: »Hören Sie doch auf zu fluchen, so kommen wir nicht weiter.« Er griff zum Telefon, wählte eine kurze Nummer und sprach folgende Worte in die Sprechmuschel: »Ja, hallo, hör mal zu: Ich brauche mal die Telefonnummer von einem Gasthof ›Zum wilden Hirsch‹ in Kandelbrück. Also noch mal: ›Zum wilden Hirsch‹ und das Kaff heißt Kan-del-brück. Ja – wie man spricht. Bis gleich!«
   Karl-Heinz Niemand ahnte Schreckliches, denn er befürchtete, man würde gleich Anna anrufen, um sich bei ihr zu erkundigen, ob er denn auch die Wahrheit gesagt habe. Er hoffte inständig darauf, die von ihm so bewunderte Wirtin würde nur Positives über ihn berichten, wenn er auch nicht so recht wusste, was dies eigentlich hätte sein sollen, denn er war sich darüber bewusst, dass er als ein gerade dem Labyrinth Entkommener sich ihr gegenüber in der einen oder anderen Situation äußerst merkwürdig und nicht gerade den Normen entsprechend verhalten hatte.
   Nach einer Weile der unheimlichen Stille sagte plötzlich einer der beiden Männer mit einem schlitzohrig wirkenden Unterton: »Tja, Herr Niemand, gleich rufen wir da mal an. Wollen doch mal sehen, was Sie da so getrieben haben und ob Sie überhaupt in Kandelbrück gewesen sind.«
   Es verging eine Minute eisiger Stille, in der Herr Niemand nicht mehr wusste, wohin er seine Blicke lenken sollte. Als er sich angeödet von diesem ihm sinnlos erscheinenden Verhör umdrehte, erblickte er wieder den nach wie vor vor der Tür wie eine Marionette dastehenden, ihn bewachenden und sich kaum rührenden, sich nur gelegentlich durch ein leises Räuspern bemerkbar machenden Polizisten, der zusammen mit seinem Kollegen vor gar nicht allzu langer Zeit ihn eingefangen hatte. Als direkt ihm gegenüber das auf dem Schreibtisch des Älteren stehende Telefon klingelte, erschreckte er sich und wollte seine Arme auseinanderreißen, was wegen der immer noch zu seinem Leidwesen an seinen Handgelenken sich befindenden Handschellen aber misslang.
   »Ja, ich notiere«, sagte der Ältere und notierte sich eine Reihe von Ziffern. Kaum hatte er aufgelegt, da nahm er auch schon wieder den Hörer und tippte die soeben in Erfahrung gebrachten Ziffern in die plastikartige Geräusche von sich gebenden Tasten.
   Herr Niemand wusste, wer da gleich am Ende der Leitung vermutlich zu hören sein würde, und stellte sich vor, wie Anna in ihrem grünen Kleid nun in ihrer Gaststube zu dem neben der Treppe auf einem Tischchen stehenden Apparat eilte. Sein Puls erhöhte sich, als der ihm gegenübersitzende Beamte sich meldete, indem er mitteilte, dass er bei der Polizei in Nesselheim beschäftigt sei. Karl-Heinz hoffte, dass die gewählte Nummer falsch war oder der Mann sich verwählt hatte, aber im Grunde wusste er, dass die beiden gewissenhaft nachforschenden Beamten keine Ruhe geben würden, bevor nicht einer von ihnen mit der Wirtin gesprochen hätte. Mit ängstlichen Blicken starrte er auf die am Ohr des Älteren klebende Hörermuschel, aus der kaum vernehmbar eine weibliche und vermutlich sogar Annas Stimme zu ihm hinüberdrang. Was sie sagte, vermochte er sinngemäß nicht zu verstehen, auch nicht, als er den Oberkörper nach vorne reckte und zusätzlich noch den Stuhl um einige Zentimeter mit sich vom Boden abstoßenden Füßen vorwärtsschob. Von diesem störenden, geräuschvollen Stühlerücken verärgert ermahnte ihn leise sprechend der Jüngere, der aufgesprungen und zu ihm hinübergelaufen war: »Bleiben Sie ruhig sitzen, Herr Niemand!«
   »Das ist ja nicht zu fassen!«, sprach der Ältere erstaunt in die Sprechmuschel hinein und ein wenig später vernahm der Übles ahnende Karl-Heinz: »Also doch! Ich hab mir doch gleich gedacht, dass da etwas nicht stimmt.« Je länger das Gespräch dauerte, desto galanter stellte der telefonierende Vernehmer seine Fragen; es schien ihm Freude zu bereiten, der offenbar mit einem gewissen Charme zu berichten wissenden Anna zuzuhören. Von ihrer reizenden Freundlichkeit beeindruckt bedankte sich der Ältere überschwänglich und legte demonstrativ den Hörer auf. Karl-Heinz spürte: Anna hatte zu viel über ihn erzählt. Mit gesenktem Kopf blickte er enttäuscht und sich verraten fühlend auf den Boden und wartete auf die Fortsetzung des Minute für Minute unangenehmer werdenden Verhörs.
   »Tja, Herr Niemand, das ist ja unglaublich, was ich da eben alles für ungewöhnliche Dinge erfahren habe. Es stimmt zwar, dass Sie in diesem Gasthof gewesen sind, allerdings nur gestern und heute Morgen. Außerdem hat mir die Wirtin erzählt, dass Sie sich höchst merkwürdig verhalten hätten. Es ist die Rede davon gewesen, dass Sie in Ihrem Zimmer nackt auf dem Boden geschlafen haben. Außerdem erzählte mir die Frau von kuriosen Annäherungsversuchen Ihrerseits. Das jedenfalls sagt die Wirtin vom ›Wilden Hirsch‹. Und sie sagte auch noch, dass Sie sich irgendwie am Kopf verletzt haben sollen – das könnte ja eine Erklärung für Ihr verrücktes Verhalten sein oder sehen Sie das etwa anders?«
   »Verrückt? Was soll das denn heißen? Ich bin nicht verrückt!«, rief der sich fast ertappt fühlende Karl-Heinz den ihn musternden und wieder beide hinter ihren Schreibtischen sitzenden Beamten entgegen. »Na gut«, erklärte er weiter, »ich bin gestolpert und habe mir leicht den Kopf gestoßen, aber da ist ja wohl nichts mehr zu sehen, oder?«
   »Wie dem auch sei«, sagte einer der beiden verwunderten Beamten, »aber was soll das denn mit dem ›Nackt-auf-dem-Boden-Schlafen‹? Das ist wirklich eigenartig – irgendetwas kann bei Ihnen doch nicht stimmen. Wir wollen Ihnen wirklich nichts Böses, Herr Niemand, aber es gibt Fälle, in denen Menschen völlig irrationale Dinge tun. Es ist ja nicht so – obwohl wir beide keine Psychologen oder so etwas Ähnliches sind –, dass wir überhaupt kein Verständnis für merkwürdige Handlungen hätten. Wir haben hier schon die verrücktesten Dinge gehört – das können Sie uns glauben.«
   Karl-Heinz sprang erregt vom Stuhl auf und zischte ungehalten: »Zum letzten Mal: Ich bin nicht verrückt!« Zur Akzentuierung seiner Aussage stampfte er zwei- oder dreimal mit einem Fuß auf den Boden, sodass der zu seiner Linken neben dem Schreibtisch um einen Meter entfernt stehende Aktenschrank zu rappeln begann.
   »Setzen Sie sich hin und machen Sie kein Theater! Was sollen wir denn von Ihnen denken? Solche Aktionen schaden Ihnen doch nur! Sie machen ja den Eindruck, als ob Sie vollkommen die Kontrolle über sich verloren hätten. Denn wie sonst erklärt es sich, dass Sie wie ein Irrer eine Wohnung verwüsten und anschließend, als ob es noch nicht genug wäre, auch noch deren Mieter niederschlagen? Aber darüber sprechen wir später. Wir waren stehen geblieben bei der Frage, wieso Sie denn auf die ungewöhnliche Idee gekommen sind, sich in Ihrem Hotelzimmer nackt auf den Boden zu legen, um dort zu schlafen. Das ist eine Angelegenheit, die uns brennend interessiert. Ich muss Sie wirklich fragen, ob Sie uns dafür eine logische Erklärung geben können.«
   »Verdammt noch mal, was für eine Erklärung soll ich Ihnen denn dafür geben? Ich habe mich halt nackt auf den Boden gelegt – mir war halt danach!«
   »Ja gab’s in diesem Zimmer denn kein Bett? Das können Sie uns ja wohl nicht erzählen! In jedem Gasthof haben die Zimmer doch ein Bett drinstehen – oder etwa nicht?«
   Genervt von der aufdringlichen Fragerei der nicht lockerlassen wollenden Vernehmer antwortete Herr Niemand grantig: »Ja natürlich gab’s da auch ein Bett. Aber es war halt irgendwie ungemütlich darin. Ich meine, es hat halt bei jeder noch so kleinen Bewegung gequietscht, sodass ich nicht einschlafen konnte – da hab ich mich einfach auf den Boden gelegt.«
   »Nackt?«
   »Ja – warum denn nicht nackt?«
   »Aber wir haben doch Oktober und in den Bergen muss es doch noch kälter sein als hier in Nesselheim; da müssen Sie doch gefroren haben, ich meine, da hätten Sie sich doch wenigstens was anziehen können oder sich eine Decke mit auf den Boden nehmen können. Das ergibt doch alles keinen Sinn!«
   »Doch«, sagte Karl-Heinz, »ich habe nämlich nicht im Freien geschlafen, sondern in einem gut beheizten Zimmer, an dem der Kamin direkt dran vorbeiführt.«
   »Eine nicht ganz nachvollziehbare Erklärung, würde ich sagen. Außerdem ist da noch Ihr merkwürdiges Verhalten gegenüber dieser Frau. Sie sollen sie irgendwie auf nicht ganz normale Weise angehimmelt haben. Jedenfalls hat sie sich etwas unwohl gefühlt, sagt sie.«
   »Ich habe nichts Schlimmes gemacht«, verteidigte der sich ein wenig schämende Karl-Heinz.
   »Das mag sein, aber alles in allem ist Ihr gesamtes Verhalten bedenklich, so bedenklich, dass wir Sie unter keinen Umständen gehen lassen können. Und Sie haben ja zurzeit eh keinen festen Wohnsitz – was also sollte Sie daran stören?«
   »Was soll das heißen?«, rief der umherzappelnde Herr Niemand dem Beamten entgegen. »Wollen Sie mich hier festhalten? Ich habe ein Recht auf Freiheit – wie jeder Bürger unseres Staates!«
   »Wir kommen so nicht weiter«, stöhnte resigniert der Ältere, »wir ziehen einen Experten hinzu, würd ich mal sagen. Mal sehen, ob da einer im Haus ist.« Der Karl-Heinz gegenübersitzende Mann griff wieder zum Hörer und bestellte einen für die Polizei arbeitenden Psychologen. »Vielleicht kann Herr Pelzig bei Ihnen etwas ausrichten, wir wissen nicht mehr so recht weiter.«
   »Genau«, bestätigte der Jüngere, »da sind Sie in den richtigen Händen und da brauchen Sie auch keine Angst zu haben.«
   Diese Worte drangen wie eine Bedrohung in Herrn Niemands Ohren, ängstlich verdrehte er die in seinem ratlos dreinschauend wirkenden Gesicht eingegrabenen, von Rändern der Müdigkeit und Erschöpfung untermalten Augen.
   Um die Zeit totzuschlagen, sprach sich zurücklehnend der Ältere die Karl-Heinz und dem Beamten fast selbst überflüssig erscheinenden, beiläufigen Worte: »Warten wir mal, bis Herr Pelzig hier ist – mehr können wir im Moment nicht tun.«
   Wieder zog eine eisige Langeweile vollkommenen Schweigens in das Polizeibüro ein; das Einzige, was der sich trotz allem äußerst fehl am Platze fühlende Karl-Heinz hörte, war der schwach durch die beiden Fenster dringende, übliche Lärm auf der Straße und das ihn nervös machende, eigentlich unmotiviert und gereizt auf ihn wirkende, relativ hochfrequente Tippen mit der Rückseite des vom Jüngeren gehaltenen Bleistiftes auf die Tischfläche. Mit einer Mischung aus zwischenmenschlicher Solidarität, professioneller Korrektheit und gesellschaftlicher Distanzierung grinste der Ältere ihn mit lang gezogenem Mund und dadurch schmaler gewordenen Lippen an, als wolle er sagen: »C’est la vie.«
   Die Tür ging auf, Herr Pelzig betrat den abgesehen von den monoton klingenden Tippgeräuschen in unheimlicher und träger Stille vor sich hindösenden Raum. Der unter seiner Jacke mittlerweile unsäglich schwitzende Herr Niemand schreckte hoch und drehte sich panisch um, als spüre er den Hauch eines sich von hinten an ihn heranschleichenden Henkers. Der von ihm ängstlich und argwöhnisch beobachtete, nun die Tür schließende Mann sah glücklicherweise nicht bedrohlich aus und schien um einiges jünger zu sein als Karl-Heinz selber. Der jugendlich aussehende Herr Pelzig grüßte mit einem kurzen Nicken den zur Seite gewichenen, als Wachposten abgestellten Polizisten, der, nachdem sich der Psychologe mit sich orientierenden Kopfbewegungen in die Mitte des Raumes begeben hatte, wieder geschwind und pflichtbewusst seine Position vor der Tür einnahm.
   »Herr Pelzig«, grüßte der Ältere mit fast erleichtert klingender Stimme, »gut, dass Sie gekommen sind. Das ist Herr Niemand; er hat einige merkwürdige Dinge getan. Er hat heute seine ehemalige Wohnung zertrümmert und anschließend deren neuen Mieter krankenhausreif niedergeschlagen – wahrscheinlich aus Frust darüber, dass jetzt andere Leute in seiner Wohnung wohnen, nachdem er monatelang nicht darin gewohnt hat. Der Vermieter hat einfach andere Leute einziehen lassen. Außerdem ist er in seinem Beruf entlassen worden, weil er, ohne Urlaub bekommen zu haben, einfach nicht erschienen ist auf seiner Arbeit. Wir kriegen einfach nicht raus, warum er ab Anfang Juli Hals über Kopf Nesselheim verlassen hat, um angeblich in der Nähe von Herrschfeld Campingurlaub zu machen. Gestern nahm er sich ein Zimmer in einem Gasthof in Kandelbrück – das ist in der Nähe von Herrschfeld – und dort hat er sich zum Schlafen nackt auf den Boden gelegt – so jedenfalls die Wirtin, die ich vorhin angerufen habe. Wir wissen einfach nicht, was wir von alledem halten sollen.«
   »Immer mit der Ruhe«, sagte Herr Pelzig und wandte sich Karl-Heinz zu. »Ich habe schon Schlimmeres gehört. Ich schlage vor, wir nehmen dem Mann erst einmal die Handschellen ab, mit solchen Dingern am Rücken spricht es sich nicht so leicht.«
   »Nur auf Ihre Verantwortung«, sagte etwas besorgt der Jüngere, »immerhin ist der Mann gefährlich; er hat ja schließlich randaliert und jemanden geschlagen.«
   »Aber wir sind doch hier zu viert«, argumentierte der Psychologe, »da kann doch nichts passieren. Sie müssen aber versprechen, friedlich zu sein. Das tun Sie doch, nicht wahr?«
   »Ja natürlich«, gab Herr Niemand von sich und war einigermaßen darüber erfreut, seine Arme bald wieder frei bewegen zu dürfen.
   Herr Pelzig winkte den uniformierten Polizisten herbei, der die Handschellen schnell von Herrn Niemands Handgelenken entfernte, sie sich hinter den Gürtel steckte und anschließend wieder an seinen Platz vor der Tür ging. »Danke«, sagte der Psychologe, der beobachtete, wie Karl-Heinz auch noch seine Jacke auszog und sie über die Stuhllehne hängte.
   Herr Niemand, der glaubte, sich jetzt mehr erlauben zu können, wagte es, nachdem er sich gesetzt hatte, beiläufig zu fragen: »Kann ich mal was zu trinken haben? Ich hab Durst!«
   Als sich Herr Pelzig auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch des Jüngeren niederließ, erhob sich dieser, lief mit einem leeren Glas zu dem in einer Ecke stehenden Kühlschrank, holte eine Flasche heraus und ermahnte, während er Mineralwasser ins Glas schüttete, Karl-Heinz mit den Worten: »Wenn Sie uns die Wahrheit sagen, Herr Niemand, wenn Sie uns endlich die Wahrheit sagen!«
   Der sich angegriffen fühlende Karl-Heinz erwiderte grantig: »Ich sage Ihnen nur das, was ich für die Wahrheit halte, und sonst nichts weiter.«
   »Das ist doch genau das, was wir hören wollen«, freute sich der die Beine übereinanderschlagende Psychologe, der seinen Stuhl um 45 Grad auf Herrn Niemand zugedreht hatte, um in bequemerer Haltung in dessen Profil sehen zu können. Der Jüngere stellte das zu zwei Drittel mit Mineralwasser gefüllte Glas auf den Schreibtisch des Älteren. Der durstige Karl-Heinz griff gierig danach und schüttete sich die Hälfte davon in den Mund, aus dem er erleichtert, fast genussvoll einen Hauch der Erfrischung hinausatmete. Der zu seinem Schreibtisch inzwischen zurückgekehrte, jüngere Vernehmer forderte den nach wie vor wie ein Häufchen Elend Dasitzenden dazu auf, endlich etwas für alle Beteiligten Zufriedenstellendes von sich zu geben: »Was ist denn da jetzt wirklich vorgefallen, Herr Niemand?«
   Der diese Frage missmutig registrierende Psychologe sah zu dem ihm Gegenübersitzenden mit leicht vorwurfsvoller Miene hinüber, kniff seinen leicht geöffneten Mund zusammen und erhob ermahnend und beschwichtigend seine rechte, nun auf- und abschwingende Hand, deren Fingerspitzen auf den seiner Meinung nach vorschnell und unsensibel vorgehenden Beamten wiesen, um diesem einen Wink zu geben, sich bis auf Weiteres aus der Vernehmung herauszuhalten. Mit bedächtiger und suggestiver Stimme fing er an, sich mit Karl-Heinz zu unterhalten: »Herr Niemand, fühlen Sie sich eigentlich wohl hier in Nesselheim?«
   »Wie?«, fragte der Überraschte, »das wollen Sie von mir wissen?«
   »Ja – warum denn nicht?«, erwiderte in selbstverständlichem Ton Herr Pelzig. »Also – fühlen Sie sich wohl hier in Nesselheim und Umgebung?«
   »Mehr oder weniger«, antwortete Karl-Heinz genervt und gelangweilt.
   »Mehr oder weniger«, wiederholte Herr Pelzig sinnierend. »Sind Sie verheiratet oder leben Sie in einer Beziehung mit irgendjemandem?«
   »Nein, ich lebe alleine, das heißt, ich habe alleine in meiner Wohnung gelebt.«
   »Haben Sie nie den Wunsch gehabt, eine Partnerschaft einzugehen?«
   Herr Niemand wurde ungehalten und erwiderte: »Das geht niemanden etwas an. Worüber wollen Sie überhaupt mit mir reden? Dieser ganze Unsinn hier geht mir allmählich auf die Nerven!«
   »Schon gut«, gab Herr Pelzig von sich, »niemand will Sie bedrängen. Hat Ihnen denn die Arbeit Spaß gemacht? Sie sind ja, wie ich gehört habe, einfach von ihr über einige Monate lang fortgeblieben. Wie stehen Sie denn dazu?«
   »Verdammt noch mal! Wie soll ich denn dazu stehen? Das spielt jetzt auch keine Rolle mehr – denn ich bin ja entlassen worden.«
   Der Polizeipsychologe fragte in wohlüberlegtem Ton: »Und wie soll es jetzt Ihrer Meinung nach weitergehen?«
   »Ich weiß es nicht«, antwortete Herr Niemand leise mit nach unten gesenktem Kopf, »ich weiß es nicht. Ich weiß beim besten Willen nicht, was die Zukunft mir bringen wird. Aber wer weiß das schon? Ich weiß nur, dass mein Leben zerstört ist und dass es kaum noch Hoffnung gibt.«
   »Wodurch ist denn Ihr Leben Ihrer Meinung nach zerstört worden? Es muss doch ein auslösendes Ereignis gegeben haben – da bin ich mir ganz sicher. Ich spüre, dass Sie uns etwas Entscheidendes verschweigen.«
   »Das mag schon sein«, sagte Herr Niemand betrübt, »aber es könnte sich ja um etwas handeln, das so unglaublich klingt, dass nur derjenige es glauben würde, der dabei gewesen ist und alles mit eigenen Augen gesehen hat.«
   »So?«, fragte der Psychologe neugierig und geradezu freudig daran interessiert, das von Karl-Heinz behütete Geheimnis zu erfahren. »Aber mir können Sie es doch sagen, denn ich habe schon die verrücktesten Dinge gehört, die zunächst schier unglaublich geklungen haben und sich im Nachhinein als tatsächlich wahr herausgestellt haben.«
   »Aber nur Ihnen!«, zischte der sich erleichtern wollende und zumindest Herrn Pelzig einigermaßen vertrauende Karl-Heinz.
   »Wie Sie wollen«, erwiderte der vor Neugier fast aufgeregte Psychologe.
   »Moment, so geht das aber nicht!«, ärgerte sich der Ältere, der seinen über dem Schreibtisch gelehnten Oberkörper noch weiter nach vorne schob und pikiert darüber zu sein schien, als professioneller Vernehmer Karl-Heinz dessen Geheimnis nicht selber entlocken zu können und jetzt nicht einmal mithören zu dürfen.
   »Ganz ruhig«, sagte Herr Pelzig, »das hört sich doch alles schon sehr gut an. Wir suchen uns ein ruhiges und gemütliches Plätzchen, wo wir ungestört reden können.«
   »Das kommt überhaupt nicht in Frage! Herr Niemand wird diesen Raum nicht verlassen – und wir auch nicht. Wir dürfen nicht vergessen, dass hier Körperverletzung mit im Spiel gewesen ist«, herrschte der ältere Vernehmer den sich entschlossen von seinem Stuhl erhebenden Herrn Pelzig an.
   »Ist ja gut! Für alles gibt es eine Lösung. Wie wär’s, wenn wir da drüben zum Kühlschrank gehen?«, erwiderte der Psychologe in ruhigem Ton, während er mit dem Finger auf den leise vor sich hinsurrenden Gefrierschrank zeigte. »Und Sie könnten sich da hinsetzen, wo Herr Niemand jetzt sitzt«, wandte er sich zu dem nicht gerade begeistert sich von seinem Platz erhebenden, jüngeren Beamten. »Kommen Sie!«, winkte der eifrig organisierende Herr Pelzig den Angeklagten herbei, der nun behäbig aufstand und mit mittlerweile leicht eingeschlafenen Füßen auf den Kühlschrank zutorkelte.
   »So ein Affentheater!«, kommentierte der Ältere sarkastisch, schlug akzentuierend einmal mit der Faust auf seinen Schreibtisch und mit einer Idee im Kopf verließ er plötzlich seinen Stuhl und ging auf den vor der Tür stehenden, uniformierten Polizisten zu, um sich von diesem ein Paar Handschellen aushändigen zu lassen.
   »Um Gottes Willen! Was haben Sie vor?«, rief der leicht entsetzte und Übles ahnende, mittlerweile wie Karl-Heinz am Kühlschrank sich aufhaltende Psychologe.
   »Na was wohl«, sagte der beherzt auf Herrn Niemand zulaufende Ältere in fast sadistischem Ton, »wir müssen sicher sein, dass Herr Niemand keinen Unsinn macht oder gar flieht.« An der linken Hand fesselte er den sich gedemütigt fühlenden Gefangenen an die Klinke des Kühlschrankes und rechtfertigte sein unmenschliches Handeln, das den Psychologen sichtlich bestürzte, mit den barsch vorgetragenen Worten: »Tut mir leid – aber das muss sein, Herr Pelzig! Wir wissen doch, dass Herr Niemand unter Umständen auch hier zur Gefahr werden könnte.«
   »Wie sollen wir denn jetzt hier vernünftig reden?«, fragte der Psychologe den zu seinem Schreibtisch zurücklaufenden Beamten, dessen anderer Kollege sich inzwischen auf die andere Seite seines Schreibtisches gestellt hatte.
   »Ich hab ja niemandem den Mund zugeklebt, oder? Sie müssen das verstehen – es hat hier schon Fälle gegeben, in denen der eine oder andere völlig ausgerastet ist und wild um sich geschlagen hat. Es handelt sich um eine reine Vorsichtsmaßnahme. Ich hoffe, dass Sie das einsehen, Herr Niemand. Wir tun hier nur unsere Arbeit und sonst nichts weiter. Wir haben ja nichts persönlich gegen Sie! Ich bitte Sie, das zu glauben – aber ich weiß, wovon ich spreche!«
   Verärgert schüttelte Herr Pelzig den Kopf und beobachtete dabei sorgenvoll den am Gefrierschrank lehnenden Karl-Heinz, der sich verloren und als Objekt der Justiz ausgesetzt fühlte. »Können Sie nicht draußen vor der Tür stehen?«, bat der Psychologe den seiner Meinung nach zu dicht am Geschehen Wache haltenden, uniformierten Polizisten, der fragend zu den beiden Vernehmern blickte.
   »Was soll das denn schon wieder?«, fragte der Ältere genervt.
   »Der Herr steht zu nah bei uns – wir wollen doch ungestört reden«, argumentierte Herr Pelzig. Der die Sache hinter sich bringen wollende Ältere sagte mit für einen kurzen Moment über dem Kopf gestreckten Armen und mit fast resigniert klingender Stimme: »Na gut! Ich weiß zwar nicht, was das jetzt wieder soll, aber wenn es der Wahrheitsfindung dient.« Er wandte sich zu dem auf eine klare Anweisung wartenden, nun etwas desorientiert herumstehenden Polizisten: »Dann stellen Sie sich bitte draußen vor die Tür, bis wir hier fertig sind.«
   »In Ordnung«, sagte der Uniformierte lediglich und verließ geschwind den Raum.
   Als man nur noch zu viert im Polizeibüro war, kehrte eine gespannte Stille ein. Der am Kühlschrank gefesselte Karl-Heinz wusste, dass er jetzt die beinahe unverfängliche Gelegenheit hatte, jemandem sein schreckliches Geheimnis anzuvertrauen, denn der Psychologe erweckte bei ihm fast den Eindruck, jede noch so irrsinnig sich anhörende Geschichte glauben zu wollen. Er behielt ängstlich und misstrauisch die beiden in der anderen Seite des Raumes sich aufhaltenden Vernehmer im Auge und flüsterte mit vorsichtshalber vor dem Mund gehaltener Hand dem neugierig zu ihm näher gerückten und ihn erwartungsvoll anblickenden Herrn Pelzig ins Ohr: »Es ist nämlich so: Vor drei Monaten bin ich eines Morgens – ich glaube, es war Montag – plötzlich entführt worden.«
   »So?«, flüsterte der Polizeipsychologe verwundert. »Von wem denn?«
   »Ja das ist ja das Problem: Ich kann es nicht so genau sagen; es waren vier oder fünf Männer, die mir plötzlich hinterherliefen und mich irgendwann auf offener Straße einfach festgehalten und anschließend abgeführt haben.«
   »Und Sie kannten diese Männer nicht?«, fragte Herr Pelzig leise.
   »Nein, ich habe diese Leute noch nie gesehen«, hauchte Herr Niemand.
   »Was wollten diese Typen denn von Ihnen?«
   »Das ist das nächste Problem: Ich hab keine Ahnung.«
   »Die haben Ihnen nicht gesagt, warum die Sie festhalten wollten?«
   »Nein, verdammt noch mal, ich hab wirklich keine Ahnung.«
   »Ja – und was ist dann weiter passiert?«
   Der in eine sonderbare Ekstase gefallene Karl-Heinz zögerte etwas und nach einer Weile flüsterte er wie besessen: »Ich bin verschleppt worden – in einem Auto. Man hat mich weggefahren.«
   »Wohin?«, flüsterte der immer aufgeregter werdende und sich mitreißen lassende Psychologe. »Ja wohin denn?«
   Herr Niemand wurde nervös, fing wieder zu schwitzen an und starrte mit nach oben gerecktem, leicht auf- und abnickendem Kopf an die Decke. Das, was er eigentlich niemandem zu sagen vorhatte, wollte er gleich sagen, hielt es aber zunächst für notwendig, leise daherflüsternd den Psychologen Herrn Pelzig auf das Unfassbare vorbereiten zu müssen: »Es handelt sich um einen unvorstellbaren Ort. Sie können sich das einfach nicht vorstellen. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das überhaupt sagen soll. Denn wenn ich es sage, werden Sie mir bestimmt nicht glauben.«
   »Ja was denn? So sagen Sie es doch!«, drängte Herr Pelzig den zögernden Angeklagten.
   »Ich kann es nicht. Oh mein Gott – ich kann es einfach nicht«, gab Karl-Heinz etwas lauter flüsternd mit unkontrollierten Kopfbewegungen von sich.
   »Sagen Sie’s doch endlich! Sagen Sie doch, wohin man Sie gebracht hat. Kein Ort der Welt kann so außergewöhnlich sein, dass Sie’s mir nicht erzählen könnten.«
   »Doch«, stammelte Karl-Heinz Niemand beschwörend. »Wenn ich es Ihnen sage, halten Sie mich für verrückt – dessen bin ich mir sicher.«
   »Aber nein«, beruhigte ihn der sich alle Mühe gebende Psychologe. »Ich halte Sie nur dann für verrückt, wenn Sie’s mir nicht sagen.«
   Der dämlich für einen kurzen Moment lachende Karl-Heinz gab »Sparen Sie sich Ihre dummen Tricks!« von sich und fügte hinzu: »Ich muss eines klarstellen: Egal, ob Sie das glauben, wo ich gewesen bin, oder nicht – ich bin nicht verrückt. Hören Sie? Ich bin definitiv nicht verrückt. Es ist die Wahrheit, so wahr mir Gott helfe. Es ist so wahr, wie ich hier an diesem verfluchten Kühlschrank angekettet bin. Ich habe mir nichts eingebildet. Ich konnte mich und kann mich auf meine Sinne verlassen und es ist unmöglich, mir etwas Unechtes als die Wahrheit vorzugaukeln. Ich weiß ganz genau, dass ich mich in keiner Weise getäuscht habe, denn ich habe es mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Händen gespürt. Ich kann es Ihnen nur dann sagen, wenn Sie mir versprechen, mich nicht für verrückt zu erklären.«
   »Aber Herr Niemand«, flüsterte Herr Pelzig beeindruckt, »es gibt doch eigentlich gar keine verrückten Menschen. Niemand ist verrückt – glauben Sie mir. Und wenn es Verrückte gibt, dann sind wir es alle – jedenfalls auf die eine oder andere Weise.«
   Der innerlich aufgewühlte Karl-Heinz spürte nun endgültig den Drang, die ihn so belastende Wahrheit endlich herauszuflüstern: »Also gut. Ich war – ob Sie’s glauben oder nicht – in einem Labyrinth.«
   »In einem was?«, fragte der nicht so recht verstehende Psychologe in einer Lautstärke, welche die beiden sich ausgegrenzt fühlenden Vernehmer hellhörig werden ließ.
   »In einem Labyrinth, verdammt noch mal. Ich war in einem Labyrinth«, sagte Herr Niemand jetzt noch lauter, sodass es die beiden Beamten beinahe akustisch vernehmen konnten.
   Den Jüngeren, der mittlerweile vor dem Schreibtisch seines Kollegen saß, hielt es nicht mehr auf seinem Stuhl; sensationsgierig und spürend, dass in der gegenüberliegenden Ecke etwas Ungeheuerliches, ja für ihn geradezu Konspiratives vonstattenging, sprang er auf und machte einen Schritt in Richtung zu den seiner Ansicht nach Geheimniskrämerei betreibenden Personen. »Was geht da vor?«, rief er und auch der Ältere erhob sich jetzt mit auf der Tischfläche gestützten Fäusten nach oben und fragte seinerseits in missmutigem Ton: »Dürfen wir da auch mal was erfahren?«
   Der in dieses sonderbare Gespräch mit Karl-Heinz leidenschaftlich vertiefte Herr Pelzig hatte sich erschreckt umgedreht und mit ermahnenden Blicken rief er verärgert: »Aber meine Herren! So setzen Sie sich doch wieder hin! Glauben Sie mir – ich komme hier gut voran.«
   Mürrisch winkte der Ältere den Jüngeren zurück auf seinen Stuhl und setzte sich anschließend selbst wieder hin.
   Verärgert über das unsensible und nur allzu neugierige, nicht gerade kollegiale Verhalten der offenbar langsam ungeduldig werdenden Vernehmer wandte sich der Psychologe wieder Herrn Niemand zu. »Hab ich das eben richtig verstanden, Herr Niemand, Sie waren in einem – Labyrinth?«, tuschelte er Karl-Heinz ins Ohr.
   »Genauso ist es. Diese Männer haben mich in einem Labyrinth ausgesetzt.«
   »Was verstehen Sie denn unter einem ›Labyrinth‹? Ich meine, wie muss ich mir das vorstellen?«
   »Mauern und Wände. Endlose Mauern und Wände, zwischen denen man umherirrt.«
   »Das klingt tatsächlich unglaublich. Aber wenn es doch wahr sein sollte: Wie sind Sie denn da wieder rausgekommen?«
   »Verdammt noch mal. Es ist wahr, so wahr ich hier stehe. Ich habe halt einen Ausgang gefunden.«
   »Den Sie die ganze Zeit gesucht haben?«
   »Natürlich, was denken Sie denn? Was würden Sie denn machen, wenn man Sie in ein Labyrinth sperrt? Etwa nicht den Ausgang suchen?«
   »Ich würd’s genauso machen, Herr Niemand, ich würd’s genauso machen. Aber Sie waren doch über Monate in diesem Labyrinth. Was haben Sie denn da gemacht?«
   »Ich bin umhergeirrt. Ich musste Wasser aus Pfützen trinken. Ich musste Käfer und tote Ratten essen. Wenn nichts anderes da ist, isst der Mensch alles – das können Sie mir glauben.«
   »Sicher, Herr Niemand. Dann ist Ihre Kleidung offenbar in diesem Labyrinth so zerfetzt worden?«
   »Ja natürlich. Da herrschen raue Bedingungen. Ich habe gelitten wie ein Hund«, flüsterte Karl-Heinz mit der unverkennbaren Absicht, sein Gegenüber unbedingt von der Wahrheit zu überzeugen. Er packte sich mit der rechten Hand in den fingerlangen Bart und sagte leise zu dem zu seinem Entsetzen eher ungläubig und skeptisch dreinschauenden, seine Verwunderung nicht verbergenden Psychologen: »Sehen Sie? Wenn ich nicht im Labyrinth gewesen wäre, hätte ich mir den Bart ja abrasieren können.«
   Herr Pelzig griff mit Zeigefinger und Daumen ans Kinn und musterte den immer wieder ein wahnwitziges Lächeln ausstoßenden Herrn Niemand mit gezielten, geradezu diagnostizierenden Blicken. Etwas ratlos lief der Psychologe sinnierend in die Mitte des Raumes, um dort für einen kurzen Augenblick weitere Überlegungen bezüglich des eben Gehörten anzustellen.
   Der dies genau beobachtende, ältere Vernehmer erhob sich nun, ging zum Polzeipsychologen und fragte diesen ungeduldig: »Was hat er erzählt, Herr Pelzig? Wir wollen endlich wissen, was da vorgefallen ist. Wir sind nicht hier, um Däumchen zu drehen, sondern um den Fall zu klären. Wir brauchen Fakten. Also?«
   »Immer mit der Ruhe«, sagte Herr Pelzig in gemäßigter Lautstärke. »Was Herr Niemand sagt, klingt völlig unglaubwürdig und kann so in der Realität nicht passiert sein. Aber er selbst scheint wirklich daran zu glauben. Daran besteht kein Zweifel.«
   »Ja was hat er denn nun gesagt? Spannen Sie uns doch nicht auf die Folter! Was hat er Ihnen gesagt?«, fragte der Ältere laut.
   »Es ist so«, gab der Psychologe leise von sich, »Herr Niemand glaubt, in einem Labyrinth gewesen zu sein.«
   »Was?«, rief der Beamte, »in einem – Labyrinth?«
   Nachdem Karl-Heinz Niemand das vom Älteren spöttisch in den Raum hineingerufene Wort »Labyrinth« gehört hatte, zuckte er zusammen und ihm wurde mulmig zumute, denn er hatte das Gefühl, vom Älteren für eine nicht gerade glaubwürdige Gestalt gehalten zu werden, sondern vielmehr für ein schnell abzufertigendes, mit einer Aktennummer zu kennzeichnendes Vernehmungsobjekt, das offensichtlich an allen von ihm in der Vergangenheit begangenen Handlungen einzig und allein selbst die Schuld zu tragen hatte. Mit aufgerissenem Mund marschierte der Ältere fast erbost auf den ängstlich darauf reagierenden, am Gefrierschrank gefesselten, wehrlosen Karl-Heinz zu. »Was erzählen Sie da für einen Unsinn?«, sagte der Beamte erregt dem mit dem Oberkörper zurückweichenden Angeklagten ins Gesicht.
   »Lassen Sie mich in Ruhe!«, flehte Herr Niemand kleinlaut. »Ich habe die Wahrheit gesagt. Es war ja klar, dass Sie das nicht glauben. Ich habe nichts anderes erwartet.«
   »Ich hab langsam die Nase voll von diesem ganzen Affentheater hier!«, echauffierte sich der Ältere. »Das glauben Sie ja wohl selbst nicht, was Sie da erzählen. Sie haben da in Kandelbrück – oder was weiß ich wo – irgendeinen Mist angestellt und erzählen uns jetzt hier irgendeinen Schwachsinn von einem – Labyrinth.«
   »Ich war in einem Labyrinth!«, rief Karl-Heinz mit geballten Fäusten. »Ich schwöre bei Gott und allem, was mir heilig ist, dass es so gewesen ist!«
   »Das ist doch lächerlich!«, schnauzte der Ältere dem Bedrängten ins verzerrte Gesicht.
   Der Jüngere hatte sich längst von seinem Stuhl erhoben und trat nun aus der Mitte des Raumes zu den kurios um den Kühlschrank herum versammelten Leuten hinzu. Er sprach Karl-Heinz ins Gesicht: »Sagen Sie doch die Wahrheit, Herr Niemand! Es hat doch keinen Zweck, uns hier derartige Lügengeschichten aufzutischen!«
   Der langsam die Kontrolle verlierende, aufgeregte Psychologe stammelte: »Aber meine Herren! Machen Sie den Mann doch nicht fertig – das bringt doch nichts!«
   »Sie sind jetzt ruhig, Herr Pelzig!«, befahl der ältere Vernehmer und schob den sich schützend vor Herrn Niemand stellenden Psychologen etwas beiseite. »Sie haben es versucht – und Sie haben versagt. Dieser ganze Unsinn mit dem Einzelgespräch hat absolut nichts ergeben – und zwar nicht das Geringste. Das hätte ich Ihnen auch vorher sagen können. Solche Typen wie Herr Niemand können vielleicht Sie hinters Licht führen – aber mich noch lange nicht!«
   »Ich verbitte mir solche Äußerungen!«, ärgerte sich der Polizeipsychologe, der nach und nach immer weiter von den beiden Vernehmern von Karl-Heinz weggedrängt wurde.
   »Zum letzten Mal«, wütete der Ältere mit aggressiver und entschlossener Miene, »sagen Sie die Wahrheit!«
   Karl-Heinz’ Fäuste verkrampften sich umso mehr, je länger ihn der Vernehmer unerbittlich anstarrte. Nach einer entsetzlichen Weile des gegenseitigen Anfunkelns entschloss sich der aufgeregt ein- und ausatmende Herr Niemand dazu, zum letzten entscheidenden Schlag auszuholen. Mit Inbrunst und für alle Beteiligten nicht für möglich gehaltener Lautstärke und mit aus seinem Mund herausspritzenden Tröpfchen schrie er die schallendsten Worte seines Lebens: »Ich war im Labyrinth!«
   Schockiert, fast benommen taumelte der eigentlich hartgesottene Ältere mit leicht nach vorne gebeugtem Oberkörper zurück, wobei er sich an sein offensichtlich nun etwas schmerzendes Ohr fasste, in welchem sich vermutlich ein nur von ihm vernehmbares, schrilles Rauschen bemerkbar machte. Kaum war der gewaltig aus Herrn Niemands Kehle herausgebrochene Schrei verklungen, da stürzte aus dem Flur auch schon der uniformierte Polizist in den Raum hinein, um nach dem Rechten zu sehen, wurde aber von Herrn Pelzig wieder nach draußen geschickt. Mit auf- und abschwingendem, auf Karl-Heinz gerichtetem Zeigefinger und mit aufeinandergebissenen Zähnen drohte nun völlig außer sich der Ältere: »Jetzt hab ich aber genug! Sie sind doch verrückt! Wir werden Sie wegbringen lassen und zwar dorthin, wo Sie hingehören!«
   »Nein!«, gab der erregte Herr Niemand von sich. »Ich bin nicht verrückt, ich habe die Wahrheit gesagt.«
   Der Jüngere, der dem Älteren beruhigende Blicke zusandte, spürte, dass er nun handeln musste. Er wandte sich zu dem sich verloren Vorkommenden und immer noch am Gefrierschrank Geketteten: »Was soll denn der Unsinn mit dem ›Labyrinth‹? Sie erwarten doch nicht etwa, dass wir so etwas glauben. Aber wenn das wirklich wahr sein sollte, dann müssten Sie uns das schon beweisen. Am besten, Sie äußern sich dazu, Herr Niemand.«
   Der Beschuldigte fing jetzt in eher femininer Art und Weise an zu schluchzen und krächzte aus seiner vor einigen Augenblicken heiser gewordenen Kehle heraus: »Ich kann nicht mehr! Ich halt’s nicht mehr aus! Lassen Sie mich doch in Ruhe! Wenn mir doch nur einer glauben würde. Man hat mich in einem Labyrinth gefangen gehalten – das ist das Einzige, was ich dazu sagen kann. So glauben Sie mir doch endlich!«
   »Wer hat Sie in diesem Labyrinth gefangen gehalten?«, fragte neugierig der jüngere Vernehmer.
   »Unbekannte Männer haben mich hier auf der Straße entführt und dorthin verschleppt«, heulte der um Fassung ringende Karl-Heinz den ungläubig ihn anstarrenden, inzwischen näher zu ihm herangetretenen, jüngeren Vernehmer an, der zweifelnd mit zusammengepressten und nach innen gesaugten Lippen mit dem Kopf schüttelte.
   »Sie behaupten also, dass irgendwelche Männer, die Sie nicht kennen, Sie auf der Straße entführt und Sie anschließend in ein – Labyrinth – gebracht haben? So etwas kann doch gar nicht wahr sein, so etwas gibt es doch nicht!«
   »Wenn ich’s Ihnen doch sage.«
   »Demnach ist also irgendwo in den Bergen bei Herrschfeld ein Labyrinth, in dem Sie gewesen zu sein glauben.«
   »Genauso ist es. Da ist ein Labyrinth.«
   »Ja das glauben Sie doch selbst nicht. Sie wollen uns ja wohl auf den Arm nehmen, Herr Niemand. Sagen Sie uns doch einfach die Wahrheit. Sagen Sie uns doch, was da wirklich passiert ist«, herrschte der Jüngere den einen bemitleidungswürdigen Eindruck machenden Karl-Heinz an.
   »Ich sag’s zum letzten Mal: Ich war im Labyrinth, es gibt da ein Labyrinth!«
   »Das ist doch Schwachsinn!«, schnauzte sich immer noch das in Mitleidenschaft gezogene Ohr haltend der Ältere, der sich zur Erholung wieder auf seinen Stuhl hinter dem Schreibtisch gesetzt hatte. »Soll ich etwa die Wirtin von diesem Gasthof anrufen und sie fragen, ob da irgendwo bei ihr ein Labyrinth ist? Die Nesselheimer Polizei macht sich doch nicht lächerlich! Es ist lächerlich, wenn wir es überhaupt in Erwägung ziehen, dass an diesem Unsinn irgendetwas Wahres dran sein könnte. Entweder lügen Sie, Herr Niemand, oder Sie sind verrückt!« Forsch winkte der ältere Vernehmer den hilflos in der Nähe der Tür stehenden und missmutig darauf reagierenden Psychologen zu sich herüber, um ihn offenbar um eine alles entscheidende Stellungnahme zu bitten. Mit zu Karl-Heinz gedrehtem Kopf und einem fragenden Gesichtsausdruck schritt der Jüngere gemächlich hinüber zu den Männern, die mit ihm zusammen nun leise eine Diskussion über das weitere Schicksal von Herrn Niemand begannen. Argwöhnisch und ängstlich beobachtete der Angeklagte die drei am Schreibtisch des Älteren sich beratschlagenden Personen. Er wusste genau, dass sie über ihn sprachen, jedoch vermochte er das in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes stattfindende Tuscheln akustisch kaum zu verstehen. Er vernahm lediglich einige Wortfetzen und als er das etwas lauter vom Älteren in das Büro hineingeflüsterte Substantiv »Klapsmühle« hörte, zuckte er zusammen und formte sein verzweifelt nach unten gesenktes, sich etwas hin und her bewegendes Gesicht zu einem depressiv dreinschauenden. Wollte man ihn, der ja im Grunde nichts anderes als die Wahrheit gesagt hatte, tatsächlich irrtümlicherweise in eine Nervenheilanstalt bringen?
   Der Augenblick der Wahrheit war gekommen: Die drei Männer schritten unaufhaltsam, nachdem man sich offensichtlich geeinigt hatte, auf den am Kühlschrank Wartenden zu. »Nun, Herr Niemand«, polterte der Ältere los, »es ist das Beste, wenn wir Sie zunächst nicht im Gefängnis, sondern im ›Kastell‹ unterbringen lassen.«
   Besorgt erläuterte der Psychologe: »Das ist ein Ort, an dem man Ihnen helfen wird, Herr Niemand.«
   Karl-Heinz, der wusste, dass das »Kastell« die volkstümliche Bezeichnung für die hiesige Nervenheilanstalt war, schrie entsetzt: »Nein! Das könnt ihr doch nicht machen! Ich bin nicht verrückt!«
   »Das werden die da schon herausfinden«, sagte der näher zu ihm herangetretene Ältere. »So, wie Sie sich benommen haben und in Anbetracht dessen, was Sie von sich gegeben haben, ist es ja wohl das Beste, Sie ärztlich gründlichst untersuchen zu lassen. Was Sie da erzählt haben, ist einfach nicht nachvollziehbar.«
   Der Jüngere öffnete die Tür und bat den uniformierten Polizisten, hereinzutreten und Karl-Heinz vom Gefrierschrank loszuketten. Nachdem Herr Niemand seine Jacke angezogen hatte, gab der ältere Vernehmer die Anweisung, ihm wieder die Handschellen hinterm Rücken anzulegen. Sich etwas kraftlos wehrend und leise vor sich hinflehend ließ sich der Verzweifelte auf den Flur bringen, wohl wissend, gleich die nächste Reise durch sein unerklärliches, verworrenes Leben anzutreten. Zwar drohte ihm wahrscheinlich im »Kastell« keine unmittelbare Gefahr, doch die Vorstellung, dort unter Umständen den gesamten Rest seines Lebens unter ärztlicher Aufsicht verbringen zu müssen, erzeugte in ihm ein Gefühl der Demütigung und der vollkommenen Missachtung seiner Person. In Zukunftsangst versunken hatte er nicht gemerkt, dass er schon an der Pforte des Polizeipräsidiums angelangt war. Als er nach dem Öffnen der beiden Türflügel die kleine Treppe hinuntergeführt wurde und sich plötzlich im Freien befand, spürte er einen frischen Wind um seine nun gierig danach schnuppernde Nase vorbeiwehen. Nach dem Überqueren des Vorplatzes ordnete man ihm an, nachdem ein weiterer, von hinten herbeigelaufener Polizist in Uniform die Hintertür eines von mehreren vor dem Präsidium bereitstehenden Streifenwagens geöffnet hatte, auf dem Rücksitz Platz zu nehmen. Man fuhr am späten Nachmittag den benommen Dasitzenden durchs herbstliche Nesselheim, das gleichgültig an ihm vorbeiruckelte. Verstört blickte er auf die auf den Bürgersteigen daherflanierenden Menschen und wünschte sich nichts sehnlicher, als doch einer von ihnen zu sein und zufällig ein Polizeiauto vorbeifahren zu sehen, ein Polizeiauto, das als Transportgut mit einem durch unglückselige Umstände auf die schiefe Bahn geratenen Mann beladen war. Er wusste weder, was er denken, noch was er fühlen sollte. Wieder blieb ihm nichts anderes übrig, als hilflos und den Mächten seines Daseins völlig ausgeliefert sich durch die ihm trotz aller heimatlichen Verbundenheit inzwischen fremd vorkommende Gegend kutschieren zu lassen, wieder geschah mit ihm etwas für ihn nicht mehr Nachvollziehbares, etwas, wogegen er sich nicht zu wehren vermochte. Das Ziel, das der Wagen unaufhaltsam ansteuerte, kannte er nur vom Hörensagen, und hatte er sich früher bei der gedanklichen Konfrontation mit dem »Kastell« amüsiert, so musste ihm spätestens jetzt klar werden, dass es tatsächlich existierte und ihm bald in aller Ernsthaftigkeit gegen seinen Willen ein Plätzchen darin zugewiesen werden würde. Niemals wäre er nur auf die Idee gekommen, eines Tages selbst mit seiner höchsteigenen Person in diese immer näher bedrohlich auf ihn zukommende Anstalt eingeliefert zu werden. Mittlerweile hatte der Wagen den riesigen Parkplatz eines Krankenhauses erreicht, auf dem er einen verworrenen Zickzackkurs zurücklegte. Nach einer Weile hielt man vor dem »Kastell«, das einen ruhigen, ja fast freundlichen und geradezu einladenden Eindruck auf jede zufällig vorbeikommende Menschenseele machen musste. »Aussteigen!«, befahl man dem nicht gerade begeistert auf das einstöckige, mit roten Ziegeln erbaute Haus starrenden Karl-Heinz Niemand. Unwillig schaukelte er seinen an einigen Gliedern etwas eingeschlafenen Körper aus dem Wagen heraus. Der an der frischen Luft nun stehende, für verrückt erklärte Karl-Heinz blickte musternd auf den viereckigen Klotz, auf dessen Mitte eine das Tageslicht einfangende Glaskuppel herausragte. Der auf die gläserne, mit einem Metallgitter im Inneren verstärkte Eingangstür zuführende Weg schnitt sich durch einen das gesamte Gebäude umringenden, äußerst gepflegten Rasen und wurde von jeweils drei Laternen umsäumt, welche als runde, schwarze Sockel aus dem Gras emporragten, etwa ein Meter hoch und oben mit weißen Kuppeln aus Milchglas versehen waren. Links und rechts von der Tür befanden sich jeweils zwei in die Länge gezogene Fenster, hinter denen steril wirkend weiße Gardinen hingen. Man zwang ihn jetzt, diesen wie eine fast vollkommene Symmetrieachse sich vor ihm erstreckenden Weg entlangzugehen; die beiden Polizisten zerrten ihn mit an seinen auf dem Rücken gefesselten Armen fest zupackenden Händen und unaufhaltsam marschierte man zu dritt auf die immer größer zu werden scheinende Pforte zu. Gleich, in einigen Augenblicken schon, würde man ihm, einem auf unerklärliche Weise bis hierhergekommenen Mann, in diesen Mauern Einlass gewähren. Die von Herrn Niemand pausenlos angestarrte Tür wurde nun von einem um etwa zehn Jahre älteren Mann in einem weißen Kittel geöffnet. Mit an die Fassung seiner Brille fassender Hand blickte er auf das auf ihn zukommende Trio. Als Karl-Heinz mit den beiden Polizisten nah genug herangekommen war, sagte der Arzt: »Ich vermute, dass Sie Herr Niemand sind.«
   »So ist es«, antwortete übereifrig einer der beiden Beamten, als wolle er dem kurz vor seiner Unterbringung in die bereits für ihn geöffnete Nervenheilanstalt stehenden Karl-Heinz die Fähigkeit aberkennen, für sich selbst sprechen zu können.
   »Ich bin schon telefonisch benachrichtigt worden«, erläuterte der nun die Hände in die Taschen steckende Arzt. »Bringen Sie den Mann rein. Wir werden schon herausfinden, was ihm fehlt.«
   Apathisch blickte Herr Niemand an dem in weiß dastehenden Mann vorbei und sah durch die offen stehende Tür einen schmalen Streifen eines sich lang ins Gebäude erstreckenden Flures. Er fürchtete sich davor, bald in diesem von lauter Ratlosen bewohnten Haus von akribisch seine Seele explorierenden Ärzten behandelt zu werden, denn er wusste, dass ihm vor allem an einem Ort wie diesem hier vermutlich niemand glauben würde. Die Polizisten schubsten den zaudernden Karl-Heinz nach Anweisung des sich etwas autoritär gebärenden Arztes eine kleine Stufe hoch und einige Augenblicke später befand sich Karl-Heinz, nachdem er die Pforte zu einem ihm bislang unbekannten Ort überschritten hatte, im Inneren des von außen keinesfalls bedrohlich aussehenden Gebäudes. Eine ängstliche Neugier rüttelte ihn plötzlich wach; er dachte mit sich überstürzenden Gedanken an seine Zukunft, die hier in diesem Haus bald stattfinden sollte. Er fragte sich, welchen Prozeduren man ihn unterziehen und wie lange man ihn hier eigentlich festhalten wolle. Unmutsvoll und beinahe gekränkt beobachtete er, wie der Psychiater sorgfältig die Eingangstür hinter sich zuschloss und anschließend den an einem Schlüsselring in einer Reihe mit weiteren Schlüsseln befestigten Schlüssel in eine der Taschen an seinem Kittel gewissenhaft verstaute. Er ging nun voraus und forderte die Karl-Heinz noch immer behutsam bewachenden Polizisten auf, ihm zu folgen. Während Herr Niemand den Flur entlangzugehen gezwungen wurde, betrachtete er sich die in hellgrün gehaltenen Wände und einige auf sie geklebte, offenbar von Insassen gemalte, abstruse Bilder, die ihm ein Gefühl der Unbehaglichkeit einflößten. Er ging vorbei an auf dem Boden stehenden, aus Kübeln herausragenden Zimmerpalmen und als er nach vorne blickte, entdeckte er den wie ein mystisches Zentrum wirkenden Aufenthaltsbereich der Kranken, der von der darüber sich erhebenden Glaskuppel und zusätzlich von darunter an dünnen Schnüren aneinandergereiht aufgehängten Leuchtstofflampen mit Licht geflutet wurde. Durch eine an den Seitenwänden eingelassene Tür hörte er Schreie nach außen dringen, wodurch er leicht zu zittern begann, und in seinem ohnehin schon verwirrten Kopf spürte er ein sich schlagartig ausbreitendes Gefühl der Hitze. »Wo bin ich hier nur gelandet? Was will man mir denn noch alles antun?«, dachte er, während er schockiert sein Haupt nach derjenigen Tür umdrehte, durch welche die Schreie unüberhörbar hindurchgedrungen waren. Als man an einer von vieren um eine Ecke herum angebrachten Sitzbank angelangt war, sagte der Arzt zu den Polizisten: »Sie können jetzt die Handschellen abnehmen.« Während einer der Beamten dabei war, seiner Anweisung zu folgen, winkte der Psychiater zwei ebenfalls in weiß gekleidete Pfleger von kräftiger Statur herbei. »Setzen Sie sich doch kurz hier hin, Herr Niemand«, wandte sich der Arzt zu dem jetzt nicht mehr Gefesselten, der sich aufgrund seiner Erschöpfung nur allzu gern auf der linken Seite des Flures auf der leicht gepolsterten, hellbraunen Bank niederließ.
   »Seien Sie vorsichtig«, flüsterte ein Beamter den Arzt an, doch Karl-Heinz’ gespitzte Ohren hatten diese ihn demütigenden Worte trotzdem akustisch vernommen.
   »Keine Sorge«, erwiderte der Psychiater in selbstbewusstem Ton, »wir sind hier schon mit ganz anderen fertig geworden. Das wird schon wieder!« Er zeigte mit dem Finger auf die zugeschlossene Eingangstür in einigen Metern Entfernung und sagte: »Da vorne steht ein Mitarbeiter unseres Hauses. Lassen Sie sich von ihm die Tür aufschließen.«
   Man verabschiedete sich voneinander und Karl-Heinz beobachtete nach einer Weile, wie die Polizisten nach dem von einem Mitarbeiter der Anstalt übernommenen Aufschließen der Tür verschwanden. Zu seinem Entsetzen musste er beim Umherschauen feststellen, dass dieser ihn unheimlich anmutende Ort von Ärzten und Pflegern regelrecht bewacht zu werden schien wie ein Gefängnis. Der Psychiater hatte sich von dem sich vollkommen fehl am Platze Vorkommenden mittlerweile entfernt. Er wolle, bevor er sich um Karl-Heinz persönlich kümmern werde, vorher noch etwas vorbereiten beziehungsweise noch etwas anderes erledigen. Und dies werde einige Minuten in Anspruch nehmen, hatte er verlautbaren lassen. Die beiden mit verschränkten Armen sich in unmittelbarer Nähe des Neuankömmlings aufhaltenden, hin und wieder von oben mit kontrollierenden Blicken auf ihn herabsehenden Pfleger machten auf den hilflosen und durch unglückselige Umstände stigmatisierten Herrn Niemand eher einen desinteressierten Eindruck. Sie unterhielten sich nicht mit ihm, sondern miteinander über Fußball. Trotz aller Hoffnungslosigkeit und Trostlosigkeit gelang es ihm noch, die Räumlichkeiten, in die es ihn verschlagen hatte, weiterhin mit umherschweifenden Blicken zu erforschen. Als er auf die gegenüberliegende Bank guckte, sah er dort einen halb sitzenden und halb liegenden Mann, der mit schlaff herumhängenden Gliedern und einem völlig erloschenen Gesichtsausdruck geistesabwesend vor sich hinvegetierte, als sei er ein lebender Toter. Da er diesen unheimlichen, fast Mitleid in ihm auslösenden, hoffnungslosen Anblick nicht mehr ertragen konnte, wandte er schnell seinen Blick ab, um andere merkwürdige, ja teilweise tragische Begebenheiten an diesem sonderbaren Ort beobachten zu können. Genau unter der Glaskuppel stand eine Tischtennisplatte, an der eine Frau und ein Mann miteinander spielten. An den um die grüne Platte herum sternförmig verteilten Tischen saßen vereinzelt Leute. Sein Augenmerk galt nun einer jungen, offenbar mit Familienangehörigen an einem Tisch dasitzenden, vor sich hinweinenden Frau, um deren linkes Handgelenk ein Verband gewickelt war. Als der dadurch neugierig gewordene Karl-Heinz seine Ohren spitzte, hörte er Sätze wie »Du darfst jetzt nicht den Mut verlieren!« oder »Du wirst das schon schaffen!«. Daraufhin blies er leicht erschüttert stoßweise Luft aus seiner Lunge und seine Augen wurden schlagartig feucht, denn ihn beschlich das Gefühl, dass irgendjemand durchaus auch zu ihm solche Sätze hätte sagen können. Seine Ellenbogen stemmte er nun auf die sich berührenden Knie und seine Hände mit nach innen gekrümmten Fingern lagen an seinen Backen. Sein Oberkörper wippte unmerklich auf und ab, für eine Weile lang sank er tief in sich hinein und registrierte nicht mehr das ihn umgebende Gemurmel der Kranken und Beschäftigten in diesem Gebäude, nicht einmal das monoton von den beiden unablässig Tischtennis spielenden Insassen herbeigeführte Aufeinanderprallen des Balles gegen die Platte und gegen die Schläger.
   Karl-Heinz Niemand wusste, dass man ihn fälschlicherweise für verrückt hielt. Die dem Polizeipsychologen bei der Vernehmung andeutungsweise erzählte Geschichte seines fast hunderttägigen Labyrinthaufenthaltes hatte offenbar den Ausschlag gegeben. Er war sich auch darüber bewusst, dass die Ärzte, die bald damit beginnen würden, ihn zu behandeln, nach Begutachtung der von der Polizei ermittelten Fakten diese unglaubwürdige Geschichte aufgreifen würden, um ihn erbarmungslos damit zu konfrontieren. Sollte er standhaft bei der Wahrheit bleiben, wodurch man ihm vermutlich Hirngespinste attestieren würde? Oder sollte er abschwören und so tun, als ob er plötzlich wieder normal sei – dies jedoch mit einer kaum zu ertragenden Lüge sich selbst gegenüber? Hatte er nicht das Recht, die Wahrheit für alle Zeit in sich zu tragen, um nicht doch eines Tages die Verbrecher aufspüren zu können? Doch wer würde ihm dabei helfen wollen, wenn man ihm nicht einmal Glauben schenken würde? Und wie überhaupt sollte er sich in einer Nervenheilanstalt benehmen? Sollte er sich ganz normal verhalten und damit allerdings riskieren, irgendeiner abartigen Schauspielerei bezichtigt zu werden? Oder sollte er sich schicksalsergeben therapieren lassen, obwohl er gar nicht verrückt war? Nach den ihm zugestoßenen Dingen jedenfalls wollte er niemandem mehr Vertrauen schenken und die beste Lösung, um diesem ihm verflixt vorkommenden Dilemma doch noch entrinnen zu können, sah er tatsächlich nur darin, aus dieser Nervenheilanstalt, die seine Nerven eher zu strapazieren als denn zu heilen begann, irgendwie zu entkommen. Die Fluchtidee setzte sich nun nach und nach immer heftiger in seinem Gehirn fest und nach einer nervenaufreibenden Weile angestrengten Grübelns dachte er: »Ich muss hier raus. Ich muss fliehen.«
   Der auf den Boden Stierende bemerkte plötzlich einen gelben Tischtennisball, der hüpfend gegen einen seiner zerfetzten Schuhe prallte. Als er diesen unter seinen Augen harmlos umhertänzeln sah, erschreckte er sich leicht und zuckte wie aus einem unangenehmen Traum erwacht zusammen. Reflexartig griff er nach dem Ball und rollte ihn in seiner rechten Hand hin und her. Er blickte nun zur Tischtennisplatte und sah den mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck auf ihn zukommenden, jungen Mann mit krausem Haar. Mit einem kaum nachvollziehbaren aggressiven Grinsen im Gesicht stellte dieser sich fast bedrohlich vor Karl-Heinz auf und sagte: »Du! Gib mir den Ball!«
   Der sich nicht noch weiteren Ärger wünschende Herr Niemand warf den Ball sofort in die Luft hoch und der junge, übereifrig wirkende Mann schnappte danach mit rasant von oben nach unten sich bewegender Hand. Der mittlerweile natürlich auch von den beiden Pflegern bemerkte und kritisch beobachtete Tischtennisspieler aber wollte noch nicht zurück zu seiner Partnerin gehen, sondern einen offenbar absurden Plausch mit dem auf der Bank schmorenden Karl-Heinz führen, denn er sagte in forderndem Ton: »Gib mir den Ball zurück!«
   Da es sich für Herrn Niemand um den ersten persönlichen Kontakt mit einem Insassen handelte, wusste er nicht so recht, wie er darauf reagieren sollte und blickte hilflos mit fragenden Augen zu den beiden Pflegern hoch, von denen sich jetzt einer erbarmte und sich zu dem unheimlich sich präsentierenden Mann wandte: »Aber Sie haben doch den Ball schon – gehen Sie wieder zurück an die Platte und belästigen Sie niemanden, verstanden?«
   »Der soll mir den Ball zurückgeben! Sagen Sie dem, ich will meinen Ball zurückhaben!«, zischte der Tischtennisspieler, während er vorwurfsvoll und geradezu anklagend einen Zeigefinger auf den sich in dieser grotesken Situation unwohl fühlenden Herrn Niemand richtete.
   »Jetzt langt’s aber«, gab der eine Pfleger von sich und tippte mit einem Finger gegen die zu einer Faust geformte, den Ball fest umschließende Hand des partout nicht weichen wollenden jungen Mannes. »Da ist doch der Ball! Und jetzt gehen wir wieder zurück zur Platte, ja?«, versuchte der Pfleger ihn zu beruhigen und nachdem er ihn kurzerhand mit an den Schultern gepackten Händen um 180 Grad herum- und vom dadurch sichtbar erleichterten Karl-Heinz weggedreht hatte, drängte er ihn stoßend und schubsend zurück zu seiner an der Tischtennisplatte wartenden Spielgefährtin; mit drohenden und einschüchternden Blicken starrte der Mann währenddessen unablässig und mit kaum nachvollziehbarer Leidenschaft mit nach hinten gedrehtem Kopf zum genervten Neuling dieses Hauses. Der mit einem am Gürtel befestigten Funkgerät ausgerüstete Pfleger kehrte, nachdem man in der Mitte des Raumes angelangt gewesen war und er noch einige klärende Worte mit dem jungen, offenbar leicht aus der Fassung geratenen Mann gewechselt hatte, zurück zu seinem immer noch sich bei Karl-Heinz aufhaltenden Kollegen. Zwar fühlte sich Herr Niemand von den beiden gut bewacht, doch trotzdem beschlich ihn ein Gefühl der Angst, als er den sich ab jetzt immer wieder mit bösen Blicken zu ihm wendenden Tischtennisspieler beobachtete. Bei der Vorstellung, irgendwann alleine und hilflos dieser seiner Ansicht nach völlig zu Recht hier eingesperrten Person begegnen zu müssen, wurde ihm angst und bange. Die Angst vor dem psychopathisch wirkenden Tischtennisspieler verstärkte noch zusätzlich seine Sehnsucht, dieses Gebäude so schnell wie möglich zu verlassen. Deshalb schweiften nun seine Augen eilig und aufmerksam hin und her, um irgendeine Schwachstelle dieses Hauses ausmachen zu können, doch zu seinem Leidwesen vermochte er aus seiner Position auf der Sitzbank heraus nur einen einzigen Weg in die Freiheit zu erkennen: die ständig verschlossen gehaltene Eingangstür. Nur durch diese würde ihm eine Flucht gelingen können. Hoffnung stieg in ihm auf, als er sich an einen zwischen zwei Laternen vor der Anstalt sich befindenden Zigarettenautomaten erinnerte. Denn immer wieder, so mutmaßte er, müsse der eine oder andere – und wenn es sich auch nur um Pflegepersonal handeln sollte – nach draußen gehen, um sich erneut mit Zigaretten zu versorgen. Als er durch die gläserne Tür blickte, konnte er den Automaten zwar nicht sehen, aber dass er dort war, wusste er genau. Er spekulierte kaltblütig darauf, dass der nächste nach Zigaretten schmachtende Pfleger oder sogar Arzt beim Aufsuchen des vielleicht nur um fünf Meter vom Haus entfernten Automaten darauf verzichten würde, die Tür hinter sich von außen abzuschließen, was dem seiner Ansicht nach völlig zu Unrecht hier Eingesperrten eine exzellente Möglichkeit zur Flucht verschaffen würde. Nachdem er sich also vorgenommen hatte, die an der Eingangstür stattfindenden Aktivitäten genauestens zu registrieren, lehnte er sich mit verschränkten Armen und einem demonstrativ genervten Gesichtsausdruck zurück. Also starrte er nun durch den sich lang erstreckenden Flur hindurchblickend für eine Weile auf die Tür; plötzlich schreckte er hoch, als einer der beiden Pfleger das mit dem anderen geführte banale Gespräch unterbrach und sich zu Herrn Niemand wandte: »Nicht, dass es Ihnen hier langweilig wird. Der Doktor wird schon gleich kommen. Wir haben hier halt sehr viele Patienten. Haben Sie noch ein bisschen Geduld.«
   »Ja, Ja!«, brummte Karl-Heinz, der sich eigentlich wünschte, den Psychiater überhaupt nicht mehr sehen zu müssen. Als er kurz zur Tischtennisplatte sah, bemerkte er zu seiner Beunruhigung, dass der unangenehme Geselle und dessen Partnerin des Spielens überdrüssig geworden waren und sich jetzt an einen der Tische setzten. Die vom Spielen offenbar etwas ermüdete Frau jüngeren Alters legte ihre Stirn auf den Tisch und machte zunächst keine nennenswerten Anstalten mehr, sich körperlich zu rühren. Der junge Mann allerdings grinste mit aufgerissenen Augen und zusammengepressten Lippen zu dem davon etwas beeindruckten, ein wenig in Angst versetzten Karl-Heinz hinüber, wodurch er beim Beobachten der Eingangstür in seiner Konzentration empfindlich gestört wurde. Noch ängstlicher wurde Herr Niemand, als der unheimliche Bursche mit dem Zeigefinger auf ihn zeigte, die andere zu einer Faust geformte Hand drohend in der Luft umherschwingen ließ und mit zu einer Seite hochgezogener Oberlippe fluchend in den Aufenthaltsraum hineinrief: »Gib mir den Ball zurück, du!«
   Entsetzt blickte Karl-Heinz auf die ihm funkelnd entgegenstarrende, geradezu nach Vergeltung schreiende Fratze, die den Eindruck machte, er hätte dem jungen Mann unvorstellbares Leid zugefügt. Viele Leute blickten nun zu dem aggressiv Umherschnauzenden hinüber. Selbst die junge, mit ihren Verwandten an einem Tisch weiter sitzende Frau, die sich offenbar vor einiger Zeit die Pulsader aufgeschnitten hatte, unterbrach für eine Weile ihr leises Schluchzen und lenkte ihr Augenmerk auf den sich jetzt zu Herrn Niemands Entsetzen von seinem Stuhl erhebenden, jungen Mann, der, nachdem er den Stuhl mit einer zackigen Handbewegung umgeworfen hatte, im Begriff war, schnurstracks auf den geschockten Karl-Heinz loszumarschieren. »Sofort den Ball her!«, schrie der offensichtlich Verrückte und spätestens jetzt hielten die bei dem Neuling als Bewachung postierten Pfleger es für nötig, behände einzugreifen, um einen möglichen Übergriff auf den als Opfer auserkorenen Karl-Heinz zu verhindern. Professionell stürmten sie auf den sich jetzt auf das neue Mitglied dieses Hauses stürzen wollenden Mann zu und schafften es glücklicherweise rechtzeitig, eine Attacke zu unterbinden. Trotz ihrer kräftigen Statur hatten sie äußerste Mühe, den mit der Kraft des unbändigen Wahnsinns wild Umherstrampelnden in den Griff zu bekommen, und erst nach einer Weile eines äußerst bizarr wirkenden Kampfes gelang es ihnen, beide Arme dem wütend vor sich hinschnaubenden Insassen auf den Rücken zu drehen. Nachdem dieser mit zu Karl-Heinz gewandtem, finsterem Blick »Ich krieg dich!« geschrien hatte, ermahnte einer der beiden Pfleger den unermüdlich sich Schüttelnden: »Jetzt ist aber gut! Wir bringen Sie jetzt auf Ihr Zimmer und da bleiben Sie dann so lange, bis Sie wieder vernünftig sind, verstanden?«
   Der auf der Sitzbank dieses spektakulär anmutende Szenario beobachtende Karl-Heinz registrierte erleichtert, dass er bis auf Weiteres vor dem jungen Mann nichts mehr zu befürchten hatte, und vor allem witterte er nun als unauffällig Dasitzender und unbewacht Zurückgelassener die Chance, diesem Trubel irgendwie entkommen zu können. Zusätzliches Theater veranstaltete zudem noch die Spielgefährtin des Mannes, der gerade sich widerspenstig wehrend in die hinter dem Aufenthaltsbereich der Kranken liegenden Räumlichkeiten abgeführt wurde, denn offenbar aufgeschreckt von dessen boshaften Schreien hatte sie blitzartig ihren Kopf von dem Tisch gehoben und schrille Schreie des Entsetzens ausgestoßen, war anschließend sogar ängstlich unter den Tisch gekrochen, unter dem sie nun wie vor einem über ihr lostobenden Gewitter mit zugehaltenen Ohren vor sich hinbibberte und immer wieder ein verstörendes Stöhnen von sich gab. Da sie ein harmloses, fast liebenswertes Geschöpf war, ließ ein aus der Tiefe des Raumes hereingeschneiter Arzt es sich nicht nehmen, freundliche, ja geradezu zärtliche Worte an sie zu richten: »Na, warum ist denn unsere kleine Tina unter dem Tisch?«
   »Die schreien alle so laut«, schluchzte die nun wie eine Siebenjährige wirkende 20-Jährige mit einem rührenden, kindlichen Gesichtsausdruck.
   »Ist der Kurt wieder böse gewesen?«, fragte der das Mädchen behutsam unter dem Tisch hervorholende Arzt und ließ sich dazu hinreißen, es zärtlich in den Arm zu nehmen, als sei es seine eigene Tochter.
   Leise und dadurch etwas beruhigt sagte sie mit lang gezogener Silbe »Ja« und wurde anschließend auf ihren Stuhl gesetzt. Als der Arzt den vor einigen Augenblicken umgeworfenen Stuhl wieder aufstellte, sagte die kindlich wirkende Tina: »Den hat der Kurt da hingeschmissen!«
   Eine glückliche Fügung des Schicksals schien es für Karl-Heinz zu sein, als ein aus einem der Behandlungsräume herausgetretener Pfleger zu dem Tisch hinzukam und dem Arzt fürsorglich die Frage stellte: »Soll ich was zum Rauchen holen?«
   »Prima Idee«, lachte der und fügte hinzu: »Aber was Leichtes, bitte.«
   Karl-Heinz’ Herz schlug plötzlich bis zu seinem Halse, als er diese verheißungsvollen Worte gehört hatte; hoch konzentriert beobachtete er jetzt, wie der am Tisch stehende Pfleger während eines liebevollen Plausches mit der jung wirkenden Tina aus seiner Kitteltasche ein Schlüsselbund herauskramte und sich nun tatsächlich auf den von Herrn Niemand mit Spannung verfolgten Weg zur Eingangstür machte. Aufgeregt hin- und herwippend ließ er den unaufhaltsam mit gezücktem Schlüssel auf die Tür zulaufenden Pfleger nicht mehr aus den Augen. Noch aufgeregter wurde der seine Muskeln nun anspannende, seinen Körper leicht nach oben hievende Herr Niemand, als er sah, wie in einiger Entfernung der Pfleger nun dabei war, die Tür aufzuschließen. Der Mann zog sie zu sich in den Gang hinein und der hoffnungsvoll die Öffnung in die Freiheit erspähende Karl-Heinz erhob sich nun mit möglichst unauffälliger Gestik, nachdem er sich zuvor noch einmal nach allen Richtungen umgedreht hatte, um zu überprüfen, ob nicht doch irgendein wachsames Auge auf ihn gerichtet war, doch glücklicherweise wurden die meisten Leute von den immer wieder aufs Neue ertönenden Schreien des in ein Hinterzimmer gebrachten Kurt abgelenkt. In lauernder Position mit wie an einen Startblock gestemmten Füßen und mit einer sich auf die Sitzbank abstützenden Hand blickte er gespannt auf den sich nun an der frischen Luft befindenden Pfleger, der zu Karl-Heinz’ Entsetzen die Tür von außen wieder zuschloss, obwohl nur fünf Meter bis zum Zigarettenautomaten zurückzulegen waren. Enttäuscht darüber biss sich Herr Niemand mit fast wütendem Gesichtsausdruck auf die Zähne und aggressiv ließ er kurz seine linke, sich verkrampft anfühlende Faust durch die Luft schwingen. Doch trotzdem war er wild dazu entschlossen, noch heute aus dieser Anstalt zu entkommen. Verärgert blickte er durch die verschlossene, gläserne Tür auf den nun nach rechts um die Ecke aus seinem Sichtfeld verschwindenden Pfleger. Die einzige Gelegenheit, die sich ihm bieten würde, konnte nur noch darin bestehen, dem Mann nach dem Holen der Zigaretten nach dessen Rückkehr in dieses Gebäude gewaltsam die Schlüssel abzunehmen. Karl-Heinz spürte, dass er gleich etwas tun würde, ja zu tun förmlich gezwungen würde, was er niemals zuvor in seinem Leben getan hatte. Er wartete noch einige ihm ewig vorkommende Augenblicke und als der Pfleger mit in einer Hand gehaltener Schachtel wieder in Karl-Heinz’ Blickfeld eintrat, erhöhte sich sein Puls beträchtlich, denn er wusste um seine unmittelbar bevorstehende, ihm hoffentlich zur Freiheit verhelfende Attacke. Nachdem der Zigarettenholer gemütlich und nichts ahnend von außen die Tür aufgeschlossen und in den Flur der Anstalt wieder eingetreten war und begonnen hatte, die Tür von innen wieder abzuschließen, passierte das Ungeheuerliche: Wie nach einem minutiös ausgearbeiteten Schlachtplan vorgesehen stürmte der nach Freiheit lechzende Herr Niemand hemmungs- und gnadenlos auf den noch nichts merkenden, ihm den Rücken kehrenden und den Schlüssel am Türschloss herumdrehenden Pfleger zu. Die Füße des zu allem entschlossenen und nichts mehr zu verlieren habenden Karl-Heinz polterten dumpf auf dem davon in Vibration versetzten Boden. Nur noch einige Meter von seinem Angriffsziel entfernt sah der starr nach vorne seine Blicke lenkende Herr Niemand, wie sich der von seinem lauten Stampfen aufgeschreckte Pfleger nun überrascht nach hinten umdrehte, aber nur noch die Zeit dazu hatte, einen kurzen Aufschrei der Verwunderung auszustoßen. Ohne zu zögern und mit von ihm selbst nicht für möglich gehaltener Brutalität rammte er aus vollem Lauf und mit nach vorne ausgestrecktem Bein dem Pfleger, der keine Verteidigungshaltung mehr einzunehmen vermochte, den rechten Fuß in dessen Bauch, sodass dieser schwer getroffen und von der Wucht des Trittes gegen die dadurch zu scheppern beginnende Eingangstür geschleudert wurde und begleitet von einem sich bedenklich anhörenden Stöhnen wie ein nahezu lebloser Körper an ihr herunterrutschte. Durch einen gezielten Tritt mit der Fußsohle gegen die Schulter des benommen vor der Tür auf dem Hosenboden röchelnd dasitzenden Mannes gelang es dem nun panisch das hinter ihm losbrechende Gemurmel und das erneut einsetzende Kreischen der kindlichen Tina vernehmenden Karl-Heinz, die in die Freiheit führende Tür von dem zur Seite nun plumpsenden Körper des Pflegers frei zu räumen. Glücklicherweise steckte der aus einem Bund herausragende Schlüssel noch im Schloss und nachdem er schnellstens die Tür wieder aufgeschlossen und ihn herausgezogen hatte, öffnete er äußerst eilig und nervös die Eingangstür und zog sie nach dem Überschreiten der Schwelle im ersehnten Freien an der frischen Luft stehend wieder hastig zu. Mit zitternder Hand steckte er nervös den Schlüssel nach einigen Fehlversuchen ins Schloss; mit einem fast schlechten Gewissen und sich beinahe kriminell vorkommend sah er durch die mit Metallfäden verstärkte Scheibe einige wilde Schreie von sich gebende Beschäftigte dieses Hauses durch den Gang auf ihn zulaufen. Unter dem Einfluss seiner nackten Angst, die immer näher Kommenden würden im Falle seiner Ergreifung ihn für seine mit erbarmungsloser Härte bis zu diesem Zeitpunkt durchgeführte Aktion mit unmenschlichen Repressalien zur Verantwortung ziehen, verkrampfte sich seine den Schlüssel haltende Hand und nur mit letzter Mühe und mit einem gehörigen Quäntchen Glück schaffte er es, die Eingangstür von außen rechtzeitig zu verriegeln.
   Nur einige Wimpernschläge später klatschten auch schon wild zu trommeln beginnende Hände eines erzürnten Arztes dagegen, der, obwohl er sich der Sinnlosigkeit seiner Worte bewusst sein musste, durch die Scheibe für Karl-Heinz durchaus hörbar hindurchschrie: »Machen Sie sofort die Tür auf! Kommen Sie zurück! Ich warne Sie!«
   Doch Herr Niemand achtete in keiner Weise darauf, sondern ließ blitzgescheit, nachdem er schon erwogen hatte, den Schlüssel mitzunehmen, diesen einfach im Schloss stecken und rannte wie ein von der Pest Verfolgter davon.
   Die durch die Scheibe dringenden Rufe hinter sich hörend hatte er nun den auf die Nervenheilanstalt zuführenden Weg verlassen und lief jetzt in östlicher Richtung auf den großen, vor dem Krankenhaus gelegenen Parkplatz zu. Mit eilig dahinstampfenden Füßen rannte er an dem Schwesternwohnheim vorbei und kurze Zeit später erreichte er den zu dieser frühabendlichen Stunde noch beträchtlich mit Autos angefüllten Parkplatz. Er huschte auf einem Zickzackkurs durch eine Menge dort abgestellter Wagen hindurch, wobei er einen der vielen aus dem Parkplatz auf die Hauptstraße herausführenden Fußgängerwege anvisierte. Sich kurz umdrehend erspähte er hinter seinem Rücken glücklicherweise noch keine Verfolger, aber er war sich dennoch sicher, dass man bereits eifrig dabei war, eine groß angelegte, ihm als gefährlich Eingestuftem geltende Hetzjagd zu organisieren. Ohne Rücksicht auf Verluste überquerte er nun nach dem Durchlaufen des kurzen Fußgängerweges die Hauptstraße und nur mit Glück vermochte er die eine oder andere Kollision mit vorbeifahrenden Fahrzeugen zu vermeiden. Als er sich nach allen Richtungen orientierend auf der anderen Straßenseite umherblickte, wurde ihm schnellstens bewusst, dass er die sich lang erstreckende Hauptstraße unbedingt verlassen sollte, zumal es auf dieser kein auf die Schnelle auffindbares, geeignetes Versteck zu geben schien. Deshalb fasste der sich immer noch in Panik Befindende den dafür erstaunlich weisen Entschluss, eine vor einer Bahnstrecke befindliche, mit kaum zu durchdringendem Gestrüpp bepflanzte Böschung hinaufzuklettern. Fluchend über immer wieder sein Gesicht zerkratzende Dornen trampelte er sich ihm in den Weg stellende Äste nieder und musste häufig seinen ganzen Körper in den Wust der Sträucher hineinstemmen, um einigermaßen Stück für Stück vorwärtszukommen. Seine ohnehin schon in Mitleidenschaft gezogene Kleidung wurde noch zusätzlich von sich in ihr verhakenden Dornen zerrissen. Mit größter Mühe und einer ihresgleichen suchenden Willenskraft erreichte er schließlich mit schwitzendem Körper die Bahngleise, die er schnell überquerte. Er setzte seine Flucht durch ein sich plötzlich vor ihm auftuendes Wäldchen fort, seine ständig wie automatisiert vorwärtstrabenden Beine sanken bis zu den Knöcheln in den vom feuchten Laub übersäten Waldboden ein, raschelnd wurden aneinanderklebende Blätter umhergewirbelt. Die im Westen durch Baumstämme und kahles Unterholz hindurchblitzende, tief stehende, abendliche Sonne erzeugte in ihm ein Gefühl der Hoffnung und Freiheit, dennoch wünschte er sich aus taktischen Gründen, die Sonne möge so schnell wie möglich untergehen. Das Laufen im Wäldchen strengte ihn an, zumal er auch noch zusätzlich eine nicht unerhebliche Steigung zu erklimmen hatte. Nachdem er etwa hundert Meter durch das Wäldchen zurückgelegt hatte, fühlte sich Karl-Heinz dermaßen erschöpft, dass er das Bedürfnis verspürte, sich für eine kurze Weile auszuruhen. Als er aus dem kleinen Wald heraustrat, erblickte er eine wie gerufen am Rande einer schmalen, im Moment nicht befahrenen Straße aufgestellte, gelbe Bank. Keuchend taumelte er von hinten an sie heran und warf mit herunterbaumelnden Armen seinen Oberkörper über ihre Lehne. Allzu lange wollte er nicht verschnaufen, denn die Angst, als ein aus der Nervenheilanstalt Entflohener aufgespürt und dorthin zurückverfrachtet zu werden, wich nicht aus seinem Kopf. In der Ferne sah er einige aus östlicher Richtung kommende, auf ihn zuspazierende Leute. Er hielt es für ratsam, die schmale Straße, die von einem gegenüber der Bank an einer Straßeneinmündung stehenden Schild als »Dahlienweg« ausgewiesen wurde, zügig zu überqueren, um sich neugierigen Blicken von irgendwelchen Passanten zu entziehen. Er verschwand nun rasch in den gegenüberliegenden Tulpenweg. Zu seiner Rechten zeigte sich eine gepflegt wirkende Neubausiedlung und zu seiner Linken erstreckte sich bis zur nächsten Parallelstraße ein abgeerntetes Feld. Beim Ausspähen der Umgebung entdeckte er keine sich für ihn interessierenden Leute oder sogar irgendwelche ihn verfolgenden Personen. Herr Niemand konnte deshalb, weil er glaubte, die Ärzte aus der Anstalt hätten seine Spur verloren, gemächlich voranschlendern. Beim besten Willen vermochte er sich nicht vorzustellen, dass man ihm auf dem exakt von ihm selbst zurückgelegten, beschwerlichen Fluchtweg würde folgen können. In einigen Metern Entfernung las er auf einem nach rechts in östliche Richtung weisenden Straßenschild den Schriftzug »Lilienweg« und spontan erwog er, in genau diesen hineinzuspazieren. Als er jedoch nach dem Erreichen der Einmündung schon einige Meter in die kleine Straße hineingegangen war, erblickte er das Unfassbare. Was seine ermüdeten Augen jetzt sehen mussten, war zu viel für Karl-Heinz: Ungefähr zwanzig Meter entfernt parkte ein dunkles, großes Auto und um dieses herum standen fünf Männer. Mit wie von einem Schlag ins Schlottern versetzten Knien und plötzlich über ihn hereinbrechenden Schweißausbrüchen erkannte er in den fünf Gestalten diejenigen wieder, die ihn seinerzeit entführt und anschließend ins Labyrinth gebracht hatten. Unglücklicherweise blickte Herr Niemand mit verzerrten, auffälligen Gesichtszügen und mit angewurzelt stehen gebliebenem Körper nun direkt in eine hartgesotten dreinschauende Miene eines mit den anderen am Wagen herumstehenden Mannes, der wie die meisten seiner Kumpanen eine Getränkedose in der Hand hielt. Entsetzt zog der wie am Boden festgeklebte Karl-Heinz seine Augenbrauen nach oben, während er in panischer Erregung leise vor sich hinstotterte: »Oh mein Gott! Die haben mich gesehen!«
   Der den langsam mit wackelnden Beinen dastehenden Karl-Heinz bemerkende Mann stieß einen neben ihm sich aufhaltenden Kollegen an und deutete mit dem Finger auf den wie in Startblöcken zur Flucht bereitstehenden Herrn Niemand. »Da!«, schrie der die Getränkedose wandalisch auf die Straße werfende Mann.
   »Hinterher!«, schrie ein anderer und weitere Dosen kollidierten scheppernd mit dem Asphalt.
   Die fünf Männer taten nun das von Karl-Heinz in ängstlicher Erwartung Befürchtete: Sie preschten alles um sich herum vergessend mit auf ihn gerichteter Konzentration los, um den sich nun umdrehenden und seinen Körper in Bewegung setzenden Herrn Niemand zu erhaschen. Der in Panik Geratene gab undefinierbare Schreie des Entsetzens von sich und hechelte aus seinem zu einer bizarren Öffnung geformten Mund wild umherspritzende, teilweise an seiner Jacke haften bleibende Tröpfchen von Speichel heraus. Er verlangte seinen ermüdeten Beinen alles ab und sich ständig umblickend musste er zu seiner Panik erkennen, dass die ausgeruhten Männer, die sich mit lauten Rufen gegenseitig anfeuerten, leider schneller zu sein schienen als er. Kopflos rannte er nun auf den dem Lilienweg gegenüberliegenden, abgeernteten Acker und seine von den lädierten Schuhen nur noch teilweise umschlossenen Füße sackten in den von den Regengüssen vergangener Tage matschig gewordenen Boden immer wieder beschwerlich ein. Mit panisch umherrudernden Armen und immer stärker zu brennen beginnenden Beinen stolperte er der im Westen über einer Reihe von schmucken Häusern tief stehenden Sonne entgegen. »Die dürfen mich nicht kriegen«, dachte er unentwegt, »sonst ist alles aus.«
   »Geben Sie auf, Niemand!«, rief einer von hinten mit unbarmherzig klingender Stimme. »Wir kriegen Sie ja doch!«
   »Nein! Haut ab! Verschwindet doch! Lasst mich in Ruhe!«, kreischte Karl-Heinz, als er bemerkt hatte, dass die ihm gnadenlos hinterherjagenden Männer schon um ein beträchtliches Stück aufgeholt hatten. Einer von ihnen rannte Kommandos gebend voran und die übrigen folgten in einer Viererkette. In seiner grenzenlosen Panik fast die Hoffnung verlierend erblickte der immer erschöpfter werdende und gelegentlich ungeschickt zu Boden stürzende Karl-Heinz plötzlich in einiger Entfernung einen Mann, der im Vorgarten eines in einer Reihe mit vielen anderen Häusern stehenden Einfamilienhauses seinen Rasen mähte. Der verzweifelt um sein Leben rennende und seine schwindenden Kräfte spürende Herr Niemand kam nun auf die Idee, den ungefähr 50 Meter von ihm entfernten Mann um Hilfe zu bitten. Mit nach oben gestreckter, in der Luft umherwirbelnder Hand, die auf seine missliche Lage aufmerksam machen sollte, rief der Flüchtende: »Hilfe! Ich werde verfolgt!« Der ältere Herr jedoch bemerkte zunächst nichts und war zu sehr in seine Gartenarbeit vertieft. Der elektrische Rasenmäher, der in nicht unbeträchtlicher Lautstärke vor sich hinsurrte, übertönte zwar die ungestümen, über den Acker hinweggerufenen Schreie der Karl-Heinz hinterherhetzenden Männer, aber von den inbrünstig aus der Kehle des Verfolgten immer lauter hinausgestoßenen Hilferufen in Aufmerksamkeit versetzt lenkte er seine Blicke schließlich doch auf Herrn Niemand. Dem Rasen mähenden Mann bot sich ein spektakulär anmutendes, nicht alle Tage in dieser gutbürgerlichen Siedlung zu beobachtendes Schauspiel, weshalb er interessiert den Rasenmäher ausschaltete und nun intensiv und neugierig auf die sechs über den Acker laufenden Gestalten blickte. Nach Verlassen des Ackers hatte der erneut um Hilfe schreiende Karl-Heinz bereits die Straße erreicht und lief nach deren Überquerung zur Verdutzung des Hauseigentümers durch das offen stehende Gartentor in den von einem Jägerzaun umschlossenen Vorgarten hinein.
   »Ja um Gottes Willen, was hat das zu bedeuten?«, rief der Mann zu dem aufgeregt in dessen Nähe herumtänzelnden Karl-Heinz, der, nachdem er bemerkt hatte, dass die fünf Männer ihrerseits gerade im Begriff waren, den Acker zu verlassen, sich wie ein schüchternes Kind hinter dem Grundstückseigentümer versteckte.
   »Schnell!«, stammelte Herr Niemand ohne nachzudenken dem sich bedrängt fühlenden Mann in den Nacken, »rufen Sie die Polizei! Die Kerle wollen mich umbringen!«
   Doch kaum hatte er undeutlich zu Ende gesprochen, da betraten die fünf ominösen Männer auch schon den Vorgarten. Einer von ihnen wandte sich an den Hausbesitzer und keuchte außer Atem geraten mit auf Herrn Niemand angelegtem Finger: »Dieser Mann ist gefährlich! Wir müssen ihn mitnehmen – und zwar dorthin, wo er hergekommen ist!«
   »Was soll das bedeuten?«, fragte erneut der einige Schritte vom angespannt und unruhig dastehenden Karl-Heinz sich entfernende Hauseigentümer, der mit verwirrtem Gesichtsausdruck fragend mit umherzuckenden Kopfbewegungen immer wieder in die verschiedenen Gesichter der in seinen Vorgarten eingedrungenen Leute blickte.
   »Keine Angst«, beruhigte ihn einer der Männer, »dieser Mann da kann Ihnen nichts tun – dafür werden wir schon sorgen!«
   »Ihr verfluchten Dreckskerle!«, wagte Herr Niemand die fünf jetzt sogar unflätig zu beschimpfen und wandte sich an den Hausbesitzer, in dem er so etwas sah wie eine unparteiische Person und den er verzweifelt auf seine Seite zu ziehen versuchte. »Diese Männer sind Verbrecher! Glauben Sie mir! Tun Sie doch was! Sie müssen sie aufhalten! Die wollen mich fertigmachen!«
   Mit von Karl-Heinz als widerlich und scheinheilig empfundener, freundlicher Seriosität im Gesicht ging einer der Männer auf den Eigentümer zu und klärte ihn mit sachlich klingender Stimme auf: »Dieser Mann ist ausgebrochen. Wir müssen ihn zurückbringen.«
   Der Grundstücksbesitzer musterte nun den nicht gerade akkurat und seriös aussehenden, eher sich im Outfit eines Landstreichers präsentierenden Herrn Niemand, der zudem einen durchaus als nicht ganz normal einzustufenden Gesichtsausdruck an den Tag legte. »Oh Gott! Ist der etwa aus dem ›Kastell‹ ausgebrochen? Wie kann denn so etwas passieren?«, erwiderte der Hauseigentümer in Karl-Heinz’ Ansicht nach spießig daherschwatzendem Ton.
   »Keine Sorge«, sagte man mit beruhigender Stimme, »der kann ja jetzt nichts mehr anstellen.«
   Verzweifelt und ohne Freunde auf seiner Seite lief Herr Niemand jetzt im Vorgarten auf und ab und versuchte wie ein Haken schlagender Hase, den ihn langsam, aber unaufhaltsam umzingelnden Männern zu entkommen. Mit Entsetzen sah er, wie einer der schrecklichen, in dunklen Anzügen gekleideten Gesellen das Gartentor hinter sich zuschloss. Mit einem Sprung über den bis zu seiner Hüfte reichenden Jägerzaun bestand vielleicht die Möglichkeit, die Flucht noch etwas in die Länge zu ziehen, doch musste er sich eingestehen, für solche sportlichen Aktionen nicht mehr die nötigen Kraftreserven zu besitzen. Als man ihn an den Zaun herandrängte, erblickte er panisch sich umdrehend eine daran angelehnte Harke, die er verzweifelt ergriff. Mit zackig immer wieder nach vorne stoßenden Bewegungen versuchte er, die sich zu seinem Leidwesen kaum davon beeindrucken lassenden Männer zurückzudrängen oder zumindest davon abzuhalten, noch weiter auf ihn zuzugehen. Einem platzte nun der Kragen, er zog eine hinterm Rücken hervorgeholte, automatische Pistole – offenbar Kaliber 7,65 Millimeter – und richtete sie entsichert auf den geschockt in ihre Mündung dreinschauenden Karl-Heinz. Demonstrativ spannte der erbarmungslos ihn anfunkelnde Mann den Hahn und das klickende Geräusch des Einrastens ließ Karl-Heinz erschaudern, denn er befürchtete, gleich kaltblütig niedergeschossen zu werden, doch der bewaffnete Mann warnte mit ungeduldiger Stimme den in die Enge Getriebenen lediglich mit den Worten: »So, Niemand! Jetzt reicht’s aber! Werfen Sie das Ding da weg und machen Sie kein Theater, sonst werden wir ungemütlich!« Dem überraschten und jetzt wie paralysiert dastehenden Karl-Heinz trampelte nun einer der mysteriösen Männer die Harke aus den Händen; einen kurzen Augenblick später warfen sich drei weitere auf den dabei zu Boden Stürzenden. Man stemmte Knie auf seine seitwärts ausgestreckten, auf dem Rasen liegenden Arme und der überwältigte Herr Niemand schrie einen in die Länge gezogenen, von seiner Todesangst zeugenden Vokal in die abendliche, empfindlich kühl gewordene und nach frisch geschnittenem Gras riechende Luft. Einer der Männer kramte nun einen Kabelbinder aus einer Innentasche seines Anzuges hervor und gab den beiden anderen, Karl-Heinz’ Arme festhaltenden Kollegen die Anweisung, die Hände des Verzweifelten über Kreuz auf dessen Bauch zu legen. Er schlang den schmalen Streifen um die beiden Handgelenke des Laute des Entsetzens von sich Gebenden und zurrte ihn tüchtig fest. »Hilfe!«, schrie Herr Niemand immer wieder den über ihm sich beugenden Männern entgegen, doch niemand – nicht einmal der interessiert zusehende Grundstücksbesitzer – scherte sich darum. Sein zum Abtransport nun zurechtgeschnürter Körper wurde jetzt von vier Männern angehoben. Der daran nicht beteiligte Wortführer richtete sich mit fast dankbaren und entschuldigenden Blicken an den dieses Spektakel weiterhin verdutzt beobachtenden Hauseigentümer und sagte zu diesem: »Tut uns wirklich leid, dass wir diesen Burschen nicht schon vorher gefangen haben.«
   »Aber ich bitte Sie«, erwiderte der Grundstücksbesitzer, »ich bin ja froh, dass nichts passiert ist. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn ich alleine mit diesem Menschen hier in meinem Vorgarten gewesen wäre.«
   »Eben«, sagte der Wortführer, »also auf Wiedersehen!«
   Der hilflos in der Luft hängende, von vier Männern an den Beinen und an den über seinem Kopf vorausgestreckten Armen gepackte Karl-Heinz konnte es nicht fassen, als er mit anblicken musste, wie der Eigentümer auch noch hilfsbereit und geradezu gastfreundlich das Gartentor für die sein Grundstück verlassen wollenden Männer öffnete. Als Herr Niemand noch einmal »Hilfe, die wollen mich umbringen!« zu schreien vorhatte, presste der gemütlich nebenhergehende Anführer ihm die Hand auf den Mund, der nur eine einzige Silbe herausbrachte. Anschließend vermochte Herr Niemand nur noch ein sich unappetitlich anhörendes Würgen herauszustammeln, weshalb er sich vollends ausgeliefert fühlend nach einigen Sekunden seine Versuche, auf verbalem Wege auf seine brenzlige Lage aufmerksam zu machen, zunächst einstellte und nur noch als Geste seiner Erschütterung mit dem Körper chaotisch auf- und abschaukelte. Man hatte nun den Vorgarten verlassen und durch die beiden an seinen Fersen packenden Männer hindurch sah er zu seiner Verzweiflung, wie der Hausbesitzer das Gartentor schloss und noch eine Weile lang seelenruhig den sechs mittlerweile schon auf dem Acker sich befindenden Personen hinterherschaute. Als der Anführer keine Lust mehr hatte, ständig mit auf Herrn Niemands Mund gehaltener Hand nebenherzumarschieren, und nun deshalb seine Hand wegnahm, begann Karl-Heinz auch schon zu schreien: »Ihr verfluchten Dreckskerle, ihr! Was wollt ihr denn jetzt schon wieder? Lasst mich doch laufen! Sucht euch doch einen anderen! Ich habe euch doch nichts getan!«
   »Das hat auch niemand gesagt«, erwiderte mit sich subtil anhörendem Unterton der den sich verloren vorkommenden Gefangenen mit strengen Blicken fixierende Anführer.
   »Oh mein Gott!«, schrie der geschockte Karl-Heinz. »Was habt ihr denn diesmal mit mir vor? Ihr wollt mich töten! Ihr wollt mich töten! Das könnt ihr doch nicht machen!«
   »Halten Sie doch endlich Ihren Mund, Niemand!«, zischte der Anführer und presste dem Hilflosen wieder trotz des sich rings um dessen Lippen herum angesammelten Speichels die Hand auf den dadurch verstummenden Mund.
   Man hatte nun den Acker verlassen und überquerte jetzt den Tulpenweg. Herr Niemand hörte, wie in weiter Ferne der Rasenmäher wieder loszusurren begann. Die sechs Leute bewegten sich unaufhaltsam auf den im Lilienweg mit offen stehenden Türen geparkten Wagen zu. Der Anführer beugte sich über den Beifahrersitz und öffnete das Handschuhfach, aus dem er ein Fläschchen und eine Spritze herausholte. Als Herr Niemand mit zur Seite gedrehtem Kopf die Spritze sah, versuchte er erneut, um Hilfe zu rufen, doch die vier ihn festhaltenden Männer unterbanden dies. Dass dieses Treiben von hier und da neugierig aus dem Fenster guckenden Anwohnern beobachtet wurde, störte die sich ihrer Sache sicher seienden Männer nicht im Geringsten.
   »Nein!«, schrie Karl-Heinz. »Ich will keine Spritze! Lasst mich doch in Ruhe!«
   »Keine Sorge«, erwiderte der die Spritze mit der im Fläschchen sich befindenden Flüssigkeit nun anfüllende Anführer in fast sadistisch klingendem Ton, »das wird die letzte sein, die Sie bekommen – das garantiere ich Ihnen, Niemand! Legt ihn auf den Boden.«
   Die Männer ließen ihn einfach auf den Bürgersteig fallen und stemmten sofort ihre Knie auf den sich windenden Körper des hilflos vor sich hinflennenden Herrn Niemand, der vor Todesangst zitternd nun spürte, dass ihm offenbar die letzte Stunde seines verworrenen Lebens geschlagen hatte. »Diesmal ist es ein tödliches Gift – gleich bin ich tot«, dachte er in einer von ihm nicht für möglich gehaltenen, andererseits aber von ihm ein wenig mit Verwunderung aufgenommenen Verzweiflung, denn eigentlich hatte er als ein im Grunde von der Gesellschaft Ausgestoßener nichts mehr zu verlieren. Trotzdem packte ihn das nackte Entsetzen, als er mit weit aufgerissenen und wild umherzuckenden Augen auf die sich unaufhaltsam ihm nähernde, mit einer klaren Flüssigkeit gefüllte Spritze blickte. Der sich zum wehrlos auf dem Bürgersteig Liegenden heruntergebeugte Anführer war nun kurz davor, die tropfende Nadel mit einem gleichgültigen Ausdruck im Gesicht in Herrn Niemands auf die Gehwegplatten gedrückten, linken Arm zu stechen. Als Karl-Heinz das unangenehme Stechen spürte, schrie er noch: »Wer seid ihr?«, doch schon kurze Augenblicke später fühlte er sein Bewusstsein langsam schwinden. Im festen Glauben, die letzten Sekunden seines Lebens im Lilienweg draußen auf der Straße zu verbringen, merkte er noch, wie sein zu eigenen Bewegungen unfähig gewordener, geradezu gelähmter Körper angehoben und anschließend unsanft auf die hinteren Sitze des Autos geworfen wurde. Die eigentlich laut zuknallenden Türen des Wagens registrierte er nur noch als leise aus der Ferne donnernde, dumpfe Schläge. Zwar merkte er noch, dass einige zu ihm in den Wagen gestiegene Männer sich unterhielten, doch die von ihnen gesprochenen Worte kamen ihm fremdsprachlich vor. Dass das Gefährt nun gestartet wurde und sich schnell in Bewegung setzte, um einem geheimnisvollen Ziel entgegenzurasen, bekam der benommen auf den hinteren Sitzen Liegende nur noch für die Zeitspanne einiger Wimpernschläge mit. Was danach mit ihm geschah, entzog sich Herrn Niemands Kenntnis, denn ihn hatte nun vollends eine trübe Dunkelheit heimgesucht.

Als Karl-Heinz Niemand schlaftrunken erwachte, befand er sich an einem Ort, der ihm völlig fremd vorkam. Als Erstes blickten seine soeben geöffneten Augen auf einen harten Boden aus Beton, auf dem er mit dem Bauch mit nach vorne über seinem Haupt hinweggestreckten Armen und mit angewinkelten Beinen dalag. Als er mit seiner linken Hand die Härte des Untergrundes ertastete, hob er darüber erschreckt seinen Kopf kurz an und panisch vermutete er, offenbar wohl doch wieder im von ihm so gefürchteten Labyrinth gelandet zu sein. Nichtsdestotrotz regte sich in ihm die hoffnungsvolle Erkenntnis, offensichtlich noch nicht gestorben zu sein, denn nur allzu deutlich spürte er seine schmerzenden und erschlafften Glieder. Mit äußerster Mühe schaffte er es, seinen geschundenen Oberkörper nach oben zu hieven; mit nun ausgestreckten Beinen auf dem Hosenboden sitzend versuchte er, sich mit neugierig umherzuckenden Kopfbewegungen zu orientieren. Zwar stellten sich seinen Blicken Wände entgegen, doch trotzdem musste er nach einigen Sekunden unkontrollierten Umherschauens erkennen, dass man den Ort, an den es ihn verschlagen hatte, unmöglich ein »Labyrinth« nennen konnte. Denn ungläubig stellte er fest, dass man ihn zweifellos in einen karg möblierten Raum gebracht hatte. Dieser muffig riechende, ihm wie ein Verlies vorkommende Raum besaß eine nicht unbeträchtliche Deckenhöhe von schätzungsweise vier Metern und stellte dem hierher Verschleppten eine Fläche von circa zehn Quadratmetern zur Verfügung. »Wo bin ich denn hier schon wieder gelandet?«, fragte der einsam sich selbst überlassene Herr Niemand sich selbst. Argwöhnisch betrachtete er sich das an einer Wand auf verschmutzt wirkenden, löchrigen Füßen aus Kiefernholz stehende Bett, auf dessen offenbar von Motten an einigen Stellen schon angefressener Matratze eine unordentlich dahingeworfene, vor sich hinfusselnde, braune Decke lag. An der dem nicht gerade zum gemütlichen Schlafen einladenden Bett gegenüberliegenden Wand stand ein simpler und ihm billig vorkommender Tisch, dessen dunkelblaue Oberfläche sich verschmiert und verstaubt dem Betrachter präsentierte. Mit einer Ironie zum Ausdruck bringenden Handbewegung wischte er, nachdem er sich mittlerweile erhoben hatte, auf wackeligen Beinen stehend einen breiten Streifen von Staub und Krümeln herunter. Leicht angeekelt rieb er sich die Hand an der Hose ab und blickte anschließend wie ein im Museum umherschweifender Besucher auf den hinter dem Tisch, nur ein kleines Stück von der Wand entfernt stehenden, ebenfalls dunkelblau gefärbten Stuhl, auf den er sich nun, da seine Beine noch zittrig waren und er mit Rücksicht auf seine angespannten Glieder darum bemüht war, keine hastigen Bewegungen zu machen, sehr vorsichtig und äußerst langsam setzte. Er ließ seine Handinnenflächen auf die verdreckte Tischplatte fallen und faltete einige Sekunden später seine den Kontakt zur Tischfläche dabei nicht verlierenden Hände, indem er seine zehn Finger bedächtig ineinander verhakte, als fordere man ihn dazu auf, sich geduldig den Monolog einer ihm gegenübersitzenden Person anzuhören. Als er aus Verzweiflung sein Haupt hinuntersinken lassen wollte, bemerkte er zu seiner Verwunderung die sein linkes Handgelenk nicht mehr umschließende Armbanduhr. Leicht darüber verdutzt und auf dem Stuhl etwas umherruckelnd blickte er sich um, konnte aber nirgendwo seine Digitaluhr entdecken. Auch fand er sie nicht, als er mit in seinen diversen Jacken- und Hosentaschen gesteckten Händen in ihnen hastig herumkramte. Die fehlende Digitaluhr setzte nun unweigerlich seine Fantasie in Gang – er vermutete, sie sei als Folge der handfesten Auseinandersetzung mit den fünf Männern irgendwo verloren gegangen und liege jetzt wahrscheinlich einsam und verlassen auf dem Acker oder im Vorgarten des Hausbesitzers, auf dessen Grundstück man ihn vor Kurzem überwältigt hatte. Oder wollte man ihn sadistischerweise des Zeitgefühls berauben, um ihn vorab für irgendwelche vermutlich noch an ihm zu verübenden Schandtaten zu demoralisieren? Die Frage, was die Männer von ihm wollten, konnte er immer noch nicht beantworten und er befürchtete, darauf auch niemals eine zufriedenstellende Antwort zu erhalten. Immerhin aber war diesmal die Dosis der letzten ihm verabreichten Spritze im Gegensatz zur vorletzten nicht groß genug gewesen, um ihn vorübergehend seiner Erinnerung zu berauben.
   Der völlig verzweifelte und sein nahes Ende spürende Herr Niemand starrte nun auf eine schräg gegenüberliegende, offenbar metallische Tür. Dass keine Klinke an ihr angebracht war, wunderte ihn nicht. Obwohl er sich sicher sein konnte, dass sie verschlossen war, erhob er sich jetzt, taumelte auf sie zu und presste die Innenseiten seiner Hände auf sie. Es bestand nicht der geringste Zweifel, dass die Tür von innen nicht zu öffnen war. Dass er diesen ihn beherbergenden Raum getrost als »Gefängniszelle« bezeichnen konnte, hatte er im Grunde schon geahnt. Mit einer gewissen Neugier, aber keinesfalls auf ein Wunder hoffend blickte er jetzt durch ein etwa in seiner Augenhöhe angebrachtes, mit einer Linse versehenes Guckloch und, wie er erwartet hatte, vermochte er nichts Wesentliches zu erkennen – lediglich eine seiner Zellentür im zwielichtigen Dunkel gegenüberliegende, offenbar einen Gang begrenzende Wand. Karl-Heinz ließ sich jetzt dazu hinreißen, »Ihr verfluchten Dreckskerle!« zu schreien und wütend trat er mit voller Wucht gegen die Tür, die sich dadurch jedoch kaum in Erschütterung versetzen ließ. Als er sich einigermaßen wieder beruhigt hatte, blickte er auf das von ihm zuvor schon bemerkte Schloss, zu welchem es, wie er mutmaßte, mit Sicherheit einen Schlüssel geben musste. Deprimiert an der verschlossenen Tür lehnend wusste er nicht einmal, ob er hoffen sollte, durch seine vor einigen Augenblicken lautstark und erzürnt vorgetragene Beleidigung Aufmerksamkeit erregt zu haben oder nicht. Er musste als ein völlig von der Gnade seiner Feinde abhängiger Mensch damit rechnen, dass die mysteriösen Männer jederzeit irgendwo draußen vor der Tür alles von ihm boshaft Hindurchgerufene mit anhören und ihn anschließend mit erbarmungsloser Härte zur Rechenschaft ziehen würden. Doch ob sie sich wirklich in seiner Nähe aufhielten, wusste er nicht. Er wandte sich nun von der Tür ab und entdeckte einen nahe an einer Raumecke in Kniehöhe aus der Wand herausragenden, rostigen Wasserhahn, unter dem ein verzinkter Eimer stand. Eilig und mit einem gierigen Ausdruck im Gesicht hob er den zu einem Viertel gefüllten Eimer an dessen Henkel in die Höhe und warf einen Blick auf die durch die zittrige Bewegung ins Umherschwappen versetzte Oberfläche einer trüben Flüssigkeit. Da er Durst hatte, neigte er den Eimer so lange, bis einiges davon in seinen weit geöffneten Schlund hineinfloss. Angewidert über den schlechten Geschmack spuckte er mit einer Geste der Missachtung das verdorbene Wasser in einem weit in den Raum hineinspritzenden Bogen wieder aus. Den verzinkten Eimer hatte er vor Schreck fallen lassen und wütend trat er jetzt gegen dieses von ihm verächtlich angeguckte, metallische Gefäß, das nach einer Weile des polternden Umherschepperns auf der Seite liegend zur Ruhe kam. Mit einem gewissen Ekel blickte er auf einige in einer sich auf dem Boden gebildeten Lache hilflos umherzappelnde, verendende, kleine Tierchen. Andererseits aber wurde ihm durchaus bewusst, dass er vielleicht irgendwann darauf angewiesen sein würde, sie aufzuessen, denn nirgendwo sonst in seinem Gefängnis entdeckte er etwas anderes zum Verspeisen Geeignetes und er wusste nur allzu gut aus eigener Erfahrung, dass er im Falle eines nicht mehr zu ertragenden Hungers fast alles in sich hineinzustopfen bereit sein würde. Es war für ihn nur noch reine Formsache, den von ihm noch nicht näher untersuchten Wasserkran aufzudrehen, und dass nicht ein einziger Tropfen frischen Wassers hinausplatschte, wunderte ihn nicht. Trotzdem aber stieß er einen leichten Seufzer der Verärgerung aus. Er schlenderte wieder zurück zur Mitte seiner Zelle, drehte sich dort langsam im Kreis herum und versuchte weiterhin, irgendetwas Neues, bis jetzt von ihm Übersehenes zu entdecken. Das einzig von ihm zwar schon beiläufig Registrierte, aber noch nicht genau von ihm Betrachtete schien eine sich offenbar weit ins Gemäuer erstreckende Luke zu sein, die sich direkt unter der Decke in einer für ihn nicht ohne Weiteres zu erreichenden Höhe befand. Das durch sie hindurchscheinende, auf die Wände projizierte Licht kam offensichtlich von der Sonne. Denn als er eine Weile lang die an einigen Stellen erleuchteten Wände betrachtete, bemerkte er hin und wieder durch offenbar spärlich sich vor die Sonne schiebende Wolken eine tendenzielle Verdunkelung des Raumes. Als er sein Augenmerk intensiver darauf richtete, erblickte er schemenhaft ein auf die Wand geworfenes Gitter. Dieses als solches jedoch vermochte er aus seiner Position heraus nicht zu erkennen; anscheinend befand es sich weiter innen im Schacht, der aber glücklicherweise seine Zelle mit einigermaßen frischer Luft zu versorgen schien. Weil er sich sicher war, dass dieses Gitter für ihn ein unüberwindbares Hindernis darstellte, wandte er enttäuscht seine Blicke nun von der unmittelbar unter der Raumdecke sich befindenden, ungefähr einen Meter breiten wie hohen rechteckigen Öffnung ab und ließ sich erschöpft auf das muffig riechende Bett fallen. Da die Raumtemperatur trotz des schon seit einiger Zeit angebrochenen Herbstes bei schätzungsweise 18 Grad Celsius lag, verzichtete er darauf, sich in die unangenehm zerfleddert aussehende Decke einzuhüllen, sondern zog es vor, lediglich seine Jacke fest um seinen Körper zu schlingen. Mit auf seinem Bauch gelegten Armen dachte er noch eine Zeit lang über sein unergründbares Schicksal nach. Seine nach oben an die leicht zerklüftete Decke stierenden Augen schlossen sich nach einigen Minuten von selbst und Karl-Heinz Niemand versank in einen unruhigen Schlaf.
   Kurz vor der Morgendämmerung wachte der Eingesperrte wieder auf. Er benötigte einige Sekunden, um zu begreifen, dass er sich immer noch in einer Zelle befand. Da er sich nicht unter die zwischen ihm und der Wand gequetschte Decke verkrochen hatte, spürte er ein leichtes Frösteln in seinem müde auf dem Bett ruhenden Körper. Offenbar hatte sich über Nacht die Temperatur um zwei bis drei Grad abgesenkt. Um sich ein wenig Bewegung zu verschaffen, erhob er sich nun und tastete sich langsam auf- und abschlendernd durch den fast in völliger Dunkelheit liegenden Raum. Nur mit Mühe erkannte er einen Anflug von durch die Luke hindurchflutendem Licht. Nach einer Weile des in der Dunkelheit sinnlosen Umherschreitens stützte er sich mit beiden Händen auf den dem Bett gegenüberliegenden Tisch. »Was soll nur aus mir werden?«, dachte er in seinem desolaten Gemütszustand. »Was wollen die mit mir anstellen? Wenn ich Pech habe, kommen die hier irgendwann rein und foltern mich langsam zu Tode. Und wenn diese Kerle überhaupt nicht mehr kommen, muss ich hier verhungern und verdursten.« In der Tat – Herr Niemand spürte deutlich seine kratzende, nach Flüssigkeit dürstende Kehle und seinen vor Hunger knurrenden Magen. Als er kurz prüfend eine Hand auf den Bauch legte, griff er in eine nach innen gewölbte Mulde hinein. »Können die nicht einfach kommen und mich mit einem einzigen Schuss niederstrecken?«, wünschte er sich sehnlichst, denn ein weiteres Mal wollte er ein auf lange Dauer angelegtes, seinem ehemaligen Labyrinthaufenthalt ähnelndes Erlebnis keinesfalls mehr durchmachen. Versunken in elendiger Hoffnungslosigkeit glaubte er nicht mehr an seine Rettung. Er spürte, dass er vermutlich an seiner letzten Station angelangt war, denn er vermochte sich nicht vorzustellen, erneut entfliehen zu können. Das vom Schicksal in seinem Gehirn eingebrannte Rätsel schien bis in alle Ewigkeit ungelöst in seinem Kopf umherzuspuken.
   Während Herr Niemand am Tische stehend vor sich hinsinnierte, erhellte sich allmählich seine Zelle durch die anscheinend langsam aufgehende Sonne. Da man Karl-Heinz seine Armbanduhr abgenommen hatte oder sie verloren gegangen war, hatte er nicht die Möglichkeit, die Uhrzeit oder gar das genaue Datum festzustellen. Somit wusste er nicht einmal, wie lange er schon vor seinem Erwachen aus seinem betäubten Zustand auf dem Boden gelegen hatte. Auch entzog es sich seiner Kenntnis, in welche Gegend man ihn verschleppt hatte; die einzigen Dinge, welche sich trotzig und gleichgültig seinen Blicken entgegenstellten, waren das Bett mit der darauf unbenutzten, aber trotzdem zerknitterten Decke, der nicht funktionierende Wasserhahn, der auf der Seite liegende, leere Eimer, die verschlossene Tür mit dem Guckloch, ein beschmutzter Tisch, ein simpler Stuhl und der in relativ großer Höhe direkt unter der Zellendecke befindliche Schacht mit einem weit in diesen hineinreichenden, im Innern angebrachten Gitter. Er vermochte trotz allen angestrengten Nachdenkens nicht zu ergründen, welchem Zweck diese karg möblierte Zelle eigentlich diente. Er fragte sich, ob schon jemand anders vor ihm in ihr verendet sei oder ob er – ausgerechnet er – derjenige sei, für den man diesen trostlosen Raum eigens hergerichtet habe. Als es allmählich durch die draußen in der Freiheit offenbar ständig an Höhe gewinnenden Sonne noch heller geworden war, konnte er nun die in seiner Zelle ihm Gesellschaft leistenden Dinge deutlich erkennen und beim Anblick des entleerten Eimers kam er auf die nützliche Idee, diesen in Zukunft als Nachttopf zu benutzen, denn trotz aller Widrigkeiten wollte er zunächst nicht einfach gegen eine Wand urinieren oder in irgendeine Ecke hinkoten, wie er es seinerzeit notgedrungen im Labyrinth zu tun gepflegt hatte. Deshalb schlenderte er nun zum Eimer und richtete ihn auf. Obwohl er schon lange nichts mehr getrunken hatte, spürte er einen gewissen, in den Morgenstunden durchaus bei ihm üblichen Druck auf der Blase. Um sich zu erleichtern, füllte er jetzt den verzinkten Eimer in der Menge eines halben Zahnbechers mit seinem Urin. Für den Fall, dass sich sein enormer Durst verschlimmern würde, nahm er sich vor, irgendwann bei Bedarf davon zu trinken. Auf der Suche nach fester Nahrung umherschlendernd entdeckte er glücklicherweise eine an der Wand in ungefähr zwei Metern Höhe verweilende Stubenfliege, die er gekonnt mit einer gut gezielten, schneidigen Bewegung mit der Innenseite seiner rechten Hand zu Tode quetschte. Er schabte das soeben gestorbene Insekt von der Wand und tunkte es anschließend in seinen im Eimer aufgefangenen Urin, damit es besser in seiner sich trocken anfühlenden Kehle hinuntergleiten konnte. Weiterhin hungrig verbrachte er den gesamten Morgen damit, Fliegen oder – falls er Glück hatte – irgendwelche Käfer zu fangen und sogleich zu verspeisen. Zur Mittagsstunde legte er sich wieder aufs Bett und starrte an die zerklüftete Zellendecke. Das Einzige, was seine Ohren vernahmen, war das Quietschen seiner wackeligen Unterlage und – wenn er besonders still dalag und den Atem anhielt – ein draußen leise an seinem Gefängnis vorbeirauschender Wind. Hin und wieder sogar spürte er einen kaum merklichen Luftzug über sein Gesicht hinwegstreichen. Da er seine Kräfte sparen zu müssen glaubte und er ohnehin müde war, schloss er nun die Augen und schlief trotz einer pausenlos ihn quälenden Ungewissheit auf seine sensiblen Ohren sich verlassend ein.
   Gegen Abend wachte er auf und als er sich umsah, entdeckte er nichts Neues. Plötzlich überkam ihn eine wie aus dem Nichts entspringende, unbändige Wut und er sprang von ihr getrieben, ohne zu überlegen, auf die Zellentür zu und verpasste ihr einige Fußtritte. »Lasst mich hier raus, ihr verfluchten Dreckskerle!«, hörte Herr Niemand sich selbst schreien und nachdem diese Worte gänzlich unkommentiert und anscheinend von niemandem vernommen sang- und klanglos verstummt waren, fühlte Karl-Heinz auf einmal eine entsetzliche, ihm unwirklich vorkommende Leere in seinen Gedanken. Um nachzusehen, ob er selbst noch existierte, blickte er auf seine sich vor seinen Augen hin- und herwendenden Hände. Entsetzt über seine missliche Lage fiel er nun vor der verschlossenen Tür auf die Knie und schrie inbrünstig folgende Worte: »Ich will hier nicht verrecken! Ich will hier nicht verrecken! Ich will hier nicht verrecken!« Mit Tränen in den Augen bewegte er sich um ein kleines Stück auf die still und völlig unbeeindruckt sich vor ihm befindende Tür zu und als er nah genug an sie herangerutscht war, trommelte er wie irrsinnig mit beiden Fäusten davor, sodass nach einer Weile seine Hände zu schmerzen begannen. Immer wieder schrie er: »Ich will hier raus!«, doch als seine ohnehin kaum noch in ihm vorhandene Kraft nachgelassen hatte, ließ er erschöpft seine Arme nach unten sinken und lehnte seine Stirn gegen die Tür. Nach einer kurzen Verschnaufpause entschloss er sich dazu, nun die Tür mit seinem in schnellem Takt davorstoßenden Kopf zu bearbeiten, doch auch dies vermochte er nicht allzu lang durchzuhalten. Noch so leidenschaftlich vorgetragenes Anflehen nützte nichts – die massive Tür blieb verschlossen und rührte sich, auch nachdem Herr Niemand weinend »Bitte! Bitte! Geh doch auf! Bitte! Bitte!« vor sich hingestottert hatte, in keiner Weise. Enttäuscht und wütend ließ er jetzt einfach seinen vor Erregung zitternden Körper zur Seite plumpsen und beobachtete seine vor seinen aufgerissenen Augen umherzuckende, sich verkrampfende Faust. Er spürte eine unbändige Kampfeslust in sich aufsteigen, doch es stand kein Gegner für ihn bereit, keine Menschenseele, die es mit ihm als einem dem Wahnsinn schon recht nahe Gekommenen aufzunehmen gedachte. Wie von einer Nadel ins Gesäß gestochen sprang er nun trotz seiner fast völlig geschwundenen Kräfte auf und suchte mit aggressiven Blicken nach Gegenständen, die er getrost vernichten konnte. Seine Wahl fiel auf den Stuhl; mit viel Schwung trat er wie ein Wilder von hinten gegen die sich dadurch spaltende Lehne. Doch der nun schon arg lädierte Stuhl erschien ihm noch nicht kaputt genug – er schleuderte ihn ein paarmal gegen die Wand und untermalte seine Zerstörungswut mit schauderhaften Schreien des in ihm brodelnden, abgrundtiefen Hasses. Die abgebrochenen Beine kickte er anschließend noch in eine Ecke seiner Zelle. Von seinem Tobsuchtsanfall erschöpft setzte er sich aufs Bett und nach einigen Sekunden des konzentrierten Innehaltens fing er an zu lachen. Ein Zustand des Irrsinns bemächtigte sich allmählich seiner, nach einer Weile des Idiotischen-vor-sich-Hinlachens begann er sogar zu singen. »Oh ist das schön! Oh ist das schön!«, stimmte er immer wieder von vorne an und im Stile eines extrovertierten Partylöwen klatschte er sich dabei mit den Händen abwechselnd auf seine Oberschenkel. Doch die spontan über ihn hergefallene Lebensfreude wich wieder langsam einer grausam sie verdrängenden Trübseligkeit. »Was soll ich nur machen?«, dachte er schluchzend und erinnerte sich plötzlich an seine immer wieder in der letzten Zeit geglückten Fluchtversuche. Warum sollte er es auch diesmal nicht versuchen? Zwar glaubte er nicht mehr an ein Gelingen einer Flucht, aber immerhin noch an die Notwendigkeit eines Versuches. Sein Kopf drehte sich zur Luke und als er sich den kleinen, aus seiner Perspektive ihm sichtbaren Ausschnitt des Schachtes betrachtete, erkannte er sofort: Nur durch diese Öffnung konnte ihm der Durchmarsch zur von ihm so herbeigesehnten Freiheit gelingen. Nur das offenbar im Innern angebrachte Gitter bereitete ihm einige Sorgen. Aber zunächst einmal musste er die in relativ großer Höhe gelegene Öffnung erreichen. Es bestand für ihn nicht der geringste Zweifel, zumindest in den tunnelartigen Schacht mit seinem ganzen Körper hineinkriechen zu können, denn er war allemal breit und hoch genug. Geistesanwesend rückte er den circa 75 Zentimeter hohen Tisch unter die Luke und stellte sich darauf. Mit über seinem Kopf hinweggehobenen Armen vermochte er zwar mit den Fingern seiner beiden Hände die zwischen der Zellenwand und dem Boden des Schachtes gebildete Kante zu ertasten, keinesfalls aber war es ihm möglich, seinen geschwächten Körper mit den bloßen Fingern nach oben zu ziehen. Verärgert stieg er wieder hinunter auf den Boden, zog sich seine bei derartigen Kletteraktionen nur hinderliche Jacke aus und schmiss sie aufs Bett. Bei dessen Anblick kam er plötzlich auf die Idee, es oder irgendwelche Bestandteile davon zu benutzen, um zur Luke hinaufgelangen zu können. Mit einem Ruck und zu allem entschlossen warf er die vergammelte Matratze mitsamt der Decke und der Jacke zu Boden. Erfreut blickte er auf einen im hölzernen Rahmen liegenden, einer Leiter durchaus ähnelnden Lattenrost mit unter Umständen als Sprossen zu gebrauchenden Lamellen. Er packte mit aufgeregt umherwerkelnden Händen zwei der dünnen aus Holz bestehende Streifen, zog an ihnen den klappernde Geräusche von sich gebenden Lattenrost aus dessen Rahmen heraus und legte ihn zunächst schief darüber, denn vor sich hinkeuchend spürte er nun deutlich seinen entkräfteten Körper. Karl-Heinz legte eine kurze Pause ein und schlürfte zur Stärkung den heute Morgen mit seinem Urin spärlich angefüllten Eimer leer. Mit einiger Mühe schaffte er es anschließend, den Lattenrost hochkant gegen die Wand gelehnt auf den Tisch zu bugsieren. Zu seiner Freude reichte dieser nun beinahe bis zur Öffnung heran. Herr Niemand stieg nun auf den Tisch und kletterte vorsichtig mit immer nur einem auf eine Sprosse aufgesetzten Fuß nach oben. Zitternd erreichte er den Anfang des Schachtes und schwang sich in diesen hinein. Wie erwartet blickte er jetzt auf das sich in ungefähr drei Metern Entfernung befindende Gitter, das zu seiner Erleichterung einen zerfallenen und rostigen Eindruck machte. Schnell kroch er auf die drei horizontal sich erstreckenden und die drei daran verschweißten, vertikal ausgerichteten Metallstangen zu. Als dicht davor seine Augen prüfend auf die zwölf angefressen wirkenden Stoßstellen zwischen dem Gitter und den Innenseiten des viereckigen Tunnels blickten, keimte Hoffnung in ihm auf, denn das Gitter kam ihm nun vollends wie eine bessere Attrappe vor. Karl-Heinz legte sich auf den Rücken und mit fünf nicht einmal allzu hart erfolgten, einen Staub von Rost aufwirbeln lassenden Fußtritten gelang es ihm, das Gitter an der rechten Seite, am Boden und an der Decke loszubrechen und es an die linke Wand des Schachtes heranzubiegen. »Ich bin frei! Ich bin frei!«, begann der plötzlich in einen Rausch der vollkommenen Glückseligkeit hineinfallende Herr Niemand zu jubilieren. Am anderen Ende des Tunnels beleuchtete die im Westen langsam untergehende Sonne einen ungefähr einen Meter breiten Streifen auf der linken Innenwand. Karl-Heinz kroch in freudiger Erwartung, ja geradezu euphorisch immer weiter auf das schätzungsweise noch fünf Meter von ihm entfernte Ende des Schachtes zu und je näher er dem Licht kam, desto merkwürdiger wurde ihm zumute.
   Als er seinen Kopf in den Lichtschein eintauchte und nach einigen Momenten mit zwischen der schon leicht rötlich gefärbten Abendsonne und seinen Augen schützend gehaltener Hand einen Blick auf das sich vor und unter ihm Aufbauende riskierte, wandelte sich sein anfangs über ihn noch hergefallenes Glücksgefühl zu einem schlagartig ihn ergreifendes, blankes Entsetzen: Herr Niemand sah, so weit das Auge reichte, auf eine Vielzahl von ineinander stoßenden Mauern und Wänden sowie Ecken und Kanten. Bis aufs letzte Quäntchen seiner Hoffnung und jeglichen Mutes nun völlig beraubt, stieß er einen unvorstellbaren Schrei der Verzweiflung aus. »Ich habe die Nase voll«, dachte Herr Niemand und starrte mit nach draußen in die von ihm vor Kurzem noch als Freiheit angepriesene Luft gehaltenem Haupt auf den ungefähr zehn Meter unter ihm sich eckig schlängelnden Boden. Des Nachdenkens überdrüssig geworden und völlig illusionslos vermochte er mit seinem ermatteten Willen nur noch eine einzige Entscheidung zu treffen: sich vom Fenster seiner Zelle hinunterfallen zu lassen. Sehnsüchtig beugte er sich weiter nach vorne und als er das Gleichgewicht und den Kontakt seiner Füße mit dem Schacht verlor, begann er, kopfüber zu fallen.
   Karl-Heinz Niemand hörte das immer intensiver seine Ohren umsäuselnde Rauschen des Fallwindes, seine erstarrten Augen blickten auf eine sich um ihn geschwind herumdrehende Welt, sein in eine Pirouette versetzter Körper stürzte unaufhaltsam auf den ständig näher kommenden, harten Boden des Labyrinthes zu.

 

© Arne Arotnow

 

Beschreibung des Autors zu Das Labyrinth

Karl-Heinz Niemand, ein unauffälliger Bürger Nesselheims, wird plötzlich eines Tages in mysteriöse Ereignisse verwickelt. Von nun an beginnt eine unerklärliche Reise, die den verzweifelt gegen sein Schicksal Ankämpfenden immer wieder an neue Orte verschlägt. Was immer er auch tut – er ist jemand, der als gehetzte Beute einem unbestimmten Ziel entgegenflüchtet. Missverständnis, Vorsehung oder einfach nur Pech – was ist es, das gerade ihn dazu auserkoren hat, sich mit den erbarmungslosen Kräften seines Daseins messen zu müssen? Wird es eine Rettung geben oder bleibt Herr Niemand gefangen in den ihn hartnäckig zu erdrücken drohenden Mauern? Karl-Heinz tritt unfreiwillig die Reise an und fiebert sehnsüchtig ihrem Ende entgegen. Und was ihm dabei an Entsetzlichem zustößt, hätte er selbst niemals für möglich gehalten.

 

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